
Etwas Ungewöhnliches beschäftigte den erfahren Arzt seit dem er angefangen hatte die Berichte der Nachtschicht durchzugehen. Laut Protokoll spielten die Werte des Herrn Korsak in Zimmer acht gegen 22 Uhr völlig verrückt. Der Puls ging auf unter zwanzig zurück, aber der Blutdruck stieg auf das fast Dreifache des normalen Wertes. Die Sauerstoffsättigung lag bei unter 60%, aber während der ganzen zehn Minuten bis zur Stabilisierung des Patienten trat keine sichtbare Zyanose zum Vorschein. Dr. Schureck hatte nach den Unterlagen zu urteilen seine liebe Not damit die Gefäße zu erweitern und den Blutdruck zu senken, bevor ernsthafte Schäden eintreten konnten. Erst eine beachtliche Menge an Epinephrin und Glyceroltrinitrat schien das Problem in den Griff bekommen zu haben.
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Bède wusste warum er ursprünglich die kommende Zeit in Luzern verbringen wollte. Es war der achte Monat nach unserer Flucht aus dem Schoß der Gemeinde und die Berge waren unerbittlich. Die ausgebauten Pässe wurden zu gut überwacht, als dass wir sie hätten nutzen können. So kletterten wir getrieben von Hunger und Kälte durch enge Schluchten und über gefährliche Grate. Morgens schliefen wir, die Herrlichkeiten der Schöpfung wahrnehmend, ein und abends erwachten wir zwischen den Unaussprechlichkeiten einer gefrorenen Hölle.
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„Fünf nach fünf. Verdammte Scheiße, warum ist es erst fünf nach fünf?!“ Marek war stinksauer und hätte die verantwortliche Person jetzt am liebsten verprügelt, wenn er nicht selbst die Ursache gewesen wäre. Vor einer halben Stunde musste er schlicht und ergreifend aufs Klo und geisterte seitdem ruhelos durchs Haus. Er hatte schon jeden erdenkbaren Liegeplatz ausprobiert. Sogar zwei Stühle sollten zusammengestellt als improvisiertes Bett dienen, aber keine Chance. Er war wach. Zum Sterben müde, aber wach. Was nun? Er kapitulierte und beschloss die „geschenkte“ Zeit zu nutzen, machte sich Kaffee und fuhr den Laptop hoch. Kurz überflog er die letzten Passagen, nahm das erste Blatt, legte es neben die Tastatur und begann.
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„Romantik wird überbewertet.“, kam die Antwort wie eine kalte Dusche.
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Er wählte den leichteren Aufstieg um sich selbst zu bremsen, spürte aber bereits förmlich die Ideen in sich aufsteigen. Noch nichts Greifbares, aber je näher er dem Einstieg kam, desto intensiver wurde der Drang zu Stift und Papier zu greifen. Marek genoss dieses Gefühl wie ein Rennfahrer, der kurz vor dem Start noch einmal die Reifen durchdrehen lässt. Ein letzter Blick in den strahlendblauen Himmel und in die wärmende Sonne und schon war er gut gelaunt im Glockenturm der „dunklen Kirche“ verschwunden. Als er den Turm hinab ging, wurde er wieder ruhiger. Sein Atem ging langsamer und er begann die Stimmung in sich aufzunehmen. Das schattenlose Licht, die sanfte Wärme und der fehlende Staub. Nichts hatte sich verändert. Marek erreichte den Vorraum. Er war jetzt ganz entspannt und wollte nichts erzwingen. Keine neue Schreibblockade sollte ihn hindern fortzusetzen, was er gestern begonnen – nein – erlebt hatte.
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Es war noch dunkel, als ein Poltern durch das elterliche Wohnhaus ging. Der gegenwärtige Hausherr stöberte in der Küche nach Essbarem um sich die Zeit bis zum Sonnenaufgang zu vertreiben. Halb sieben war es und mindestens eine halbe Stunde sollte es noch dauern. Marek hätte sterben können vor Müdigkeit, aber nach einer halben Stunde gedankenschweren Herumwälzens hatte er aufgegeben, die Klamotten vom Vortag abgelegt, geduscht und wollte sich nun das Spektakel am noch sternenklaren Himmel anschauen. Die Wolken vom Vortag mussten in der Nacht irgendwann das Weite gesucht haben und die Temperaturen waren merklich gesunken. Reif lag auf dem Dach, als Marek dick eingepackt und mit einem verschließbaren Becher dampfenden schwarzen Kaffeeblutes auf dem Giebel Platz nahm um übers weite Feld gen Osten zu schauen. Der Dampf des Getränks mischte sich mit dem seines Atems. Eine leichte, weiße Schicht lag über der Welt und hüllte sie in ein friedliches Schweigen. An den Berg und dessen Geheimnis hinter ihm wollte er jetzt nicht denken. Er würde hier sitzen und das Schauspiel genießen. Dann würde er Heike abpassen und sie bitten ihn auf dem Weg zur Schule am Krankenhaus abzusetzen. Vielleicht konnte sie ihn ja auch wieder mit zurücknehmen. Ein kleiner, roter Funken war über dem Horizont zu sehen und die Erde drehte sich in einen neuen Tag.
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Es war kurz nach neun, als sich Marek mit seiner Tasse im Arbeitszimmer an den Computer setzte und sein Notizbuch aufschlug. Sein Daumen strich über die fast schon kaligrafisch beschriebenen Seiten. Es mussten an die dreißig sein.
