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	<title>hausmannskost. &#187; Sonntag</title>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 8. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 30 May 2010 14:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenige Minuten später treiben ich und meine Männer unsere Pferde an und verlassen die Stadt gen Westen. Nur wenige Stunden dauert der Ritt denn da wir jetzt wissen wo unser Ziel liegt, können wir die gut ausgebauten Straßen nutzen und erreichen noch vor dem Sonnenzenit Saint-Flour und sehr schnell das Haus des Heilers. Ich lasse [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/05/webfoto_Tag10_Teil8.jpg" width="630" height="240" alt="webfoto_Tag10_Teil8.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wenige Minuten später treiben ich und meine Männer unsere Pferde an und verlassen die Stadt gen Westen. Nur wenige Stunden dauert der Ritt denn da wir jetzt wissen wo unser Ziel liegt, können wir die gut ausgebauten Straßen nutzen und erreichen noch vor dem Sonnenzenit Saint-Flour und sehr schnell das Haus des Heilers. Ich lasse das gierende Nachbarspärchen in Haft nehmen für den Fall, dass die Information untauglich ist breche die Tür der mir aufgezeigten Hütte auf. Der Heiler ist zu Tode erschrocken, versucht aber nicht zu fliehen und leistet kaum Widerstand. Der Rest des Hauses ist leer. Meine Männer schlitzen jede Matratze auf und zerbrechen jeden Verschlag, können aber niemanden finden.</i></p>
<p><span id="more-1693"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wir nehmen den Heiler mit in den Keller des ansässigen Klosters. Ich will die Befragung selbst durchführen. Es ist ein dunkler Raum ohne jegliche Mittel, wie sie normalerweise zu einer solchen Befragung unterstützend hinzugezogen werden. Also lasse ich den Schmied herbeirufen um ein Feuer im Raum zu schüren. Anfangs leugnet der Heiler den Fremden zu kennen, aber nach ein paar Schlägen und dem Vorführen des beschuldigenden Pärchens gibt er klein bei. Dabei erfahre ich, dass seine Nachbarn ohnehin einen Groll auf den Mann hegen, da sie schon lange versuchen sein Grundstück dem ihrigen einzuverleiben. Doch diese Niederungen menschlichen Verrats sind mir gleich. Der Herr wird sie richten.<br />
„Wie heißt dieser Mann?“<br />
„Das weiß ich nicht.“ Ein Schlag ins Gesicht.<br />
„Du willst mir sagen, du hättest einen Fremden in dein Haus gelassen ohne seinen Namen zu wissen?“<br />
„Ja mein Herr, er war krank und meine Pflicht ist es zu heilen.“<br />
„Du wagst es mich im Angesicht des Herrn täuschen zu wollen?“ Zwei Schläge ins Gesicht. Ächzend sackt sein Kopf nach vorn. Der Mann ist nur zwei Meter rücklings zum Feuer an einen Stuhl gefesselt und vergeht in seinem eigenen Schweiße. Ein Eimer Flusswasser ergießt sich eisig über seinen nackten Oberkörper und lässt ihn schreiend zur Besinnung kommen.<br />
„Fahren wir fort. Wenn du mir nicht sagen willst wie der Mann heißt, so nenne mir doch deinen Namen?“<br />
„Mein Name ist Louis Troyat.“<br />
„Sieh mich an, Louis.“, müde erhebt sich der Kopf. Ein Augenlied ist bereits verschwollen. Das Andere flattert.<br />
„Woher kommst du?“<br />
„Ich bin hier geboren. Das Haus hat meinem Vater gehört. Meine Mutter starb früh.“<br />
„Ich verstehe.“, setzte ich milde fort. „Nun Louis, ich werde dir jetzt ein paar Dinge zeigen und du wirst mir dann sagen, ob dir vielleicht doch wieder der Name dieses Mannes einfällt!“ Ich werfe einen Blick zum Schmied, der einem meiner Männer drei rot glühende Eisen reicht. Zuerst zeigte ich dem Heiler das Rundeisen. Sein noch offenes Auge weitete sich, aber er schwieg. Dann zeige ich ihm das Pflockeisen und schließlich präsentiere ich die heiß glühende Spitze einer langen Nadel.<br />
„Du und ich, wir sind beide Kinder Gottes.“, fahre ich milde fort und gebe die Eisen zurück. „Wir sollten einander kein Leid antun, doch tust du mir gerade unheimlich großes Leid an. Warum, fragst du dich? Nun – du deckst einen Feind der Kirche. Deiner Kirche. Unserer aller Kirche. Wenn der Heilige Vater leiden muss, müssen auch seine Kinder leiden, verstehst du?“ Der Mann auf dem Stuhl nicke stumm. Das Wasser auf seinem Körper ist bereits wieder dicken Schweißperlen gewichen und die Haut auf dem Rücken beginnt sich rot zu färben.<br />
„Ich sehe, dir ist heiß? Ich werde dir Erfrischung verschaffen und dann reden wir weiter.“ Ein weiterer Schwall Flusswasser ergießt sich über den schreienden Mann. Ich sehe Krämpfe in seine Gliedmaßen fahren und den Kopf hin und her schlagen.<br />
„Wie heißt der Mann?“<br />
„Ich weiß es nicht.“, stöhnt der Gefesselte.<br />
„Ich werde dir die Frage nun aufschreiben.“, antworte ich kühl. Lasse mir das Pflockeisen reichen und beginne die vier Worte meiner Frage in das Fleisch seiner Brust zu brennen. Gellende Schreie prallen von den immerschwarzen Wänden ab und verlieren sich in den Gewölben des Klosters. Der Geruch verbrannten Fleisches steigt mir in die Nase. Ich kenne ihn gut aber er ist mir stets ein Gräuel gewesen. Auch jetzt verspüre ich weder Vergnügen noch Befriedigung. Der Heiler spannt seinen gefesselten Leib bis zum Bersten und beginnt den Herrn anzuflehen. Ich habe meine Tat vollendet und blicke auf verkohlt glänzende Haut. Ein dünner Faden roten Blutes entspringt an einer Stelle und versickert hinter der Fesselung. Erneut erreicht ihn das Wasser um seine Besinnung zu wahren. Diesmal beginnt der Heiler: „Mein Herr, bei allem Heiligen, ich kenne den Namen nicht. Er kam herein und war krank. Ich musste ihm beistehen, so ist es meine heilige Pflicht.“<br />
„War er allein?“<br />
„Ja.“<br />
„Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“<br />
„Was?“, der Heiler blinzelt verwirrt.<br />
„Ich habe meine Worte klar gewählt. Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“<br />
„Mir. Ich mag die Geschichten des neuen Testaments.“<br />
Ich verziehe mein Gesicht und tue so als würde ich nachdenken. Meine Männer stehen starr in jeder Ecke des Raumes und warten auf Anweisung. Ein fünfter steht neben dem Schmied und achtet auf dessen Arbeit.<br />
„Ich will nicht sterben.“, beginnt der Heiler zu jammern.<br />
„Aber Louis“, erwidere ich väterlich. „Das will ich doch auch nicht. Aber wisse um die Sünde der Lüge und denen, die sündenbehaftet vor den Schöpfer treten, versagt er seine Liebe.“ Während ich das sage nehme ich ein dickes Stück Seil und beginne langsam einen Knoten hineinzuarbeiten.<br />
„Willst Du nicht, dass deine Seele vorbereitet ist?“<br />
„Meine Seele ist rein.“, antwortete er trotzig.<br />
Das kommt unerwartet. Eigentlich glaubte ich den Mann schon fast gebrochen zu haben, aber es ist weniger das Wie, sondern das Was, dass mich aufhorchen lässt. Er hat „rein“ gesagt. Ein Ausdruck den vor allem die Albigenser verwenden. Habe ich sogar einen von ihnen vor mir sitzen? Ich begebe mich zu ihm auf Augenhöhe, hebe mit den Fingerspitzen sein Kinn an und fixiere ihn mit meinem Blick.<br />
„Bist du einer von ihnen?“ Sein Blick scheint mich fragend.<br />
„Bist du ein Albigenser? Ein Ketzer?“<br />
Ein Moment gespannter Ruhe füllt den Raum. Nur das Knistern des Feuers durchbricht die Atemlosigkeit. Plötzlich wird der Kopf in meiner Hand leichter, hebt sich selbstständig ein Stück empor und spricht: „Wir bevorzugen die Bezeichnung Katharer.“<br />
Ich fahre zurück. Blinde Wut beginnt sich meiner zu bemächtigen. Für einen Moment bin ich kein Mensch mehr sondern dem rachsüchtigen Schwerte Gottes gleich eine leuchtende Klinge brennender Vergeltung. Ich schwinge das Seil in meiner Hand und schleudere den Knoten zwischen seine Beine. Erst atemloses Keuchen, dann ein einzelner markerschütternder Schrei, dann Stille. Blut sickert unter der Hose des Heilers hervor.<br />
„Vater unser, der du bist im Himmel, Dein Name werde geheiligt, flüstert Louis plötzlich. Ich komme wieder zu mir. Scheinbar tritt er in die Phase ein, in denen Befragte beginnen mit ihrem Leben abzuschließen. Wenn dies geschieht, beginnen sie zu leiden und zu erdulden und sind nicht mehr als Informationsquelle zu gebrauchen. Bringt man sie nicht schnellstmöglich aus diesem Zustand zurück in die Gegenwart, kann man sie auch ebenso gut totschlagen oder laufen lassen. Allerdings ist die Lage zu ernst, als dass ich letzteres gewähren könnte. Dort sitzt einer von ihnen. Für einen Moment sehe ich den kleinen, geschundenen Körper an, wie er versucht das Vaterunser zu stammeln.<br />
„…Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie auf Erden“<br />
Ich fühle einen Anflug von Schwäche aufkommen. Nein, es ist Hilflosigkeit. Dieser Mann trägt kein Schwert und kein Schild. Seine Waffe ist das Wissen in seinem Kopf. Ich brauche ihn noch.<br />
„so im Himmel. …Unser täglich Brot gib uns heute. Und unsere Schuld vergebe uns“ „Welche Schuld soll er Dir vergeben?“ besinne ich mich und schreie ihn an.<br />
„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern….“ Nun geschieht etwas Unglaubliches. Mit dem letzten Wort hebt der Heiler den Kopf und richtet sein noch offenes Auge auf mich. Er verhöhnt mich. Der Katharer verhöhnt mich. Und noch etwas wird mir klar. Dieser Mann bittet nicht für sich, sondern für mich.<br />
„Louis.“, will ich ihn unterbrechen.<br />
„…und führe uns nicht in Versuchung,…“<br />
„Louis, hör mir zu!“, ich werde lauter, aber er will mich nicht hören. Sein Auge ist weiterhin starr auf mich gerichtet.<br />
„…sondern erlöse uns…“<br />
Ich greife nach der glühenden Nadel. Die Verachtung in seinem Auge macht mich rasend.<br />
„…von dem Bösen.“<br />
Das verkohlte Fleisch brennt in meiner Nase, die Hitze des Feuers macht mir den Kopf dröhnend und ich brülle das Auge an, aber es will sein Gebet vollenden.<br />
„Amen.“<br />
Ich stoße zu. Mit dem Geräusch einer zerplatzenden Frucht fährt die glühende Nadel in das starr geöffnete Auge.<br />
Marek würgte, griff nach dem nächst besten Gefäß und übergab sich. Er hatte diesen Ritter gespürt. Als wäre er selbst es, der an dessen Stelle in diesem Keller stand und gerade einem Menschen eine glühende Nadel in den Schädel jagte. Er hatte einen Geschmack im Mund, der an Rauch erinnerte und seine Augen tränten, als hätte er lange in ein helles Licht gestarrt. ‚Oder in ein Feuer’, dachte er bei sich. Marek fühlte sich widerlich. Angeekelt von dem, was er da gerade in Wort und Geistesbild erfahren hatte. Doch in der hintersten Ecke seines Verstandes schien sich auch eine Spur Faszination zu verbergen. Zu flüchtig um sie zu fassen, aber doch zu präsent um sie zu ignorieren. Einmal mehr wünschte er sich Raucher zu sein, um jetzt zur Entspannung am offenen Fenster Eine zu paffen. Marek ging aufs Klo, erledigte, was zu erledigen war, trank einen halben Liter Wasser und kehrte zurück an den Schreibtisch. Vorher jedoch schloss er die Tür und zog die Vorhänge zu. Heike war wohl schon gegangen, denn im Haus herrschte Ruhe. Marek beschloss für sein eigenes Seelenheil den Rest des Absatzes auszulassen. Ein paar eng beschriebene Seiten hatte er noch zu übertragen. Dem Schriftbild nach zu urteilen war der Inhalt weit weniger erregend. Das würde er jetzt auch noch schaffen.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 7. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 23 May 2010 14:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bastian</dc:creator>
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		<description><![CDATA[23. Mai 1244 im Jahre des Herrn. Seit nunmehr zwei Monden reisen mein Trupp und ich durch die Lande. Da die südlichen Grenzen Okzitaniens durch den spanischen König überwacht werden, habe ich einen Weg eingeschlagen, der mich nordöstlich treibt. Der Flüchtling wird meines Erachtens nach nicht mit dem Pferd unterwegs sein, da ihn dies zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/05/essenz_foto_Tag10_Teil7.jpg" width="630" height="240" alt="essenz_foto_Tag10_Teil7.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>23. Mai 1244 im Jahre des Herrn. Seit nunmehr zwei Monden reisen mein Trupp und ich durch die Lande. Da die südlichen Grenzen Okzitaniens durch den spanischen König überwacht werden, habe ich einen Weg eingeschlagen, der mich nordöstlich treibt. Der Flüchtling wird meines Erachtens nach nicht mit dem Pferd unterwegs sein, da ihn dies zu sehr auf geeignetes Gelände beschränkt und er den Schutz der Wälder so nicht nutzen könne. Ihn in den Wäldern zu suchen wäre verlorene Zeit, aber er wird die Ortschaften nicht vollends meiden können, da auch sein Leib nach Nahrung verlangt. Unsere Strategie ist simpel, aber effizient. Einen Tag reiten wir, dann bei einsetzender Dämmerung verstreue ich meine Männer in alle Himmelsrichtungen, auf das sie sich bei der nächsten Dämmerung wieder bei mir einfinden um zu berichten. So bilden wir einen riesigen Stern, der durch das Land zieht um nach dem Ungläubigen zu leuchten. In den letzten Tagen begannen Zweifel an mir zu nagen. Nicht ob der Richtigkeit meiner Vermutungen über die Existenz des Flüchtlings sondern der Richtung, die wir einschlugen.</i></p>
<p><span id="more-1689"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Frankreich ist groß und reich an Verstecken. Natürlich könnte ich auch eine großinquisitorische Suche anregen, aber ich will mir den süßen Geschmack der Rache nicht nehmen lassen. Ja, ich empfinde Rachegelüste, denn Zeit meines Daseins als Ritter des Glaubens schlug ich meine Schlachten, ohne dass auch nur ein Ketzer meiner Klinge entkam um neue Köpfe mit seinen Lehren zu vergiften. Diese Flucht, die mich bis zum heutigen Abend nur als stiller Verdacht umgarnte, ist eine Verhöhnung, nicht nur meiner Werte sondern auch meiner Person selbst. Aber ich soll Gewissheit erlangen. Zwei meiner Reiter kehren zurück und berichten unabhängig voneinander ähnliche Geschehnisse. In dem einen Fall habe eine alte Amme einen Dominikanermönch tot in einem Graben nahe den klösterlichen Feldern gefunden. Seine Kehle war zusammengedrückt wie ein morscher Stamm. Der andere Reiter erzählt mir von einem auf gleiche Weise ums Leben gebrachten Händler, den er am Eingang zur Ortschaft Aurillac fand. Beide Reiter waren sehr weit nördlich unseres derzeitigen Standorts unterwegs gewesen. Ich zeichne die Fundorte auf meiner Karte ein aber um Schlussfolgerungen zu ziehen ist es noch zu früh. Einer Ahnung folgend lasse ich aufbrechen. Ein Bote reitet voraus und soll meine Ankunft vorbereiten.<br />
Wir reiten die Nacht durch und als wir am Mittag des nächsten Tages eintreffen und vor das Ratshaus treten, empfangen mich bereits Würdenträger der Stadt und des Klerus. Sechs Verdächtige werden mir vorgeführt. Die stinkenden und zerlumpten Männer scheinen mir alles andere als in der Lage zu sein weite Strecken zurückzulegen. Zwei von ihnen haben die Fäulnis. Einer kann sich kaum auf den Beinen halten und die anderen drei sind kaum der heimischen Sprache mächtig. Schwachsinnige Bettler sind sie allesamt. Ich lasse sie verhören aber die Ergebnisse befriedigen mich nicht. Fünf von ihnen haben die Befragung überlebt und schwören auf den Herrn Jesu Christi, dass sie gesehen haben wer den Händler ermordet hat. Keine der fünf Beschreibungen gleicht der anderen. Ich habe Folter noch nie für ein effizientes Mittel zur Informationsgewinnung gehalten und gerate über die mir dargebotene Torheit in Raserei. Ich sehe in das versehrte Gesicht eines der Befragten und beginne zu würgen. Einen Moment bin ich versucht die in mir tobende Wut auf ihn zu speien, aber ich besinne mich und spreche ihn an.<br />
