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	<title>hausmannskost. &#187; essenz</title>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 11 &#8211; Dienstag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jun 2010 14:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sein Rücken bestrafte Mareks Trägheit mit aller Härte und zwang ihn fünf Stunden später doch noch den Weg in die erste Etage anzutreten. Das Bett lockte ihn zwar, aber auch der nicht übertragene Stapel Papier, der immer noch aus der dunklen Kirche übrig war, bot seine Reize dar. Um den Sieger nicht sofort zu küren, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog30_Tag11_Teil1.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog30_Tag11_Teil1.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana;">Sein Rücken bestrafte Mareks Trägheit mit aller Härte und zwang ihn fünf Stunden später doch noch den Weg in die erste Etage anzutreten. Das Bett lockte ihn zwar, aber auch der nicht übertragene Stapel Papier, der immer noch aus der dunklen Kirche übrig war, bot seine Reize dar. Um den Sieger nicht sofort zu küren, vermied Marek die Bettkante und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch.</p>
<p><span id="more-1711"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana;">‚Müdigkeit ist also der Schlüssel – oder könnte es zumindest sein.’, dachte er noch schaftrunken. Sein Blick schwankte ungleichmäßig durchs Zimmer und blieb an seinen gesammelten Werken hängen. Wollte er eigentlich noch einen Roman schreiben? Wenn er ehrlich war, so war ihm doch die ganze Sache schon fast aus den Händen geglitten, oder? Eigentlich reichte es ihm doch schon zu wissen, wie diese ganze unbewusste Schreiberei ausging? Eine Veröffentlichung wäre sicher großartig, aber dafür hätte er sich nicht so schinden müssen. Der schwarze Bildschirm des Laptops spiegelte sein Gesicht. Gezeichnet sah er aus. Er hatte gerade das Gefühl um Jahrzehnte gealtert zu sein. Die Knöchel an Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand waren geschwollen und plötzlich schwirrte eine Frage durch seinen Kopf und auch sofort wieder heraus, durch den Raum und hinaus ins Dunkel der Nacht. Nur ihr Echo konnte Marek noch vernehmen: ‚Was machst du hier eigentlich?’<br />
„Ich bin Schriftsteller. Ich mache meinen Job.“, antwortete er sich selbst laut ins Dunkel hinein. Wahrscheinlich war es einmal mehr dieser Funken Realität, dieser Hauch einer greifbaren Substanz, die ihn packte und wieder an die Arbeit zerrte. Alles hier sollte einen Grund haben. Sein Hier sein, der Tod des Vaters, die beiden Kirchen, Heike – alles. Und er würde es nur herausfinden, wenn er diese verdammten Texte vervollständigte.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato">Mein Bewusstsein kehrte zurück und ich vernahm Holz, das von Flammen verzehrt wurde und spürte die Wärme durch meine Glieder strömen. Ich öffnete meine Augen und sah einen älteren Herrn in den Gewändern eines Bischofs des Glaubens vor mir sitzen. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Ein Buch lag auf seinem Schoße und neben mir fand ich einen Teller mit duftendem Brot und dampfend warmem Wasser vor.<br />
Marek musste unterbrechen und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Waren die Texte nicht immer in der Gegenwart verfasst gewesen? Er blätterte im Dokument zurück und entsann sich. Er schien sich immer noch in einer Rückerinnerung zu befinden.<br />
Die Tracht hätte in mir einen Jubel der Freude entlocken sollen, aber nach all dem Erlebten beschlich mich Furcht und Misstrauen. Ich suchte nach dem Kästchen. Es hing immer noch um meinen Hals. Bède – wo war er? Die Erinnerung kehrte zurück und festigte den eisernen Griff, der mein Herz gepackt hatte. Lautlos stand ich auf und wollte zur Türe gehen. Ich bemerkte, dass man mich in ein duftendes, weißes Leinengewand gekleidet hatte. Ich schien auch gebadet worden zu sein. Fast hatte ich die Tür auf spitzen Zehen erreicht.<br />
„Widerstehe deiner Pein. Du bist unter Freunden.“, sprach plötzlich der Mann ohne die Augen zu öffnen. Ich erstarrte. „Setz dich und iss etwas. Deine Reise war hart und du musstest Vielem entbehren.“<br />
Am anderen Ende des Raumes war ebenfalls eine Tür. Ich wollte den Raum durchqueren doch wurde wieder geschlossenen Auges angeredet. „Ich möchte dich wirklich bitten etwas Nahrung zu dir zu nehmen. Bède hätte gewollt, dass du auf mich hörst. Ihr wart auf dem Wege zu mir.“<br />
Ich blieb stehen und mein Verstand verzagte bei der Frage wie der Mann seinen Kopf meinen lautlosen Schritten folgen lassen konnte ohne mich zu sehen.<br />
„Seid ihr blind?“, fragte ich in kindlicher Manier.<br />
„Ich sehe besser als jeder andere Mensch auf Gottes Erden und du wirst es auch bald tun. Nur bitte setze und nähre dich. Auch eine Commutata ist gewissen weltlichen Bedürfnissen unterlegen.“<br />
Ich kannte damals noch nicht die Bedeutung dieses Begriffes, aber das Gefühl der Furcht wich und ich kehrte zurück auf mein Lager.<br />
„Was ist mit Bède? Und wo bin ich?“<br />
„Bède ist heimgekehrt, aber wir konnten seinen Leib noch nicht bringen. Iss erst. Dann reden wir.“, und so stand er auf und ging ohne ein Lid zu öffnen zur Tür. An der Schwelle sprach er: „Du bist frei zu gehen, wohin es dir beliebt. Nur bitte ich dich dennoch hier auf mich zu warten und noch eine Weile zu ruhen. Ich werde noch ein paar Vorkehrungen zu treffen haben aber bald wieder bei dir sein.“<br />
Ich nickte und er lächelte. Die Tür schloss sich. Ich gab meiner Begierde nach und grub meine Zähne eiligst in das Brot. Ein unendlicher Traum an einfachsten Genüssen durchströmte meinen Leib und eine leichte Trauer umfasste mich, dass mein Retter und Beschützer dies nicht mehr erleben konnte. So saß ich eine zeitlang und spürte die Wärme des Feuers in mich strömen. Still und allein mit mir und der Welt. Schließlich öffnete sich die Tür erneut. Zwei Frauen traten herein und brachten mir das Gewand einer Perfecta. Ich verstand und ließ mich ankleiden. Danach erschien wieder der Mann mit den verschlossenen Lidern und begann zu erzählen:<br />
„Nun meine liebe Jean, du bist in der Festung von Sirmione. Mein Name ist Bischof Fassio und ich bin hoch erfreut dich zu sehen und zutiefst betrübt über die Umstände. Es war nicht geplant dich jetzt schon hierher zu bringen. Eigentlich bist du noch zu jung aber die Zeit spielt gegen uns und wir werden uns nicht mehr lange die Freizügigkeiten erkaufen können, die wir jetzt noch haben. Wir haben einen Feind, liebe Jean. Du kennst ihn aber wir sind guter Hoffnung, dass er dich nicht kennt. Als wir hörten, dass Luzern gefallen ist ahnten wir, dass Bède den Kontakt abbrechen und durch die Berge zu dringen versuchen würde. Wir mussten schnell handeln und haben unsere Reiter entsannt. Fast zwei Wochen lang hat man Euch gesucht. Für Bruder Bède kam leider jede Hilfe zu spät. Mit der letzten Wärme seines Herzens hat er Euch am Leben erhalten.“<br />
„Was ist mit seiner Seele?“, unterbrach ich ihn. „Er musste schlimme Dinge tun um mich zu bewahren. Wir müssen einen Weg finden ihn vor dem Herrn zu reinigen.“<br />
„Das wird leider nicht mehr möglich sein. Er hatte seine unsterbliche Seele für dich geopfert und dessen war er sich stets bewusst.“<br />
Ich spürte Verzweiflung sich meiner bemannen. Diese Ungerechtigkeit wollte ich nicht akzeptieren: „Es kann nicht Gottes Wille sein die Menschen zu strafen, die sein Werk bewahren.“<br />
Doch der Bischof wurde ernst: „Ich verstehe deinen Schmerz, aber du bist jung und wirst erkennen, dass dieses Opfer notwendig gewesen ist. Er-“<br />
„Es kann doch keine Sünde sein, für einen anderen die Erlangung der absoluten Reinheit aufzugeben!“, rief ich erregt dazwischen.<br />
„Ich werde hier und jetzt nicht mit dir darüber reden.“, erwiderte der Bischof. „Die Bedeutung deiner Aufgabe steht über dem Schicksal einer einzelnen Seele.“<br />
„Nichts und niemand steht über dem Schicksal einer Seele.“, brüllte ich ihn an. Der Bischof wendete seinen Kopf ab. „Ich sehe, du bist noch nicht bereit. Ich werde dich jetzt verlassen und zurückkehren, wenn dein Geist sich gefasst hat. Sag mir, konntest du schon das Lesen der Schrift erlernen?“<br />
Mein kindlicher Verstand verschloss sich dem Bischof und ich schwieg. Er legte mir das Johannesevangelium vor die Füße. Ich schrak davor zurück wie zielsicher er dies trotz geschlossener Augen vollführte. Dann verließ er mich. Doch war ich noch zu jung gewesen und hatte die Lehren der Schrift nur gesprochen erfahren dürfen. Das geschriebene Wort konnte ich nicht nutzen. Nach einer Weile beruhigte ich mich wieder und verfiel in tiefes Gebet für meinen gefallenen Retter. Dann betete ich für meine Mutter und alle ums Leben gekommenen Menschen in Montségur. Ich machte keinen Unterschied, ob es Katharer oder Katholiken gewesen waren. Jede Seele, die an diesem Tage das Weltliche verlassen hatte, schloss ich in meine Bitten an den Herrn mit ein.<br />
Als ich mein Gebet beendet und meine Lider sich wieder öffneten, saß bereits Bischof Fassio auf seinem Stuhl und wartete. Ich hatte kein Anzeichen seines Eintretens vernommen und er fuhr fort zu sprechen, als hätte er nie aufgehört.<br />
„Deine Rettung gelang in letzter Minute, denn wisse, dass ein Ritter der Kirche hier vor Sirmione Tag um Nacht gelauert hat. Die Nachricht über Luzern erreichte uns nur unwesentlich früher als ihn und dennoch war es dieser Wimpernschlag des Schicksals, der uns ihm zuvor kommen ließ. Dieser Ritter war darauf aus Bède zu finden. Wir können nur hoffen, dass er nun, da er dem toten Leibe fündig geworden, in seinem Vorhaben befriedigt ist. Ich will dir nun aber enthüllen, warum dies alles notwendig war. Siehe das Kästchen um deinen Hals, das dir Bischof Marty gab. Wir werden es heute noch öffnen. Vorher jedoch lasse dir erklären, warum wir hier leben und warum wir überhaupt noch am Leben sind. Rom sieht in uns einen seiner ärgsten Feinde und doch sind wir die besten Freunde, die sie sich wünschen können.“<br />
Jeden mit meiner damaligen Lebenserfahrung hätte dies verwundert, aber ich brauchte die Frage nicht zu stellen.<br />
„Dass wir bekämpft und ausgerottet werden wie Schädlinge, hast du zur Genüge erfahren. Wir werden als Bedrohung für einen Glauben angesehen, der auf der Allmacht eines einzelnen Menschen fußt, eines befleckt zur Welt gekommenen Wesens, das nie die wahre Reinheit erlangen wird. Wenn die Kinder Gottes auf der Welt dies erkennen würden, täte der Stern dieses Einen sinken und all die weltlichen Güter zwischen den beringten Fingern zerrinnen. Nun sitzen wir hier und sind noch am Leben. Das Heer des Papstes ist mächtig. Nach dem großen Kreuzzug gegen unseren Glauben blieben nur zwei große Festungen bestehen, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre uns niederzuringen. Diese beiden Festungen sind Sirmione und war Montségur. Warum, mein Kind, glaubst du, hat man uns verschont?“<br />
Ahnungslos zuckte ich mit den Schultern. Was der Bischof da sagte, erklang sinnig. Ich hatte das Heer gesehen und dies war sicher nur ein Teil des Ganzen gewesen.<br />
„Weil wir etwas besitzen, was sie haben wollen und wir geben es ihnen. Tag für Tag. Wir erkaufen uns den Frieden und Montségur war eines Tages nicht mehr in der Lage zu bezahlen. Komm. Ich zeige es dir.“<br />
Damit stand der Bischof auf und streckte seine Hand aus. Ich ergriff sie und wir verließen den Raum. Wir durchquerten einen langen Gang. Durch ein hochgelegenes Fenster konnte ich den Himmel sehen und die frische Luft schmecken. Zielsicher führte mich der Bischof hinab ins Innere der Festung. Immer wieder beschritten wir kurze Wendeltreppen und Türen wurden für uns geöffnet.<br />
„Und du kannst wirklich alles sehen?“, fragte ich im Gehen erneut.<br />
„Natürlich, mein Kind.“, antwortete der Bischof ohne auch nur ein Lid zu öffnen.<br />
Später erfuhr ich, dass wir bereits mehrere Meter im Festungsberg waren, als sich eine von vier Männern bewachte Tür schwer knarrend vor uns öffnete. Ein langer Gang erstreckte sich vor uns. Links und rechts saßen Schreiber und füllten Bücher mit Schriften. Einige schienen aus Vorlagen zu kopieren, andere schrieben aus dem Gedächtnis. Große Regale gefüllt mit ledergebundenen Schriften reihten sich an den Wänden auf. Der Gang führte zu einer weiteren Tür. Als sie geöffnet wurde, trieb mir ein Schwall heißer, ätzend scharfer Luft die Tränen in die Augen.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 11. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Jun 2010 14:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog29_Tag10_Teil11.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog29_Tag10_Teil11.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Also erstmal finde ich es schade, dass du hier bei uns so schlecht schläfst. Also ich meine bevor-“, versuchte Heike etwas verlegen die Kurve zu kriegen. „Bevor das mit Heinz passiert ist und da du mich schon wieder so verwundert anschaust, erklär’ ich dir gleich mal den Zusammenhang. Also: Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, dann achte mal drauf. Du wirst das Brummen nur hören, wenn du zu wenig Schlaf bekommen hast. Wenn du so richtig schön matschig im Kopf bist und eigentlich im Stehen einschlafen könntest. Glaub’ mir, wenn du erstmal Mutter bist, kannst du erst recht ein Lied davon singen.“</p>
<p><span id="more-1707"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Marek versuchte ihr Grinsen zu erwidern, aber das war mehr ein Reflex als eine geplante Reaktion. Seine Aufmerksamkeit hatte dafür gerade keinen Spielraum, denn seine Gedanken hatten begonnen die Ereignisse der letzten Tage neu zu sortieren. Ja tatsächlich. In der Nacht zum Sonntag hatte er hervorragend geschlafen und beim Gang zur Messe war kein Brummen zu vernehmen. Das war wirklich der einzige Unterschied, den er ausmachen konnte. Er machte sich keinen Vorwurf, dass er diesen Zusammenhang nicht selbst erkannt hatte. Wichtiger war es nun Heike weiter zuzuhören:<br />
„Also, ich habe es in den ersten Monaten nach Frederiks Geburt bis in mein Schlafzimmer gehört. Wie weit hörst du es denn?“<br />
„Nur ein paar Meter im Umkreis. Aber in der Kirche selbst ist Ruhe.“<br />
„Ja, das stimmt.“, pflichtete Heike ihm bei. „Das geht aber fast jedem hier so. Gibt nur ganz wenige Leute, die auch bei Schlafmangel das Brummen nicht hören. Die einfachste Möglichkeit ist immer noch ein gesunder Schlaf und der macht als Nebeneffekt auch noch gute Laune.“<br />
„Ja aber woher kommt das denn? Das ist doch nicht normal.“<br />
„Das ist schon richtig und es ist auch kein Geheimnis. Ab und zu erinnert sich mal jemand von Außerhalb daran und dann kommen sie wieder her und machen ihre Messungen. In den Siebzigern hatten wir mal viel Presse hier. Und die letzten Messungen sind gar nicht so lange her. Mitte 2006 war das, aber das lag auch daran, dass man in München zu der Zeit glaubte ein ähnliches Phänomen zu haben. Wir haben echt alles durch &#8211; Magnetfeldmessungen, Infraschallmessungen und was weiß ich nicht alles. Wünschelrutengänger sind um die Kirche gelaufen und haben nach Wasseradern gesucht, was nicht besonders schwer ist, weil jedes Gehöft hier sowieso einen eigenen Brunnen hat. Na und das Schärfste gab’s 1984, als so ein Sektenführer aus der Schweiz unsere Kirche als Signalgeber für seine außerirdischen Freunde erkannte. Da war aber ordentlich was los. Unser Pfaffe konnte da richtig energisch werden.“<br />
