
Wieder eine Nacht vorbei. Wieder traumlos und wieder eine Stunde früher wach. Marek war gestern zur Sicherheit erst um eins ins Bett gegangen um seinen Großstadtrhythmus nicht zu verlieren. Aber nun, sechs Stunden später, war er hellwach und wartete auf den Sonnenaufgang. Eigentlich wartete er mehr darauf, dass es hell wurde, denn auch heute hatten die Wolken ihre himmlische Machtstellung nicht aufgegeben. Mit Heike war man gestern so verblieben, dass man Günther am Abend zur Rede stellen wollte, sofern dieser nicht noch länger in der Stadt blieb.
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Heike musste sich kurz sammeln. Die Erinnerung an das Ereignis hatte sie beinahe so stark mitgenommen, wie die beiden Zuhörer.
„Sie sagte, sie wisse, dass sie eine alte Frau sei und wohl nicht mehr viele Tage auf dieser Welt habe. Aber ihr Sohn solle ihr hier und jetzt schwören, dass er sie nicht in der Erde der Purziner Kirche beisetze. Günther verstand nicht ganz, was sie ihm sagen wollte. Er war immer noch zu aufgewühlt.
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Die Gedanken waren schwer und ungeordnet. Aufrecht im Bett sitzend schaute Marek aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Ab und an wanderte sein Blick argwöhnisch zu dem schwarzen Notizbuch, das nun auf dem Tisch lag, fast so als könnte sein Geist jetzt ausradieren, was er zwei Stunden zuvor ohne sein Zutun geschaffen haben musste. In der dieser Situation hätte er mit Allem gerechnet – auch dass das Buch plötzlich aufspringen und nach ihm schnappen könnte. Er schaute auf den Wecker. Ein Uhr. Marek rutschte in seinem Bett nach unten und begann den Kopf so weit unter die Decke zu ziehen, dass nur noch die Nasenspitze draußen nach Luft suchen durfte. So würde er jetzt verweilen bis ans Ende aller Tage. ‚Das ging schon in Ordnung’, dachte er sich.
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Vorbei und wie nie da gewesen erschien die Sonnigkeit der letzten zwei Tage, als Marek sich um acht aus dem Bett schälte. Hatte sich nach so kurzer Zeit wirklich schon sein Rhythmus verschoben? Normalerweise ging er nicht vor drei ins Bett und folglich bekam ihn auch vor Zwölf keiner zu Gesicht. Das Wetter lud auf jeden Fall zum im Bett bleiben ein. Graues Blei zog sich träge über den Himmel. Ab und an zerzauste eine Böe die kirchlichen Pappeln und Bäcker Ralesch hörte man nach jedem Kunden rufen „Tür zu!“. Bei dem Gedanken an seine Ausflugspläne dache Marek: “Wenn sein Brot so kräftig ist wie seine Stimme und sein Teig so sauer wie sein Humor, mache ich mir keine Sorgen um meinen Proviant.”
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Der nächste Morgen bot die gleiche Geräuschkulisse wie am Tag zuvor. Der Wecker auf dem Tisch, das Loch im Dach und die Vögel vor dem Fenster. Heute sollte ein guter Tag zum Schreiben sein. Voll sollte dieses öde Regal mit den zwei Machwerken werden. Voll, so voll, dass gar kein Platz mehr sein sollte für die alten Schinken, die man dann als Stütze unter das Regal legen müsste, damit es sich nach hinten neigen und nicht vornüber fallen würde. Neun Uhr – perfekte Zeit zum Aufstehen. Waschen, Anziehen, Frühstück empfangen und zurück an den Tisch am Fenster und dann Schreiben, Schreiben, Schreiben. Jawohl! Das war Mareks Tag! Alles lief auch genau so ab, bis er an die Stelle mit dem „Frühstück empfangen“ kam. Sein Vater wartete nämlich schon ungeduldig auf ihn und erinnerte an die Pläne vom letzten Abend, gemeinsam das Dach abzudichten. Ach verdammt – das hatte Marek ja schon wieder ganz vergessen. Aber der alte Herr setzte sein du hast Verantwortung übernommen“ – Gesicht auf und schon fand sich Marek im Blaumann und alten Arbeitsschuhen des Vaters auf der Baustelle im Hinterhof wieder.
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Die Nacht verlief traumlos und das Erwachen verschob Mareks Körper auf den späten Vormittag. Halb elf zeigte der monoton tickende Wecker bereits, als er seine Augen öffnete. Eigentlich war er schon seit einer Weile wach, aber er hatte sich die Zeit genommen einfach mal liegen zu bleiben und der Stille zu lauschen. Nun ist Stille auch in diesem Fall ein relativer Begriff, aber für Marek war es die Erholung pur. Keine dröhnenden Autos, kein Rauschen der Stadt, keine keifenden Mütter auf den Straßen und vor allem kein haarsträubendes New Wave-Revival, wie es sein Nachbar unter ihm in letzter Zeit so gern zelebrierte.
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Ein Windstoß ließ die zwei großen Pappeln an der Kirche erzittern. Immer schwerer erschienen die Wolken, die dem Himmel zu tragen auferlegt waren. Marek kam gedanklich wieder zu sich, schüttelte den Kopf und beschloss der Sache später nachzugehen. Er hatte ja vor, sich hier eine Weile aufzuhalten, und würde dem Kleinen zwangsweise sicher noch einmal begegnen. Dann würde er alles aufklären und dem schreckhaften Kind ein Eis kaufen – oder ein Glas Steckrübensaft oder was auch immer hier den Traditionen entsprach. Er nahm seine Koffer auf und bewegte sich wieder auf das elterliche Haus zu. Da war ein wenig Blut auf der Straße. Scheinbar war der Strauchler des Jungen doch heftiger gewesen und er hatte sich verletzt. Eine treu sorgende Mutter würde das sicher richten und wie gesagt – der Rübensaft wird das Kriegsbeil schon begraben.
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Gleise, Gleise, Gleise – Weiche – Gleise – ein Haus – noch ein Haus. ‚Ja spannend ist das nicht’, dachte Marek, der nun schon seit einer Stunde wie mit abgeschaltetem Geiste auf den Bereich der vorüber fahrenden Landschaft starrte, der dem trägen menschlichen Auge nur noch unscharfe Strukturen zu präsentieren vermag. Ab und zu wurde sein Körper vom Schaukeln der alten Wagons hin und her gewiegt. Weiche, Gleis – Gleis, Weiche.
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Hallo Freunde des herbstlichen Sonntagnachmittags,
das Wetter wird immer schlechter und eigentlich kann man die Tage inzwischen getrost als „nicht ganz so dunkle Nächte“ bezeichnen. Vor einiger Zeit hat es mich gepackt und ich habe einen kleinen Roman geschrieben. Irgendwann war er fertig und kein Verlag wollte ihn haben. Darum werde ich ihn einfach hier auf der Hausmannskost. Stück für Stück in kopfgerechten Lesehappen der freien Welt anbieten. Es ist ein Experiment.
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Gemeinsam mit Peter Benedix werde ich in dieser Woche ein spannendes Experiment starten. Wir werden hier auf hsmnnskst.de seinen Romans “Essenz” veröffentlichen.
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