„Sag mir, mein Freund. Bist du ein guter Christ?“<br />
„Ja mein Herr.“ Die Stimme ist kaum deutlicher als die eines Rindes. Die geschwollen Wangen und der gequetschte Hals hemmen ihm die Worte.<br />
„Ich glaube dir und bin mir sicher, dass du keine Sünden mehr in dir trägst, hab’ ich Recht?“<br />
„Ja mein Herr, ich habe Zeugnis abgelegt.“ Speichel rinnt ihm beim Sprechen zwischen den kraterhaften Zähnen hervor, aber ich lasse ihn meinen Ekel nicht spüren.<br />
„Du sagst also, du hast den Mann gesehen, der euren Händler ums Leben gebracht hat?“<br />
„Ja, mein Herr. Er war groß und hatte einen dunklen Mantel an.“<br />
„Trug er einen Hut?“<br />
„Ja mein Herr, einen Hut.“<br />
„Deine Freunde sprachen aber nichts von einem Hut. Einer bezeugte sogar einen haarlosen Schädel.“ Ich konnte den Blick des Mannes zwischen den Schwellungen nicht fassen, sah aber wie seine gefalteten Hände zu zittern begannen.<br />
„Er hatte einen Hut und den hat er beim Kampf verloren. Ich sah ebenfalls das fahle Mondlicht auf barem Haupte glänzen.“<br />
Noch hält meine Beherrschung an, aber schon beginnen meine Fäuste sich zu ballen. Ich weiß, dass dieser Mann mich nicht verspotten will sondern von Angst getrieben wird. Dennoch verschwendet er meine kostbare Zeit und wird damit zum Mittäter.<br />
„Versuchst du mich zu verwirren?“, frage ich weiter und bekomme heftiges Kopfschütteln und unmenschliches Grunzen zur Antwort. Diese Geschöpfe der Straße sind mehr als widerlich. Ich beuge mich zu ihm herab und zeige ihm meinen Ring.<br />
„Erkennst du dieses Siegel?“ Er nickt und versucht ihn mit seinen Lippen zu berühren. Ich will das päpstliche Siegel nicht mit seinem Blute besudeln lassen und ziehe die Hand zurück.<br />
„Weißt du, was die Inquisition ist?“<br />
„Ja mein Herr“, höre ich seine Stimme tonlos werden. Allein dieser Klang reicht mir als Urteil über die Wirkung der bloßen Erwähnung des Konzils. Ich erhebe meine Stimme über den Raum und erlasse eine Anordnung.<br />
„Man soll diesen Mann waschen und seine Wunden versorgen. Anschließend gebe man ihm saubere Kleidung und eine warme Mahlzeit. Dann übergebt ihm diesen Silberling. Die anderen Vier sollen auf dem Scheiterhaufen Läuterung erfahren.“ Ich übergebe einem der anwesenden Wachen das Geldstück. Es ist mir gleich, dass dieser Mann um seines Lebens Willen lügt. Die Kunde von Großmut und Erbarmungslosigkeit wird mir von nun an voranschreiten und mir helfen die Lügner von den Ehrlichen zu trennen. Ich lasse Boten in die benachbarten Orte senden und verbreite einen einfachen Befehl. Sechs Männer oder Frauen sollen in jedem Ort, den ich besuche, bereit stehen und mir Wahrheit kundtun. Erkenne ich Widersprüche so wird Gott alle Sechs richten. Erkenne ich die Spur des Flüchtlings, so soll die Belohnung für den Einen oder die Eine nicht minder der hier Gegebenen sein.<br />
Ich beschließe noch eine Zeit in dem Ort zu verweilen. Die lange Suche hat meine Männer und mich erschöpft und ich bin noch immer nicht sicher, in welcher Richtung ich weitersuchen soll. Wenn es wenigstens ein genaues Bild des Flüchtenden geben würde? Es wird die Zeit kommen, an der der Heilige Stuhl meine Ahnung in Wissen gewandelt sehen will. Wir kehren in eine kleine Wirtschaft ein und lassen uns auftischen. Das Mahl ist primitiv, aber für diesen Landstrich von guter Qualität. Als ich versuche mich in meiner Kammer für die Nacht zu betten, stelle ich fest, dass mein Körper nach Monaten der Schlacht und des Reisens nicht mehr in weichen Betten zu ruhen vermag und schlafe statt dessen auf dem ebenen Boden.<br />
Am nächsten Morgen erfahre ich beim Mahl, dass es meinen Männern ähnlich erging. Sie lachen und amüsieren sich über das dralle Hausmädchen der Taverne. Die ruhige Nacht scheint ihnen gut getan zu haben und ich bin geneigt mich zu ihnen zu gesellen um ihren Scherz zu teilen, als ein junger Bursche hereinstürmt und nach mir verlangt.<br />
„Ritter Aiolfo“, keucht er noch ganz außer Atem. „Bitte hört mich an. Ich habe eine Nachricht für Euch.“<br />
Ich erhebe mich: „So saget mir erst wer Ihr seid? Ich nehme keine Nachrichten von dahergelaufenen Straßenjungen entgegen.“<br />
Der Bursche nimmt Haltung an. Sein Brustkorb weitet sich immer noch hektisch nach Luft ringend.<br />
„Mein Name ist Alois Dupont. Ich bin einer der Boten, die gestern ausgesandt wurden um Eure Kunde ins Umland zu tragen. Mein Ziel war die Ortschaft Saint-Flour etwa fünfzig Meilen westlich von hier.“<br />
Ich gebe zu etwas beeindruckt zu sein, dass meine Order in so weitem Umkreis säte.<br />
„Hast Du etwas über den Flüchtling gehört, mein Sohn?“<br />
„Ja, mein Herr. Nachdem ich auf dem Marktplatz Eure Order verkündet hatte, kamen ein Mann und eine Frau auf mich zu. Sie sagten ihr Nachbar sei Arzt und verstecke den Gesuchten. Ich fragte Sie, woher sie sich so sicher seien und ob sie meiner Order auch entnommen hätten, was die Folgen bei einem falschen Verdacht wären?“<br />
„Weise mein Sohn.“, antwortete ich ungeduldig. „Eile Dich in Deinen Worten.“<br />
„Ja, Herr. Sie hielten mich an ihnen zu folgen, so dass ich einen heimlichen Blick durch ein Fenster ins Haus des Heilers werfen konnte. Was ich sah war ein großer, kräftiger Mann, etwa vierzig oder fünfundvierzig Jahre alt. Er saß da und las jemandem vor. Ich konnte aber nicht erkennen, wem dies galt aber sein Akzent war eindeutig okzitanisch. Er war von würdevoller Gestalt aber seine Kleidung war zerlumpt und der Bart stakste kraus aus dem Gesicht. Der Mann und die Frau meinten, dass dieser Mann vor zwei Tagen hier aufgetaucht sei und seit dem nie das Haus verlassen hatte. Auch hätte der Heiler niemanden mehr in sein Haus gelassen.“<br />
„Sag mir mein Sohn, konntest Du erkennen, was für ein Buch es war aus dem er las?“<br />
„Die Heilige Schrift, mein Herr.“<br />
„Kannst Du Dich an die Passage erinnern?“<br />
„Nicht genau.“, der Kleine wird unruhig aber dann hellt sich seine Mine plötzlich auf. „Aber es war aus dem Johannesevangelium.“<br />
Ich trete an den Jungen heran, lege ihm die Hand auf die Schulter und sehe ihn eindringlich an: „Bist Du Dir sicher?“<br />
„Ja, mein Herr“, bricht er nervös hervor. „Ich bin geschult in den Lehren Christie und habe das Alte wie Neue Testament lieben gelernt.“<br />
Das war die Antwort, nach der ich gesucht habe. Ich muss schnell reagieren, darf aber nun, da der Sieg in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint nicht durch Übermut fahrig werden. Ich gebe Befehl zum sofortigen Aufbruch. Teller klappern. Stühle rücken. Die Männer springen hinauf in ihre Nachtgemächer und bringen die Ausrüstung. Ich hole einen Silberling hervor und gebe ihn dem Jungen: „Der hier ist für Euch, vom Heiligen Vater aus Rom. Seit Euch seiner Liebe und der Liebe des Herrn für Eure Aufmerksamkeit und Euren Eifer gewiss.“ Der Junge strahlt und platzt fast vor Stolz.<br />
„Soll ich zurück nach Saint-Flour reiten und Euer Kommen ankündigen?“<br />
„Nein, mein Junge. Wir reiten sofort los.&#8221;</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 6. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 16 May 2010 14:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Papier, das eigentlich für die dunkle Kirche bestimmt war, wurde vorbereitend ausgebreitet, prophylaktisch dem Körper noch eine kräftige Dosis Magnesium zugeführt. Lange zehn Minuten später setzte es dann tatsächlich wieder ein. Diesmal war Marek wachsam und registrierte, dass er begonnen hatte zu schreiben. Allerdings verlor er schnell den Überblick über die Anzahl der gefüllten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/05/essenz_Tag10_Teil6.jpg" width="630" height="240" alt="essenz_Tag10_Teil6.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Das Papier, das eigentlich für die dunkle Kirche bestimmt war, wurde vorbereitend ausgebreitet, prophylaktisch dem Körper noch eine kräftige Dosis Magnesium zugeführt. Lange zehn Minuten später setzte es dann tatsächlich wieder ein. Diesmal war Marek wachsam und registrierte, dass er begonnen hatte zu schreiben. Allerdings verlor er schnell den Überblick über die Anzahl der gefüllten Seiten. Zu keinem Zeitpunk aber war es ihm so, als würde seine Hand wie mit einer Fernbedienung gesteuert werden. Nein, es war so wie immer – die Gedanken entstanden in seinem Kopf und er schrieb sie nieder – zwar mit einer Schrift, die zum Himmel schrie und nichts mit der aus der dunklen Kirche gemein hatte, aber es war seine Hand, die die Feder über das Blatt führte.</p>
<p><span id="more-1670"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Ob es die einsetzende Dunkelheit oder die nicht mehr zu unterdrückenden Krämpfe in seiner Schreibhand waren konnte er nicht genau sagen, aber er stoppte die Aufzeichnungen. Die Gedanken in seinem Kopf sprachen noch eine Weile weiter, aber verflogen ungeschrieben auch sofort wieder im Nichts. Brennende Augen hin, schmerzende Glieder hier. Für Marek war es wieder ein Erfolg. Auch konnte er sich nicht mehr erklären, warum er beim ersten Mal so in Panik geraten war. Friedlich und ruhig lag der Saal im Dämmerlicht und letzte Strahlen der untergehenden Sonne versuchten durch das Geäst der Bäume ihren Weg durch die großen Buntglasfenster zu finden. Marek schloss die Augen, genoss noch einmal das Gefühl erschöpfter Befriedigung, stand auf, drehte sich zum Ausgang und schrie. Ein Schrei antwortete ihm. Der Zusammenprall war nicht heftig, aber die Herzen der beiden Männer jagten mit aller Kraft eisiges Adrenalin durch die Adern. Pfarrer Bernd presste eine Hand an die Brust und ließ sich auf eine Bank gleiten. Marek erging es ähnlich. Die unerwartete Präsenz des Pfaffen hatte ihn völlig überrascht.<br />
„Mein Güte, Pfarrer Bernd! Haben Sie mich erschreckt.“<br />
„Tut mir leid“, keuchte dieser nicht minder erregt zurück „Ich wollte Sie nicht in Ihrer Andacht stören, aber ich versuche nun schon seit ein paar Minuten auf mich aufmerksam zu machen und wollte gerade an Sie herantreten.“<br />
Einen Moment gaben sich die beiden noch um wieder klar denken zu können. Marek blickte auf das beschriebene Papier in seiner Hand. Hatte der Pfarrer etwas bemerkt? Während er sprach faltete Marek die Blätter und hielt sie fest.<br />
„Nein, mir tut es leid. Sie haben bestimmt noch zu tun, so lange es noch hell ist und ich blockiere hier ihre Kirche.“<br />
„Nein, schon gut. Dafür sind wir ja da.“, kam die Antwort. „Verzeihen Sie die Frage, aber sie schienen so versunken und ich habe gesehen, dass Sie etwas geschrieben haben.“<br />
Der Pfarrer wartete auf die Antwort zur nicht gestellten Frage und Marek war dies sofort klar.<br />
„Ja, das habe ich. Sie wissen ja bestimmt womit ich mein Geld verdiene und gerade jetzt ist es für mich auch eine Art Befreiung.“ ‚Verdammt, das war die größte in Wahrheit eingepackte Lüge, die du dir heute geleistet hast.’, schob sein Verstand sofort hinterher. Natürlich musste Pfarrer Bernd annehmen, dass er in Gedanken bei seinem Vater gewesen war.<br />
„Es ist schön, dass Sie ihren Weg der Trauer gefunden haben. Nicht jeder kann einen solchen Verlust gleich verarbeiten. Manche brauchen wesentlich länger. Auch wenn wir eine kleine Gemeinde sind, so glauben Sie mir, dass ich schon viel erlebt habe über die Jahre.“<br />
Das trug nicht gerade zu Besserung von Mareks Gewissen bei und er wollte das Thema wechseln aber dieser letzte Satz hatte ihn an etwas erinnert. Es war der kaffeekranzartige Besuch am Grab von Klara Thomak. Wenn einer über den Friedhof Bescheid wusste, dann doch der Dorfpfarrer. Allerdings hatte dessen Bruder schon versucht ihn über irgendwas auszufragen und Marek wollte erst sicher gehen, auf welcher Seite der Pfaffe stand. Er musste nur irgendwie gekonnt in das Thema einschwenken.<br />
„Ja, da haben Sie wohl recht“, setzte er dessen Gedanken fort. „und es ist auch unbezahlbar jemanden zu haben, der in solchen Momenten da ist, wenn man ihn braucht.“<br />
Mildes Lächeln auf beiden Seiten. Marek konnte fortfahren: „Ich habe mich in den letzten Tagen mit unserer Nachbarin, der Heike, angefreundet. Darüber kann ich wirklich dankbar sein.“ Endlich mal ein ehrlicher Satz in diesem Gespräch. Wieder mildes Lächeln.<br />
„Ja, die Heike ist schon eine gute Seele. Sie hatte diese Ehe nicht verdient. Das nächste Mal sollte sie besser die Kirche im Dorf lassen.“, ergänzte der Pfarrer und zwinkerte um zu unterstreichen, dass auch Geistliche witzig sein konnten.<br />
„Hätte sie denn hier so viele Kandidaten?“, bohrte Marek weiter in die richtige Richtung.<br />
„Ach, Junggesellen gibt es hier schon ein paar. Den Albert von ganz vorn. Oder auch den Christopher und den Gerd. Aber die sind alle Landwirte und ich denke, die Heike ist keine, die freiwillig mit den Hähnen aufsteht.“Und wieder wurde ihm zugezwinkert.<br />
„Na dann wäre doch Günther genau der Richtige für sie, oder? Der ist Landwirt a.D.. Ein bisschen kräftig gebaut vielleicht, aber bestimmt ein netter Kerl. Zumindest lacht er viel.“<br />
„Ach du lieber Himmel“, entgegnete der Pfarrer lachend. „Lassen Sie mal den Günther in Ruhe. Der hat’s nicht so mit anderen Frauen. Also nicht, dass sie jetzt denken er wäre irgendwie-“, eine Weile druckste der Geistliche herum, bis ihn Marek, innerlich belustigt, durch ein Nicken erlöste. „Nein, Günther Thomak ist – sagen wir mal – nicht unbedingt von der schnellen Truppe, wenn Sie verstehen was ich meine. Und als dann seine Mutter, der Herr hab sie selig, verstorben ist, hatte er sich ziemlich lange zurückgezogen. Es hat lange gedauert bis er wieder aufgetaut ist, aber er hat auch niemanden an sich heran gelassen. Nicht so wie Sie – Sie können offen reden und auch Ihren Gefühlen Freiheit verleihen. Ich finde das hilft den Menschen in den meisten Lebenslagen aber Günther konnte das nicht. Hat es wohl immer nur seiner Mutter gegenüber gekonnt und als sie dann körperlich nicht mehr erreichbar war, ist ihm die vielleicht wichtigste Bezugsperson verloren gegangen. Wir alle lieben unsere Eltern, aber bei Günther ging dies über das normale Maß hinaus.“<br />
„Und dann?“, fragte Marek.<br />
„Irgendwann haben mein Bruder und ich angefangen ihn in unsere Skatrunde aufzunehmen. Eigentlich haben wir extra Skat für ihn lernen müssen“, lachte der Pfarrer herzlich „aber so haben wir ihn in die Gemeinde zurückgeholt und nebenbei das jährliche Frühlingsturnier der Dorfgemeinden gegründet.“<br />
„Ja ich habe schon gehört, dass er sehr an seiner Mutter hing.“, sagte Marek.<br />
„Wer tut das nicht? Aber ich weiß, was sie meinen. Bei den Beiden war das schon sehr innig.“<br />
„Aber wenigstens kann er sie ja hier jeden Tag besuchen.“, die Falle war gestellt und Marek war auf der Lauer.<br />
„Oh nein, leider nicht. Es war der Wille seiner Mutter im Nachbarort begraben zu werden. Sie ruht auf dem Friedhof in Kammhorst. Er fährt jetzt immer nach seiner Reha dort vorbei.“<br />
Marek runzelte die Stirn: „Aber hat die Familie von Günther nicht schon immer hier gelebt?“<br />
„Soweit ich weiß ja. Zumindest weist das Kirchenregister auf mehrere Generationen hin, so wie bei den meisten hier.“<br />