„Und es gab nie irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte Marek ungläubig. Heike fröstelte und setzte sich beim Sprechen wieder in Bewegung um den Rundgang endlich Richtung Dorfkrug zu führen. „Das Einzige was man festgestellt hat ist ein Zusammenhang zwischen der Übermüdung eines Menschen und dessen Empfindsamkeit gegenüber dem Brummen. Die letzte Theorie, die ich gehört habe, war die, dass das Gebäude aufgrund seiner Konstruktion irgendwie als Resonanzkörper dient und dann wohl eine unbekannte Infraschallquelle verstärkt. Man konnte sogar 2006 ein leichtes Vibrieren feststellen aber das war so fein, dass es auch von irgendwelchen Erntemaschinen oder von der Bahntrasse oder woher auch immer kommen konnte.“<br />
Für Marek war das immer noch alles andere als befriedigend: „Aber jetzt ist es Nacht. Da fahren keine Erntemaschinen.“<br />
„Du kannst dir das auch gerne selbst zusammenrecherchieren. Geh’ ins Internet. Da gibt’s seitenweise Material über diesen Brummton. Das ist sogar der offizielle Name und es gibt, ob du es glaubst oder nicht, verschiedene Gesellschaften, die sich mit der „Erforschung des Brummtons“ befassen. Das einzige Besondere hier ist, dass man es auf die Kirche fixieren konnte auch wenn niemand sagen kann, ob es das Gebäude selbst ist oder nur eine Verstärkung stattfindet.“<br />
„Ich würde ja gern ins Internet gehen, aber ich hab’ gerade nicht die Zeit dafür in die Stadt zu fahren.“<br />
„Na so ein Blödsinn“, antwortete Heike „Du denkst wohl auch wir leben hier hinter ’m Mond. Nur weil Korsaks hinterher hängen, muss das ja nicht für alle gelten. Kannst gerne mal bei mir vorbei kommen und dich vom Gegenteil überzeugen.“<br />
Die Dunkelheit der Nacht konnte nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass Marek puterrot anlief. Aber nach Selbstbestrafung stand ihm jetzt nicht der Sinn. Er war noch nicht befriedigt, was die ganze Sache anging.<br />
„Na und nun?“, fragte er weiter. „Ich meine, seid ihr nicht neugierig? Die Kirche müsste doch auch ein riesiger Touristenmagnet sein, wenn das alles so bekannt ist?“<br />
„Ach, das war sie ja in den Achtzigern auch, nachdem dieser Sektenheini hier so einen Radau gemacht hat. Aber schau mal Marek. Die Leute, die hier wohnen, wollen ihre Ruhe. Arbeiten kann man in der Stadt zur Genüge, aber die reine Natur und den Frieden unter Leuten, mit denen man per Du ist, findest du hier. Manche Sachen akzeptiert man entweder oder man verbringt sein halbes Leben damit sie zu erforschen. Schau mal, die Grotte von Lourdes hat man auch einfach akzeptiert und man akzeptiert auch das Bermudadreieck. Irgendwann wird mal ein Wissenschaftler kommen und das alles erklären, aber bis dahin schlafen wir uns hier einfach gut aus und haben unsere Ruhe.“<br />
„Also Lourdes und das Bermudadreieck sind ja nun nicht gerade gute Beispiele.“, monierte Marek. „Das eine basiert auf Hysterie und wahrscheinlich auf dem Kohlenmonoxid der vielen Kerzen in der Grotte und das andere auf Science Fiction und irgendwelchen betrunkenen Frachterkapitänen.“<br />
Heike zog die Oberlippe hoch und schnaufte: „Kleiner Skeptiker, was? Na wenn du so gut Bescheid weißt, konntest du in der Woche, in der du hier bist, bestimmt eine Erklärung für das Brummen finden, zu dem wir, die hier schon immer leben, nicht in der Lage waren.<br />
Ja, er war mal wieder zu großkotzig gewesen. Eigentlich war das nicht seine Absicht, aber er konnte es nun mal nicht ertragen, wenn sich etwas seinen Erklärungsversuchen entzog und dann auch noch sein Diskussionspartner dies als gottgegeben abwinkte. Er brummte verlegen. Diese Frau wusste es wirklich ihn an die Wand zu stellen.<br />
„Na also“, fuhr Heike fort, diesmal aber nicht triumphierend wie sonst sondern unangenehm ernst. „Bitte erheb’ dich also nicht über uns. Wir haben gelernt es zu akzeptieren, weil niemand uns sagen konnte, was die Ursache ist und was interessiert denn auch die Welt so ein kleines Kaff?“<br />
Sie gingen weiter und führten eine unangenehme Kühle mit sich. Keiner von beiden hatte plötzlich noch Lust in den immer näher rückenden Dorfkrug einzukehren. ‚Müdigkeit also. Vielleicht ist es auch Müdigkeit, die mich in den Kirchen diese andere Sache tun lässt. Nur blöd, dass man automatisch nicht gut schläft, wenn einem so etwas im Kopf rum geht, sonst könnte ich es testen.’ Als er dies dachte, fiel Marek etwas auf und einmal mehr erkannte er die gute Seele, die in Heike innewohnte und er schämte sich so undankbar neben ihr her zu laufen.<br />
„Heike“, sagte er und blieb stehen. Heike drehte sich leicht gereizt zu ihm um. „Danke, dass du das Brummen hörst.“<br />
Im ersten Moment war Heike nicht klar, warum Marek das jetzt gesagt hatte. Dann sah sie den feuchten Schimmer in seinen Augen und war froh, dass er doch nicht der grobe Klotz war, für den er sich eben noch ausgegeben hatte. Der Grund dafür, dass Heike gerade jetzt das Brummen wahrnahm, konnte nur darin liegen, dass sie die letzte Nacht nur schlecht oder gar nicht geschlafen hatte. Marek erkannte darin, wie sehr ihr der Tod seines Vaters zu Herzen ging, und dass sie ihm dies eigentlich zu keinem Zeitpunkt hatte spüren lassen. Sie hatte ihre eigene Trauer für sich behalten. Es entstand ein Moment sanfter Verbundenheit. Ein kühler Windstoß hätte das Band zwischen ihnen in diesem Augenblick trennen können. Aber nichts dergleichen geschah. Das Licht des Dorfkruges brach sich an Heikes Konturen und verlieh ihr einen hellen Saum, der sie unantastbar zu machen schien. Das unsichtbare Band zwischen ihnen zog die Beiden zueinander hin aber sie widerstanden und genossen das wiederkehrende Gefühl der Vertrautheit. Für Marek gab es in diesem Augenblick nur zwei Möglichkeiten. Sich freundschaftlich zu umarmen oder das zu Ende zu bringen, was er vor ein paar Tagen auf dem Dach verbockt hatte. Die Kraft des Bandes begann nachzulassen und sie wussten, dass der Moment fast vorüber war. Heike riss das Ruder an sich und entschied sich für eine dritte Lösung. Schnell überbrückten ihre Lippen die Distanz und nahmen einen flüchtigen Kontakt mit den Seinen auf. Dann ein mädchenhaftes Lächeln um die eigene Nervosität zu überspielen, ein Griff nach der Hand des Anderen und ab in das alles Neutralisierende einer verrauchten Dorfkneipe.<br />
Die Wirtin war eigentlich schon dabei die Stühle hochzustellen. Allem Anschein nach war der eigentliche Wirt heute selbst sein bester Kunde gewesen und hatte Mühe seiner Frau mit kontrollierten Bewegungen zur Hand zu gehen. Schließlich griff die wohlbeleibte Frau in die Tasche ihrer Kittelschürze, holte eine kleine Flasche Weinbrand hervor, drücke sie ihrem alles andere als beleibten Mann in die Hand und diesen selbst in eine der zwei Sitzecken. Da sollte er bleiben und Ruhe geben, bis sie den Laden dichtgemacht hatte. Dazu kam es aber nicht, da Marek und Heike das Lokal betraten. Normalerweise hätte die Frau Wirtin, eine kleine Frau in den Vierzigern mit leicht ergrautem Haar, das zu einem dicken Dutt gebunden war, sie in barschem Ton zurück ins Freie befördert. Als sie aber Marek sah, hatte ihr rüdes aber gutes Herz ein Einsehen.<br />
Ein Kleines frisch vom Fass rann schnell jeweils in eine Kehle und schon hatten Heike und Marek beschlossen, es nicht dabei zu belassen. Zwei große Pils rückten nach.<br />
„Du betrinkst dich doch jetzt nicht, oder?“, fragte Heike.<br />
Marek lächelte. Eine Steilvorlage für alles Mögliche war das schon gewesen, aber er schuldete es dem alten Herrn jetzt einfach mal die Klappe zu halten. So saßen sie für einen Moment schweigend da und waren einfach nur froh nicht alleine zu sein. Das zweite Bier war zur Hälfte verschwunden, als Marek wieder redseliger wurde: „Erzähl mir was über das Dorf. Ich möchte wissen, was meinen Vater hier gehalten hat?“<br />
„Puh – wo soll ich da anfangen. Also, eine Historikerin bin ich nicht, da musste schon den Pfarrer fragen, aber wir sind hier halt alle mehr oder weniger eine Gemeinschaft und bis vor ein paar Jahren hatten wir tagsüber nicht mal die Häuser abgeschlossen. Ich denke diese Vertrautheit, die man in so einem Dorf mit der Zeit untereinander entwickelt, hat Heinz so gefallen.“<br />
„Aber ist es nicht ungewöhnlich, dass jeder mit jedem klar kommt?“<br />
„Das hab’ ich doch gar nicht gesagt. Klar haste immer mal irgendwo Knatsch oder Krach. Aber dann distanziert man sich einfach wieder für eine Weile voneinander und dann geht das schon wieder. Manche Menschen können halt einfach nicht miteinander. Da kann man machen, was man will.“<br />
„Und wie war das so mit meinem Vater? Der Sturkopf kam doch bestimmt nicht mit allen klar, oder?“<br />
„Ach so, wie ich das mitbekommen habe schon. Deine Mutter ist da ja auch immer noch ein guter Puffer. Die hat bestimmt schon Einiges nachträglich ins rechte Licht gerückt, was Heinz verbockt hat.“<br />
Beide lächelten wissend und wieder floss der Gerstensaft. Marek sah sich um. Abgesehen vom Wirt, der sich wacker an seiner kleinen Schnapsflasche festhielt, waren sie allein im Lokal. Sein Blick fiel auf die Skatecke, an der er Günther und die Bernd-Brüder getroffen hatte.<br />
„Sag mal, weißt du, ob mein Vater Stress mit dem Bernd hatte?“<br />
„Nö – ich glaube, der Pfarrer hat mit niemandem Stress. Kann der doch gar nicht. Von Berufswegen her schon.“, griente Heike zurück. Das Bier begann seine Wirkung zu entfalten und der leichte Rausch einer schlaflosen Nacht tat sein Übriges dazu.<br />
„Ich meine doch den Bruder. Diesen Justus Bernd.“, und Marek erzählte von dessen seltsamem Verhalten, als er sich für die Rettung seines Vaters bedanken wollte.<br />
„Und er hat wirklich „in diese Welt“ gesagt?“, fragte Heike verhalten.<br />
„Ja und als sein Bruder sich gleich danach entschuldigen wollte, spielte er es herunter.“<br />
„Also ich muss sagen, ich finde das jetzt auch nicht so spektakulär, wie du es schilderst.“<br />
„Du hast den Tonfall nicht gehört.“, fuhr Marek mit steigender Erregung fort. „Genau wie heute Mittag. Ich habe Justus an der Kirche getroffen und er war überhaupt nicht erfreut darüber, dass wir meinen Vater hier und nicht woanders beisetzen wollen.“<br />
„Ach so? Aber da hat doch ohnehin der Pfarrer das letzte Wort, oder?“<br />
Verdammt. Hatte er da eine Doppeldeutigkeit vernommen? Unsinn. Marek riss sich zusammen um nicht irgendwelchen paranoiden Vorstellungen zu unterliegen.<br />
„Pfarrer Bernd meinte, er müsse da noch die behördliche Seite prüfen, aber hat mir heute Nachmittag dann das OK gegeben. Wäre ja noch schöner, wenn die Ämter uns jetzt vorschreiben würden, wo wir unsere Toten begraben!“<br />
Heike antwortete nicht sondern ließ den Blick in ihrem Glas versinken. Für den Moment schien sie unendlich weit weg zu sein.<br />
„Alles klar?“, holte Marek sie zurück.<br />
„Ja, alles klar. Na wenn der Pfarrer sein OK gibt, kann Justus so viel lamentieren wie er will. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass er generell was gegen deinen Vater hatte. Die beiden kamen ganz gut klar.“<br />
„Dann macht sein Verhalten doch noch viel weniger Sinn.“<br />
„Sag mal, du gehörst aber auch zu denen, die jede Verschwörungstheorie in sich aufsaugen.“, und da war es wieder – ihr berühmtes, keckes Lächeln, dass selbst dem unglücklichsten Menschen die Sonne ins Herz trieb.<br />
„Ich halte nicht viel von diesem ganzen Verschwörungskram. Alle stecken unter einer Decke und nur wenige kontrollieren im Verborgenen alles und jeden. Das ist meiner Meinung nach Stoff fürs Kino. Findest du nicht?“<br />
„Ich finde, wir sollten jetzt aufbrechen. Ich muss morgen früh zur Arbeit und die gute Heidi wollte schon lange dicht machen.“, als die Wirtin das hörte, winkte sie verlegen ab. Dennoch lehrten beide ihre Gläser, Marek bezahlte und beide schleppten ihren leichten Schwips ins Freie. Da der direkte Weg nach Hause einen Bogen um die Kirche machte, gab es auch kein Brummen und bald waren sie wieder vor ihren Häusern. Eine kurze Umarmung, ohne die Chance auf mehr, und beide gingen ihrer Wege. Es war nicht die Zeit für Mutmaßungen und weitere Nachforschungen. Der Tag war viel zu lang um in vierundzwanzig Stunden hinein zu passen und so endete er für Marek schnell und klanglos auf dem Wohnzimmersofa.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 10. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Jun 2010 14:00:08 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Wir sind bereits fünf Tage unterwegs. Eis und Schnee haben die noch grünen Wiesen Norditaliens abgelöst und schneiden mit scharfen Winden in Mensch und Tier. Meine Männer versuchen kein Anzeichen von Schwäche zu zeigen, aber selbst mir gelingt es nicht immer die Festigkeit der Stimme zu wahren. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Pfad [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog28_Tag10_Teil10.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog28_Tag10_Teil10.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wir sind bereits fünf Tage unterwegs. Eis und Schnee haben die noch grünen Wiesen Norditaliens abgelöst und schneiden mit scharfen Winden in Mensch und Tier. Meine Männer versuchen kein Anzeichen von Schwäche zu zeigen, aber selbst mir gelingt es nicht immer die Festigkeit der Stimme zu wahren. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Pfad bin. Der Herr führet mich und wird mich nicht zagend machen.</i></p>
<p><span id="more-1704"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Viele Stürme haben wir nun in den zerklüfteten Landschaften dieser Berge erlebt und auch heute müssen wir absteigen und unsere Pferde zu Fuß zu einem nahe gelegenen Unterstand führen. Auch wenn es mir Unwohlsein bereitet so gebe ich zu, dass ich befürchte, mein Verstand entsagt mir von Zeit zu Zeit in dieser weißen Hölle. Vor allem in Momenten wie diesem, wenn der Wind den fallenden Schnee in eine einzige weiße Wand ohne Fixpunkt für Auge und Geist verwandelt glaubte ich schon oft Konturen oder Formen zu erkennen, die es nicht gab. Meistens stürzte ich in den Sturm hinein und sah mich plötzlich vor einer aus dem Boden ragenden Felswand stehen. Auch meine Männer sehen mitunter schemenhafte Geister durch die Stürme huschen und verfallen ein ums andere Mal in Schutzgebete. Der Herr hat diesen Ort nicht für den Menschen geschaffen und wir erheben auch keinen Anspruch darauf, aber der Ketzer ist hier irgendwo und ich werde ihn aufbringen. Ich stehe am Ausgang einer kleinen Höhle und sehe den Wind aus dem Nichts Dinge in den Raum zeichnen, die da nicht sind und ebenso schnell verwehen sie auch wieder. In meinen Ohren ist nur Heulen und eisige Kälte, die versucht unseren Mut zu fressen und unsere Herzen zu erfrieren.<br />