‚Schon merkwürdig’, dachte er bei sich. ‚Ich kann mich zwar erinnern wie ich das alles geschrieben habe, aber beim besten Willen nicht daran, was da steht? Na hoffentlich ist es was Gutes.’
Er blätterte zur ersten Seite zurück. Links sah er seine verrückte Zeichnung, rechts begann nach ein paar Notizen hoffentlich sein neuer Roman. Er legte das Buch neben sich und griff in die Tasten.
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Die letzte Seite im Buch gebot dem Treiben schließlich Einhalt. Unwillig das erzwungene Ende seines Schaffens anzunehmen, suchte Marek in seinen Taschen nach weiterem Beschreibbarem, aber vergebens. Dann beruhigte er sich wieder. Atmete einmal tief durch und schloss die Augen. Es mussten schon wieder mindestens drei Stunden vergangen sein seit er hier untern war. Sein Vater fiel ihm ein. Verdammt! Hier unten hatte sein Telefon natürlich keinen Empfang. Wenn seine Mutter ihn jetzt versucht hätte zu erreichen, würde er sich das doch nie verzeihen. Er wollte aufstehen, aber seine eingeschlafenen Beine versagten ihm vorerst den Dienst. So blieb er noch eine Weile sitzen, massierte seine Glieder und schaute dabei gedankenverloren zu dem Gemälde hinauf. Schon wieder begannen die Räder in seinem Kopf sich zu drehen und er hätte am liebsten jeden Gedanken in seine Haut geritzt nur um ihn nicht zu verlieren, denn sobald ihm ein neuer Satz durch den Kopf schoss schien der alte bereits zu verblassen.
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‚Sie ruft mich’, dachte er. ‚Die Dunkle Kirche ruft mich.’ Er durchquerte den Friedhof. Plötzlich setzte das Dröhnen aus und die umgebende Natur kehrte zurück. Marek war etwas verwirrt. Was hatte er da gerade gedacht? Er werde gerufen? Das einzige was hier wahrscheinlich ruft sind die Dachrinnen und sein Bett für gesunde zehn Stunden Schlaf am Stück. Er schüttelte den Kopf über sich selbst, drehte sich wieder um, machte einen Schritt zurück und vernahm wieder den gleichen rauschenden Ton, der bereits begann anzuschwellen. ‚Wahrscheinlich alles Psychosomatik, die an das Haus meiner Eltern gekoppelt ist’, dachte er sich selbst belügend. Seine altklugen Freunde aus Düsseldorf hätten ihm jetzt sicher zugestimmt und jeder für sich seine eigenen Kopplungen auf den Tisch gepackt. ‚Dann mach’ ich halt noch einen kleinen Ausflug ins Dunkle. Das bringt mich auf andere Gedanken und Notfalls kann ich auch im Garten den alten Bauscheinwerfer aufstellen und nachts weiterarbeiten.’
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Auf eine kurze Nacht folgte ein düsterer Tag, der sich nicht zu entscheiden schien, ob er die Regentschaft über die Welt nicht schon vor dem Mittag wieder zurückgeben wollte. Mareks Schlaf war tief und erneut ohne Erinnerung an Träume. Die Uhr unten im Wohnzimmer schlug acht mal und er befand sich damit in der zweiten Stunden sinnentleerten Dahinstarrens. Doch dies war nur der Anschein, denn hinter den reglosen Augen, die nur ab und zu einen Liedschlag zuließen, versuchte ein sensibler Geist die Geschehnisse der letzten Tage zu ordnen. Da war dieser Junge, dem er offensichtlich einen ungeheuren Schrecken einjagte, den hier aber niemand zu kennen schien, ebenso wie die verstorbene Frau eines frühpensionierten Bauers, deren vermeintliches Grab ein sehr zweifelhafter Grabstein ziert. Dann wird er auf einem Berg fast vom Blitz erschlagen und findet eine Zeichnung in seinem Notizbuch, die zweifelsfrei nicht von ihm sein konnte, um einen Tag später in eben diesem Berg auf eine Kirche zu stoßen, die sich nicht um Naturgesetze scherte und die scheinbar keiner vor ihm entdeckt hatte, denn sonst wäre es um die Ruhe in diesem Dorf längst geschehen. Schließlich fällt der Vater ins Koma und zwischendurch wird er fast von einem riesigen Köter gefressen. ‚Bloß gut, dass die Alte das Vieh im Griff hatte.’, dachte er bei sich und zog die Stirn in Falten. ‚Aber wie hat sie das nur gemacht?’ Als er gestern mit der Nachricht seiner Mutter im Kopf den Abhang herunter stürzte und kurz vor der alten Dame zum Stehen kam, war er zu durcheinander um die Geschehnisse vollends zu registrieren. Dieser riesige Hund hätte sich genauer betrachtet mit Leichtigkeit losreißen können. Stattdessen hielt dieses eins sechzig große Persönchen mit ihren bestimmt schon achtzig Jahren das Tier im Griff, als hätte sie Arme aus Stahl. Eigentlich hätte der Hund SIE Gassi führen müssen.
Mareks Gedanken kehrten zurück zum gestrigen Abend und in die Cafeteria des städtischen Krankenhauses. Seine Mutter hatte ihm ein Versprechen abgenommen und das wollte er nun so schnell wie möglich beginnen einzulösen. Außerdem würde die Arbeit ihn ablenken.
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