„Ach so – dann nehme ich an, dass Günthers Vater auch in Kammhorst liegt und die Mutter ihm folgen wollte. Verstehe.“, heuchelte Marek.<br />
„Nein, keinesfalls“, entgegnete erwartungsgemäß der Pfarrer. „Der Gerhardt Thomak liegt hier bei uns. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum die gute Hilde nicht hier bei ihrem Gatten ihren Frieden finden wollte, aber alte Menschen werden mitunter wunderlich. Doch wenn wir den letzten Willen nicht mehr respektieren, was dann?“<br />
Marek konnte nur zustimmen. Noch hatte er aber nicht alle Antworten: „Richtig. Und wenn die gute – Hilde hieß sie doch, oder? – wenn Hilde Thomak ihre letzte Ruhestätte so in ihrem Testament festgelegt hat, sollte man dies nicht hinterfragen.“<br />
„Genau so ist es.“<br />
„Das stell’ ich mir aber schon schwer für den Günther vor, dass seine Mutter nicht bei den anderen Thomaks liegt.“<br />
„Also um genau zu sein gibt es hier nur einen Thomak. Hilde war zugezogen – nur die väterliche Seite hat schon immer im Dorf gelebt.“<br />
„Aber Sie beschreiben das so, als hätte sich dieser Teil der Familie überhaupt nicht um Günther gekümmert?“<br />
„Sie sind schon lange von uns gegangen. Hilde Thomak – also geborene Hilde Schurek – war ein Einzelkind. Günther hat keine Verwandten mehr.“<br />
Marek nickte, drehte den Kopf und tat, als blicke er zu dem Kreuz über dem Altar. In Wirklichkeit jedoch begann er Schlüsse zu ziehen. Zum einen war klar, dass ihm der Pfarrer nicht die volle Wahrheit über Hildes letzten Willen sagte – schlimmer noch, der Mann in Amt und Würden belog ihn, denn Marek hatte keinen Grund an Heikes Version von der schreienden, flehenden und vor allem testamentlosen Alten zu zweifeln. Als Nächstes war jetzt klar, dass Pfarrer Bernd entweder nichts von diesem ominösen Grabstein der Klara Thomak wusste, oder ihn auch in diesem Falle belog. Allerdings war Letzteres eher auszuschließen, denn er musste damit rechnen, dass Marek auch mal einen Spaziergang auf dem Friedhof machen würde. Unterm Strich konnte er dem Pfaffen wohl ebenso wenig trauen, wie dessen Bruder. Eigentlich war Marek keiner der überall Verschwörungen witterte, aber hier war zweifellos etwas faul.<br />
„Ich müsste Sie jetzt leider bitten“, setzte der Pfarrer vorsichtig an, da er Marek wohl wieder in Andacht wähnte.<br />
„Ja, natürlich“, riss dieser sich von seinen Gedankenfäden los. „Dürfte ich vielleicht den Schlüssel noch ein oder zwei Tage behalten. Ich laufe ihnen bestimmt nicht weg und es würde meiner Mutter und mir viel bedeuten.“<br />
Der Pfaffe zauderte, aber dann strich das gewohnt zaghafte Lächeln über sein Gesicht: „Selbstverständlich. Werfen Sie ihn mir einfach in den Briefkasten, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen.“<br />
Marek wollte schon gehen und der Pfarrer schickte sich an die Kerzen von der Sonntagsmesse auszuwechseln, als doch noch eine Frage aufkam: „Ach Herr Pfarrer, konnten Sie denn schon etwas wegen der Beisetzung meines Vaters hier im Ort herausfinden?“<br />
„Ach gut, dass Sie mich erinnern. Ja da gibt es keine Probleme. Ich habe mit den Behörden gesprochen und einen Platz darf ich noch vergeben. Wir können uns gerne in den nächsten Tagen zusammensetzen und die Formalitäten besprechen.“<br />
Marek bedankte sich und verließ die Kirche. In seiner Hand hielt er immer noch die angefertigten Schriften, die er nun schnell in seinem Rucksack verschwinden ließ. Durch die bunten Scheiben schimmerte ein kleiner Lichtpunkt. Scheinbar hatte der Pfarrer noch eine Kerze entzündet. ‚Hoffentlich diesmal für seine eigene Seele’, dachte Marek.<br />
Zu Hause angekommen wartete seine Mutter bereits mit ein paar belegten Broten auf ihn. Heike saß bei ihr am Küchentisch und versuchte Smalltalk zu machen, was ihr Mareks ganze Dankbarkeit einbrachte. Gern hätte er mit Heike über seine Begegnung mit dem Pfarrer und auch mit dessen Bruder gesprochen, aber der Besuch schien seiner Mutter gut zu tun und so setzte er sich eine Weile hinzu, plauderte über dies und das und ging dann schließlich, unter dem Vorwand der Müdigkeit, hinauf ins Arbeitszimmer. Es gab viel zu tun. Er hatte immer noch die beschriebenen Seiten der dunklen Kirche – bestimmt zehn an der Zahl – und den kleinen Stapel, den er eben noch vor dem Pfarrer hatte verbergen müssen. Ein Münzwurf entschied die Reihenfolge und so begann Marek erneut die freudlose Schrift der weißen Kirche zu entziffern.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 4. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 02 May 2010 14:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als der Sohn die Küche betrat, nahm die Mutter gerade einen kleinen Stapel Teller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch: „Du kommst genau richtig. Das Essen ist fertig.“ Marek nahm schweigend einen der Teller und stellte ihn zurück in den Schrank bevor die Mutter ihren Irrtum bemerkte. Die anderen Beiden wies er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/05/foto_Tag10_Teil4.jpg" width="630" height="240" alt="foto_Tag10_Teil4.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Als der Sohn die Küche betrat, nahm die Mutter gerade einen kleinen Stapel Teller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch: „Du kommst genau richtig. Das Essen ist fertig.“ Marek nahm schweigend einen der Teller und stellte ihn zurück in den Schrank bevor die Mutter ihren Irrtum bemerkte. Die anderen Beiden wies er gewohnten Plätzen zu und ließ sich dann auftun. Es gab Königsberger Klopse aus der Dose.</p>
<p><span id="more-1660"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Still aßen sie und besprachen den Nachmittag. Helene Korsak wollte sich vor dem Besuch in der Kirche noch einmal hinlegen. Marek war das ganz Recht, denn so konnte er schon damit beginnen seine Aufzeichnungen zu übertragen. Und so saß er kurze Zeit später wieder vor dem erwartungsvoll blinkenden Cursor seines Laptops. Er fragte sich, welchem Text er sich zuerst annehmen sollte? Er entschied sich für die der „weißen Kirche“. Ein Kaffee gegen die Mittagsträgheit stand bereit. Schwer zogen die Wolken am Fenster vorbei und der Wind frischte wieder auf. Er kramte das erste Blatt hervor, übersprang seine eigenen Zeilen, die ihm wie pubertäres Geschmiere vorkamen und begann zu tippen.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>16. März 1244 im Jahre des Herrn. Viel habe ich schon gesehen und vollbracht seit das Kreuz auf meinen Gewändern prangt. Die Farbe ist vortrefflich gewählt, denn blutend rot sind die Pfade, die ich ausgetreten habe. Der letzte Ausfallversuch hat ihre Verzweiflung zu Tage getragen, denn auch sie wissen, dass der Schutz der Burg sie nicht ewig gegen meine Tausendschaften wehren kann. Narren sind es. Eitle Ketzer, dem Glauben abtrünnig und dem Heiligen Stuhl ein Dorn im Auge, doch dieser Morgen wird sie lehren. Wir wissen, dass sie einen neuen Versuch starten werden und wir wissen auch, dass es ihr Letzter sein wird. Empfangen werden wir sie mit blinkenden Schneiden und stählernen Spitzen, werden den Ruf in ihre verzagenden Herzen bohren. Wenn ich mich hier auf meinem Rosse sitzend umschaue, empfinde ich Stolz. Stolz auf die, die mein Werk weiter tragen. Diese Basken verrichten ein grausames Werk. Bewundere ich sie doch in ihren Tugenden und ihrer Inbrunst den Glauben zu verteidigen, so erschaudere selbst ich, Zeit meines Lebens Jäger der Albigenser, vor ihrer Erbarmungslosigkeit. Der heilige Vater verlässt sich jedoch auf seinen Gesandten und ich werde seinem Befehl bis zum Letzten Folge leisten, so wahr mir Gott helfe.<br />
Schon sehe ich erstes Glühen auf den Kämmen der Berge. Der Herr schickt uns seine Strahlen um das Schlachtfeld zu erhellen. Es wird nicht lange dauern. Die Basken haben bereits die Barbakane eingenommen und alle Fluchttunnel verschüttet. Die hohen Zinnen werden wir nicht ohne große Verluste erklimmen können, also warten wir, bis sie uns heute das Tor öffnen. Ich sehe meinen Adjutanten nahen.<br />
„Herr, der Gefangene gibt uns keine weiteren Informationen mehr.“<br />
„Hat er etwas über die Anzahl der Vorstoßwellen berichtet? Wir sollten wissen, auf wie viele Schübe wir uns einstellen müssen. Wenn es zu wenig sind, könnte es nur eine Ablenkung sein. Ich habe bereits erlebt wie diese Ketzer große Löcher von innen ins Bollwerk rissen um ihre Frauen und Kinder entkommen zu lassen, während die Männer den Gegner durch gezielte Angriffe ablenkten. Dieser Bischof ist ein gerissener Teufel und wir sollten Achtung vor seinem Kalkül walten lassen.“<br />
„Mein Herr, der Gefangene ist nur ein Knabe. Ich glaube nicht, dass er in die Details des Ausfalls eingeweiht wurde.“<br />
Ich denke kurz nach aber wahrscheinlich hat mein Adjutant Recht. Diese Leute sind durch die letzten Jahre in militärischem Denken an uns gewachsen. Sie würden einen aus der Vorburg nicht in solche Züge einweihen.<br />
„Köpft ihn und werft den Schädel beim ersten Sonnenlicht über die Mauer. Wenn die Schreie ertönen wisst ihr, dass sich Ketzer im Freien befinden und lasst Pfeile regnen.“<br />
„Ja, mein Herr.“<br />
Er ist ein Getreuer. Schon mehr als einmal hielt er die tödliche Klinge von mir fern und es ist mir eine Freude ihn auch heute an meiner Seite zu haben.<br />
Das Glühen der Strahlen erreicht die Spitzen der Türme. Ich gebe den Formationsbefehl an den Kommandanten der Basken weiter. Sollen seine Männer ruhig glauben, dass sie für ihren König kämpfen. Innozenz IV weiß, warum ich hier bin. Wieder spüre ich die berauschende Macht des Krieges in mir hochsteigen. Die Männer beginnen zu schreien und schlagen mit ihren Waffen an die das Kreuz tragenden Schilde. Ich lenke mein Ross auf eine Anhöhe. Erhaben ist der Anblick von zehntausend kampferprobten Männern. Heute soll es werden. Ich spreche zu den Tapferen: „Wir sind gesegnet. Wir sind auserkoren. Brennen werden sie in ihren Mauern, in die sie sich verkrochen haben und ihre lästerlichen Rituale abhalten. Sie werden schreiend zur Hölle fahren. Wartet nur noch einen Moment, dass der Herr uns die Sonne leuchtend auf das Schlachtfeld sendet. Der Heilige Vater ist bei Euch. Der König von Spanien und der König von Frankreich sind bei Euch und der Herr ist mitten unter uns. Möge das Blut an euren Klingen nicht trocknen ehe nicht der letzte Heretiker schwarze Galle speit.“<br />
Die Massen jubeln und schreien. Reiter versuchen ihre aufgepeitschten Pferde zurückzuhalten. Wie ein riesiger, lebender Sumpf wogen die Todbringenden vor mir. Nein, kein Sumpf. Sie sind ein schwarz-rotes Feuer, das dieses Land heute reinigen soll. Geifer tritt zwischen zerzausten Bärten hervor. Augen funkeln hinter den Schlitzen zerschlissener Helme. Die Sonne nähert sich bereits den Mauern. „Bogenschützen bereit!“, höre ich den Ruf. Sie werden beim Aufglühen der unteren Zinnen den Ausfall wagen. So lange müssen die Männer zurückhalten. Die Sonne passiert die oberen Fenster der Haupttürme. Sie erreicht die Zinnen. Noch nicht – wartet noch ihr wilden Horden. Da! Das Tor beginnt sich zu öffnen. „Feuer!“ schreie ich in den wahnsinnigen Pulk. „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen!“<br />
Sie reißen und sie schlagen. Sie zertrümmern Schädel, lassen Hirn ihre Bärte verkleistern und Gesichter sich in breiige Massen verwandeln. Schwarzer Regen aus Holz und Eisen prasselt über die Mauern. Ich schreie und treibe sie weiter an, aber meine Stimme geht in dem mordenden Feuer unter, das diese Welt erfasst hat. Die Herren von Montségur halten sich wacker und versuchen sich wieder zurückzuziehen aber schon ist das Tor von abgeschlagenen Gliedmaßen und zuckenden Leibern blockiert. Meine Männer stoßen ins Innere vor. Weitere Einhundert stürmen aus den Palisaden hervor. Aus den Türmen ergießt sich kochendes Pech und Ströme gleißenden Feuers. Sie brennen. Alle brennen sie, aber die Reinigung muss fortschreiten. Ich treibe mein Pferd in die Burg hinein. Einer der Heerführer liegt mit zerrissenem Leib vor mir. Die hellen Gedärme quellen hervor und seine Augen treten verdreht aus den Höhlen. Geifer fließt vermischt mit roten Rinnsalen aus dem geöffneten Mund. Auch sein Röcheln wird bald in Stille übergehen, aber Stille ist hier jetzt nicht zu finden. Weiter, weiter. Den Hauptweg hinauf, hin zur großen Halle und hinunter in die Gewölbe. Dort unten werden sie ihre Brut verwahrt haben. Sie geben nicht auf. Sie kämpfen wie die Wahnsinnigen, wie wandelnde Leichen, gezeichnet von den Entbehrungen der Belagerung und getrieben vom Wissen um ihre Ausrottung. Mein Pferd findet auf den Leibern keinen Halt mehr und strauchelt. Ich kann die inneren Hunde der Hölle nicht mehr halten, springe aus dem Sattel und fahre gezogenen Schwertes schlachtend in die tobende Menge…</i></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Marek wurde schlecht. Die nächsten Zeilen vermochte er beim besten Willen nicht zu entziffern. Krakelig und bösartig jagten sich wilde Zeichen über das Papier. Er konnte nicht einmal sagen, ob die Schrift vor oder rückwärts zu lesen wäre. Er brauchte eine Pause.<br />
Nach einer kurzen Runde im Garten ging Marek zurück an den Schreibtisch. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, aber es war unleugbar. Die von ihm angefertigten Aufzeichnungen, in der dunklen und der weißen Kirche, beschrieben dasselbe Ereignis – nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Hatte er es beim ersten Mal wohl mit einem Kind zu tun, schien er hier die Sicht eines Soldaten in den Händen zu halten. Mehr noch. Es schien sich um einen Befehlshaber, eine Art General zu handeln, der ein ihm fremdes Heer unterstützte. Da war auch ein Datum. Verdammt, warum hatte er hier auch keinen Internetanschluss? Hätte sein Laptop doch wenigstens ein eingebautes Modem, aber die alte Kiste hatte schon einen guten Tag, wenn sie länger als drei Stunden ohne Absturz durchhielt. Wenigstens speicherte sein Schreibprogramm ständig automatisch ab, so dass er nur selten Daten verlor.<br />
Marek entschied, dass er sich eine Liste von Dingen, die er entweder bei nächster Gelegenheit selbst recherchieren oder bei irgendjemandem in Auftrag geben würde. Nachdem dies getan war, überflog er die krakelige Schrift bis er wieder etwas entziffern konnte.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wir haben die Große Halle genommen und ab da keinen Widerstand mehr erfahren. Die Truppenführer berichten mir, dass die Verteidiger der unteren Gewölbe plötzlich wie auf Zuruf die Waffen streckten und die Frauen und Kinder ohne Widerstand preisgaben. Bischof Marty möchte mit mir über eine Kapitulation verhandeln, aber ich bin den weiten Weg aus Rom nicht für Verhandlungen gegangen. Mein Adjutant hat eine tiefe Fleischwunde im rechten Oberarm, aber er lebt und trägt meine Anweisung an die Heerführer weiter.<br />
„Treibt alle Überlebenden auf dem großen Innenhof zusammen. Schickt derweil die Männer des sechsten und siebten Heeres in den Wald um Holz zu holen. Mein Regiment soll damit beginnen die Truppen zurückzuhalten bis der Herr ihnen das Animalische genommen hat.“<br />
Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die aufgepeitschten Männer nach einem solchen Sieg oft beginnen sich an den Frauen zu vergehen um ihren wilden Trieben den Rausch der Schlacht zu nehmen. Vor dieser Unheiligkeit müssen sie bewahrt werden und ich weiß, dass ich meine eigenen Leute mit dieser Aufgabe betrauen kann. Sie mögen vielleicht Ketzer sein, aber nur der Geist des Herrn soll sie strafen und kein tierischer Instinkt sich darüber erheben.<br />