Schließlich wird der Sturm schwächer. Noch sind die Winde nicht vollends zur Ruhe gekommen, aber ich und meine Männer sind bereit und treiben die Pferde voran. Eine weitere Stunde sind wir unterwegs. Für eine Weile glaube ich, dass ich wieder einem Spuk auferlegt bin, aber schließlich stelle ich fest, dass sich die Umrisse vor mir in der wehenden Wand aus Schnee nicht zu verändern scheinen. Wir reiten auf eine Steilwand zu. Ein kleiner Vorsprung hebt sich in zwei Meter Höhe daraus hervor und darunter scheint ein kleiner Berg dem Wehen zu trotzen. Mein Blick bleibt an diesem Hügel haften. Er ist nicht so kantig wie andere aus dem Stein gebrochenen Blöcke hier überall. Etwas scheint an ihm zu hängen und im Wind zu flattern. Eine Ahnung beschleicht mich. Ohne Hast reite ich heran und steige ab. Vor mir im Schnee erhebt sich die Gestalt eines in sich zusammengekauerten Mannes. In Fetzen hängen ungeeignete Kleidungsstücke von ihm herab. Der gefrorene Körper entspricht der Beschreibung des Heilers aus Saint-Flour. Ich knie nieder und berühre sein Gesicht. „Hier bist du also, mein lange Verschollener. Dem Scheiterhaufen bist du entkommen, aber ein anderes Feuer hat dich verzehrt.“<br />
In Gedanken zolle ich dem letzten Kämpfer von Montségur den Respekt, den ein Jäger seiner Beute zollen sollte. Sein Geheimnis scheint er mit ins Grab genommen zu haben und was es auch war, von dort aus wird es keinen Schaden mehr anrichten können.<br />
Dennoch scheint keine Befriedigung in mein Herz vorzudringen. Etwas an dem Allem hier erweckt mein Unbehagen. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte den sitzenden Körper. Auch meine Männer kommen hinzu. Einer der beiden deutet auf die Arme. „Herr, dieser Mann sieht aus, als hätte er etwas umklammert als er starb.“ Und tatsächlich bilden seine Arme einen Hohlraum der schon langsam beginnt sich mit Schnee zu füllen. Es war unmöglich, dass er etwas von dieser Größe durch das…“</i></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Ende der Aufzeichnungen. Die Uhr zeigte halb Elf und Marek brauchte erneut eine Pause. Es war nicht der Umfang, der ihn so erschöpfte, er hatte in seinen guten Zeiten schon weit längere Passagen am Stück verfasst. Vielmehr war es der Inhalt selbst, der ihm den Mund austrocknen und den Schweiß auf die Stirn treten ließ. Jeder beschriebene Gegenstand schwebte klaren Bildes vor seinem geistigen Auge und jedes Adjektiv fuhr spürbar in ihn hinein. Manchmal war es sogar so, als würde er Dialoge nicht von der Handschrift in den Computer übertragen sondern direkt aus seinem Gehör. Eigentlich schrieb er ja nur ab und sein eigener Verstand hätte dabei pausieren können, aber alles in allem war es eine höchst körperliche Erfahrung. Marek wollte in den Garten gehen und kramte sein Telefon unter den Papierstapeln hervor. Das Display verriet drei verpasste Anrufe. Alle von Isabel. Scheinbar war er so vertieft gewesen, dass er das Klingeln einfach überhört hatte. Ohne weiter nachzudenken wurde der Rückruf gestartet. Die Begrüßung war schlicht und von beiden Seiten vorsichtig entgegenkommend.<br />
„Du, ich wollte hören wie es dir geht und dann habe ich was über deine zwei lateinischen Sätze herausgefunden.“<br />
„Es geht schon“, antwortete Marek. „Ich muss jetzt ein wenig auf meine Mutter aufpassen.“<br />
Kurze Pause. „Und wer passt auf dich auf?“<br />
Fast hätte Marek Heike erwähnt, aber befand es dann doch für unangemessen: „Ich bin schon groß und lenk’ mich schon irgendwie ab. Erzähl mal. Was bedeutet der Kram denn?“<br />
„Ein Freund von mit ist Lehrer für Latein und Geschichte hier am Leibnitz-Gymnasium. Also sinnbildlich übersetzt bedeutet es: „Bringt sie um. Gott weiß wer die Seinen sind.“ Wo stand das denn? In einem KZ?“<br />
Marek entfloh für einen Moment dem Gespräch. Dieser Satz kam ihm irgendwie bekannt vor.<br />
„Isi, ich ruf’ dich gleich zurück, okay?“<br />
Sie bestätigte leicht verwirrt und die Verbindung wurde gekappt. Marek war sich sicher diesen Satz schon einmal gesehen zu haben – wahrscheinlich sogar in diesen merkwürdigen Texten. Wundern täte es ihn nicht. Glücklicherweise verfügen moderne Textverarbeitungen über Suchfunktionen. Da er die zwei Sätze in der dunklen Kirche gefunden hatte, suchte er zuerst in diesem Text. Keine Treffer. Dann öffnete er den Text der weißen Kirche. Wieder keine Treffer. Nein, wahrscheinlich stimmte die Schreibweise nicht. Isi sagte ja, dass ihre Übersetzung nur sinngemäß sei. Marek versuchte die Suche an den altertümlichen Sprechstil des Textes anzupassen, ersetzte „Gott“ durch „Herr“ und reduzierte die Anzahl möglicher falscher Worte. Plötzlich sprang der Cursor auf den Anfang eines in Anführungszeichen stehenden Satzes: „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen!“. Marek überflog den zugehörigen Zusammenhang. Die Schlacht von Montségur. Aiolfo trieb mit diesem Ruf seine Truppen in die Schlacht. ‚Seltsam’, dachte Marek ‚wenn dieser Spruch in der weißen Kirche gestanden hätte, könnte ich mir vielleicht noch einen Sinn zusammenreimen, aber dennoch stellt sich die Frage, warum jemand einen so brutalen Spruch an die Türen einer Kirche schreibt? Und dann noch im Verborgenen?’<br />
Die Wahlwiederholung des Telefons wurde aktiviert.<br />
„Ich bin’s. Sag’ mal, könntest du vielleicht noch was für mich raus finden?“<br />
„Ich kann’s versuchen.“<br />
Marek bat Isabel seine Fassung des Textes durch eine Suchmaschine zu jagen. Außerdem sollte sie für ihn das Datum 16. März 1244 und den Begriff Albigenser und Katharer recherchieren.<br />
„Ja, das kann ich machen. Aber ich wollte dir auch noch mal sagen, dass mein Angebot zu kommen immer noch steht.“<br />
Marek war durch die neuen Entdeckungen zu erregt, als dass er den sorgenvollen Unterton in ihrer Stimme hätte bemerken können.<br />
„Ja danke, aber es ist schon in Ordnung. Bitte beeil dich mit den Recherchen, ja?“<br />
„Ich tu’ was ich kann, aber bitte unterschätze deine Trauer nicht. Wir beide wissen, dass wir Meister im Verdrängen sind, aber das geht nicht lange gut. Ich kann mich ja um deine Mutter kümmern, dann hast du etwas Zeit für dich. Sie muss ja nicht wissen, dass wir nicht mehr-“<br />
„Ähm – ja – danke, aber wie gesagt, das geht schon.“, antwortete Marek hektisch. Isabel wusste nicht genau, wie sie reagieren sollte &#8211; in einer anderen Situation sicher erst gekränkt und daraus folgend spitzfindig und arrogant. Allerdings erschuf der Tod von Mareks Vater eine Situation, die ihr das verbat.<br />
„Also, ich beeil mich, aber ich komme erst morgen im Laden wieder ins Internet. Das dauert hier bei mir noch eine Weile mit dem Anschluss.“<br />
„Ja, kein Problem. Meld dich einfach, wenn du was hast. Bis später, ja?“<br />
„Ja, mach’s gut.“ Das Gespräch war beendet. Während der Eine durchs Zimmer zu tigern begann und versuchte einen Reim auf das alles zu machen, war die Andere, einige hundert Kilometer weit weg, äußerst bestürzt zurückgeblieben. Vor dem Gespräch hatte sie die entfernte Hoffnung gehabt, dass der Schicksalsschlag des Exfreundes sie beide wieder etwas näher hätte zusammenrücken lassen können. Seine Trauer schien sich allerdings in sehr merkwürdiger Form zu manifestieren und ihr war nicht so ganz klar, ob sie dies unterstützen oder einfach in den nächsten Zug steigen und die vermeintliche Mauer der Verdrängung vor Ort durchbrechen sollte? Isabel entschied, dass sie diesen Schritt vor ein paar Monaten noch bereit gewesen wäre zu gehen, aber sich heute auf keinen Fall aufdrängen wollte. Sie würde morgen irgendwann nach diesen Angaben forschen und ihn dann am Abend wieder anrufen. Nicht sofort, wie er es wollte, denn so musste er mehr Zeit mit sich selbst verbringen und das täte dem verdammten Querkopf sicher mal ganz gut.<br />
Der Querkopf hingegen lief weiter in dem kleinen Arbeitszimmer auf und ab. ‚Warum sollte ich einen solchen Spruch verbergen? Und warum sollte ich überhaupt in einer Kirche dazu aufrufen Menschen zu töten? Geht es überhaupt um Menschen? Um was denn sonst? Blödmann! Ich will etwas verbergen, damit man es nicht sieht – oder ich will, dass es nur bestimmte Leute sehen und zwar die, die sich in der Kirche befinden. In eine Kirche kann aber jeder – es sei denn, es gab so etwas wie „geschlossene Veranstaltungen“, zu denen die Abdeckungen dann entfernt wurden. Ich kann ja nicht mal behaupten, ich hätte den Text unterbewusst einfließen lassen – es sei denn mein Unterbewusstsein hat ohne mich Latein gelernt, was ich zwar begrüßen würde, aber doch für unwahrscheinlich halte.’ Sich noch eine Weile gedanklich im eigenen Sarkasmus verstrickend sah Marek hinaus in die Nacht. Schließlich gab er auf, öffnete das Fenster und atmete durch. Der Berg hinter der Dorfkirche war in Schwärze gehüllt. Plötzlich vernahm er Stimmen und leise Musik. Scheinbar war im Dorfkrug gerade die Tür aufgegangen und die Sperrstunde war noch nicht erreicht. Das war eine gute Idee. Jetzt ein frisches, kühles Bier. Oder Zwei. Das würde ihn ablenken und vielleicht einen neuen Blick auf diesen Ort und seine Absonderheiten werfen lassen.<br />
Fünf Minuten später stand Marek vor Heikes erleuchtetem Küchenfenster und klopfte vorsichtig. Nach einer Weile öffnete sie sichtlich überrascht aber nicht unerfreut:<br />
„Guten Abend, der Herr. Was kann ich für Sie tun?“<br />
„Kommst du noch mit auf ein Bier – ich meine, wenn Frederik das zulässt? Ich könnte jedenfalls noch was vertragen.“<br />
„Wenn Frederik schläft, dann schläft er. Außerdem kann ich ja mein Telefon mitnehmen.“<br />
Heike löschte das Küchenlicht und schwang sich galant aus dem Fenster. Als sie die Hauptstraße erreichten und sie eigentlich nach rechts zum Dorfkrug hätten abbiegen müssen, kam Marek eine Idee. Er musste irgendwie an Informationen über diesen Ort herankommen und vielleicht war das die Gelegenheit um zu überprüfen, was Heike wusste.<br />
„Lass uns noch eine Runde um die Kirche drehen“, sagte Marek. „Ich hab’ Lust noch ein wenig spazieren zu gehen.“<br />
Heike ließ sich nicht lange bitten, hakte sich ein und schon überquerten sie den Kirchplatz. Das Brummen begann wieder in Mareks Ohren zu pulsieren. Erst leise und dann immer stärker je weiter sie sich der Kirche nährten. Der Himmel war schon den ganzen Abend über Wolken verhangen und half der Erde sich nicht dem Frost zu ergeben. Marek konnte beinahe kleine Wasserdampfwolken sehen, als er innerlich noch einmal tief durchatmete und versuchte die Frage so beiläufig wie möglich zu formulieren: „Sag mal hörst du das auch?“<br />
„Was? Das Brummen? Na klar.“, ebenso beiläufig über Heikes Lippen gehuscht schlug die Antwort in Mareks Kopf ein wie eine Bombe. Alles hatte er nach den Bedenken, die er sich erarbeitet hatte, erwartet, aber nicht das. Er blieb stehen.<br />
„Du hörst es? Und hast du auch das Gefühl, dass es stärker wird je näher man der Kirche kommt?“<br />
„Ja, sicher. Du nicht?“, Heike sah ihn belustigt an. In ihrer Vorstellung malte sie sich aus, wie Marek tagelang über dieses Brummen nachgrübelte, fest in dem Glauben der Einzige zu sein, dem es aufgefallen sei.<br />
„Junge, ich wohne hier schon mein ganzes Leben. Da werde ich doch wohl mitkriegen, wenn meine Kirche brummt.“<br />
„Mach’ dich nicht über mich lustig.“, reagierte Marek, dessen Irritation sich in Frustration zu wandeln begann. Das hätte er also alles auch einfacher haben können. Jetzt würde es sicher gleich eine total logische Erklärung dafür geben.<br />
„Sag’ mir lieber warum das so ist? Ist immer hin meine erste Kirche, die sich mit mir unterhalten will.“, fuhr er fort in der Hoffnung, dass das Wortspiel ihr noch mehr Informationen entlocken könnte.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 9. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Jun 2010 14:00:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Benedix]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich und meine Männer verlassen die klösterlichen Mauern. Der Schmied wird das Aufräumen für uns übernehmen. Mein Geist braucht Zeit um einen neuen Plan zu schmieden und so entlasse ich mein kleines Gefolge für heute und setze mich in einen kleinen Zypressenhain am Rande der Stadt. Der Flüchtling kann noch nicht weit gekommen sein. Dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog27_Tag10_Teil9.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog27_Tag10_Teil9.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Ich und meine Männer verlassen die klösterlichen Mauern. Der Schmied wird das Aufräumen für uns übernehmen. Mein Geist braucht Zeit um einen neuen Plan zu schmieden und so entlasse ich mein kleines Gefolge für heute und setze mich in einen kleinen Zypressenhain am Rande der Stadt. Der Flüchtling kann noch nicht weit gekommen sein. Dass er aus Montségur stammt, steht jetzt außer Frage und auch, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Die Spur lässt sich zurückverfolgen und die zeitlichen Abläufe passen genau. Es schien keine Lüge zu sein, dass dem Heiler der Name nicht genannt wurde. Ich kann also davon ausgehen, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Eine Reliquie oder auch nur eine Botschaft in seinem Kopf. Die Richtung ist der Osten. Ich skizziere die Position der zwei Leichenfunde und die von Saint-Flour vor mir in die Erde. Als ich mich vorbeuge, trifft ein Sonnenstrahl meinen Nacken. Die Wärme tut unsagbar wohl und beruhigt mein Gemüt. Fast ist es, als ob der Herr zu mir spricht: ‚Du brauchst dich nicht zu eilen – es wird dir schon gelingen’. Ich überlege weiter. Meines Wissens verbleibt nur noch eine Hochburg der Albigenser und die liegt in meinem geliebten Italien. Das wäre der einzige Ort, an dem dieser Flüchtende noch Schutz finden könnte, denn Furcht regiert den Klerus auf dem Lande und das Wissen um meine Suche wird seinen Beitrag leisten. Ja, das muss es sein. Der Herr hat mir einmal mehr den richtigen Weg eingegeben. Ich werde mich direkt zu den Toren von Sirmione begeben und dort Tag und Nacht über das Umland wachen. Er wird weiterhin zu Fuß wandeln müssen und, meinen Schätzungen nach, drei weitere Monate für die Reise benötigen. Und wenn es soweit ist, werde ich da sein. Sollte ich mich verrechnet haben, so wird der Klerus ihn mir früher oder später in die Hände spielen.</i></p>
<p><span id="more-1697"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>2. Dezember 1244 im Jahre des Herrn. Die Reise nach Sirmione war ohne besondere Vorkommnisse. Vor gut sechs Monaten kamen ich und meine Männer hier an. Meine Getreuen wollten sofort jeden Ort durchsuchen und Befragungen durchführen, aber ich riet davon ab, da unsere Anwesenheit die Pläne des Flüchtlings in unvorhergesehene Bahnen lenken könnte. Vor zwei Monaten erreichte mich eine Bulle von Innozenz IV direkt hier in diesem kleinen Dorf, indem wir als Zimmerleute untergetaucht sind. Ich war etwas überrascht, da ich meine Anwesenheit hier niemandem weiter angetragen hatte und stellte somit fest, dass ich das Informationsnetzwerk des Heiligen Stuhls wohl unterschätzt hatte. Ich wurde aufgefordert mein Vorhaben abzubrechen, da der Flüchtende schon längst hätte eintreffen müssen. Man nahm an, dass er mir entweder entwischt und in Sirmione eingetroffen, oder unterwegs verhungert oder getötet worden sei. Ersteres empörte mich zutiefst, aber auch ich stelle die Weisheit des heiligen Vaters nicht in Frage. Ich antwortete umgehend und bat um Aufschub. Mit verborgenen Waffen und in Bauernkleidung gehüllt, verstärkten wir die Patrouillen im Umkreis. Ein Mann wurde jeweils abgestellt um, bei Tag und bei Nacht, den Lago di Garda zu beobachten um ein Eintreffen über Wasser abzufangen.<br />