Mein Getreuer weiß, dass die Frage nach den Frauen und Kindern nicht gestellt werden muss. Die Order ist eindeutig und sieht keine Ausnahmen vor.<br />
Die Männer kehren zurück und nach etwa zwei Stunden ist der Haufen groß genug und wir beginnen sie hinauf zu treiben. Etwas jedoch erscheint sonderbar. Es gibt kein einziges Wehklagen. Kein Bitten und Jammern obgleich jeder weiß, was ihm bevorsteht. Die würdevolle Haltung, die selbst die Jüngsten zu wahren scheinen, flößt mir auf schauerliche Weise Respekt ein. Schließlich stehen dort 225 Männer, Frauen und Kinder starr gerichteten Blickes. Ich besteige den Hügel und spreche zu Bischof Marty: „Sage mir, Marty. Deine Leute stehen hier im Angesicht des sicheren Todes und scheinen keinerlei Furcht zu verspüren. Wie hast du es fertig gebracht, dass sie so an dich glauben, wo doch ihre Seelen längst verloren sind?“<br />
„Sie glauben nicht an mich.“, antwortete der Bischof. „Sie Glauben an den Herrn und an die Reinheit.“<br />
„Wie kann es dann sein, dass ihr Glaube sie in wenigen Augenblicken auf direktem Wege ins Fegefeuer führt?“ Dabei schaue ich in die Reihen, aber nicht einmal bei den Kleinsten sehe ich ein Zeichen des Bangens.<br />
„Die Rettung der Seelen ist unsere Aufgabe und jeder wird sein Opfer bringen um dies zu ermöglichen.“<br />
Dieser Mann ist ohne Frage ein Sünder und Feind des Glaubens, aber dennoch verspüre ich Achtung vor seiner Standhaftigkeit. Nur für die Augen des Bischofs neige ich ein wenig mein Haupt und zolle ihm Respekt, den er erwidert. Ich drehe mich um und beginne hinab zu steigen.<br />
„Ritter Aiolfo!“, erhebt er das Wort an mich. „Erlaubet mir ein letztes Gebet mit den Meinen.“<br />
„Abgelehnt.“, antworte ich ohne stehen zu bleiben. Meine Männer kennen das Prozedere. Ich verlasse den Innenhof und erstes Knacken flammenden Holzes dringt an mein Ohr. Noch sind sie stumm, aber bald werden sie schreien. Sie schreien alle.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 3. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 25 Apr 2010 14:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wieder begann die frische Luft schnell und wirksam seinen Verstand zu reinigen. Er musste sich aufwärmen und das trübe Herbstwetter war dazu nicht geeignet. Dennoch entwich die unnatürliche Kälte und lies einen abermals verwirrten Schriftsteller zurück, der sich an eine der Pappeln lehnte und wartete, bis seine Gedanken wieder die gewohnt geordneten Bahnen einnahmen. Marek [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/04/foto_Tag10_Teil3.jpg" width="630" height="240" alt="foto_Tag10_Teil3.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Wieder begann die frische Luft schnell und wirksam seinen Verstand zu reinigen. Er musste sich aufwärmen und das trübe Herbstwetter war dazu nicht geeignet. Dennoch entwich die unnatürliche Kälte und lies einen abermals verwirrten Schriftsteller zurück, der sich an eine der Pappeln lehnte und wartete, bis seine Gedanken wieder die gewohnt geordneten Bahnen einnahmen.</p>
<p><span id="more-1654"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Marek blickte zurück zum Eingang, der immer noch offen stand. Dann musste er daran denken, dass seine Mutter ja heute noch mit ihm in dieses Gebäude wollte. Für den Moment war er mit dieser Situation recht unglücklich aber er konnte sich auch nicht wirklich darüber Gedanken machen, denn vom Dorfeingang her kam jemand forschen Schrittes auf ihn zu. Nein, es war ausnahmsweise nicht, wie zu dieser Tageszeit zu erwarten, der Mann aus Stahl sondern Justus, der Bruder des Pfarrers. Er musste gesehen haben, wie Marek die Kirche verlassen hatte und schien darüber alles andere als erfreut.<br />
„Hey! Sie da! Bleiben Sie stehen!“, rief er schon aus der Ferne. Marek machte keine Anstalten zu gehen oder gar zu Flüchten. Justus überquerte den Kirchplatz und kam keuchend vor dem verblüfften Schriftsteller zum Stehen.<br />
„Ach, Sie sind’s.“, schnaufte Justus hervor. „Ich hab’ nur jemanden aus der Kirche rennen sehen und dachte sie wären jemand anders. Ach so – tut mir Leid das mit ihrem Vater.“, und eine Spur Verlegenheit mischte sich in das verschwitzte Gesicht. ‚Er konnte doch unmöglich von dem kurzen Stück so außer Atem sein’, dachte Marek und überspielte die leichte Empörung darüber, dass ihm die Beileidsbekundung in einem Nebensatz vor die Füße geknallt worden war.<br />
„Danke.“, kommentierte er kurz. „Entschuldigen Sie, dass ich sie beunruhigt habe. Ihr Bruder hatte mir freundlicherweise den Schlüssel gegeben damit meine Mutter und ich noch etwas Andacht halten können.“ Justus’ Verlegenheit wuchs. Er nahm die Schiebermütze vom Kopf und kratze sich. Dennoch war die nächste Frage alles andere als frei von Argwohn: „Wo ist denn Ihre Mutter?“ Marek bemerkte den investigativen Unterton und zog leicht die Augenbrauen hoch. Justus ergänzte schnell: „Heinz war in Ordnung. Ich hatte noch keine Gelegenheit Ihrer Mutter mein Beileid auszudrücken.“<br />
„Sie ist zu Hause“, antwortete Marek mit der gleichen Scheinheiligkeit zurück. „Aber ich möchte Sie bitten noch eine Weile zu warten. Morgen ist sicher ein besserer Tag. Ich wollte einen Moment für mich allein sein, deshalb war ich schon hier.“<br />
„Warum sind Sie denn so hastig heraus gerannt?“<br />
„Die Tür hat geklemmt. Ich hab mich dagegen geworfen und bin gefallen.“<br />
„Und mein Bruder hat Ihnen den Schlüssel einfach so gegeben?“<br />
„Ja, es war eine sehr nette Geste. Ich bin nicht von hier, aber ich glaube Ihr Bruder hat ein großes Herz und liebt seine Gemeinde. Aber sagen Sie, ich hörte Sie sind Lehrer. Sind schon wieder Ferien? Ohne eigene Kinder verliert man völlig den Überblick.“<br />
Nun war es klar, dass hier der Versuch eines Verhörs stattfand. Die Frage war nur, wer hier der Befragende und wer der Befragte war?<br />
„Bin krank geschrieben“, kam die knappe Antwort. „Hab’ heute Morgen alles von mir gegeben. Hab’ wohl was Schlechtes gegessen. Hatten Sie ja scheinbar gestern vor der Messe auch.“<br />
„Stimmt. Aber jetzt scheint’s ja schon wieder besser zu gehen, oder?“<br />
„Kann man so sagen. Hat mein Bruder sonst noch was gesagt?“<br />
„Was soll er denn gesagt haben?“<br />
„Ich mein’ ja nur. Wegen ihres – wegen Heinz. Wo möchte Ihr Vater denn beigesetzt werden? In Düsseldorf?“<br />
Marek war die Frage viel zu direkt um mit seinen Vorstellungen von Pietät oder wenigstens Unauffälligkeit einherzugehen. Er spürte, dass sich eine gewisse Spannung aufzubauen begann. Marek wollte sehen, wie der Bruder des Pfarrers auf den nächsten Satz reagierte?<br />
„Nein, wir möchten ihn hier beisetzen.“<br />
„Das geht nicht – ich meine Heinz war doch gar kein Katholik, soweit ich weiß.“<br />
„Er ist getauft und doch bestimmt nicht der einzige nicht praktizierende Christ hier im Dorf.“<br />
Die Stichelei hatte gewirkt und Justus brauste auf: „Wir sind hier alle brave Anhänger unseres Glaubens und es steht Ihnen nicht zu darüber zu urteilen.“<br />
„Bitte beruhigen Sie sich. Das lag auch nicht in meiner Absicht.“ Das Echo war stärker als erwartet. Für einen Pädagogen schien er sich nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben.<br />
„Ihr Bruder meinte, er müsse noch die Bücher prüfen, ob die Verwaltung der Beisetzung zustimmen würde. Aber im Endeffekt war er doch ein gutes Mitglied der Dorfgemeinschaft, oder?“<br />
„Der Dorfgemeinschaft“, wiederholte Justus und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Zitterte sie? „Ja sicher. Mein Bruder wird schon wissen, was er tut. Entschuldigen Sie.“<br />
Eine kurze Pause entstand, doch Marek spürte, dass sich die Spannung zwischen den Beiden eher verstärkte als abschwächte.<br />
„Konnten Sie denn in unserer Kirche etwas zur Ruhe kommen?“, fragte Justus mit gesenktem Blick. Es war nicht die Frage, die Marek sauer aufstieß, sondern der Tonfall. Überhaupt schien Justus sich sehr genau überlegt zu haben, wie er diese Frage hatte formulieren sollen und wie das dann so kommen kann, war die Ausdrucksweise hölzern und nur gespielt nebensächlich. Marek war sich nun sicher, dass sein Gegenüber etwas wusste und versuchte herauszufinden, ob es auch ihm bekannt war? Er begann zu taktieren.<br />
„Ja, es ist eine schöne Kirche. Nur etwas kalt war mir nach einer Weile.“ Justus schaute weiter auf den Boden und tat so, als würde er sich Dreck von den Stiefeln kratzen.<br />
„Ja, auch wir beheizen unsere Gotteshäuser nicht.“, versuchte er zu scherzen. „Wie lange waren Sie denn drin?“<br />
„Etwa zwei Stunden. Die Ruhe hat mir Kraft gegeben.“, Marek stellte fest, dass er ebenso mies schauspielerte. Mit etwas Abstand betrachtet hätten sie beide wohl eher wie ein schlechter Sketch gewirkt, als wie Verhörprofis.<br />
„Zwei Stunden? Da müssen Sie wirklich etwas durchgefroren sein. Aber gut, wenn Sie Ruhe finden konnten. Der Wind pfeift ja manchmal ziemlich durch’s Gebälk. Ist ja auch nicht mehr die Jüngste.“<br />
„Ist mir nicht aufgefallen – also das mit dem Wind. Sagen Sie, kann ich Sie zu dem Gebäude was fragen?“<br />
„Sie können es versuchen, aber die Fachkraft ist natürlich mein Bruder.“<br />
„Was bedeutet der Spruch an der Eingangstür?“<br />
„Die Tür zum Saal?“<br />
„Ja, er ist über beide Flügel geschrieben. Ich denke es ist Latein.“<br />
Marek nahm an, dass ein Deutschlehrer der toten Sprache mächtig sein sollte. Eine Ausrede hätte ihn vielleicht verraten aber Justus dachte nicht daran auszuweichen.<br />
„Ei crede! Deus amat unum quisquae. – Das bedeutet sinngemäß ‚Vertrauet ihm. Gott liebt jeden Einzelnen’. Soll uns wohl nach der Messe mit einem guten Gefühl zurück ins Weltliche entlassen.“<br />
Kurz spielte Marek mit dem Gedanken sein Blatt weiter zu reizen und sich nach dem Spruch in der Schwesternkirche zu erkundigen. Doch er würde die Übersetzung auch von Isi bekommen und eine Ahnung riet ihm vorsichtig zu sein.<br />
„Aha. Nett.“, kommentierte er. „Und wissen Sie vielleicht auch was diese gruseligen Kreaturen an den Fenstern bedeuten?“<br />
„Die Viecher mit den langen Hälsen?“ Scheinbar prüfte er jede Frage, um nicht versehentlich auf etwas Ungewolltes zu antworten.<br />
„Ja – sind das biblische Figuren? Ich habe so etwas noch nie vorher in einer Kirche gesehen.“<br />
„Also, da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Ich weiß auch nicht, ob mein Bruder darüber was in seinen Büchern hat? Die Kirche ist auch ziemlich alt, wissen Sie?“ Justus hatte es tatsächlich geschafft Marek einmal kurz in die Augen zu schauen.<br />
„Aha. Darf ich mal schätzen? Vielleicht 500 Jahre?“ Marek hatte so viel Ahnung von Architektur wie vom Tiefseetauchen.<br />
„Ausgehendes 13. Jahrhundert.“, antwortete Justus.<br />
„700 Jahre? Nicht schlecht. Dann ist das Dorf ja richtig alt.“<br />
„Davon können sie aber mal ausgehen.“, kam nicht ohne Stolz zurück. „Wir sind älter als Berlin.“<br />
Marek erinnerte sich an die Worte seines Vaters auf dem Dach.<br />
„Aber ist es nicht merkwürdig,“ fragte er „dass die Kirche nicht im Zentrum des Dorfes steht? Ich dachte immer das war damals so üblich?“<br />
„Wer sagt das?“<br />
„Das habe ich mal irgendwo gelesen und wenn man so durch die umliegenden Dörfer fährt, dann sieht man es eigentlich nur so.“<br />
„Durch welche Dörfer sind Sie denn hier schon so gefahren?“<br />
Mist. Marek hatte sich verrannt. Er kannte hier doch nur dieses eine Kaff, in dem er gerade stand und die Stadt weiter westlich. Er versuchte zu improvisieren.<br />
„Na durch Kammhorst zum Beispiel.“<br />
„Kammhorst hat keine Kirche. Nie gehabt.“ Justus sah ihn jetzt endlich wieder direkt an, aber sein Blick gefiel Marek nicht. Er hatte einen Fehler gemacht, denn eigentlich hätte er sich erinnern müssen, dass genau deshalb der Pfarrer heute oder morgen nach Kammhorst fuhr.<br />
„Dann war es ein anderer Ort. Ich bin durch so viele gefahren und bin vielleicht etwas durcheinander gekommen.“<br />
„Ich dachte, Sie sind mit dem Zug gekommen.“<br />
„Ja, das stimmt, aber ich bin ein wenig mit dem Auto meiner Mutter rum gefahren. Letzte Woche, als das Wetter so schön war.“ Die Ignoranz über den Wohnort der Eltern und dessen Umfeld drohte im jetzt das Genick zu brechen. Marek musste die Notbremse ziehen. Ohne Justus weiter in seinem Oberwasser schwimmen zu lassen, fuhr er fort: „Entschuldigen Sie, aber bin eigentlich schon zu spät dran. Meine Mutter wartet schon mit dem Essen und danach wollen wir noch mal für eine Andacht in die Kirche. Ich hoffe, dass es auch für Sie als Gemeindemitglied kein Problem ist. Wenn ja, so bitte ich um Entschuldigung. Ansonsten kann ich auch mit meiner Mutter in eine Kirche in der Stadt fahren.“ Das Manöver war dreckig aber es funktionierte. Justus senkte wieder den Blick und presste verlegen sein Einverständnis hervor.<br />
Das Gespräch war beendet und die Kontrahenten verließen das Schlachtfeld, jeder in seine Richtung. Marek war etwas flau im Magen und innerlich entschuldigte er sich beim alten Herrn ihn vorgeschoben zu haben. Als er die Hauptstraße überquert hatte und gerade in die 12-17 einbiegen wollte, warf er noch mal einen Blick zurück und stieß auf ein merkwürdiges Bild. Justus war scheinbar gar nicht gegangen. Nein, er hatte sich nur ein paar Schritte von den Pappeln entfernt, stand nun am rechten Ende des Kirchplatzes und starrte auf das gegenüberliegende Pfarrhaus. Nein, das stimmte nicht. Da war etwas zwischen ihm und dem Haus. Auf der linken Seite des Platzes schien ein kleiner, dunkler Berg entstanden zu sein. Marek sah genauer hin und erkannte die alte Frau und ihren riesigen Hund, der ihn vor ein paar Tagen fast gefressen hätte. Ebenso wie Justus standen die beiden völlig regungslos und schienen das Gegenüber zu fixieren. Der Wind fuhr erneut durch die großen Bäume und wehte einen Stoß gelber Blätter von ihnen weg. Die Situation hatte etwas von einem bizarren Duell. Marek war zu weit entfernt, als das er Details erkennen konnte, aber er war sich sicher, dass er den leeren Raum zwischen den Beiden hätte schneiden können. Niemand schien ihn wahrzunehmen und Marek war das auch ganz recht. Was immer da gerade passierte oder passieren sollte, es hatte etwas Düsteres, etwas Unnatürliches. Das waren keine Freunde, die sich begegneten. Nahm der Wind an Stärke zu? Unsinn. Marek war unsicher. Neben ihm stand die Holzbank seines Vaters und kurz war er versucht Platz zu nehmen und auf das zu warten, was da käme. Er musste an seine Mutter denken. Sie war schon ziemlich lange allein zu Hause. Er hob den Blick und erwartete fast, dass sich das Schauspiel auf wundersame Weise aufgelöst hätte, aber nichts hatte sich verändert. Er wollte gehen und so drehte er dem Ganzen den Rücken zu und stapfte davon. Ohne es zu merken ging er zügiger als es nötig gewesen wäre.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 2. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Apr 2010 14:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Luft roch wie so oft nach Regen und die stoppeligen Felder verströmten den Duft von Erde. Drei Rehe standen in der Ferne äsend im Feld und eine Schar Vögel schien sich für den Flug ins Winterquartier zu rüsten. Im Hintergrund stand einsam der nun kahle Baum, in den der Blitz vor einigen Tagen gefahren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/04/essenz_foto_Tag10_Teil2.jpg" width="630" height="240" alt="essenz foto Tag 10 Teil 2" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Die Luft roch wie so oft nach Regen und die stoppeligen Felder verströmten den Duft von Erde. Drei Rehe standen in der Ferne äsend im Feld und eine Schar Vögel schien sich für den Flug ins Winterquartier zu rüsten. Im Hintergrund stand einsam der nun kahle Baum, in den der Blitz vor einigen Tagen gefahren war. Marek entsann sich eines alten Gedichtbands von Georg Trakl, der bei seiner Mutter im Regal stand. Er hätte die düsteren Zeilen in diesem Augenblick ohne Probleme ergänzen können. Marek rieb sich die Augen und musste gähnen. Der Blick blieb an dem getöteten Baum hängen. Schwarz zeichneten sich die verkohlten Äste vom grauen Hintergrund ab. Er erinnerte sich an die Euphorie, die er empfand als er den Einschlag vom Gipfel des Kirchenberges aus beobachtet hatte und schämte sich fast ein wenig. Er wollte noch einmal die Fenster der „weißen Kirche“ betrachten. Der Zufall hatte ihm die Möglichkeit gegeben sich frei in dem Gebäude zu bewegen und das wollte er nun nutzen um vielleicht selbst etwas über diese langhalsigen Geister herauszufinden. Hatte er Geister gesagt? Bisher waren es doch immer irgendwelche Tiere aus der Fabelwelt gewesen? Egal.<br />
Marek umstrich den Dorfrand, nickte unterwegs dankend einigen Beileidsbekundungen vorbeikommender Einwohner zu und gelangte zum Pfarrhaus. Er klingelte um festzustellen ob der Pfaffe schon unterwegs war. Die bereitgelegte Ausrede, für den Fall, dass der Hausherr doch noch zugegen war, brauchte er nicht und so betrat er wenig später das Gotteshaus und schloss wieder hinter sich ab.</p>
<p><span id="more-1647"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Innerlich hoffte Marek, dass dies alles nur ein skurriler Traum war und er jetzt eine völlig andere Kirche vorfinden würde, die keinerlei Ähnlichkeit mit der Schwester im Berg hatte. Aber natürlich war das nicht der Fall und Marek schritt andächtig über den braunen Teppich vor zum Altar. Er holte ein Feuerzeug hervor und widerstrebend entzündete sich eine der großen Altarkerzen. Es folgte eine Minute des Schweigens. Dann löschte Marek die Flamme wieder und begann sich umzuschauen.<br />
Der Großteil des Gebäudes und der Ausstattung war spiegelverkehrt. Keine Frage. Aber es gab auch Unterschiede. So konnte Marek in den vier goldenen Schalen über dem Altar keine Aschereste finden. Dem Buch, welches der schwebende, bärtige Mann dem zweiköpfigen Monster entgegenreckte, fehlte die Ziffer IV und auch das Monster selbst schien veränderte Gesichtszüge zu tragen. Das zweite große Bild wies ebenfalls Differenzen auf. Schienen die vier Elemente auf dem Bild der „dunklen Kirche“ dem zentralen Kreuz zuzufließen, so strömten sie hier eindeutig daraus hervor. Marek stand lange regungslos vor den beiden Bildern. Ihm fröstelte und so fiel ihm ein weiterer Unterschied auf. Hatte er in der „dunklen Kirche“ nie frieren müssen, durchzog ihn hier eine klamme Kälte. Zwar war diese Kirche auch nicht beheizt, aber diese Kälte fühlte sich nicht so an, als würde sie nur von der kühlen Herbstluft herrühren. Marek wollte seine Beobachtung vom Vortag untersuchen und legte seine Hand auf eine Sitzbank. Nach einer Weile wechselte er die Hand, doch die Wärme, die ihm vom Holz zurückgegeben wurde, hätte wesentlich intensiver sein müssen. Auch bei den steinernen Wänden war das nicht anders. Hatte die dunkle Schwester Wärme ausgestrahlt, schien diese hier sie zu absorbieren. Was war mit dem Licht? Ja, diese Kirche hatte Schatten. Unter den Bänken, hinter dem Altar. Aber es war auch heller Tag, der durch die Fenster fiel und Marek konnte nicht einschätzen ob das Leuchten vielleicht nur überstrahlt werden würde? ‚Unsinn’, dachte er sich. ‚Hier gibt es kein Leuchten, denn sonst hätte man nachts von außen etwas gesehen.’ Eine gute Begründung, wenn auch in einer Situation nicht erklärbarer Phänomene nicht ganz lückenlos. Dann ging er zu den Fenstern der linken Seite. Ja, das entsprach seiner Zeichnung. Durch die Clusterung der Fenster etwas gröber gehalten, aber auf jeden Fall das gleiche Thema. Da waren römische Ziffern. Wahrscheinlich Jahreszahlen. In jedem Fenster eine. MCCIX , MCCXLIV, MCCLV und MCCLXXVI.<br />
Marek führte seine Untersuchungen sachlich und mit innerer Ruhe durch. Wenn er begreifen wollte, was er hier sah, musste er Schritt für Schritt vorgehen. Er beschloss Pfarrer Bernd bei nächster Gelegenheit über diese Kirche und ihre Geschichte auszufragen. Sicher würden sich dann auch neue Schlüsse über das Schwesterngebäude ergeben, ohne dass er allzu früh seinen Fund preisgeben musste. Er holte sich ein Sitzkissen, ein fortschrittliches Detail, das sich in die eher unwesentlicheren Unterschiede eingliederte, und nahm in der vorderen Reihe Platz. Er schaute auf den steinernen Schriftzug rechts vor sich auf dem Boden, dessen Bedeutung sich ihm verschloss. Er hatte Durst und öffnete den Rucksack um die Wasserflasche zu suchen. Sein Blick fiel auf die Bögen Papier, die er zwei Tage zuvor in der „dunklen Kirche“ beschrieben hatte. Er war bisher nicht dazu gekommen, sie zu übertragen und damit zu erfahren, was er aufgezeichnet hatte. Wieder begann die Leere in ihn zu fließen, die ihm vor Augen hielt, dass diese Aufzeichnungen ihn die Stunden gekostet hatten, die er noch bei seinem Vater hätte verbringen können. Marek hielt inne und war für den Bruchteil einer Sekunde geneigt, das Papier in seinen Händen zu zerreißen. Doch sein Verstand formte den eben erteilten Vorwurf um und wollte die Texte nun erhalten, damit die verlorene Zeit einen Sinn behielt. Er verspürte das Bedürfnis sich auszudrücken und zu vermitteln. In dem Rücksack war noch unbeschriebenes Papier übrig. Ein schreibfähiger Stift war auch noch dabei und so begann er ein paar Zeilen zu schreiben. Er öffnete den kleinen Teil seines Herzens, der dazu bereit war und lies die Trauer und den Schmerz in die Feder gleiten. Kalt strömte ihm das unterliegende Holz entgegen und kalt floss es ihm zu.<br />
Nach einer Weile tat ihm der Hintern weh und die Kälte kroch durch das dünne Sitzkissen. Marek beschloss sich noch einmal an dem Kissenstapel zu bedienen. Er stand auf und wollte um die Bank herum zum Mittelgang gehen, als sein Blick noch einmal im Augenwinkel seinen Platz streifte. Da lag der eben begonnene Text und daneben die Schriften aus der „dunklen Kirche“. Aber was waren das für Blätter die darüber lagen? Marek ging zurück und schnappte nach Luft. Fein säuberlich gestapelt lagen dort vier frisch beschriebene Blätter. Er blickte zurück auf die Seite, die er eben noch beschrieben hatte. Das war nicht seine Schrift und auch nicht die Schrift aus der „dunklen Kirche“. Er las rückwärts zum Anfang der Seite. Da war auch inhaltlich nicht eines, an dass er sich erinnerte. Marek blätterte den plötzlich aufgetauchten Stapel durch. Auf der letzten Seite erkannte er in den ersten Zeilen seine Worte wieder. Dann veränderte sich das Schriftbild, wurde grob und unrein. Wild war der Schriftzug, mit vielen schmierigen Korrekturen und krakelig eingeschobenen Bemerkungen. Marek holte sein Telefon mit der Uhr im Display heraus. Zwei Stunden? Volle zwei Stunden sollte er bereits hier verbracht haben? Neben der Bank lag die Wasserflasche. Sie war leer. Marek fuhr herum. Plötzlich beschlich ihn das Gefühl beobachtet zu werden, aber im Saal war nichts zu sehen. Er hatte wieder geschrieben und, wie zuvor in der Kirche im Berg, nichts davon bei vollem Bewusstsein. Das unangenehme Gefühl wuchs und auch die Kälte schien immer eindringlicher zu werden. Marek hatte aber diesmal nicht vor, seinen Ängsten zu weichen. Er wurde wütend. Wenn er hier schon in irgendwelchen Gotteshäusern saß und Dinge schrieb, an die er sich nicht erinnerte, dann wollte er es jetzt zumindest auch zu Ende bringen! Er setzte sich zurück auf die Bank, nahm Papier und Stift zur Hand und wartete. Nichts geschah. Stattdessen verstärkte sich das unheimliche Gefühl nicht mehr allein zu sein. Da war kein Geräusch, das neu für ihn war. Ab und zu knackte das Holz, die Vögel vor der Kirche sangen und der Wind rauschte in den großen Pappeln. Marek stand auf, packte alles in den Rucksack und setzte sich mit dem Rücken zur Wand unter das Bild mit dem goldenen Kreuz. Er wollte nicht mehr das Gefühl haben, dass ihm jemand über die Schulter schaue. Nein, das stimmte nicht. Er wollte den Rücken frei haben. Das war eine Flucht. Ein trotziger Widerstand gegen seine eigenen Instinkte, die ihm rieten hier zu verschwinden. Kein Wort fand seinen Weg auf das Papier. Hatte er vielleicht schon alles aufgezeichnet? War er hier fertig? Er blickte hinauf zu dem Fenster, das ihm am nächsten war. Aus dieser Perspektive sah es so aus, als ob die geistlosen Augen des langhalsigen Ungetüms direkt durch ihn hindurch sahen und das aufgerissene Maul ihn im Sturzflug blind verschlingen wollte. Marek schloss die Augen und wollte sich entspannen aber dies war ein Fehler. Plötzlich spürte er wie vom Boden und der Wand, an der er lehnte, die Kälte in ihn hinein zu fließen begann. Das war nicht das einfache Auskühlen des Fleisches. Etwas strömte auf sein Herz zu. Es vereiste jeden Funken und jeden Gedanken auf dem Weg dorthin. Es war wie an dem Tag, als er aus der Kirchturmtür der „dunklen Kirche“ stolperte und an der gegenüberliegenden Wand Halt fand – nur im Gegenteil behaftet und da war es wieder, das Meer, dessen rauschende Flut in seinen Ohren anstieg. Marek fühlte sich schwächer werden. Sein Puls flachte ab. Seine Glieder erschlafften und die Kälte kroch ihrem Ziel immer näher und näher. Da ein Funke. Ein Instinkt. Er riss die Augen auf und die Kälte wich vor der Kraft des Sinneseindrucks zurück. Er rappelte sich auf, aber seine Beine versagten. Nerven kribbelten und Muskeln versuchten zu kontrahieren. Schließlich gelang es ihm doch auf die Füße zu kommen. Ein Blick auf das Blatt in seiner Hand. Nichts. Keine neuen Zeilen. Jetzt aber raus hier. Marek ging so schnell seine erwachenden Beine es zuließen die Seitenwand entlang auf den Ausgang zu. Er erreichte das innere Portal. Ebenfalls im Erscheinungsbild dem Gegenüber identisch, blickte er im Vorbeigehen auf den Schriftzug an den Türflügeln. Identisch. Nein – nicht ganz. Zum einen die Art wie der Text aufgetragen war – sichtbar für alle, ohne Möglichkeit eine Abdeckung anzubringen, und dann stimmte der Wortlaut nicht exakt überein. „Ei crede! Deus amat unum quisquae.“ Da waren einige Worte ausgetauscht. Merken und dann raus hier. Die Ausgangstür blockierte. Richtig, der Schlüssel. Nein, nicht umsehen, auch wenn da nichts ist. Der Riegel fuhr herum, die Tür gab nach und Marek strauchelte ins Tageslicht.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Apr 2010 14:00:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Morgen kam langsam und träge durch die Fenster im Arbeitszimmer gekrochen. Fast so, als hätte der Tag zuvor eine Schuld hinterlassen, die dieser zu begleichen scheute. Der Wolkenteppich der Nacht hatte sich nicht zerstreut und ließ die Welt in einem trüben und makelbehafteten Zustand erwachen. Marek erlebte die Nacht wachen Auges aber leer an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/04/essenz_foto_Tag10_Teil1.jpg" width="630" height="240" alt="essenz_foto_Tag10_Teil1.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Der Morgen kam langsam und träge durch die Fenster im Arbeitszimmer gekrochen. Fast so, als hätte der Tag zuvor eine Schuld hinterlassen, die dieser zu begleichen scheute. Der Wolkenteppich der Nacht hatte sich nicht zerstreut und ließ die Welt in einem trüben und makelbehafteten Zustand erwachen.</p>
<p><span id="more-1641"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Marek erlebte die Nacht wachen Auges aber leer an Gedanken. Er wollte sich an einen Zustand gewöhnen, nicht an einen Haufen Worte. Unten in der Küche klapperte etwas. Helene Korsak war aufgestanden und begann Kaffee zuzubereiten. Marek kam die schmale Treppe herunter und umarmte seine Mutter. Das war alles, was nötig war um die Situation eines Jeden zu beschreiben. Danach folgte ein wenig belangloser Smalltalk über das Frühstück. Schließlich sagte Helene: „Ich muss heute mit dem Pfarrer sprechen wegen der Beisetzung. Ich hoffe, wir können deinen Vater hier auf dem Dorffriedhof begraben. Er hätte es sich gewünscht. Ich weiß nur nicht, wie lange das Krankenhaus noch braucht?“<br />
„Ich mach’ dir einen Vorschlag, Mama“, sprach Marek „ich rede nachher mit Pfarrer Bernd und wenn du magst frage ich ihn, ob wir in der Kirche Andacht halten können? Nur wir beide.“<br />
Helene nickte und versuchte zu lächeln. Sie war unendlich froh, dass ihr Sohn hier war und zutiefst betrübt, dass er das alles so hatte miterleben müssen. Dann wies sie Marek noch darauf hin, dass ja heute Monatag sei und der Pfarrer da immer gegen Mittag ins Nachbardorf fuhr um die Messe vom Sonntag zu wiederholen. Und so stand Marek gegen neun am Pfarrhaus und klingelte. Pfarrer Bernd öffnete und kondolierte sogleich. Marek ließ es dankend über sich ergehen und bat um die Möglichkeit der Andacht. Eine gewisse Verrücktheit bescheinigte er sich dabei schon, da er nun versuchte in ein Gebäude zu gelangen, das ihm gestern noch den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben hatte.<br />
„Das ist etwas schwierig“, antwortete der Pfarrer. „Ich bin heute nicht da und ich kann die Kirche auch nicht offen lassen. Wissen Sie, dass Schloss ist schon sehr alt und der Wind könnte es aufdrücken, wenn sie nur eingeklinkt ist.“ Er sah Mareks Enttäuschung und ihm wurde unwohl dabei. „Aber das hier sind andere Umstände.“, fuhr er fort. „Hören Sie, ich gebe ihnen einen Zweitschlüssel. Dann können Sie jederzeit ihres Vaters gedenken. Ich weiß zwar, dass er kein gläubiger Christ war, aber der Herr wird schon eine Auge zudrücken.“, und zwinkernd griff er zum Schlüsselbrett neben der Tür und überreichte Marek den Kirchenschlüssel. ‚Na wenigstens muss ich diesmal nicht durch den Kirchturm’, dachte dieser und ohrfeigte sich augenblicklich für die Pietätlosigkeit.<br />
„Vielen Dank, Herr Pfarrer. Das wird auch meine Mutter sehr freuen. Sie möchte sich übrigens in Kürze mit Ihnen über die Beisetzung verständigen.“ Der Pfarrer schien auf einmal etwas blasser um die Nase zu werden und sah sich um, so als ob er etwas auf dem Herd vergessen hätte. „Oh ich wusste nicht, dass Ihr Herr Vater in unserem Ort beigesetzt werden wollte?“<br />
„Wir haben uns nie darüber unterhalten, aber ich denke es wäre in seinem Interesse gewesen. Das Haus war doch immer sein Traum und er hatte sich hier doch auch gut eingelebt. Also warum das Andenken an ihn entwurzeln?“ Marek spürte, dass sich gerade irgendetwas Merkwürdiges zu entwickeln begann. Wollte der Pfaffe nicht, dass sein Vater hier beerdigt wurde?<br />
„Ja, selbstverständlich“, antwortete der Pfarrer hastig. „So bleibt sein Andenken auch der Gemeinde erhalten. Ich muss nur leider erst in meine Bücher schauen, ob denn noch eine Grabstelle frei ist.“<br />
„Aber der Friedhof ist recht klein und die freie Fläche darum noch überschaubar.“<br />