Einen Monat später traf ein weiterer Ruf ein, indem ich aufgefordert wurde, nach Rom zurückzukehren. Man brauchte mich für andere Zwecke. Diesmal ließ ich mir eine Woche Zeit zu antworten und erbat einen Aufschub bis zum Jahresende. Das Wetter war bereits sehr kühl geworden und auch ich war inzwischen geneigt zu glauben, dass der Flüchtling, wenn er nicht schon von Wölfen zerrissen war, der fortschreitenden Kälte zum Opfer fallen würde.<br />
Meine Geduld soll aber mit dem heutigen Tage belohnt werden, denn ein Bote aus Luzern wurde mir angekündigt. Als der junge Mann absteigt, wird er sogleich von meinen Männern in meine Kammer geführt. Nach außen hin lebe ich ein sehr kärgliches Leben, aber in der windschiefen Hütte, die mir Schutz vor den Launen der Natur bieten soll, finden sich alle Annehmlichkeiten, die einem Träger des päpstlichen Siegels würdig sind. Der weit Gereiste setzt sich, nimmt dankend von dem dargebotenen Wasser und spricht:<br />
„Herr, ich habe eine Botschaft aus Luzern für Euch.“<br />
„Ich würde vorher gern wissen, wie ihr mich gefunden habt? Mein Standort ist geheim und nur der Heilige Vater selbst kennt den Grund meines Hierseins.“<br />
„Da haben Sie Recht, mein Herr.“, antwortet der Bote und verblüfft mich durch das einsetzende Schweigen. Nach einer Weile frage ich: „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie von Innozenz IV persönlich beauftragt wurden?“<br />
Der Bote nickt. „Sprecht – wie ist Euer Name?“<br />
„Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin hier um Euch-“. Kein Laufbursche kommt in mein Haus und leistet sich solche Unverschämtheiten. Das Nichtstun der letzten Wochen hat in mir eine wilde Unruhe entfacht. Blitzschnell springe ich auf, ziehe mein Schwert und halte die Spitze der noch zitternden Klinge an seine Kehle. „Ich bin Ritter Aiolfo XII, sechster Sonderbeauftragter von Gregor IX, Wächter des Stuhl Petri zur Sedisvakanz und dritter Sonderbeauftragter von Innozenz IV! Waget nicht in diesem Ton mit mir zu sprechen, wenn ihr nicht von ebensolchem Range seid!“<br />
Der Bedrohte bleibt zu meinem Erstaunen völlig ruhig und setzt zu einer Antwort an, die ich im ersten Moment nicht verstehe: „Ihr sagt es – DRITTER Sonderbeauftragter.“ Als die Betonung des Satzes eine Weile in mir nachhallt, dämmert mir, wer da vor mir sitzt. Das ist kein einfacher Bote. Ich lasse mein Schwert sinken und mein Gegenüber scheint belustigt über die langsam einsetzende Ahnung meinerseits. Er zieht einen Siegelring und eine päpstliche Bulle hervor, die ihn als zweiten Sonderbeauftragten Ritter Sborgia ausweist. Schnell erklärt er mir, dass er ebenso wie ich unter dem Mantel der Tarnung reist, da neuste Ereignisse den Vatikan in äußerste Unruhe versetzen.<br />
„So höre, mein Bruder“, setzt er an. „Deine Jagd auf den Flüchtling aus Montségur hat allerorts für große Aufregung gesorgt.“<br />
„Das war mein Ziel, denn so treibe ich ihn mir in die Hände.“<br />
„Es gibt einen Grund, warum die Albigenserhochburg Sirmione nicht schon beim letzten Kreuzzug eingenommen wurde und auch warum Montségur erst dieses Frühjahr fiel.“<br />
„Ich kenne diesen Grund“, entgegne ich. „Die Truppen waren zu stark dezimiert und der spanische König war noch nicht bereit seine Mannen zu senden. Ich denke, hier in Italien wird es ähnlich sein.“ Ritter Sborgia lächelt abfällig, was meinen inneren Groll gegen diese Arroganz abermals schürt. Jedoch ich halte mich zurück: „Ich sehe mein Bruder, Ihr habt eine andere Meinung darüber. Ich gehöre wie Ihr zum inneren Kreis, also lasset mich an Eurem Wissen teilhaben.“<br />
„Euch in die Untersuchungen und Erkenntnisse der letzten Monate und Jahre einzuweihen täte uns heute Zeit kosten, die wir nicht haben. Ich habe wie gesagt Nachricht aus Luzern für Euch-“ Ich muss dieses Geschwafel unterbrechen bevor mir die Galle überkocht.<br />
„Ritter Sborgia, wenn es Erkenntnisse gibt, die meinen Auftrag betreffen, so teilt sie mir umgehend mit. Ihr seid mir als Ordensbruder verpflichtet.“<br />
„Darüber ist jeder Zweifel erhaben“, züngelt er weiter. „Aber heute steht eine Order über unserem Bündnis. Höret mich bitte an.“<br />
Dieser Mann ist weder mein Bruder noch scheint er sich dem Orden verpflichtet zu fühlen. Ein ehrloses Gesindel, das wohl Zeit seines Lebens am päpstlichen Gängelband ohne Rückgrat und Vernunft hängen wird. Was interessiert mich Luzern? Luzern ist weit weg und auf der anderen Seite der Alpen.<br />
„Ihr Albigenser sollte dort vor zwei Tagen eintreffen. Dies ist nicht geschehen.“ Mein Mund öffnet sich aber keinen Ton bringe ich hervor. Ohne Fassung höre ich weiter zu. „Der deutsche Großinquisitor hat auf seinem Rückweg nach Rom in Luzern getagt und einen vermeintlichen Kaufmann als den Albigenserdiakon Jakob von Gent enttarnt. Neue Informationen wurden gewonnen. Scheinbar hat ihr Flüchtling einen weiten Umweg in Kauf genommen um Ihnen zu entgehen. Er wollte von Losanna nach Luzern reisen um dort zu überwintern.“<br />
Hinter meiner Stirn beginnen die Gedanken wie angestautes Wasser in meinen Geist zu stürzen. War Sirmione dann überhaupt sein Ziel? Hatte ich so geirrt?<br />
„Was ist sein nächstes Ziel? Ich werde sofort aufbrechen und ihn aufbringen.“<br />
„Das wissen wir nicht. Der Diakon ist während der Befragung bedauerlicherweise verschieden, aber scheinbar hatte er es auch nicht wissen. Trotz aller Bemühungen existiert immer noch ein intaktes Kommunikationsnetz der Albigenser. Der Flüchtling wurde auf seiner Reise auf einer festgelegten Route unterstützt. Dabei scheint jede Zielstadt nur ihren Vorgänger zu kennen, um im Notfall schnell eingreifen zu können, aber bei Ausfall nicht die gesamte Kette zu unterbrechen.“ Ich spüre wie erneut die Wut sich meiner bemächtigt. Dieser kleine, dreckige Ketzer hatte sich erfolgreich meinem Griff entzogen und nur der Zufall hatte mir eine absolute Blamage erspart. Ich muss sofort aufbrechen. Den Mann am See werde ich hier lassen müssen. Zwei weitere Männer sind auf Patrouille, also bleiben nur die beiden hier am Haus. Ritter Sborgia unterbricht meine Planungen: „Wir gehen davon aus, dass der Flüchtling entweder nach Losanna zurückkehrt um dort unterzutauchen oder nach Norden ausweicht. Da wir sein genaues Ziel nicht kennen, ist beides möglich. In jedem Falle können wir gewiss sein, dass er bereits über Luzern informiert wurde.“<br />
„Nein, er wird hierher kommen. Ich weiß es.“<br />
„Woher nehmen Sie dieses Wissen?“ Seine Arroganz stinkt so sehr, dass ich geneigt bin sie ihm mit der Klinge aus der Brust zu schneiden.<br />
„Er kann nicht zurück nach Losanna, denn er weiß, dass dies auch für uns der logischste Schritt ist. Im Norden wird es ähnlich sein. Nein, er wird erwarten, dass wir nicht damit rechnen und eine direkte Südrute über die Berge einschlagen.“<br />
„Das wäre eine Narretei.“, antwortet Sborgia belustigt. „Die Alpen sind bei gutem Wetter schon eine Probe für Körper und Seele. Jetzt haben wir Winter und er wird keine zwei Tage überleben.“<br />
„Er hat bereits drei Viertel eines Jahres überlebt und weiß, dass er keine andere Wahl hat.“<br />
„Wollen Sie etwa in die Berge reisen und ihn suchen? Der Papst wird keine Truppen für eine solche Absurditäten opfern.“<br />
„Das braucht er auch nicht. Ich breche sofort auf. Ihr könnt verweilen und-“ Ich halte inne. Entweder hat mein Verstand in diesem Moment wieder einen vom schäumenden Meer meiner Wut freigegeben Gedanken fassen können oder es sind meine Instinkte, die mich auf einmal stärker denn je vor diesem Ordensbruder, hier in meinem Hause, warnen. Da waren Lücken in seiner Rede, die ich nicht verstand.<br />
„Ich muss Euch noch etwas fragen, mein Bruder.“, setze ich an „Ihr mögt mir jetzt vielleicht nicht erzählen wollen, warum wir so lange gewartet haben und es immer noch tun, um die letzten Albigenserfestungen auszuräuchern. Ich bin aber nicht gewillt zu glauben, dass der Besuch des Großinquisitors in Luzern und die Aufbringung des Diakons einem günstigen Zufall behaftet waren. Warum hat der Heilige Stuhl ein solches Interesse an diesem kleinen Ketzer?“<br />
„Der Heilige Stuhl hat Interesse an jedem Ketzer, denn sie sind Feinde unseres Glaubens.“, entrinnt es den dünnen Lippen des Ritters.<br />
„Ihr braucht mir nicht meinen Dienst zu rechtfertigen und höret auf euch dümmer zu stellen als ihr seid.“<br />
„Ihr überschreitet Eure Kompetenz in diesem Falle“, kommt es leise und eindringlich zurück. In jeder anderen Situation täte ich handeln, aber um endlich mein Pferd zu erreichen halte ich inne, verneige mich und heuchle Demut. Augenblicklich sind meine Männer bei mir und wir reiten los. Die Satteltaschen sind immer gefüllt mit frischem Wasser und getrocknetem Fleisch, so dass wir gut gerüstet sind. Als wir die Längen des Lago di Garda gen Norden entlang reiten und die letzte Bastion des verhassten Feindes hinter uns verschwindet, beginnt mein Verstand wieder klarer zu arbeiten. Irgendetwas ist hier nicht wie es sein sollte. Wie kann ich als einer des inneren Kreises des Vatikans nichts von den Hintergründen im Umgang mit den Albigensern wissen? Ich handelte stets in dem Glauben, dass die Order klar vor mir lag. Wir reiten weiter. Der See beginnt nach links abzufallen. Die Sonne senkt sich zu unserer Rechten gen Horizont und ich beginne zu rechnen. Wenn der Flüchtling vor zwei Tagen Luzern hätte erreichen müssen, so sollte er beim Eintreffen der Kunde etwa Bern passiert haben. Ein direkter Weg gen Süden ließe dann nicht viele Möglichkeiten. Ich komme, du mein Phantom, mein Irrlicht. Ich werde Dich zur Strecke bringen. Dich und Dein Geheimnis. Da versiegt plötzlich mein Groll und weicht einer Ahnung, die mich für einen Moment völlig einnimmt und mich das Schlagen der Hufe und die treibenden Rufe der Männer um mich herum vergessen lässt. Was, wenn ich nicht der Einzige bin, der ein Geheimnis bei diesem Manne vermutet? Meine Überlegungen habe ich bisher für mich behalten, da Beweise nicht genügend vorhanden waren um dem Heiligen Vater in dieser Angelegenheit vorzusprechen. Scheint es jetzt nicht aber als ob dies gar nicht mehr notwenig sei? Hatte Innozenz IV eine göttliche Eingebung erfahren? Aber warum wird mir diese Information nicht zuteil und ich stattdessen als unwissender Handlanger missbraucht?<br />
Ich schelte mich für das Infragestellen der päpstlichen Entscheidungen. Nur Innozenz IV und der Herr selbst sind dazu im Recht. Lange würden wir noch unterwegs sein. Hier draußen kann mich jedoch kein Ruf vorzeitiger Rückkehr ereilen.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 8 &#8211; Samstag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 15:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Fünf nach fünf. Verdammte Scheiße, warum ist es erst fünf nach fünf?!“ Marek war stinksauer und hätte die verantwortliche Person jetzt am liebsten verprügelt, wenn er nicht selbst die Ursache gewesen wäre. Vor einer halben Stunde musste er schlicht und ergreifend aufs Klo und geisterte seitdem ruhelos durchs Haus. Er hatte schon jeden erdenkbaren Liegeplatz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/02/webfoto_Tag8_Teil1.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz Foto Tag 8 Teil 1" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Fünf nach fünf. Verdammte Scheiße, warum ist es erst fünf nach fünf?!“ Marek war stinksauer und hätte die verantwortliche Person jetzt am liebsten verprügelt, wenn er nicht selbst die Ursache gewesen wäre. Vor einer halben Stunde musste er schlicht und ergreifend aufs Klo und geisterte seitdem ruhelos durchs Haus. Er hatte schon jeden erdenkbaren Liegeplatz ausprobiert. Sogar zwei Stühle sollten zusammengestellt als improvisiertes Bett dienen, aber keine Chance. Er war wach. Zum Sterben müde, aber wach. Was nun? Er kapitulierte und beschloss die „geschenkte“ Zeit zu nutzen, machte sich Kaffee und fuhr den Laptop hoch. Kurz überflog er die letzten Passagen, nahm das erste Blatt, legte es neben die Tastatur und begann.</p>
<p><span id="more-1609"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>Heute ist mein dritter Geburtstag. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber ich habe mich entschlossen das Zählen meiner Jahre in dieser Welt neu zu beginnen, nachdem ich begriffen hatte, was damals geschah. Als mich meine Mutter unter Tränen aus dem Fenster fallen ließ, landete ich in den Armen von Bède Sique. Seine schützende Hand brachte mich damals sicher durch die Reihen der Feinde, als diese die Burg stürmten und Bischof Marty die Kapitulation ausrief. Es half ihnen nichts. Es waren Tausende und Bèdes List, sich in eines ihrer Gewänder zu kleiden und im Getümmel des Massakers mit mir unter seinem Harnisch zu entkommen, war meisterhaft. Am Ende standen wir am Hang des Les Coussats und haben die Rauchschwaden über Montségur aufsteigen sehen. Über zweihundert meiner Brüder und Schwestern verbrannten bei lebendigem Leibe. Der Wind trug die Schreie zu uns hinüber und mein Retter und ich fielen auf die Knie und flehten Gott um Erbarmen für die Seelen der noch Unvollkommenen an. Noch heute rieche ich den Gestank verzehrter Leiber in allem was ich erfahre. Er ist nicht in der Kleidung und nicht in der Luft, sondern in mir selbst und soll mich immer daran erinnern wer ich bin und was meine Aufgabe hier ist.<br />
Ich weiß noch, dass ich weinte und schrie, dass ich zurück wollte und dass Bède Angst hatte, man würde uns durch mein Gebärden entdecken. Ihm sei alles verziehen, was er tat um mich zu schützen. Er handelte stets in dem Glauben, dass ich die Commutata sei und dies gab ihm die Kraft mich das folgende Jahr durch ganz Okzitanien bis hin zu den großen Bergen im Osten zu führen. Unzählige Male hatte er sein letztes Brot an mich übergeben, uns vor Gesindel beschützt und auch vielen Menschen das Leben nehmen müssen, die glaubten unser Geheimnis zu kennen. Jedesmal wenn dies eintrat, befahl er mir vorher mich zu verstecken, die Ohren mit den Händen zu verschließen und die Augen zu verdunkeln und tief in mir ein bestimmtes Lied zu singen, damit ich rein bliebe und seine bereits verdammte Seele die Meinige nicht beschmutze.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato">
<div style="text-align: center; color:tomato;">
  Und kommt der Tag an dem wir sind,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  so lebet frei dem Licht entgegen,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  und sinnet nicht nach fremdem Tun,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  nach Gut, nach Macht und falschem Glanz,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  wir werden sein und niemals ruh’n,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  dem Herrgott dank und Himmelssegen,
</div>
<div style="text-align: center; color:tomato">
  dass unser Weg den Frieden find.