„Ja, aber die Behörden lassen heutzutage nur eine begrenzte Anzahl an Grabstätten zu, da der Boden durch die Verwesungsprozesse bestimmten Belastungen unterliegt.“<br />
Wurde es gerade ein wenig albern?<br />
„Unser Vater hätte sich eine Feuerbestattung gewünscht.“ Das schien dem erzkonservativen Pfarrer nicht so recht zu schmecken, aber auch er unterwarf sich natürlich dem geltenden Kirchrecht, welches bereits seit über vierzig Jahren kein Problem mehr in einer Feuerbestattung sah.<br />
„Natürlich“, piepste die Stimme verständnisvoll. „Aber lassen Sie mich bitte trotzdem vorher meine Bücher kontrollieren. Ich bin zwar ein Mann der Kirche, aber leider auch dem weltlichen Recht unterworfen.“ Jetzt hatte er bereits begonnen an der Knopfleiste seines Talars zu nesteln und Marek wollte den komischen Kauz erlösen.<br />
„Also, vielen Dank noch mal für den Schlüssel. Wie gesagt – meine Mutter wird sich sehr freuen. Ich bringe ihn dann bald zurück.“<br />
„Gern. Lassen Sie sich Zeit.“, kam als Antwort.<br />
„Und grüßen Sie bitte Ihren Bruder von mir.“, schickte Marek noch als Spitze im Gehen hinterher, aber die Tür des Pfarrhauses hatte sich bereits geschlossen. Das merkwürdige Verhalten von Pfarrer Bernd hatte ihn irgendwie aufgeputscht und er verspürte fast eine Art von Streitlust. Als er vom Pfarrhaus weg und an der Kirche vorbei ging hielt er den Schlüssel fester als nötig in der Tasche umklammert. Dann hielt er inne, blieb stehen und betrachtete das Gotteshaus. Von außen waren die langhalsigen Kreaturen in den Fenstern wirklich nur schlecht auszumachen. Wahrscheinlich wäre das abends anders, wenn das Licht von innen nach außen drang. Einmal tief luftholen. Dafür war immer Zeit. Die Müdigkeit der schlaflosen Nacht presste sich aus den Verstecken seines Geistes hindurch und begann die Glieder zu schwächen. Marek vernahm schon wieder das Summen in den Ohren. Nur leicht, aber darauf hatte er jetzt keine Lust, spannte seinen Körper und lief straffen Ganges nach Hause.<br />
Helene Korsak freute sich über das Entgegenkommen des Pfarrers. Den Anfall bürokratischer Genauigkeit sparte Marek kurzerhand aus. Falls Pfarrer Bernd in seinen Büchern doch einen Grund gegen die Beisetzung des Vaters im Ort finden würde, würde es die Mutter noch früh genug belasten. Sie beschlossen beide am Nachmittag einen Abstecher in das Gotteshaus zu unternehmen. Mit diesem Beschluss wurde es wieder etwas gedämpfter im Hause Korsak und Sohn und Ehefrau tat es gut für eine Weile einfach nur am Küchentisch zu sitzen und sich bei den Händen zu halten.<br />
„Ich werde mal einen kleinen Spaziergang machen.“, sprach Marek schließlich. „Mal mit Isabel telefonieren und auch so einfach ein wenig Herumlaufen. Möchtest du mitkommen?“<br />
„Nein, geh du nur. Ich werde heute mal gar nichts machen.“<br />
Marek wusste, dass seine Mutter, sobald er weg war, anfangen würde durch das Haus zu gehen um in Erinnerungen die schönen Momente mit dem alten Herrn nach zu erleben. Er selbst wollte das für sich nicht. Das war nicht seine Art zu trauern. Er konnte schreien und heulen, gar nichts tun oder sich in Arbeit stürzen. Aber nicht das. Vielleicht, weil es die Art von Abschiednehmen war, die für ihn am endgültigsten und damit auch am hoffnungslosesten, am realsten war.<br />
Er nahm wie gewohnt seinen Rucksack, ging in den Garten und wählte Isabels Nummer. Es war erst zehn Uhr, aber sie ging ran.<br />
„Na du?“<br />
„Na?“<br />
„Wie’s dir geht brauch ich wohl nicht fragen.“<br />
„Machs trotzdem.“<br />
„Mir würde es nicht anders gehen.“<br />
„…“<br />
„Soll ich kommen?“<br />
„Was?“<br />
„Ob ich zu dir kommen soll? Ich mochte deinen Vater und irgendwo (wie) mag ich auch immer noch dich.“<br />
„…“<br />
„Du solltest jetzt nicht alleine sein. Also ich meine du solltest eine neutrale Person haben, die jetzt bei dir ist. Also nicht wirklich neutral – ach Scheiße. Es tut mir leid Perry.“<br />
„Kann mich nicht erinnern, wann du mich das letzte Mal so genannt hast!“<br />
„…“<br />
„Hallo?“<br />
„Ich auch nicht. Soll ich kommen? Ich mach’s.“<br />
„Nein. Danke – ist schon OK – vielleicht in ein paar Tagen. Es tut jetzt ganz gut etwas allein zu sein und meine Mutter braucht mich jetzt auch.“<br />
„Na gut. Pass auf dich auf, ja?“<br />
„Mach’ ich. Mach’s gut.“<br />
„Tschau.“<br />
„Ach warte.“<br />
„Ja?“<br />
„Kannst du bitte was für mich herausfinden?“<br />
„Na klar.“<br />
„Schau bitte mal was „Caedite eos! Novit enim Dominus qui sunt eius.“ bedeutet?“<br />
„Ist das Latein? Woher hast du das?“<br />
„Hab’ ich hier irgendwo gelesen. Ist mir so im Kopf hängen geblieben und mit Internet haben die es hier noch nicht so.“<br />
„Mach ich. Also bis dann.“<br />
„Danke.“<br />
Das Telefonat war beendet. Marek lehnte sich an einen Apfelbaum, zwischen dessen rotgelben Blättern noch ein paar verkümmerte Früchte hingen. ‚Was für ein seltsames Telefonat’, dachte er und in der Tat war das in vielerlei Hinsicht nicht das, was er erwartet hatte. Eigentlich hatte er gar nichts erwartet. Umso angenehmer hatte er den respektvollen Umgangston und sogar ihr ehrliches Angebot hierher zu kommen empfunden. Warum er sich gerade jetzt an den verborgenen Spruch an den Türen der „dunklen Kirche“ erinnerte wusste er nicht zu sagen, aber scheinbar war doch etwas daran, dass man in der Not die wahren Freunde erkennt. ‚Oh Mann’, dachte er weiter ‚jetzt noch auf dieser Gefühlsebene Chaos zu stiften kann ich mir eigentlich gerade nicht leisten.’ Er beschloss aus der Hintertür des Gartens zu gehen und eine kleine Runde zu drehen.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 9 &#8211; Sonntag &#8211; 3. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Apr 2010 14:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bastian</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
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		<description><![CDATA[„Wollen wir zu mir gehen? Dort ist es warm.“ Der Vorschlag war gut. Dort würde Marek nichts an den Traum des alten Herrn erinnern. Beide wussten, dass die Art Kälte, die Marek hatte frösteln lassen kein Ofen in den nächsten Tagen vertreiben würde. „Ich bleib’ noch ein wenig hier oben. Man hat einen guten Überblick.“, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/04/essenz_foto_Tag9_Teil3.jpg" width="630" height="240" alt="essenz_foto_Tag9_Teil3.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Wollen wir zu mir gehen? Dort ist es warm.“ Der Vorschlag war gut. Dort würde Marek nichts an den Traum des alten Herrn erinnern. Beide wussten, dass die Art Kälte, die Marek hatte frösteln lassen kein Ofen in den nächsten Tagen vertreiben würde.</p>
<p><span id="more-1636"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Ich bleib’ noch ein wenig hier oben. Man hat einen guten Überblick.“, sagte er mit fester Stimme. Einen Moment überlegte Heike, ob sie die Situation durch einen kleinen Scherz mit Bezug auf die alles verschlingende Nacht auflockern sollte, wich aber dann doch davon ab. So saßen sie eine weitere Stunde in ihre Decken gehüllt und rückten näher zusammen um dem heran kriechenden Frost zu trotzen.<br />
„Seit ich hier angekommen bin sind krasse Sachen passiert.“, sprach Marek und wollte ursprünglich die Banalität des Wortes „krass“ vermeiden. Die Kreativität einer gewählten Ausdrucksweise hatte den Schriftsteller aber verlassen. „Eigentlich bin ich zum Entspannen hergekommen und um mal etwas Ruhe zu finden und wieder zu Schreiben.“<br />
Heike war sich nicht sicher, ob sie verstand worauf er hinauswollte. Marek fuhr fort: „Ich weiß nicht ob du das kennst, aber hast du schon mal was gezeichnet oder geschrieben und wusstest danach nicht mehr was du da eigentlich gemacht hast?“<br />
„Na hör mal, ich (bin) Sekretärin“, lächelte sie vorsichtig. „Wenn ich mir alles merken müsste was ich täglich diktiert bekomme, würde ich ja durchdrehen.“<br />
Das kurze Schweigen schürte wieder Heikes Unsicherheit. Insgeheim verfluchte sie sich für diese Mädchenhaftigkeit. Marek allerdings gingen andere Dinge im Kopf herum. Er hatte gerade das Gefühl, sich einiges von der Seele reden zu müssen, wusste aber nicht so recht wie! Da war so viel in den letzten Tagen passiert, dass er sich nie wirklich die Zeit genommen hatte alles einmal zu reflektieren oder vielleicht sogar in irgendeinen verrückten Zusammenhang zu bringen. Er fühlte sich wie in einer Blase. Eine Blase aus Realität und Verstand, in der Naturgesetze noch etwas galten und die Logik der alleinige Taktgeber der Welt war. Diese Blase beschützte ihn, wenn er aus der „dunklen Kirche“ kam und sie beschützte ihn auch jetzt in diesem Moment der Trauer. Alles ist endlich und alles ist erklärbar. Er wollte Heike mit in diese Blase holen. Nein, er wollte Bestätigung. Bestätigung dafür, dass er nicht falsch lag. Dass die Welt noch so war, wie sie es seit vierunddreißig Jahren war und dass sein Kommen eine Entscheidung gewesen war, die einem Zusammenspiel aus Neuronen und Synapsen entsprang und nicht einem grausamen Plan folgte etwas zu erleben, das der Welt bis dahin verborgen war. Denn wenn er sich in seiner Blase herumdrehte und hinter sich auf die Kirche und den Berg sah, wenn er die Lichter im Dorfkrug und das Haus von Günther Thomak sah, dann begann Zweifel in sein Herz zu fließen und er war bereit zu glauben was immer ihm geheißen wurde. Er brauchte Bestätigung und das konnte er nur erlangen, indem er jemandem zeigte, was er gefunden hatte. Die Frage wer das sein könnte, war leicht zu beantworten.<br />
„Heike?“, setzte er an „Warst du schon mal auf dem Berg hinter der Kirche?“<br />
„Ja, schon oft. Im Sommer ist es dort wunderschön.“<br />
„Ist dir da oben jemals etwas aufgefallen?“<br />
„Was meinst du?“<br />
Marek wollte behutsam sein. Vielleicht wusste sie ja sogar von dem was sich im Berg befand? „Stand da oben vielleicht mal was? Ein Stall oder vielleicht ein Kreuz? Das sieht man ja häufig auf Bergen.“<br />
„Nein, ich glaube nicht. Für Vieh ist er eigentlich zu steil und ein Kreuz wäre doch so nahe an der Kirche nicht nötig, oder?“<br />
Marek versuchte es in einer anderen Richtung. „Weißt du, ich war in den letzten Tagen viel unterwegs. Ich fühle mich – na ja ich fühle mich schuldig, weil ich nicht so oft bei meinem Vater war, wie ich es eigentlich gekonnt hätte und dann hab ich dich auch noch die Wand machen lassen.“ Statt ihn zu unterbrechen zog sie ihre Handschuhe aus und umschloss seine Hand mit ihren warmen Fingern. „Ich habe so viele neue Eindrücke hier im Dorf erfahren und immer wieder bin ich auf den Berg gegangen, in dem Glauben dort Lösungen für meine Fragen zu finden. Wie es mit mir weitergeht, was ich aus dem mache, was ich hier erlebe und wie es um mein Leben in Düsseldorf steht?“<br />
Heike glaubte nun zu wissen, worauf Marek hinauswollte. Seine Exfreundin war wohl noch immer ein fester Bestandteil von ihm und hatte eine Sinnkrise ausgelöst, die zu bewältigen wohl der eigentliche Grund seines Besuches war. Jetzt im Augenblick des Verlustes trat ihm wohl wieder vor Augen, wie wichtig ihm diese Beziehung und die damit verbundenen Augenblicke waren. Heike spürte in ihrem Herz einen kleinen Mann auf einem kleinen Klavier einen Ton in Moll anschlagen. Marek aber war von solchen Überlegungen weit entfernt.<br />
„Kannst du morgen bitte mit auf den Berg kommen? Ich möchte dir was zeigen?“ Das überraschte Heike. Was wollte er ihr denn zeigen, was sie als hier schon immer Lebende nicht schon kannte?<br />
„Ich kann leider nicht. Mein Urlaub ist morgen vorbei und es war der letzte für dieses Jahr. Ich muss wieder Arbeiten. Es tut mir wirklich leid, aber mein Chef ist da gnadenlos.“<br />
Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. Es war schon selbstverständlich geworden, dass Heike immer da war, immer Zeit hatte.<br />
„Wann hast du denn Schluss?“<br />
„Erst um fünf und dann ist es schon dunkel.“<br />
Marek senkte den Kopf. Dann musste er warten. Natürlich spielte die Dunkelheit für sein Vorhaben keine Rolle, aber er wollte sich und Heike dafür Zeit nehmen und da wären zwei Stunden zwischen Dienstschluss und Abendessen mit Frederik nicht ausreichend. Seine Gedanken begannen wieder zu kreisen, liefen rückwärts und plötzlich fuhr er wieder zurück zum Krankenhaus, sah seine Mutter die Einwilligung zur Autopsie unterschreiben und vor das Bett seines toten Vaters treten. Marek musste die Augen schließen und sein Körper krampfte sich kurz zusammen. Er hatte dieses Bild seit dem Verlassen des Krankenhauses verdrängt. Er hatte den leeren Stuhl beim Mittagessen gesehen. Er hatte das Werkzeug verstaut und sogar die Post der letzten Tage geöffnet, aber er hatte sich nicht einmal an dieses eine, letzte Bild erinnert. Erinnern können, wollen – einerlei. Nun jedoch sah er sich nicht nur im Geiste vor dem Bett stehen. Vielmehr war er physisch anwesend und jedes Wort, das ein Mensch in der Lage war zu formen hätte seinen Gefühlen nur ansatzweise gereicht. Heike spürte wie ihre Hand in unregelmäßigen Intervallen gepresst wurde. Der Körper an ihrer Seite begann zu zittern. Still hatte die Faust aus Eis begonnen zu schmelzen und entließ ihr Wasser als Tränen in die Nacht. Es war ihm egal, dass er die Frau an seiner Seite erst seit sechs Tagen kannte. In diesem Augenblick war sie ihm näher als sonst jemand. In diesem Moment war sie richtig.<br />
Kein Wort fiel mehr und als sie das Dach verlassen hatten, war Marek es, der in einem Moment emotionaler Verwundbarkeit den Schritt ging, den sie beide schon vor einigen Tagen fast vollendet hatten. Doch Heike löste die Situation auf, ohne Verlegenheit zu erzeugen und beide gingen für diese Nacht ihrer Wege.<br />
Heikes Weg führte sie in die Küche ihres Hauses, wo sie für Heinz Korsak eine Kerze entzündete und sich die Zeit nahm still um ihren Freund und Nachbarn zu trauern.<br />
Marek hingegen wollte sofort ins Bett. Er fühlte sich schwach und selbst der heimische Duft der Bettwäsche gab seinem Inneren mehr Leid als Trost. Sein Telefon meldete einen Anruf. Es war Isabel aber er hatte heute keinen Bedarf mehr. Er wies ihren Anruf ab, entschloss sich aber eine kurze Textnachricht zu senden: „Heute bitte nicht mehr. Es sind keine guten Zeiten.“ Kurz überlegte er ob er es ihr nicht schuldig war zu erzählen, was geschehen sei, als ihm sein Telefon die Entscheidung abnahm. Sie hatte zurück geschrieben: ‚Sie respektiere das und es täte ihr sehr leid.’.<br />
‚Isi…’, dachte Marek und wusste, dass sie spürte was passiert war. Sie kannte ihn zu gut und hatte einen sechsten Sinn wenn es darum ging die Gefühlslage von Menschen einzuschätzen. Er rang mit sich sie doch noch anzurufen. Auf einmal fehlte sie ihm. Sehr sogar. Und wenn er sie bitten würde herzukommen? Sie war ein offener Geist und hätte ihm in so Vielem hier helfen können. Aber nein. Sie würde es wohl nur aus Schuld- oder Pflichtgefühl tun und darauf konnte er verzichten. Er verfluchte das ‚verdammte Miststück’, da sie ihm nicht aus dem Kopf ging und schaltete sein Telefon als Demonstration an sich selbst aus.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 9 &#8211; Sonntag &#8211; 2. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 14:00:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dr. Lötzsch saß im Aufenthaltsraum der Stationsschwestern und grübelte. Natürlich hatte er ein eigenes Arbeitszimmer – manche hätten es aufgrund seiner Größe sogar als Büro bezeichnet – aber er mochte das gesellige Treiben und Schnattern der Schwestern und konnte sich hier auf oft unverstandene Weise herrlich entspannen. Jetzt allerdings war ihm so gar nicht nach [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/03/foto_Tag9_Teil_2.jpg" width="630" height="240" alt="foto_Tag9_Teil_2.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Dr. Lötzsch saß im Aufenthaltsraum der Stationsschwestern und grübelte. Natürlich hatte er ein eigenes Arbeitszimmer – manche hätten es aufgrund seiner Größe sogar als Büro bezeichnet – aber er mochte das gesellige Treiben und Schnattern der Schwestern und konnte sich hier auf oft unverstandene Weise herrlich entspannen. Jetzt allerdings war ihm so gar nicht nach Entspannung</p>
<p><span id="more-1632"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Die halbe Tasse Kaffee hatte schon lange aufgehört zu dampfen und seine Stirn zog Falten, als ob sie sich darauf vorbereiteten wollte die letzten Haare auch noch abzustoßen. Die Augen brannten rot hinter der feinrandigen Brille und fanden doch keine Lösung auf das Rätsel, das da in niedergeschriebener Form vor ihm lag. Vor drei Stunden hatte die Atmung von Herrn Korsak ausgesetzt und die Maschine musste dies übernehmen. Eine Stunde später begann der Puls kontinuierlich in den Keller zu gehen. Zuerst konnten sie den Kreislauf noch stabilisieren, aber was sie auch taten, der Körper schien eine Entscheidung gefällt zu haben. Dabei waren die Werte anfangs mehr als ermutigend. Sie waren sogar ausgezeichnet. ‚Die Angiographie war negativ und das Herz schien sich gut zu erholen’, begann Dr. Lötzsch in Gedanken zusammenzufassen. ‚Keine Anzeichen von Entzündungen oder Infektionen. Dann kamen diese Anfälle und der wiederholte Herzstillstand, für den es immer noch keine Erklärung gibt. Das MRT zeigte keine Veränderungen, die auf einen neuronalen Defekt schließen lassen, was natürlich nicht zwingend heißt, dass da keiner war (ist). Und dann haben wir da noch diesen verdammt hohen Wert an Opiorhin. Wo ist denn der Bericht der gestrigen Blutuntersuchung?’ ohne seine Gedanken zu unterbrechen kramte Dr. Lötzsch in einem Stapel Papiere bis er den Zettel gefunden hatte. Beim Anblick der neuen Messungen musste er sich zusammennehmen um seinem Überraschen nicht laut Ausdruck zu verleihen. ‚Himmel! Da muss ein Fehler vorliegen. Das Naloxon hätte die Wirkung des Opiorhin aufheben oder zumindest reduzieren müssen. Aber dieser Wert sprengt alle Skalen. Ganz offensichtlich hatte das Opiorhin erst die Atmung gelähmt und dann wenig später den kompletten Kreislauf soweit heruntergefahren, dass eine Versorgung der Organe nicht mehr möglich war. Verdammt noch mal, es muss ein neurologischer Schaden sein. Kein gesunder Körper verpasst sich selbst solch eine Überdosis Morphium.’ Dr. Lötzsch nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Neben ihm begannen Schwestern ein verspätetes Mittagessen. Das Ganze ergab vorn und hinten keinen Sinn. Was den Tod letzten Endes herbeigeführt hatte konnte er nur schlussfolgern, doch weder der dramatisch hohe Opiorhinspiegel noch die Anomalien des Blutdrucks und der Sauerstoffsättigung vor drei Tagen konnten damit erklärt werden. Gleich würden die Verwandten hier erscheinen. ‚Arme Frau Korsak. So treue Seelen sieht man heute immer seltener.’, dachte Dr. Lötzsch und wischte den Gedanken sofort mit fachlicher Routine beiseite. Aber er war nicht der Typ, der ungelöste Fälle einfach zu den Akten legte. Er musste versuchen die Frau des Toten zu einer Autopsie zu überreden. Aber mit welcher Begründung? ‚Tut mir leid Frau Korsak, aber wir würden ihren Mann gern aufschneiden um zu sehen, warum er so glücklich gestorben ist?’ Denn glücklich wäre er sicherlich gewesen, wenn die körpereigene Dröhnung ihn nicht ohnehin bewusstlos gemacht hätte. Dr. Lötzsch sah hinter den Jalousien der Fenster Frau Korsak und ihren Sohn mit einer Schwester reden. ‚Na dann wollen wir mal.’ Dr. Lötzsch kramte die Papiere zurück in die Akte und drückte sie beim Verlassen des Raumes der Schwester in die Hand, die gerade gekommen war um ihn zu holen: „Legen Sie die hier bitte auf meinen Schreibtisch und bereiten Sie ein Einwilligungsschreiben für eine Autopsie vor.“ Dabei tippte er auf die Akte und ging an der jungen Schwester vorbei, auf die Korsaks zu. Natürlich hatte er das Kommende schon oft erlebt und wusste, dass sich das bittere Gefühl nie ganz verdrängen lassen würde und darauf war er auch ein wenig stolz. Er nutzte diese Zeit zwischen dem Punkt, an dem ihn die Angehörigen kommen sahen und dem ersten Satz immer um sich ein Bild von den gleich folgenden Reaktionen aufzubauen. Frau Korsak wirkte im Gegensatz zu den letzten Tagen, als er sie am Bett ihres Mannes hat wachen sehen, eher gefasst und ruhig. Dafür schien der Sohn heute alles andere als er selbst zu sein und sichtbar mit der Fassung zu ringen. Zwei Zustände, die sich in den nächsten Tagen erwartungsgemäß umkehren würden. Noch sechs Schritte. Er würde sich also in seinem Anliegen verstärkt an Frau Korsak wenden. Hoffentlich blieb der Junge noch eine Weile im Dorf. Der Pfarrer hatte ihm gesagt, dass er nur zu Besuch sei und eigentlich im entfernten Düsseldorf wohne. Kinder neigen dazu in solchen Momenten schnell wieder das Weite zu suchen. Noch drei Schritte. . Blickkontakt aufbauen und halten. Noch zwei Schritte. Rechte Hand zur Kondolenz reichen. Noch ein Schritt: „Mein aufrichtiges Beileid“ Kaum fühlbarer Händedruck von ihr, nur wenig stärkerer Händedruck von ihm. Ein Nicken als Antwort. „Ihr Mann und Vater hatte vor etwa drei Stunden einen Atemstillstand. Wir mussten ihn künstlich beatmen. Vor etwa einer Stunde hat dann das Herz aufgehört zu schlagen.“ Die Details wollte er den Angehörigen ersparen – so etwas konnte er auf Verlangen nachlegen, wollte aber in dieser Situation niemanden mit dem genauen Hergang überrollen. „Es liegt leider nicht mehr in unserer Macht etwas zu unternehmen, wenn jemand beschlossen hat aufzugeben. Ich kann Ihnen aber versichern, dass er keine Schmerzen hatte.“ „Was meine Sie mit „aufgeben“?“, wand der Sohn mit hörbarer Empörung ein. „Mein Vater hat noch nie aufgegeben. Er hing am Leben. Er-“ „Ist schon gut“, unterbrach ihn die Mutter sanft. „Ich bin sicher Dr. Lötzsch hat alles in seiner Macht stehende getan.“ „Das versichere ich Ihnen.“, und der Arzt fügte seiner Stimme einen Grad an Weichheit hinzu. „Nicht immer reicht der Wille aus um die Beschränkungen des Körpers zu überwinden. Wir sind bereits zu Vielem in der Lage, aber der Tod bleibt immer ein Teil des Lebens.&#8221; Dr. Lötzsch bemerkte, dass diese Floskel bei der Mutter wesentlich besser ankam, als bei dem Jungen und entschied, dass hier zwei verschiedene Formen der Verlustbewältigung vor ihm standen. Er wollte sich wieder zurückziehen. Immerhin waren die Korsaks immer noch neu im Dorf und ein persönliches Verhältnis, wie zu den anderen Bewohnern, hatte er noch nicht aufbauen können. „Ihr Mann befindet sich noch in seinem Zimmer. Sie können sich so viel Zeit lassen wie sie möchten. Ich habe allerdings noch eine Bitte. Der Tod Ihres Mannes kam für uns ebenso überraschend wie für Sie, da ursprünglich alles auf eine rasche Genesung hindeutete. Würden Sie eventuell in eine Autopsie einwilligen?“ Die Mutter sah ihren Sohn nicht an und nahm sich damit das Privileg die Entscheidung allein zu treffen: „Mein Mann hatte seine eigenen Vorstellungen vom Leben und zu seinem Körper. Wenn Sie es für richtig halten, dann tun Sie es. Er hätte nichts dagegen.“ Damit entließ er sie in das Patientenzimmer. Stirnrunzelnd dachte er wie einfach das doch gewesen war und wies eine vorbeikommende Schwester an, die Formalitäten zu klären, wenn die Korsaks das Zimmer wieder verlassen hätten. Vorher jedoch sollte niemand die Abschiednahme stören.<br />
„Alles klar?“, fragte Heike und legte Marek eine zusätzliche Decke um die Schultern, die sie am Ofen vorgewärmt hatte. Gerade hatte sie das Dach erklommen auf dem sie Marek seit Sonnenuntergang von ihrem Garten aus hatte sitzen sehen. Sie konnte nicht einschätzen, ob Marek Gesellschaft oder lieber Ruhe wollte und traf schließlich die Entscheidung sich einfach ungefragt neben ihn zu setzen und zu warten. Der junge Mann atmete tief ein und wieder aus, rieb sich die Augen und begann die Wärme der Decke zu spüren. Auch die wärmende Gegenwart von Heike spürte er, aber momentan wollte er nichts zulassen, was seinen Panzer hätte destabilisiert können. Seit sie das Krankenhaus verlassen hatten, hatte ein innerer Schutzmechanismus begonnen ein gut wasserdichtes Programm abzuarbeiten. Anfangs wollte er unheimlich viel belangloses Zeug reden um seinen Verstand zu übertönen. Dann begann er sich mit visuellen Details voll zu pumpen. Er konzentrierte sich auf der Rückfahrt auf jeden Stein und jeden Ast, der am Straßenrand lag. Zählte vorbeiziehende Felder und versuchte Tiere und Gegenstände in dem aufziehenden Wolkenfeld zu erkennen. Sein Verstand redete und redete als hätte er Höhenangst und versuche mit Blick in die Ferne eine schmale Hängebrücke zu überqueren. Nur nicht nach unten schauen. Nur nicht nachdenken. Die Mutter weinte leise und machte keinen Hehl aus ihren Tränen. Sanft streichelte sie die Hand ihres Sohnes. Das war eine Stichflamme in seinen Eispanzer und er hatte Mühe seine Gedanken weiter mit Nichtigkeiten zu verkleistern.<br />
Zu Hause setzte er seine Strategie fort. Begann das Haus und den Garten aufzuräumen und lehnte das provisorische Abendessen ab, da es ein schweigendes Zusammensitzen mit der Mutter erfordert hätte. Schließlich ging Helene Korsak zu Bett. Sie schlief wie immer auf ihrer Seite des großen Bettes, aber nach einer Weile zog sie die Bettdecke und das Kissen von Heinz Korsak zu sich hinüber. So lange sein Duft noch ein Teil dieses Raumes war, wollte sie ihn spüren. Als Marek noch einmal nach ihr sah, schlief sie bereits und er war froh darüber. Er musste sich dem Allem stellen und er wollte es auch, aber nicht jetzt. Ja er fühlte sich schuldig, seiner Mutter jetzt nicht in dem Maße beistehen zu können, wie sie und sein Vater es verdient hätten, aber die Faust aus Eis, die sein Herz umklammerte, hielt ihren Griff und diese betäubende Kälte tat ihm gut.<br />
Jetzt war alles getan und wieder saß er auf dem Dach und wartete darauf, dass ihm die einsetzende Dunkelheit alle Möglichkeiten der Ablenkung entzog. Natürlich hatte sich der Tod von Heinz schnell im Dorf herumgesprochen, aber Heike hatte als gute Nachbarin und Freundin alle Kondolenzen unterbunden und auf die nächsten Tage vertröstet. Jetzt saß sie neben ihm und die warme Decke lies den Klumpen aus Eis tauen, so dass dessen Besitzer angstvoll auf das wartete, was danach kam. Heikes Gespür für die Situation war sehr feinfühlig. Sie hatte sich vorsorglich Wollhandschuhe angezogen. Nicht zum Schutz vor Kälte, sondern um den Trauernden nicht mit direktem Körperkontakt zu überfordern. Also fing sie an, vorsichtig und sehr langsam Mareks Hand zu streicheln. Die Berührung aus warmer Wolle tat gut und Marek war ihr dankbar für die respektvolle Distanz. So saßen sie da, schwiegen und ließen den letzten roten Schleier des Tages in mondlosem Schwarz verschwinden. Marek fröstelte.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 9 &#8211; Sonntag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Mar 2010 15:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Benedix]]></category>
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		<description><![CDATA[Es war Sonntag. Marek hatte nach dem gestrigen Kuchenschmaus am Gartenzaun noch etwas Ordentliches gegessen, erneut lange geduscht und den nackten, noch warmen Körper in frische Bettwäsche versinken lassen. Er wollte sich nicht wieder für Stunden im Abtippen von Texten verlieren sondern lag einfach nur so da, sah aus dem Fenster und schlief irgendwann ein. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/03/essenz-foto_Tag_9_Teil_1.jpg" width="630" height="240" alt="essenz foto Tag 9 Teil 1" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Es war Sonntag. Marek hatte nach dem gestrigen Kuchenschmaus am Gartenzaun noch etwas Ordentliches gegessen, erneut lange geduscht und den nackten, noch warmen Körper in frische Bettwäsche versinken lassen. Er wollte sich nicht wieder für Stunden im Abtippen von Texten verlieren sondern lag einfach nur so da, sah aus dem Fenster und schlief irgendwann ein. Genau wie seine Mutter, schlief er lange zehn Stunden.</p>
<p><span id="more-1623"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Das tat Not und brachte beide wieder etwas ins Gleichgewicht. Frau Korsak lobte an diesem Morgen die Arbeiten am Haus und bestätigte, dass der Vater sich sehr freuen würde, wenn er wieder zu Hause wäre. Marek bestritt nicht, dass Heike ihm geholfen hatte, vermied jedoch den umfang der Hilfe zu erwähnen. Seine Mutter zwinkerte ihm zu und begann sich für die Kirche vorzubereiten. Das Krankenhaus hatte keine neue Kunde und so begaben sich Marek Korsak, Helene Korsak und Heike mit dem kleinen Frederik zusammen in Richtung Kirche. Helene freute sich auf die Andacht, denn sie mochte das Gefühl der Gemeinschaft und die oft tröstenden Worte, auch wenn sie alles Biblische für sich dabei ausblendete. Plaudernd erreichte man die Hauptstraße und den Kirchplatz und sah schon von weitem Pfarrer Bernd am Eingang stehen und jeden Besucher persönlich begrüßen. Marek ging den Weg zur „Weißen Kirche“ vielleicht zum ersten Mal seit Tagen entspannt. Er hatte gut geschlafen und gefrühstückt. Kein Sausen in den Ohren belastete ihn und kein Drang zu Schreiben zog ihn hinter die Kirche und den Berg hinauf. Der Eingang war auf der linken Stirnseite. Das halbe Dorf war auf den Beinen und das Gotteshaus schien voll zu werden. Ein freundlicher Händedruck des Pfarrers und ein kurzer Gang durch den Vorraum zum Saal ohne den Schwatz mit der Mutter zu unterbrechen -<br />
Marek erstarrte. Wankte. Fiel zurück. Wurde von Heike und den nachströmenden Menschen gehalten und unter besorgten Blicken in die Bankreihe nahe der Tür gesetzt. Die Anwesenden tauschten besorgte Blicke aus und die Mutter begann auf ihn einzureden, aber Marek konnte sie nicht mehr hören. Alle Sinne kreisten nur noch um einen Gedanken: Das war die gleiche Kirche! Es stimmte alles mit der „Dunklen Kirche“ im Berg überein. Die Zahl der Sitzreihen. Der Braune Teppich. Der weiße Marmoraltar mit dem geöffneten Buch. Die beiden Bilder. Da hingen die vier Schalen und das Kreuz. Weiße Kerzen mit geschwärzten Dochten. Steinplatten mit Schriftzügen. Nichts fehlte. Nein – etwas war anders. Die Bilder hingen jeweils auf der anderen Seite und auch der Taufstein war nicht rechts sondern links. Marek blickte mit starren Augen nach oben – er erkannte die Deckenmuster der „Dunklen Kirche“ inzwischen genau und fand seine Vermutungen bestätigt. Diese Kirche war das spiegelverkehrte Ebenbild derer, die im nur wenige Meter gegenüber gelegenen Berg vergraben war. War er so blind gewesen? Der Glockenturm. Es ist dasselbe Dach – nur auf der anderen Seite. Die Form und der Umfang der „Weißen Kirche“ entsprechen doch exakt dem Berg, wenn man sich all die Erde und den Bewuchs wegdenkt. Wie konnte er nur so blind sein? So ignorant?<br />