</div>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato">Oft saß ich in solch einem Versteck. Ein Erdloch einfach nur oder ein Strauch und habe gesungen. Doch meistens hörte ich die Schreie der Unglückseeligen und sah das Blut die Wege rot färben. Oft stahlen wir uns Essen in der Dämmerung. Reisten in der Nacht und ruhten am Tag. Viele Meilen verbrachte ich auf den Schultern von Bède, weil meine kindlichen Beine nicht mehr gehen konnten und eines Tages wurde ich krank vor Gram um meine Familie.<br />
Bède war außer sich vor Sorge als er eines Abends in unserem Versteck erwachte und meine Augen sich nicht mehr öffneten. Später erzählte er mir, wie er mich gepackt und geschüttelt hatte und dann voller Verzweiflung mit mir in ein nahe liegendes Dorf rannte, wohl wissend der Gefahr, dass die Häscher von Innozenz IV allgegenwärtig waren. Der Herr hielt seine Hand gütig über mich und meinen getreuen Beschützer und schließlich fand er einen Heiler, der uns in sein Haus aufnahm und mich behandelte. Drei Tage lang wich Bède nicht von meinem Bette und las mir aus dem Buche vor. Der Heiler wusste wer wir waren, aber war fern der dämonischen Kreaturen die meine Familie verbrannt hatten. Doch Bède wurde von gierigen Gehilfen entdeckt und der gute Heiler verraten. Sie kamen zwei Nächte später und holten ihn ab. Wir konnten uns in einem Erdloch unter dem Hause verstecken und entkamen. Bis zu diesem Tage hatte Bède jede meiner Fragen über das Ziel unserer Flucht gemieden, doch ich war unter all diesem Leid schneller gereift als er es wahrgenommen hatte. Es erschütterte ihn sehr, als ich ihn zwei Tage nach dem Vorfall im Dorf des Heilers anhielt stehen zu bleiben und sprach:<br />
„Bruder Bède, ich stehe in nie wieder aufzuwiegendem Maße in deiner Schuld, aber ich bin kein Kind mehr, sondern eine Perfectae! Sprich und gebe mir Kund über unsere Aufgabe und unser Ziel.“ Bède sah ehrfurchtsvoll und erschrocken zu gleich auf mich hinab. „Bei allem was Heilig ist, aber wisst Ihr denn überhaupt was das bedeutet, eine Perfectae zu sein?“<br />
„Wir Perfectae haben den Grad der Vollkommenheit erreicht und tragen damit die höchste Verantwortung für die Erhaltung unseres Glaubens und dessen Weitergabe zur Reinigung und Rettung der Seelen von der Sünde.“ Stelle ich mir heute das Bild von damals vor, wie ein kleines Mädchen einem doppelt so großen Mann einen der Grundpfeiler seines Glaubens erklärt, so täte ich wohl lachen, wenn nicht der Ernst der Lage dem Einhalt gebieten würde.<br />
„So ist es“, sprach Bède. „Aber das ist noch nicht alles. Es gibt Dinge, die Ihr noch nicht wissen könnt. Das Kästchen, das ihr um den Hals tragt, ist mehr Wert als jeder Mensch es je ermessen könnte. Es übersteigt den Wert meines Lebens, doch nur mit Euch kann es diesen Wert erlangen, also seid Ihr in gleichem Wert zu wiegen. Es ist mir untersagt jetzt mit Euch darüber zu sprechen aber bitte glaubt mir, dass ich allein im Sinne des Herrn handele und so wie Bischof Marty es mir aufgetragen hat.“<br />
„Ich glaube Euch, da ihr um das Los der Lüge wisst und vertraue Euch weiterhin mein Leben an, doch sagt mir wenigstens unser Ziel und wie lang die Reise noch andauern wird?“<br />
„Wir müssen in den Osten, nach Sirmione. Dort erwartet man bereits unser Kommen. Aber wir können nicht den direkten Weg gehen, da die Streitmacht des Papstes in Italien stärker ist als anderswo. Wir werden über Losanna reisen und in Luzern überwintern um Kräfte für die Berge zu sammeln. Dort ist man uns nicht Feind und unsere Häscher werden nicht annehmen, dass wir diesen schweren Weg wählen. Ich denke ein Jahr wird es uns kosten.“<br />
„Aber wenn wir verfolgt werden, weil wir sind wer wir sind, warum verkleiden und verstellen wir uns nicht einfach, so wie du es getan hast um mich aus der Burg zu bringen?“<br />
„Weil dieser, unser Glaube das Einzige ist, was uns stolz zu unserem Herrn aufblicken lässt. Wenn wir unserem Glauben entsagen und sei es nur zum Schein, so verlieren wir die Gnade des Herrn und uns selbst und alles war umsonst.“<br />
Von da an begann ich zu erahnen, welche Last man mir auferlegt hatte und welcher Weg, nicht nur im weltlichen Sinne, vor mir lag. Ich weinte nicht mehr und ich beschwerte mich nicht. Tat ich leiden, tat ich es still. Ich tat wie mir geheißen und sicherte mir so das Überleben.<br />
Der Sommer neigte sich dem Ende und wir erreichten Losanna. Ich hatte bereits verlernt in einem Bett zu schlafen und verbrachte die Nächte neben Bède gekauert auf ebener Erde. Ich konnte für einige Tage wieder bei Sonnenschein zwischen den Zypressen des Innenhofes unseres Beschützers wandeln und vergaß sogar für wenige Augenblicke das Geschehene. Die Wirren der Zeit versteckten uns zwei Reisende mitten im Herzen des Feindes, denn Losanna war längst nicht mehr der Ort freier Gedanken, der er einst mal war. Oft sah ich Bède ernste Gespräche mit dem Hausherrn, dem Graf von Savoyen, führen. Sie studierten Landkarten und beachteten jede Meldungen über den Verlauf der Inquisition. Aber auch über die Bewegung der hiesigen Bürgerschaft und deren Streben nach der Entmachtung der Bischöfe hielt uns unser Gönner auf dem Laufenden.<br />
Als sich die Blätter rot zu färben begannen beschloss Bède, dass es an der Zeit war nach Luzern zu reisen. Auf etwa einhundert Meilen schätzte der Graf die Entfernung und bot uns Reittiere an, die Bède aber dankend ablehnte, da sie uns auf befestigten Straßen und Wegen beschränkt hätten. Wir kamen schnell voran und lebten erneut in der Nacht und ruhten am Tag. Vor zwei Tagen hatten wir die Aare überquert, als uns ein Reiter aus Losanna aufspürte. Ich war sehr überrascht, dass er uns in dieser Einöde des Nachts finden konnte, aber Bède schien das nicht zu verwundern.<br />
„Ich habe eine Nachricht vom Grafen von Savoyen.“, rief er und stieg ab.<br />
„Sprecht!“, Bède schien keine Sorge über fremde Ohren zu haben.<br />
„Luzern wurde verraten. Der Diakon Jakob von Gent ist vom ansässigen Bischoftum der peinlichen Befragung unterzogen worden.“<br />
„Das kann nicht sein.“, antwortete Bède entsetzt. „Die peinliche Befragung wird von Innozenz IV nicht als Bestandteil inquisitärer Handlungen gebilligt.“<br />
„Das wird sie aber bald sein, mein Herr. Ihr Ankommen ist Ihren Häschern bekannt. Sie sollten Luzern um jeden Preis meiden, wenn das Vorhaben gelingen soll.“<br />
Bède schwieg eine Weile und dachte nach.<br />
„Gibt es Neuigkeiten aus Sirmione? Kann der Plan noch gelingen?“<br />
„Sirmione ist ein Fels, mein Herr.“<br />
„Das war Montségur ebenso.“<br />
„Das ist wahr, aber diese Festung ist uneinnehmbar und bisher wagen die Truppen des Papstes keinen direkten Vorstoß. Es herrscht ein trügerischer Frieden, doch die Schlinge wird sich früher oder später beginnen zuzuziehen. Immer wieder ziehen Späher an der Burg vorbei. Händler werden abgefangen oder die Felder in Brand gesteckt und jedes Mal beschuldigt man Diebesgesindel wohl wissend um die eigentlichen Täter.“<br />
„Wir werden es erleben.“, sagte Bède bitter. „Ich danke dir. Kehre nun zurück und tue was in deiner Macht liegt das Unheil zu bekämpfen.“<br />
„Was soll ich dem Grafen ausrichten?“<br />
„Nichts. Sag ihm du hättest uns gefunden und uns berichtet. Wir werden einen neuen Weg einschlagen doch hat Luzern gezeigt, dass wir höchste Vorsicht wahren müssen. Es ist besser, wenn niemand unseren neuen Pfad kennt.“<br />
„Aber dann seid ihr abgeschnitten von sämtlicher Unterstützung der Gemeinde.“<br />
„Es ist besser so. Glaubt mir. Schon zu viele mussten auf diesem Weg für uns das Weltliche verlassen und längst nicht alle hatten die Vollkommenheit bereits erreicht.“<br />
„Dann sei es so.“, sprach der fremde Reiter, verneigte sich, stieg auf sein Pferd und ritt von dannen.<br />
Ich hatte aufmerksam zugehört und wendete mich nun an Bède: „Wie konnte der Mann uns finden und von welcher Hilfe hatte er geredet? Wir reisen doch seit Monaten allein.“<br />
„Nein, meine Schwester, das tun wir nicht. Unsere Reise ist von langer Hand geplant worden. Zwar müssen wir bewohnte Gebiete meiden, da dort der Papst zu mächtig regiert, aber die Wege dazwischen sind unser. Die Gemeinde mag stark verweht sein, aber es gibt sie noch und nicht jedes Bündel an Nahrung, mit dem ich zurückkehrte, war gestohlen.“<br />
„Dann hast du mich belogen?“<br />
„Nein – ich habe dir nur nicht immer alles erzählt, so wie ich auch diesem Reiter nicht alles erzählt habe.“<br />
Ich konnte dies damals nicht vollends trennen, aber ließ mein Vertrauen zu Bèdes Aufrichtigkeit dennoch überwiegen. Er fuhr fort:<br />
„Er muss seit Tagen unterwegs sein um unsere möglichen Wege aufzuspüren, was bedeutet, dass möglicherweise bereits Truppen aus Luzern in unsere Richtung in Marsch gesetzt wurden.“<br />
„Aber dann können wir auch nicht nach Sirmione!“<br />
„Jede Stadt, der wir uns nähern, kennt nur die Stadt, in der wir waren, nicht aber die, in die wir gehen und niemand kennt das Ziel außer mir, der himmlischen Seele des Bischof Bertrand Marty und dem Mann, der uns erwartet, dessen Namen ich dir nicht nennen darf.“<br />
„Aber jetzt wissen sie, dass wir noch am Leben sind und vielleicht wissen sie auch von dem Kästchen?“<br />
„Davon weiß niemand. Wir sind in ihren Augen zu unbedeutend, als dass sie ihr gesamtes Heer nach uns aussenden, aber dennoch dürfen wir kein Risiko eingehen. Wir werden sofort einen Weg über die Berge nach Sirmione einschlagen. Komm!“<br /></i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 7 &#8211; Freitag &#8211; 3. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 21 Feb 2010 15:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Romantik wird überbewertet.“, kam die Antwort wie eine kalte Dusche. „Du bist ’n Blödmann, hat dir das schon mal jemand gesagt?“, schnurrte Heike und kuschelte sich an Marek. Keiner von beiden bereute dies. Im Gegenteil. Beide genossen die Wärme des Anderen und fühlten sich da oben auf dem Dach ein wenig in ihre Jugendzeit zurückversetzt. [...]]]></description>
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<img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/02/foto_Tag_7_Teil_3.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz Tag 7 Teil 3" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Romantik wird überbewertet.“, kam die Antwort wie eine kalte Dusche.</p>
<p><span id="more-1597"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Du bist ’n Blödmann, hat dir das schon mal jemand gesagt?“, schnurrte Heike und kuschelte sich an Marek. Keiner von beiden bereute dies. Im Gegenteil. Beide genossen die Wärme des Anderen und fühlten sich da oben auf dem Dach ein wenig in ihre Jugendzeit zurückversetzt. Da waren zwei Mensch, der gerade nichts anderes auf der Welt wollte, als diesen Moment für immer anzuhalten. Das und vielleicht noch eine zweite Decke. Heike hatte ihren Kopf an Mareks Brust gelehnt und hörte sein Herz pochen. Kräftig schlug es und viel zu schnell für jemanden, der Romantik für überbewertet hielt. Sie wurde nervös und kam sich auf einmal so albern vor. Immerhin war sie schon vierzig &#8211; vielleicht sogar einundvierzig, wenn sie ehrlich war und sechs Jahre Unterschied waren in diese geschlechtliche Richtung doch schon eine Menge, oder? Außerdem war es die falsche Gelegenheit für Annäherungsversuche. ‚Wir sitzen hier auf dem Dach seines Elternhauses und trinken, während die Mutter beim Vater am Krankenbett verweilt. Ist das nicht geschmacklos?’, dachte sie bei sich. ‚Außerdem bin ich viel zu alt für ihn. Nein, bin ich nicht! Doch! Ich bin für niemanden zu alt – außer vielleicht für den Gerd, aber dem sollte man ja noch nicht mal Alkohol ausschenken.’<br />
Mark trank erneut. „Lass mir noch was übrig“, flüsterte Heike und hob den Kopf. Ihre Selbstzweifel riefen zwar weiter, aber sie hörte ihnen nicht zu. Marek setzte die Flasche ab und schaute zu ihr herunter. Sein Atem war schon spürbar. Sie hätte jetzt nur ein Stückchen höher rutschen brauchen und das tat sie auch. Langsam, ganz langsam. Auch sein Kopf neigte sich ihr kaum spürbar entgegen. Die Augen schlossen sich und für einen Moment verharrten sie im kaum messbaren Abstand ihrer Lippen wartend darauf, dass jemand den letzten Schritt tat.<br />
Heike spürte Mareks Lippen an ihrem Mundwinkel. Das war nicht das, was sie erwartet hatte. Ganz und gar nicht und es viel ihr schwer, die Enttäuschung zu verbergen. Der Abstand zwischen ihnen hatte sich bereits wieder vergrößert.<br />
„Ist dir auch so kalt?“, fragte Marek sanft und beide wussten, dass dies das mit Abstand Dämlichste war, was sie beide an diesem Tag gehört hatten. Sie sah ihn an und gab ihm zwei Sekunden, dies auch mit aller Härte zu begreifen.<br />
„Ja, jetzt wo du es sagst.“<br />
Heike beschloss in ihr altes Schema zurückzufallen und zog ihren coolsten Schutzwall hoch.<br />
„’Wir sollten jetzt langsam wieder runter gehen?’ möchtest du jetzt bestimmt sagen und dann sage ich ‚Ja, das sollten wir.’ und du sagst ‚schön’ und ich sag auch ‚schön’, stimmt’s?“ und das Grinsen, was sie dabei übers Gesicht zog, hätte für Zwei gereicht. Marek nickte entwaffnet. „Schön!“ rundete Heike ab und machte sich auf den Abstieg.<br />
Marek war das alles unsagbar unangenehm. Im letzten Moment war ihm einfach zu viel durch den Kopf geschossen und er war schon immer einer, der keine falschen Hoffnungen wecken wollte. Zumindest hatte er sich damit bestimmt schon genau so viel verbaut wie erobert und nun stand beiden die unangenehme Situation der Verabschiedung bevor. Die Scheinwerfer hatten sie schon vor dem Gang aufs Dach abgeschaltet und das einzige Licht war der Mond, der weiß und kalt den Garten erhellte. Im Sommer wäre das wahrscheinlich die berühmte zweite Chance gewesen, doch Marek fühlte sich schuldig und Heike hatte für heute die Schnauze voll.<br />
„Und morgen Mittag machen wir die Wand, OK?“, fragte sie lässig.<br />
„Gern.“, mühte Marek heraus.<br />
„Na dann, schlaf dich schön aus. Bis morgen!“ Keine Umarmung. Kein Handschlag. Nicht die kleinste Berührung blieb für die Nacht des Anderen zurück. Heike winkte noch mal kurz zurück und sprang elegant über den Zaun. Hatte Marek jetzt irgendwas verbockt? Er wusste, dass man einen bestimmten Punkt zwischen Mann und Frau rechtzeitig überschreiten musste, um einen eventuellen nächsten Anlauf nicht unendlich schwer werden zu lassen. ‚Aber doch nicht mit der Nachbarin meiner Eltern.’, dachte er bei sich und ging ins Haus. Es war bereits nach eins und Marek sah sich außer Stande heute noch die Abschrift zu machen. Diesmal schaffte er es sogar, sich zu entkleiden bevor er ins Bett fiel, aber die Abendtoilette ließ er ausfallen. ‚Zum Teufel damit.’</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 5 &#8211; Mittwoch &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Dec 2009 15:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wieder eine Nacht vorbei. Wieder traumlos und wieder eine Stunde früher wach. Marek war gestern zur Sicherheit erst um eins ins Bett gegangen um seinen Großstadtrhythmus nicht zu verlieren. Aber nun, sechs Stunden später, war er hellwach und wartete auf den Sonnenaufgang. Eigentlich wartete er mehr darauf, dass es hell wurde, denn auch heute hatten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2009/12/Essenz_Tag5_Teil1.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz Tag 5 1. Teil" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Wieder eine Nacht vorbei. Wieder traumlos und wieder eine Stunde früher wach. Marek war gestern zur Sicherheit erst um eins ins Bett gegangen um seinen Großstadtrhythmus nicht zu verlieren. Aber nun, sechs Stunden später, war er hellwach und wartete auf den Sonnenaufgang. Eigentlich wartete er mehr darauf, dass es hell wurde, denn auch heute hatten die Wolken ihre himmlische Machtstellung nicht aufgegeben. Mit Heike war man gestern so verblieben, dass man Günther am Abend zur Rede stellen wollte, sofern dieser nicht noch länger in der Stadt blieb.</p>
<p><span id="more-1501"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Der Tag begann sich zu entfalten. Die Wolken blieben, aber die Luft roch nicht mehr nach Gewitter und auch die Vögel in den Bäumen machten akustisch nicht den Eindruck, als würden schwere Zeiten bevorstehen. ‚Ein Tag für die Melancholie’, dachte sich Marek. Er mochte solche Tage und verbrachte sie liebend gern in freier Natur. Ein Schwatz mit ein paar Dorfbewohnern beim Bäcker – heute war er früh genug dran, um noch eine gute Auswahl genießen zu können – und auf ging es zum Hügel hinter der Kirche.<br />
Am Hang erkannte er den Stamm wieder, der seinen Fall am Vortrag gebremst und ihn somit gehindert hatte aufs freie Feld zu rennen. Er bedankte sich innerlich und stapfte weiter bergauf. Kurz vor dem Gipfel machte er eine Pause, aß ein paar Happen und erreichte schließlich wieder das Plato. In etwa hundert Meter Entfernung konnte er die riesige entwurzelte Eiche sehen. Der breite Fächer langer, hölzerner Finger hatte einen großen Teil des Erdreiches aus der angrenzenden Erhebung herausgehebelt und tatsächlich sah Marek dort hinten wieder etwas Rotes aufblitzen. Es war also keine Einbildung gewesen. Schnell war die Ebene durchschritten und der Baum erreicht. In dem Loch, das hinter dem Wurzelbalg in dem kleinen Extraberg klaffte, sah er es schließlich. Es war eine Struktur, eine Art Ton oder Keramik. Sie steckte auf Mareks Augenhöhe mitten in der Erde – etwa zwei Meter über Grund und einen Meter über der Kuppel. Marek griff danach und zog daran, aber es saß fest. Stattdessen rutschte er von dem feuchten Material ab und prallte unangenehm mit dem Rücken an das Wurzelgeflecht. Da schien noch etwas Größeres dranzuhängen. Vielleicht konnte er es ausgraben. Schnell wurde eine starke Wurzel abgebrochen und Marek begann in dem Hügel zu stochern. Plonk. Ein seltsames Geräusch ertönte an der Stelle, an der er weitere Erde vermutet hatte und wieder legte Marek etwas von diesen roten Tonresten frei. Das waren jetzt schon zwei Platten, die sich an den Rändern überlappten, und links und rechts von ihnen schienen sich weitere Platten zu befinden. Jede Platte eine gute handbreit und ein ganzes Stück länger als eine solche. Das sah nicht aus wie ein natürliches Vorkommen. Marek legte noch ein halbes Duzend auf jeder Seite frei, als sich ein größerer Brocken Erde über ihm löste und zu Boden rutschte. Erst wich Marek zurück, da er Angst hatte, der Rest der Kuppel würde nachrutschen, aber dann sah er viele weitere freigelegte Platten gleicher Bauweise, die sich an der Oberkante und an den Seiten überlappten. Und plötzlich wusste Marek, woran ihn diese Farbe und jetzt auch diese ganze Struktur erinnerte – nur zwei Tage zuvor hatte er selbst damit schmerzhafte Bekanntschaft gemacht. Das waren Dachziegel. Das war ein Dach! Er stand vor einem verschütteten, von Menschenhand erschaffenen Schieferdach. ‚Nein’, dachte er ‚nicht verschüttet. Ich stehe hier auf dem Gipfel – dieses Dach wurde eingegraben und auch das, was sich darunter befindet.’<br />
Ein Kribbeln durchzog Mareks Körper und für einen Moment machte sich Skepsis breit. Hatte da wirklich jemand einen Schuppen oder ein kleines Haus eingegraben? Mitten auf einem Hügel? Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Marek stocherte nach Leibeskräften mit seinem improvisierten Werkzeug im Dreck herum. Das Dach stieg in einem Winkel von etwa zwanzig Grad an und spitzte sich nach oben hin zu. Die Kantenlänge an der Basis konnte Marek auf der einen Seite auf zweieinhalb Meter abschätzen. Eine Stunde kratzte er mit seiner abgebrochenen Wurzel herum, bis er einsah, dass er für sein Vorhaben ordentliches Werkzeug benötigen würde. Außerdem plagte ihn schon wieder der Hunger und der Proviant war bereits verbraucht.<br />
Somit stieg er wieder hinab, aß mit seiner Mutter zu Mittag, griff sich eine Schaufel und für alle Fälle auch eine Hacke aus der Gartenbaustelle, und war kurze Zeit später wieder bei seiner Entdeckung. Der Mutter hatte er nichts erzählt, da er sich dies für den großen Auftritt offen hielt, falls seine Entdeckung etwas wirklich Spektakuläres werden sollte. Zudem hatte er überprüft, ob vom Dorf aus etwas zu sehen war, doch der Bewuchs verhinderte neugierige Blicke.<br />
Und so begann er zu graben. Das Dach war schnell freigelegt. Es war fast quadratisch in der Grundfläche und bildete eine flache Pyramide knapp zwei Meter über Grundfläche des Haupthügels. Das Erdreich über dem Dach war abgetragen und Marek fiel ein kleines Loch in der Spitze der Pyramide auf. Es war in Messing gefasst und sah aus, als hätte einmal etwas darin gesteckt. Aber vorerst wollte er wissen, was sich unter dem Dach befand. Zerstören war nicht in seinem Sinne. Sein ehemaliger Archäologen-Mitbewohner hätte ihn für soviel Grobheit getötet.<br />
Es war bereits drei Uhr durch und immer noch jagten dichte Wolken ihre unheilvolle Last über den Himmel. Marek schaufelte mehr und mehr Erde beiseite, wurde aber dabei auch immer langsamer. Er war körperliche Arbeit nicht gewohnt und seine feinen Schreiberhände würden sicher Blasen davontragen. Aber das sollten die Sorgen von morgen sein. Langsam und stetig schälte sich der Unterbau heraus. Die Wände schienen gemauert und hell verputzt. Für einen Schuppen ein wenig zu aufwendig und für ein Haus eigentlich zu klein. Vielleicht aber doch ein besonders robuster Unterstand für Wanderer oder Schäfer, für den Fall eines Unwetters. Aber mitten auf dem Berg? Die Erde wich weiter und Wände gewannen Stück für Stück ihre Freiheit wieder. Irgendwann waren die Wände nicht mehr durchgehend, sondern bildeten an jeder der vier Seiten halbrunde Öffnungen. Marek begann im Kreis zu graben. Er hätte auch jede Wand einzeln freilegen können, aber er wollte sich selbst nicht des Gesamteindrucks berauben. Gerade heute hätte er mal etwas von dem sonst reichhaltig ausgeschenkten Regen vertragen können. Trotz der kühlen Septemberbrise klebte das Hemd bereits schweißnass am Körper. Kleine Rinnsale liefen von der Stirn und sammelten auf ihrem Weg nach unten Staub und Dreck um diese in den dunklen Brauen über den grauen Augen zu versammeln. Sein Aussehen war Marek aber ziemlich egal, denn er hatte gerade bemerkt, dass er schon so weit fortgeschritten war, dass er bereits begann in den Berg selbst zu graben. Er hatte tatsächlich den gesamten kleinen Erdwall auf diesem Plateau abgetragen und ein kleines, quadratisches Häuschen mit rotem Schieferdach und vier vernagelten Öffnungen freigelegt. Das waren bestimmt vom Boden bis zur Dachspitze vier Meter oder mehr. Hell schimmerte es und Marek war sich sicher, dass man es früher, als die handvoll Eichen auf dem Hügel vielleicht noch nicht so riesig waren, sicher weithin hatte sehen können. Die Wände schienen noch weiter in den Boden zu gehen, aber wozu sich weiter abmühen, wenn man doch nur die Fenster aufzubrechen brauchte. Eines war nur seltsam – er hatte noch immer keine Tür entdeckt.<br />
Marek überlegte nicht lange, hob die Spitzhacke und zertrümmerte eines der Fenster. Das modrige Holz leistete kaum Widerstand und schon war eine Öffnung freigelegt. Marek war vorsichtig. Vielleicht verweste dort drinnen auch noch irgendwas und entwickelte giftige Dämpfe? Nichts davon war der Fall. Stattdessen mischte sich zu dem Duft frischer Erde etwas anderes. Nur ganz leicht, weder abstoßend noch anziehend, aber auf jeden Fall präsent. Marek kannte diesen Geruch, konnte ihn aber nicht zuordnen. Auch war im Inneren weiterhin nichts erkennen und so beschloss er auch noch die anderen drei Fenster einzuschlagen um Licht zu gewinnen. Vorsichtig steckte Marek nun den Kopf durch eines der Fenster, und konnte etwa einen Meter unter sich Holz erkennen. Bretter – vielleicht einfach nur der Boden um Eingelagertes vor Feuchtigkeit zu schützen. Aber ansonsten schien das Häuschen leer zu sein. Enttäuschung kroch in ihm hoch. Er wusste zwar nicht, was er erwartet hatte, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein können. Nun wollte er seine Ausgrabung wenigstens einmal betreten und vielleicht kam er auch dahinter, was hier einmal aufbewahrt worden war, denn der merkwürdig bekannte Duft verstärkte sich im Inneren.<br />
Die Fenster waren nur etwas mehr als ein halber Meter in Höhe und Breite. Marek streckte reichlich ungeschickt seine Beine durch Eines hindurch und setzte sich auf den Rand. Dann stieß er sich ab. Die Fallhöhe ins Innere war eigentlich nicht der Rede wert und Marek landete sicher auf beiden Füßen. Dennoch durchfuhr ihn ein kalter Schauer als er das Geräusch vernahm, das er auf dem Holzboden erzeugte. Ein dumpfes Dröhnen hallte durch die kleine Kammer, dessen Echo nur langsam verhallte. Unter diesen Brettern konnte sich keine Erde befinden. Der Resonanzkörper musste unheimlich tief sein und diese Bretter waren mindestens so alt wie die vermoderten Verschläge, die er gerade von den Fenstern gerissen hatte. Ein Knacken durchfuhr den Untergrund. Mareks Nackenhaare stellten sich auf und wieder spürte er das Adrenalin durch sein Herz rasen. ‚Du musst hier sofort raus!’ Das Fenster war in Greifweite, er streckte die Arme nach dem Sims, hob den Kopf und – gefror zu Eis. Unfähig auch nur einen weiteren Muskel seines Körpers zu bewegen, lies er seine Augen über die riesige bronzene Glocke tasten, die direkt über ihm schwebte. Er hatte sie nicht bemerkt, da er sich die ganze Zeit nur auf den Bereich unterhalb der Fenster konzentriert hatte. Der gewaltige Schlegel ruhte unbeweglich in der Mitte des gusseisernen Monsters. Der Rest eines verrotteten Seiles hing an den dicken Holzbalken herab, die das Gewicht immer noch sicher zu tragen schienen. Da war eine Inschrift auf der Innenseite des unteren Glockenrandes, aber es fiel zu wenig Licht darauf, als dass – ein zweites Knacken riss Marek aus seinen Beobachtungen. Der Boden – er stand immer noch auf diesem Boden. Noch ein Knacken. Lauter. Viel lauter. Marek blickte nach oben, griff nach dem Sims, zog sich hoch und rutschte auf nasser Erde ab.<br />
Schwer lagen die Wolken über dem Berg, als das morsche Holz dem Gewicht des Mannes nachgab und sein Schrei einen Schwarm dunkler Vögel aufsteigen lies, direkt aus der bereits vergehenden Krone der gefallenen Eiche.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 4 &#8211; Dienstag &#8211; 3. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Dec 2009 15:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Heike musste sich kurz sammeln. Die Erinnerung an das Ereignis hatte sie beinahe so stark mitgenommen, wie die beiden Zuhörer. „Sie sagte, sie wisse, dass sie eine alte Frau sei und wohl nicht mehr viele Tage auf dieser Welt habe. Aber ihr Sohn solle ihr hier und jetzt schwören, dass er sie nicht in der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2009/12/Essenz_Tag4_Teil3.jpg" width="630" height="205" alt="Essenz Tag 4 Teil 3" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Heike musste sich kurz sammeln. Die Erinnerung an das Ereignis hatte sie beinahe so stark mitgenommen, wie die beiden Zuhörer.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Sie sagte, sie wisse, dass sie eine alte Frau sei und wohl nicht mehr viele Tage auf dieser Welt habe. Aber ihr Sohn solle ihr hier und jetzt schwören, dass er sie nicht in der Erde der Purziner Kirche beisetze. Günther verstand nicht ganz, was sie ihm sagen wollte. Er war immer noch zu aufgewühlt.</p>
<p><span id="more-1491"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Die Alte bemerkte nun die vielen Leute im Raum, schien sich aber nicht zu wundern, richtete sich wieder an ihren Sohn und sprach die Worte, die ich wohl nie vergessen werde: ‚Bei allem was dir heilig ist, mein Sohn. Dein Vater und dein Großvater sind nicht selig geworden und du wirst es auch nicht, wenn du ihnen folgst – ich flehe dich an – schwöre mir, hier vor all diesen Menschen, die dich von Kindesbeinen an kennen – schwöre mir, deiner Mutter, dass du mich am Tage meiner Heimkehr zu Gott nicht hier begräbst.’ Günther hätte in diesem Moment wohl alles geschworen – das hätte jeder der Anwesenden im Raum. Eigentlich wäre so ein Ereignis noch Tage lang Thema Nummer Eins im Dorf gewesen, aber niemand wusste mehr darüber zu sagen, als dass, was er gesehen hatte. Keine wilden Spekulationen wurden angestellt und keine Theorien diskutiert. Danach hat man den Pfarrer jeden Tag zum Haus der Thomaks gehen sehen. Eine Woche später starb die alte Frau dann auch friedlich im Schlaf. Woran weiß ich gar nicht mehr so genau, sie hatte ja auch kaum mehr Besuch empfangen. Wahrscheinlich das Herz. Natürlich kam das ganze Dorf zur Beisetzung, aber niemand stellte die Frage, warum diese in der fünfzehn Kilometer entfernten Nachbargemeinde stattfand. Das war vor sechs Jahren.“<br />
Schweigen breitete sich aus und das Ticken der Wanduhr gab den Takt dazu. Es dauerte eine Weile, bis jemand wieder Worte fand. Es war Marek: „Heftige Geschichte. War denn etwas über neuronale Störungen bekannt?“<br />