All dies schoss Marek in wenigen Augenblicken durch den Kopf. Er war sicher, dass sein Herz in diesem Moment aufgehört hatte zu schlagen, und er wartete darauf seinen Körper zu verlassen um diesem Wahnsinn zu entkommen. Stattdessen spürte er plötzlich etwas Kühles an seinen Lippen. Es drang in seinen Mund und floss in seine Lunge. Er musste husten. Kam zur Besinnung. Jemand hatte ihm Wasser einflößen wollen, da man dachte, er hatte einen Kreislaufkollaps. Marek stürzte zurück aus dem Gotteshaus, an dem irritierten Pfarrer und den hereinströmenden Gästen vorbei, rannte ein paar Meter, ging in die Knie und übergab sich.<br />
Heike und Helene kamen aufgeregt dazu. Auch Günther, den Marek bei seiner Flucht fast umgerannt hatte, wollte sehen was los war?<br />
„Was hat denn der Junge?“, frage Günther die Mutter ohne Marek direkt anzusprechen. „Alles OK“, keuchte Marek. Kleine Blitze tanzten vor seinen Augen und schienen in seinen Kopf stechen zu wollen. Doch wenn er seine Entdeckung noch eine Weile für sich behalten wollte, musste er sich jetzt konzentrieren. Nachdenken konnte er gleich eine volle Stunde während der Pfarre redete – jetzt musste er erstmal funktionieren.<br />
Alle Energie in Knie und Stimme verlagernd stemmte sich Marek auf. „Sorry – mir ist plötzlich schlecht geworden. Muss wohl gestern Abend was Falsches gegessen haben.“, und sein charmantestes Lächeln flog Heike entgegen. Diese wurde ein wenig rot, hakte sich bei Marek ein und ging mit ihm zurück in die Kirche.<br />
Sohn Marek und die beiden Frauen nahmen Platz. Er wollte es langsam angehen lassen und blickte eine ganze Weile nur zu Boden, so als wolle er Andacht halten. Wenn man in einer Kirche die Augen schließt, wird einen niemand stören. Also ließ er es Nacht werden und begann die anderen Sinne für sich arbeiten zu lassen. Natürlich war diese Kirche voller Menschen, welche die entsprechende Geräuschkulisse erzeugten. Was war mit dem Geruch? Ja, es war der gleiche schwere Weihrauch und auch das Holz roch ebenso wie er es bereits kannte. Wie sah es mit der großen Steinsäule neben ihm aus? Kalt. Eiskalt. Das war anders. Auch das Holz fühlte sich ausgesprochen kalt an – fast unnatürlich, denn so lange er seine Hand auch darauf legte, es schien die Wärme nur sehr langsam aufzunehmen. Marek begann sich unwohl zu fühlen. Der Pfarrer hatte sich nun vor den Altar gestellt und begann langsam und andächtig die Begrüßung zu sprechen. Marek hatte die Augen weiterhin geschlossen und die Mutter wunderte sich fast über die vermeintliche Einkehr ihres Sohnes. ‚Nur nichts überstürzen’, dachte Marek. ‚wenn du hier ohne verrückt zu werden wieder rauskommen willst, dann lass’ dir Zeit das alles zu begreifen.’ Er wollte erste Theorien über diesen Ort und seinen Zusammenhang mit dem Bekannten aufstellen, als das Schwarz hinter seinen geschlossenen Augen sich ins Rötliche färbte. Licht drang durch die Lieder. Wahrscheinlich zogen draußen die Wolken auf und gaben die Sonne frei. Er drehte den Kopf nach links in den Lichteinfall und öffnete die Augen einen Spalt. Warm und weich viel das Licht durch die bunten Bleiglasfenster. ‚Stimmt’, dachte Marek weiter ‚An die Fenster habe ich noch gar nicht gedacht. Hier kann ja tagsüber normales Licht einfallen. Aber was soll das für ein-“, wieder musste Marek den Würgereflex unterdrücken und nur die Rückenlehne der Bank und seine gerade Haltung verhinderten, dass er ohnmächtig zur Seite wegkippte. Stattdessen fand er Halt und starrte, unfähig dem Pfarrer bei seinen Genesungswünschen für den Vater zu folgen, auf das Abbild, das die Fenster mit Hilfe der Sonne in den Raum warfen. Das Glas zeigte blaue und graue Wolken und einen schemenhaft angedeuteten Acker. Dazwischen wand sich in grober Darstellung ein langer Hals mit einem menschlichen Kopf dessen Augen leer auf die Erde starrten. Marek spannte jeden kontrollierbaren Muskel an um das aufkommende Zittern zu unterdrücken. Er kannte die dargestellte Szene. Er hatte sie selbst gezeichnet, vor ein paar Tagen auf dem Gipfel des Berges, als ihm ein Blitz den Weg in die „Dunkle Kirche“ öffnete.<br />
Marek sah sich nach den anderen Fenstern um. Erde hatte ihm in der anderen Kirche stets einen genauen Blick verwehrt. Nun sah er in jedem Fensterbogen auf der linken Seite diese Hälse hinab stoßen. Leere Augen, Hälse die sich unmenschlich auf den Wolken wanden und teils mit geschlossenen, teils mit geöffneten Rachen alles zu verschlingen drohten, was nicht dem Göttlichen entsprach. War das überhaupt etwas „Göttliches“? Marek drehte den Kopf zur gegenüberliegenden Seite. Der Pfarrer sprach weiter in den höchsten Tönen von Heinz Korsak, aber das war gerade ohne Belang.<br />
Die rechte Seite zeigte die üblichen Heiligenfiguren. Eine Frau in dunkler Robe war abgebildet und links und rechts von ihr befanden sich wohl Bischöfe oder andere hohe kirchliche Würdenträger. Das alles war weit weniger belastend für Mareks Gemütszustand und er wollte den Blick gerade wieder abwenden, als dieser erneut abgelenkt wurde. In der vorletzten Reihe, eingekeilt zwischen einer älteren Frau, die gerade versuchte eine grau schimmernde Strähne unter ihr Kopftuch zu stecken, und einer zweiten Frau, die wohl das Alter von Heike hatte, saß ein kleiner Junge und starrte ihn an. Marek, der sich bislang nur den Hals verrenkte, um sich umzusehen, ließ den Körper etwas in die Blickrichtung nachrutschen. Natürlich. Den Kleinen kannte er doch. Topfschnitt, verstörter Blick und das Leinenhemdchen. Fehlt noch das Feuerwehrauto und der Kleine, der ihn fast hat vom Dach fallen lassen, wäre vollständig. ‚Seltsames Kind’, dachte Marek, war aber auch froh, dass sein Verstand scheinbar zu jedem Zeitpunkt in diesem Dorfe funktioniert hatte. Entweder starrte ihn der Kleine schon die ganze Zeit an oder erst seit ihm Marek beim Umschauen das Gesicht zugewendet hatte. ‚Hier kann er wenigstens nicht wieder weglaufen.’, dachte er weiter. Die beiden Frauen, die den Kleinen flankierten, schienen den Worten des Pfarrers zu lauschen, wobei die Alte nicht unbedingt den Eindruck machte, als würde sie das alles sehr interessieren. Die Gegenwart eines Kindes, das er schon begonnen hatte als Einbildung zu verbuchen, bescherte Marek den Anker in der Realität, die er gerade brauchte. Er hob die rechte Hand über die Rückenlehne der Bank, kramte sein Lieber-Onkel-Gesicht hervor und winkte ihm zu. Die Augen des Jungen weiteten sich, wie Marek es schon kannte. ‚Vergiss es Kleiner – du sitzt hier genau so fest wie ich und heute unterhalten wir uns mal wie zwei große Jungs.’ Marek wollte seine Mutter antippen um ihre Aufmerksamkeit auf den Jungen zu lenken, doch das war nicht mehr nötig.<br />
Ein gellender Schrei durchdrang das Kirchenschiff. Die hohe Kinderstimme zog schlagartig alle Blicke auf sich, lies den Pfarrer stocken und die Anwesenden zusammenzucken. Die Augen kreisrund und angstverzerrt, den Mund dem gellenden Ruf Tür und Tor öffnend, schrie das Kind, als ob es um sein Leben ging, in Mareks Richtung. Die beiden Frauen rechts und links beugten sich besorgt herunter und begannen auf die Sirene einzureden, die nur zum Luftholen kurz verstummte. Der Pfarrer selbst begab sich zu den Frauen um beruhigend einzuwirken.<br />
„Oh Gott, was hat denn die Kleine?“, fragte Helene Korsak erschrocken.<br />
„Die Kleine?“, fragte Marek ungläubig. „Ich dachte das wäre ein Junge?“<br />
„Unsinn“, erwiderte Heike. „Das ist die kleine Anette Ingarek. Die wohnen vorn, fast am Ende der ersten Seitenstraße. Den Vater gibt’s nicht mehr und Agnes und Ida ziehen sie jetzt alleine groß.“<br />
Marek war perplex. Zwar hatte ihm Günther nach ihrem Rundgang am zweiten Tag gesagt, dass es hier ein Mädchen gab, aber er hatte nie in Erwägung gezogen, dass dies knabenhafte Kind es sein könnte.<br />
„Ich hab’ sie schon zweimal gesehen, aber ich dachte immer es wäre ein Junge.“, wunderte er sich laut.<br />
„Na so ein Quatsch“, antwortete Heike. „Nur wegen der kurzen Haare? Du bist echt ein Klischee von einem Mann.“<br />
„Die Freunde deines Vaters dachten auch manchmal du seiest ein Mädchen, als du in dem Alter warst.“, fügte seine Mutter hinzu und der Sohn konnte das geistige Abklatschen der beiden Frauen förmlich hören. Währenddessen aber schrie das geschlechtlich neu zugeordnete Kind weiter ohne den Blick von Marek abzuwenden. Der Pfarrer hatte das Frauengrüppchen erreicht und unter dem besorgten Raunen aller Anwesenden begann er beruhigende Worte zu flüstern. Marek konnte nicht verstehen was gesagt wurde, aber scheinbar hatte es ohnehin keinen Effekt. Die Alte stand auf. Das Kind wurde von der Frau mittleren Alters, wahrscheinlich Agnes, auf den Arm genommen und mit dem Gesicht an die Brust gedrückt aus der Kirche geführt. Der Pfarrer lies es sich nicht nehmen, noch schnell den Privatsegen für das Grüppchen zu spenden und versuchte dann wieder Ruhe in die Gemeinde zu bringen.<br />
„Wir alle wissen, dass die kleine Anette in der letzten Zeit viel verkraften musste und ihr junger Geist noch nicht bereit ist in den Wegen des Herrn auch Trost zu finden. Lasset uns sie und ihre Familie heute besonders in unseren Gebeten bedenken. Karl Ingarek wird bei uns sein und es uns danken.“<br />
„Der Vater der Kleinen“, erklärte Heike ungefragt. „Ist vor drei Monaten in einen alten Brunnen gestürzt, den man am Feldrand zugenagelt hatte. Keiner hat’s bemerkt und er ist vor Erschöpfung ertrunken. Tragische Sache, sag ich dir.“<br />
„In einen Brunnen?“, fragte Marek bestürzt.<br />
„Du bist hier auf dem Dorf – schon vergessen? Das alte Ding braucht heute aber keiner mehr. Bretter drauf und die Natur tut ihren Rest um das Loch in Vergessenheit zu bringen. Jedenfalls hat es die Drei ziemlich aus der Bahn geworfen. Die Agnes hatte sich irgendwann wieder gefangen und Ida, Karls Mutter, auch. Bei der Kleinen dauert das wohl ein bisschen länger. Scheint schlecht zu schlafen und so und manchmal bricht das eben durch. So wie heute.“, dabei suchte Heikes Hand ungesteuert nach Frederik und streichelte den Kleinen. Der Junge war in der unbeheizten Kirche dick eingepackt und schien weiterhin wenig Interesse an der ganzen Veranstaltung zu zeigen.<br />
Marek hatte der ganze Vorfall zurück auf die weltliche Seite gezogen und er wähnte sich nicht mehr in einem steinernen Albtraum, der den surrealen Gespinsten eines absinthsüchtigen Kleinkünstlers entsprang. Da der Pfarrer schon mahnend in die Richtung der Flüsternden schaute, beschloss er den Gottesdienst schweigend hinter sich zu bringen. Wieder schloss er die Augen und hielt sich an dem tröstlichen Gefühl fest, dass sich wenigstens eine der vielen Absonderheiten geklärt hatte. Beim Vaterunser vermied er es gewohnheitsbedingt die Hände zu falten und legte sie stattdessen ineinander. Es war seine Art dem christlichen Glauben Respekt zu zollen, ohne ihn durch ein wortloses Lippenbekenntnis zu verhöhnen. Beim Verlassen der Kirche hatte sich die Erkenntnis über den vermeintlichen Jungen sogar zu einem kleinen Hochgefühl entwickelt, das ihm bestätigte, dass sein Verstand doch noch halbwegs sicheren Halt auf den Pfeilern seiner rationalen, alles erklärbar machenden Bildung finden konnte.<br />
Die Verabschiedung beim Pfarrer war höflich und voll ehrlichen Dankes. Mutter Korsak hatte sogar ein paar Tränen der Rührung in den Augen vorbereitet und alle hielten ihre Gesichter in die wärmende Sonne, als sie das kühle Gebäude verließen. Die Kirchenglocke dröhnte und entließ all die gut gekleideten Menschen in einen goldenen Herbstmittag.<br />
„Sag mal Heike“, fragte Marek, als sie auf die Mutter warteten, die sich noch in einen Schwatz mit dem Mann aus Stahl verloren hatte. „Als ich die Kleine von eben die letzten zwei Male sah, hatte sie Klamotten an, mit denen sie sich bei den Temperaturen den Tod holen könnte. Passt die Mutter denn nicht auf?“<br />
„Waren das kurze Hosen und ein Leinenhemd?“<br />
„Ja, genau.“<br />
„Na dann ist es nicht verwunderlich, dass du die Kleine für einen Jungen gehalten hast.“, lächelte Heike spitzbübisch. „Das ist nicht so einfach. Agnes kümmert sich schon wo sie kann und ist echt eine gute Mutter, aber seit dem Tod des Vaters hat die Kleine angefangen dessen alte Kinderkleidung aufzutragen. Sie schleicht sich einfach auf den Dachboden, kramt die verlausten Dinger hervor und zieht sie an. Weiß auch nicht, warum sie die noch nicht weggeschmissen haben. Wahrscheinlich sentimentale Gründe. Jedenfalls antwortet die Kleine nicht, wenn man sie fragt warum sie das tut. Ich denke mal, das ist ihr Weg um den Vater zu trauern und ihm zu gedenken.“<br />
Marek schluckte: „Traurig…aber sag mal – hast du vielleicht eine Idee, warum das Kind mich heute so angeschrieen hat?“<br />
„Die hat dich doch nicht angeschrieen. Das war nur zufällig unsere Richtung.“<br />
„Doch, doch. Und da ist noch etwas. Als ich die Kleine die ersten beiden Male gesehen habe, spielte sie ruhig, bis sie mich gesehen hatte. Dann starrte sie mich an, als wäre ich der Teufel persönlich und sobald ich auf sie zugehen wollte, rannte sie weg.“<br />
„Na und?“, antwortete Heike Schulter zuckend. „Hat man dir nicht gesagt, du sollst nicht mit Fremden reden?“<br />
„Haha. Aber das war anders. Da war keine Skepsis sondern fast panische Angst. So hässlich bin ich doch wohl auch nicht, oder?“<br />
„Na ja – das zu entscheiden obliegt mir nicht.“, stichelte Heike. „Aber ich würde mir da nicht zu viele Gedanken machen. Anette braucht wie wir all ihre Zeit und jeder entwickelt andere Weg um wieder ein normales Leben führen zu können. Ich glaube, die beiden Frauen haben das schon im Griff.“<br />
„Aber trotzdem“, bohrte Marek weiter. „Es war arschkalt und sie hätte zittern müssen vor Kälte, stattdessen sitzt sie auf dem Straßenpflaster und spielt.“<br />
„Wenn du mal Kinder hast, dann wirst du dich auch über so einiges nicht mehr wundern und jetzt befrei’ mal deine Mutter aus Günthers Klauen. Der kaut ihr schon wieder ein Ohr ab.“ Marek kapitulierte und tat wie ihm geheißen. Fast hätte sich Günthers Grinsen selbst zum Mittagessen bei ihnen eingeladen, aber Helen Korsak konnte dies noch wirkungsvoll verhindern. Sie wolle gleich nach dem Essen ins Krankenhaus fahren, was dem Mann aus Stahl das Grinsen in betretenes Rotwerden übergehen ließ.<br />
Das Essen war gut und reichhaltig. Die Veranda hinter dem Haus lag heute windgeschützt und der Steinboden strahlte bereits die Wärme der Sonne zurück, so dass die Korsaks und die Schubert-Blinks das Mahl gemeinsam im Freien einnahmen. Heike hatte ihre liebe Müh Frederik aus dem Haufen Bausand an den Tisch zu bringen und auch die Erbsen fanden nur mit viel mütterlichem Geschick ihren Platz in der Nahrungskette. Helene Korsak genoss das Beisammensitzen und das Bild, ihren Sohn mit der Nachbarin, die in ihren Augen nur unwesentlich älter war als er, herumalbern zu sehen. Der kleine Frederik hätte gut ihr Enkel sein können – zumindest legte er bei Tisch die gleiche Albernheit an den Tag, wie ihr Junge in dem Alter. Die Koteletts waren mit viel Lob an die Köchin verspeist worden und Helene Korsak stand auf um das geschnittene Obst für den Nachtisch zu holen. Das Telefon klingelte. Das Gespräch war kurz. Es begann mit den Worten: „Hier ist das Krankenhaus St. Forst. Spreche ich mit Frau Helene Korsak&#8230;?“</p>
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