„Du meinst ob sie bekloppt war?“, fragte Heike. „Mein Lieber, wenn ich in dem Alter noch so fit im Kopf bin mach ich drei Kreuze.“<br />
„Die arme Frau.“, meinte Helene. Gedanken versunken schüttelte sie den Kopf. „Aber wer ist dann Klara Thomak und warum erzählt Günther einem Fremden von Jemandem, den hier eigentlich jeder kennen müsste, außer ihm wohl aber noch Keiner gesehen hat?“<br />
„Und viel wichtiger ist die Frage“, setzte Marek die Gedanken seiner Mutter fort „wie ein fremder Grabstein auf den Friedhof kommt, ohne das es jemand bemerkt. Hat denn Günther wenigstens sein Bein bei einem Unfall mit der Erntemaschine verloren oder ist das auch nicht wahr?“<br />
„Doch das stimmt.“, erwiderte Heike.<br />
„Aber Günther erzählte mir, dass seine Frau ihm damals durch einen Verband an Ort und Stelle das Leben gerettet hatte.“<br />
„Günther hat sich selbst verbunden und wäre fast nicht mehr unter uns, wenn nicht sein Lehrling aufgetaucht und die Rettungskräfte alarmiert hätte. Der gute Günnie hatte sehr viel Blut verloren und war schon nicht mehr bei Bewusstsein, als der Hubschrauber endlich kam. Es stand ein paar Tage lang sehr schlecht um ihn. Aber den haut so schnell Nichts um – hast ihn ja Lachen sehen.“ Heike überlegte kurz. „Aber davon, dass eine – oder vielmehr „seine“ Frau ihm geholfen haben soll, hat er nie was erzählt. Vielleicht hat ihn der hohe Blutverlust Dinge sehen lassen, die so nicht passiert sind.“<br />
„Und der Grabstein?“, fragte Marek. „Was ist damit – ich habe ihn doch selbst gesehen – gleich hier hinter der Kirche?“<br />
„Ja, das ist schon merkwürdig. Weil hier jeder weiß, wer auf dem Friedhof liegt und niemand nach dem Stein seiner Lieben suchen muss, würde ein Stein mehr oder weniger sicher auffallen. Standen da vielleicht noch andere Namen auf dem Stein?“<br />
„Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen.“, gab Marek zu. Der Stein war ziemlich zugewuchert und ich war von der ganzen Lauferei auch schon recht müde.“<br />
„Ich will das mal sehen.“, sagte Heike. „Komm Helene, wir schauen uns das gleich mal an. Den Kaffee nehmen wir mit.“<br />
Und so spazierten die drei, jeder mit seiner Tasse in der Hand, zur Hauptstraße, über den Kirchplatz und hin zum Friedhof. Sie gaben sicher von Weitem eine lustige Gesellschaft ab, wenn das Wetter nicht so schwermütig und die Gesichter nicht so ernst gewesen wären. Aber Heike bestand darauf, das ansonsten gemütliche Kränzchen nicht zu unterbrechen.<br />
Am Friedhof angekommen fanden sie recht schnell den besagten Grabstein und zu Heikes großer Verwunderung, hatte Marek die Wahrheit gesagt. Nicht dass sie ihn der Lüge bezichtigt hätte, nur hätte sie innerlich lieber eine Verwechslung vorgezogen, als dass diese alten Ereignisse dadurch wieder in den Vordergrund rückten. Dies war ein ruhiges Dorf und genau das machte das Leben hier auch so angenehm.<br />
„Tatsächlich…“, sagte Heike und nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse. „Klara Thomak – 03.07.54 bis 21.04.03. Das war vor fünf Jahren. Das ist kompletter Unsinn – das hätte doch jeder hier im Dorf bemerkt. Und du sagst, dass Günther hier Blumen niedergelegt hat?“<br />
„Da liegen sie doch sogar noch.“, sagte Marek und zeigte auf den fast verwelkten Straus Feldblumen. Der Stein selbst war ein grauer und fein behauener Naturstein. Die Oberflächen waren ordentlich poliert und frei von Schmutz. Nur ein wenig klein schien er im Vergleich zu den anderen Steinen ringsumher.<br />
„Also, ich finde das ja auch etwas merkwürdig, aber ich glaube, wir sollten wieder rein gehen.“, meinte Helene. „Es fängt bestimmt gleich wieder an zu regnen.“<br />
„Wartet mal.“, sagte Heike plötzlich mehr zu sich selbst als zu den beiden Begleitern. Mit den Fingern fuhr sie an der eingemeißelten Schrift entlang. Sie war grobschlächtig und nur oberflächlich poliert. Auch waren die einzelnen Zeichen nicht gleichmäßig und in ihrem Abstand unregelmäßig. Scheinbar hatte jemand große Schwierigkeiten gehabt, den Stein zu beschriften. „Kommt euch dieser Schriftzug nicht auch merkwürdig vor? Helene, dein Mann ist doch Handwerker, ist davon bei dir was hängen geblieben?“<br />
Helene schaute etwas pikiert, fuhr dann aber ebenfalls mit Händen den Schriftzug ab, dabei jedoch immer darauf bedacht, keinen Fuß auf das Grab zu setzen.<br />
„Also, ich bin da keine Expertin und mein Heinz arbeitet ja eigentlich auch mit Holz und nicht mit Stein, aber ich würde sagen, dass das hier kein Fachmann war. Vielmehr sieht die Schrift eher wie das Werk eines Dilettanten aus.“<br />
„Nehmt doch mal die Ranken da weg, vielleicht steht noch was darunter?“, schlug Marek vor, doch dazu hätten die relativ kleinen Frauen das Grab betreten müssen und das war ihnen gar nicht Recht. Rätsel hin oder her, aber die Totenruhe war ihnen heilig.<br />
Also Schritt Marek selbst zur Tat, stellte die Tasse ab, setzte einen Fuß auf die Grabstelle und versuchte erst vorsichtig, dann mit Gewalt den Efeu zu entfernen. Die Ranken waren so dicht gewachsen, dass sie wohl sogar ohne Blätter einen hervorragenden Sichtschutz geboten hätten.<br />
Darunter aber war nur nackter Stein zu finden.<br />
„Am besten wir fragen den Günther einfach mal. Heute ist er zur Reha wegen seines Beines. Das weiß ich. Und vielleicht bleibt er auch wieder über Nacht bei seinem Kumpel drüben in der Stadt. Wenn das hier seit fünf Jahren keiner bemerkt hat, wird es morgen auch noch da sein.“ Damit war für Heike das Rätsel zwar noch nicht gelöst, aber zumindest für heute zu den Akten gelegt. Die beiden Frauen schickten sich bereits an zu gehen und auch Marek wollte nur noch die Tasse aufheben, beugte sich dafür vor, so dass sein Kopf seitlich zum Grabstein war und stutzte.<br />
„Kommt mal wieder zurück.“, rief er. Helene und Heike drehten sich um und sahen Marek hinter dem Grabstein knien. Er grub – nein – er legte nur einen kleinen Bereich am Fuße des Steines frei. Sie gingen die wenigen Schritte wieder zurück zum Grab der Klara Thomak. Marek hatte nun aufgehört zu graben und kniete vor dem, was er da freigelegt hatte. „Gerhard Thomak – 14.08.23 – 23.11.94“ – „Wer ist das?“, fragte Marek ohne den Blick vom Stein zu wenden. Heike antwortete: „Das ist der Vater von Günther. Du meine Güte!“ Heike wurde bleich um die Nase. Helene Korsak stand daneben und klammerte sich an ihre Tasse.<br />
„Scheinbar hat jemand den Grabstein umgedreht, neu beschriftet und so tief in den Boden gerammt, dass der ursprüngliche Name nicht mehr lesbar war.“, fasste Marek zusammen. Es kam natürlich nur Günther – der Mann aus Stahl – in Frage, aber warum sollte er so etwas tun? Keiner der Anwesenden wusste sich einen Reim darauf zu machen – weder auf die Beweggründe Günthers, noch auf die Frage, wer da jetzt in dem Grab lag?<br />
Der Wind frischte auf und sie beschlossen wieder ins Haus zu gehen. Nun hätte das Trio auch von weitem nicht mehr amüsant ausgesehen. Den Kaffee hatten sie ausgekippt, da er schon längst Außentemperatur angenommen hatte. Zügig und mit leicht weichen Knien kamen sie in der Küche der Korsaks an. Dort wartete Heinz Korsak, der von einem Kunden in einer Nachbargemeinde zurückgekommen war. Die beiden Frauen nahmen ihn sofort ungefragt in Beschlag und lange Spekulationen setzten ein. Allerdings war Heinz kein sehr guter Diskussionspartner, denn der Kunde hatte wohl zu der anstrengenden Sorte gehört, und der alte Schreiner wollte eigentlich nur in Ruhe die Füße hochlegen.<br />
Marek entzog sich dem Allen und verschwand ins Arbeitszimmer. Er konnte sich nicht schon wieder Schlafen legen – dafür war es zum Einen zu früh und zum Anderen war heute zu viel passiert. Er ließ den Tag in rückwärtiger Reihenfolge Revue passieren. Soeben hatte er ein Grab geschändet – oder zumindest dessen Adressierung in Frage gestellt. Dann hatte er noch die adrette Heike verwirrt, mit Isi gestritten und nach dem Duschen neue künstlerische Fähigkeiten an sich entdeckt. Und zu guter Letzt war er heute Morgen fast vom Blitz erschlagen worden. Aber da war doch noch etwas? Er hatte kurz nach dem Einschlag etwas Rotes hinter dem Baum schimmern sehen. Oder hatte er sich das nur eingebildet? Es kam ihm so merkwürdig bekannt vor.<br />
‚Am besten wäre es sich morgen dort oben noch einmal umzusehen, und wenn es nur darum geht, einen vom Blitz gefällten Baum zu begaffen.’, dachte sich Marek. Doch nun packte er zum ersten Mal, seit er zum „Abschalten“ in dieses verschlafene Dorf gekommen war, seinen Schreibcomputer aus und startete die Textverarbeitung. Er würde sich jetzt beim Verfassen der ersten drei Seiten seines neuen Buches entspannen und die Geschehnisse um sich herum vergessen. Das sah seine Inspiration leider etwas anders und lies ihn im Stich. Kein Wort, keine Zeile blieb länger als zwei Minuten auf dem Bildschirm, bevor die Entfernen-Taste zuschlug. Soviel zum Überwinden der Schreibblockade. Aber Marek wusste, dass er sich nicht selbst unter Druck setzen durfte. Er war Schriftsteller – das stand fest – aber vielleicht nicht heute. Morgen. Morgen ganz bestimmt. Aber jetzt gab es bestimmt schon Abendessen.<br />
Der Tag endete mit dem alten Herrn vorm Fernseher. Ja, auch Korsaks hatten sich eine Satellitenschüssel gekauft.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 4 &#8211; Dienstag &#8211; 2. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 15:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Gedanken waren schwer und ungeordnet. Aufrecht im Bett sitzend schaute Marek aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Ab und an wanderte sein Blick argwöhnisch zu dem schwarzen Notizbuch, das nun auf dem Tisch lag, fast so als könnte sein Geist jetzt ausradieren, was er zwei Stunden zuvor ohne sein Zutun geschaffen haben musste. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2009/11/Essenz_Foto_Tag4_Teil2.jpg" width="630" height="205" alt="Essenz Foto Tag4 Teil 2" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify;font-family: Verdana">Die Gedanken waren schwer und ungeordnet. Aufrecht im Bett sitzend schaute Marek aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Ab und an wanderte sein Blick argwöhnisch zu dem schwarzen Notizbuch, das nun auf dem Tisch lag, fast so als könnte sein Geist jetzt ausradieren, was er zwei Stunden zuvor ohne sein Zutun geschaffen haben musste. In der dieser Situation hätte er mit Allem gerechnet – auch dass das Buch plötzlich aufspringen und nach ihm schnappen könnte. Er schaute auf den Wecker. Ein Uhr. Marek rutschte in seinem Bett nach unten und begann den Kopf so weit unter die Decke zu ziehen, dass nur noch die Nasenspitze draußen nach Luft suchen durfte. So würde er jetzt verweilen bis ans Ende aller Tage. ‚Das ging schon in Ordnung’, dachte er sich.</p>
<p><span id="more-1478"></span>
<p style="text-align: justify;font-family: Verdana&lt;br /&gt;">Sein Telefon klingelte. Ach verdammt – das hatte er ja extra hier gelassen um Frieden zu haben. Sicher war es Isi, aber dieses Risiko bedachte er erst, als er das Gespräch bereits mit einem Tastendruck entgegennahm.<br />
„Hi Isabel.“<br />
„Oh – ich bin erfreut“, antwortete eine sanfte Stimme, die ihm vor wenigen Wochen noch wohlige Schauer bereitet hätte. „Eigentlich dachte ich, du hättest meine Nummer schon gelöscht, aber wie ich sehe hängst du noch an mir.“<br />
Zynische Bemerkungen waren ihre Stärke – vielleicht die Einzige – ja, er hatte ihre Nummer gelöscht und wilde Zahlen, die bei Anruf auf dem Display erscheinen, konnte er sich noch nie merken. Egal. Wer ihn in so einem Moment auf die Nerven gehen wollte, konnte nur Isabel heißen.<br />
„Ich hänge an dir wie Kaugummi am Schuh und jetzt entschuldige mich bitte, ich hatte einen harten Tag. Auf Wiedersehen.“<br />
Marek legte auf. Ja, das Bett wurde wärmer und wärmer. Ihm war klar, dass auch ihr Telefon eine Wahlwiederholung hatte:<br />
„Ja, was denn noch?“<br />
„Nur weil du, wie ich dich kenne, noch im Bett liegst und wahrscheinlich gerade irgend so ein dürres Klappergestell an dir hängt, dem du gestern Abend besoffen in den Schoß gestolpert bist, brauchst du nicht gleich unhöflich zu werden.“, sprach Isi’s sanfte Stimme weiter. Aua – austeilen konnte sie schon immer. Soweit er sich erinnern konnte, war er noch nie besoffen irgendwo „reingestolpert“. Aber diese Märchentantenstimme, der sie sich bei seiner Erniedrigung bediente, war schon bemerkenswert.<br />
„Zum Einen stolpere ich nicht, sondern ich zelebriere den grazilsten Ausdruckstanz, den Mutter Natur uns gegeben hat und zum Anderen bin ich nicht da.“<br />
„Auch gut – dann bleib’ bei deinem Gerippe und ich hol mir, was mir zusteht.“<br />
„Dann nimm den Müll mit, wenn du gehst.“ ‚Gut gekontert’, dachte sich Marek. ‚Primitiv, aber gut. Immerhin ist sie es, die sich auf Unterstufenniveau herablässt. Marek hatte zudem keine Lust ihren Modellkomplex zu bedienen. Isabel war eine schöne Frau. Eigentlich sogar bildschön und immer gut gekleidet. Sie waren ein recht ansehnliches Paar gewesen. Nur hatte sie einfach mal einen kleinen Knacks weg, der ihre Oberschenkel betraf und das nur, weil er mal im Kaufhaus vor der Umkleide gesagt hatte, sie solle lieber gleich eine Nummer größer mitnehmen.<br />
Sie ging nicht auf seine großmeisterliche Bemerkung ein – irgendwie schade: „Also wie gesagt – ich habe noch ein paar Klamotten und die zwei Schnittmusterbücher bei dir. Außerdem bekomme ich noch 34,21 Euro Gasnachzahlung und der Internetanschluss läuft sicher auch noch auf meinen Namen, oder?“<br />
‚Zusammenziehen war ne Scheißidee gewesen’, dachte sich Marek nicht zum ersten Mal seit ihrem plötzlichen Auszug vor drei Monaten. Und wie so oft in diesen unzähligen Gesprächen kam er an die Stelle, als so etwas wie Bedauern in ihm hoch stieg.<br />
„Hör mal Isi – müssen wir denn immer in diesem Ton miteinander reden? Ich meine, wir sind doch erwachsene Menschen -“<br />
„Alter hat nichts mit geistiger Reife zu tun, Herr Schriftsteller.“<br />
„Ja ja – schon klar. Ganz groß! Hör mal, vielleicht hast du ja doch noch einen Funken Anstand in dir und wir reden noch mal über alles. Ich will ja keine Entschuldigung, aber wenigstens mal ein paar klare Worte, so wie wir sie früher auch finden konnten.“<br />
„Du erwartest wirklich eine Entschuldigung?“, die Stimme verlor etwas an Sanftheit. Hatte er sie tatsächlich aus der Fassung gebracht?<br />
„Nein, ich sagte doch gerade, dass ich das nicht tue -“<br />
„Junge, deine Nerven möcht ich haben.“ Oh – da hatte er wohl einen wunden Punkt getroffen, denn die Stimme verlor weiter an Hochmut und Festigkeit. Kurzes Schweigen. Warten. Marek holte Luft um etwas zu sagen, von dem er noch nicht wusste, was es werden sollte, aber da klickte es in der Leitung und das Gespräch fand ein Ende.<br />
‚Genug für heute’, schlossen seine Gedanken das Gespräch ab. Es tat ihm ein wenig Leid, dass er Isi soweit getrieben hatte. Sein Ego klopfte ihm auf die Schultern – gut gemacht, Junge! Tolle Leistung! Aber trotzdem war es irgendwie nicht befriedigend.<br />
Er ließ das Telefon auf den Boden fallen, drehte sich um und begann zielstrebig auf ein Nickerchen zuzusteuern.<br />
Zwei Stunden später klopfte es an der Tür. Helene Korsak hatte all ihr hausfrauliches Können mit mütterlichen Instinkten gepaart und ein feines Kaffeekränzchen organisiert. Da Heike von nebenan gerade auf einen Klatsch vorbeigekommen war, befahl sich ein drittes Gedeck auf den Tisch und der Sohnemann sollte nun in bester Manier dazu stoßen. Dieser fuhr erst beim dritten Pochen aufgeschreckt hoch, besann sich kurz wo er war und kündigte brummelnd sein baldiges Kommen an.<br />
Helene war eine dieser klassischen, gutbürgerlichen Hausfrauen, die, nachdem die Kinder oder vielmehr das Kind aus dem Haus war, erkannten, dass sie vom Rest des Lebens mehr erwarteten, als das Hüten des Hauses und das Verfolgen sinnentleerter Nachmittagstalkshows. Somit gründete sie in Düsseldorf einen kleinen Buchclub, in dem sie mit Freundinnen ähnlicher Situationen wöchentlich Besprechungen durchführte. Meistens arteten diese Treffen dann doch in Klatsch- und Tratschrunden aus, jedoch vermied es Helene immer, sich in wilde Diskussionen über Kochrezepte und die neusten Küchengeräte einzubringen. Das war ihr dann doch wieder zu klischeehaft, und außerdem war sie eine gute Köchin, die alles aus ihrer Kreativität heraus erschuf und dafür keine Bücher voller irrealer Hochglanzbilder brauchte. Sie war bescheiden in materiellen Dingen und immer stolz auf ihre Arbeit. Dass ihr Sohn mit Vierunddreißig immer noch nicht finanziell auf sicheren Beinen stand und auch ein Enkelkind noch in weiter Ferne schien, trübte ihren Frohsinn ein wenig. Ihr Mutterinstinkt sagte ihr auch, dass das mit dieser hübschen, blonden Schneiderin nicht mehr so ganz aktuell war. Sehr schade. Sie hatten so ein schönes Paar abgegeben. Aber die Heike von nebenan wäre ja auch keine schlechte Partie – gut, sie war sechs oder sieben Jahre älter, aber wir leben ja in modernen Zeiten und mit dem kleinen Frederik, kam sie ja auch gut klar. Aber sie würde natürlich nie versuchen zu kuppeln – ihr Junge war schon groß und traf seine eigenen Entscheidungen. Nur in ihren Augen nicht immer die richtigen.<br />
Als Marek dann endlich schlaftrunken die Treppe heruntergetorkelt kam, war er etwas überrascht die Nachbarin anzutreffen.<br />
„Hallo -“, setzte er an und hoffte die Peinlichkeit überspielen zu können, dass der Name ihm bereits entfallen war. Heike aber wartete und lächelte ihn an.<br />
„Tut mir Leid.“, gab Marek schließlich auf. „Aber ich musste mir in den letzten Tagen so viele Namen merken, dass Ihrer einfach durchgerutscht ist.“ Eine feine Notlüge, denn die handvoll neuer Namen sollten ja nun eigentlich kein Problem darstellen.<br />
„Heike – und wir waren per Du.“, lächelte sie weiter und streckte ihm die Hand entgegen.<br />
„Ach ja stimmt. Freut mich. Ist dein Kleiner noch in der Schule?“<br />
„Nein, der wollte unbedingt draußen spielen – hier kommt sowieso nie ein fremdes Auto vorbei und die Leute, die hier wohnen fahren wegen der Kinder extra vorsichtig.“<br />
„Greift doch erstmal zu“, unterbrach sie Mama Korsak. Den aufgelösten Kuchen des Sohnes hatte sie natürlich entsorgt und stattdessen ein paar Kekse gebacken. Es war bereits halb vier und das Licht des Tages befand sich schon wieder auf dem Rückzug.<br />
So plauderten die Drei über dies und das und entspannten sich jeder von seiner eigenen Weise den Tag zu verbringen. Heike war eigentlich Sekretärin im Chemiefaserwerk in der Stadt, hatte aber diese Woche Urlaub. „Das musste einfach mal sein“, sagte sie und beklagte sich ein wenig über die Mühen einer allein erziehenden Mutter.<br />
„Aber so eine Dorfgemeinschaft ist da schon viel wert. Wenn ich zum Beispiel nicht den Pfarrer Bernd hätte, der schon so oft auf den Kleinen aufgepasst hat, oder Fred, der auch nach seiner Runde immer noch ein paar Brötchen vor meiner Türschwelle ablegt, wäre es wohl richtig hart.“<br />
Marek wunderte sich. „Herr Ralesch hat auch eine freundliche Seite? Erstaunlich.“<br />
„Urteile nicht zu hart“, meinte Heike. „Er ist nur etwas – sagen wir mal – einfach im ausdrücken seiner Gefühle. Ja, ich glaube sogar, der alte Hund hat was für mich übrig, aber zum Einen ist er viel zu alt für mich und zum Anderen brauche ich etwas mehr geistigen Input, wenn du verstehst, was ich meine.“<br />
Holla – sollte das etwa eine Anmache sein? Die Mutter verstand sofort und schaute spitzbübisch über den Rand ihrer Kaffeetasse auf den Sohnemann. Marek aber dachte nicht ganz so weit: „Ja, das verstehe ich – na ja – aber ich glaube, dass jede ernsthafte Suche irgendwann belohnt wird, solange man ihr konsequent treu bleibt. Das Glück gehört den Tüchtigen. Ja schaut mich nicht so an. Manche Eurer alten Phrasen haben halt immer noch Hand und Fuß.“<br />
Die Mutter schmunzelte, aber Heike war sich nicht ganz sicher, ob sie sich von dieser verbalen Grobmotorik geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. Sie entschied sich für die Flucht nach vorn und schob sich einen Keks in den Mund um jeglichen Kommentar schuldig bleiben zu können.<br />
„Hast du denn inzwischen auch was vom Dorf gesehen?“, versuchte die Mutter aufzulockern.<br />
„Ja, Günther hat mich gleich am Montag schon in Beschlag genommen und eine offizielle Führung veranstaltet. Wir sind vom Kirchplatz einmal ums ganze Dorf und zurück bis zum Friedhof gelaufen, waren kurz am Grab seiner Frau und haben später noch ein paar Gläser gelehrt.“<br />
Heikes verwirrter Blick machte Marek unsicher. Hastig den Keks zerkauend wunderte sie sich: „Aber Günther war nie verheiratet.“<br />
„Kann nicht sein“, antwortete Marek. „Er hat mir von ihrem Tod erzählt. Der arme Mann. Und auf dem Grabstein stand auch ihr Name – Klara Thomak.“<br />
„Das kann nicht stimmen“, erwiderte Heike und schluckte die letzten Brocken herunter. „Günther und ich sind hier geboren und aufgewachsen und ich hätte doch mitbekommen, wenn er geheiratet hätte. Auch kennt hier im Ort jeder jeden und so etwas kann man nicht verbergen.“<br />
Mama Korsak mischte sich ein: „Vielleicht war es ja nicht seine Frau, sondern seine Mutter und er hatte nur etwas durcheinander gebracht.“<br />
„Seine Mutter hieß Hilde – Hilde und Klara klingt nicht mal ähnlich. Außerdem ist Hilde auf eigenen Wunsch nicht hier, sondern in der Nachbargemeinde beigesetzt worden. Das war damals ein Drama, sag’ ich euch.“<br />
„Warum ein Drama?“, frage Marek.<br />
„Weil niemand den plötzlichen Sinneswandel verstand. Jeder, der hier im Dorf lebt, liebt sein Haus, seinen Ort und die Gemeinschaft. Niemand würde auf die Idee kommen, sein ganzes Leben hier zu verbringen, aber in fremder Erde beigesetzt zu werden. Wenige Tage vor ihrem Tode aber machte die alte Thomak eines Morgens ein Geschrei, als würde sie abgestochen werden. Das halbe Dorf war gerade auf dem Weg zur Arbeit in die Stadt und strömte zum Haus. Die Tür war offen. Jedenfalls war ich damals auch dabei und fand Günther völlig außer Fassung am Bett seiner Mutter stehen. Er schüttelte die alte Frau, die mit offenen Augen im Bett lag und schrie. Sie wollte nicht aufhören und Günther war sichtlich verzweifelt. Das wirklich Unheimliche war aber die Art, wie sie schrie. Alte Weiber neigen ja zu schrillen Stimmen, aber das was da aus ihrer Kehle drang, hatte schon fast etwas Unmenschliches. Ich bin nicht gottesfürchtig und ich glaube auch nicht an Dämonen oder ähnlichen Kram, aber als ich da zusammen mit Günther und bestimmt zehn anderen Leuten aus dem Dorf in dem kleinen Zimmer der Frau Thomak stand, war es uns, als würde ein großes Tier kreischen. So als wäre es gefangen und brüllte vor Wut und Schmerz nach Leibeskräften. Dazu diese weit aufgerissenen Augen die ins Nichts starrten und das hilflose Gejammer von Günther – es war furchtbar, sage ich euch.“<br />
Marek und seine Mutter sahen sich an. Beiden waren bleich geworden. „Und dann?“, frage Marek. Heike holte tief Luft. Scheinbar fiel es ihr nicht so leicht diese alte Geschichte wieder hervorzuholen.<br />
„Plötzlich wurde die Alte unerträglich laut. Die körperliche Leistung war enorm, aber daran dachte in dem Moment niemand und alle im Raum mussten sich die Ohren zuhalten. Günther ging vor dem Bett in die Knie und brach in Tränen aus und wimmerte nur noch, als Hilde Thomak schlagartig aufhörte. Aber ich meine wirklich schlagartig – sie wurde nicht leiser und dann still, sondern von jetzt auf gleich war Ruhe. Niemand im Raum traute sich etwas zu sagen. Einen Moment lang starrte sie noch an die Decke, bis Günther wieder Fassung gewann und sie ansprach, ob alles in Ordnung war und was denn los gewesen sei. Da schien die Alte von weit her zurückzukehren und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wendete sich zu ihrem Sohn und flüsterte ihm etwas zu. Ich stand Günther damals am nächsten und konnte es hören.“</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 4 &#8211; Dienstag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Nov 2009 15:00:35 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter" src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2009/11/Essenz_Tag4_Teil1.jpg" alt="Essenz - Tag 4 - 1. Teil" width="630" height="205" /></p>
<p style="text-align: justify;font-family: Verdana">Vorbei und wie nie da gewesen erschien die Sonnigkeit der letzten zwei Tage, als Marek sich um acht aus dem Bett schälte. Hatte sich nach so kurzer Zeit wirklich schon sein Rhythmus verschoben? Normalerweise ging er nicht vor drei ins Bett und folglich bekam ihn auch vor Zwölf keiner zu Gesicht. Das Wetter lud auf jeden Fall zum im Bett bleiben ein. Graues Blei zog sich träge über den Himmel. Ab und an zerzauste eine Böe die kirchlichen Pappeln und Bäcker Ralesch hörte man nach jedem Kunden rufen „Tür zu!“. Bei dem Gedanken an seine Ausflugspläne dache Marek: &#8220;Wenn sein Brot so kräftig ist wie seine Stimme und sein Teig so sauer wie sein Humor, mache ich mir keine Sorgen um meinen Proviant.&#8221;</p>
<p><span id="more-1441"></span></p>
<p class="MsoNormal" style="text-align: justify;font-family: Verdana">Als er noch überlegte, ob er sich des schlechten Wortspiels wegen gratulieren oder verdammen sollte, fiel sein Blick auf das Regal seiner Erfolge und er musste an die Porzellanpuppenbemerkung des Vaters denken. Das sollte es aber auch für heute mit den Selbsterniedrigungen gewesen sein.<br />
Kuss für Mama, einen guten Tag für den Herrn Papa und raus auf die Straße. Ja, das war Gewinnerwetter. Marek konnte regelrecht spüren, wie die Energie, die hinter den Wolken darauf wartete in die Erde zu fahren, sich in ihm sammelte. Das war es, was ihm gefehlt hatte: Diese Urgewalten reiner Inspiration und konzentrierten Geistes. Auf, zu großen Taten – aber vorher noch schnell zum Bäcker.<br />
Marek betrat den kleinen Laden, der Eins zu Eins seinen Vorstellungen einer Dorfbäckerei entsprach. Da gab es das Regionalblatt von gestern und die Bildzeitung von heute. Da es schon nach Neun war, befanden sich in der handgedrechselten Auslage nur noch vier einsame Kuchenstücken und in der hinteren Ablage noch ein halbes Roggenbrot, ein Vollkornbrötchen und vier Schrippen – oder halbe Semmeln oder wie auch immer die Dinger in diesem Teil des Landes hießen. Marek nahm alles. Immerhin hatte er vor den Tag in Wald und Flur zu verbringen. Von der Frau Mama hatte er ein schönes Stück Räuchersalami und ein viertel Pfund Butter mitbekommen. Zusammen mit seinem Taschenmesser und dem kleinen Notizbuch, mit angebundenen und stets gut gespitzten Bleistift konnte ihm nichts mehr passieren.<br />
Herr Ralesch freute sich über den gierigen Kunden, denn nun konnte er vorzeitig schließen und vor seiner Runde mit dem Bäckermobil noch ein kleines Nickerchen machen. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, noch einmal nachzubacken. Seit jeher wurde eine feste Menge an Lebensmitteln für den Tag produziert und wem das nicht passte, der konnte die fünfzehn Kilometer ins Nachbardorf fahren.<br />
Marek wollte seine Runde mit dem Hügel hinter der Kirche beginnen. An den Seiten war der Berg wesentlich weniger steil, als an der Stirnseite und Marek suchte sich eine geeignete Stelle für den Aufstieg, denn er wollte ja wandern und keinen Leistungssport betreiben. Der Boden war trotz des nächtlichen Regens sehr fest und die Bäume boten einen guten Halt um sich an allzu steilen Bereichen einfach daran hochzuziehen. Manchmal legte er auch eine Pause ein, lehnte sich an einen Stamm und blickte zurück zum Dorf. Schließlich erreichte er dann doch, leicht außer Atem, den Gras bewachsenen Gipfel – oder vielmehr das Gipfelplateau, denn auf der flachen Kuppe befand sich noch eine zweite Erhebung, die er aus der Ferne durch die verdeckenden Bäume nicht hatte bemerken können. Sie lag auf der dem Dorf abgewandten Seite und maß etwa fünf Meter in der Höhe und acht Meter in der Basis. Direkt daneben reckte sich eine stämmige Eiche dem unruhigen Himmel entgegen. ‚Das ist schon ein kurioser Berg’, dachte sich Marek und sah hinüber zum Dorf. Er konnte nun über die Kirche und die Häuser hinweg auf die weiterstreckten Felder und Wiesen schauen. Selbst eine Stadt – er hatte keine Ahnung welche – glaubte er am Horizont ausmachen zu können. Für solch eine schwere Wolkenfront, war die Luft erstaunlich klar. Der Wind hatte in der Stunde seines Aufstieges an Kraft gewonnen und peitschte die grauen Massen nun erbarmungslos übers Firmament. ‚Es ist eine bleierne See’, sprang es Marek in den Kopf. ‚Wie geschmolzenes, träges Metall. Es wogt, rollt, es schäumt und treibt.’ Er rechnete damit, dass jeden Augenblick riesige Ungetüme aus dem Himmelsmeer kopfüber auf die Erde zurasten, ihre langen, glänzenden Hälse gen Boden wandten und mit einem gellenden Schrei wieder in ihr Reich zurückfuhren.<br />
Was war denn los mit ihm? So aufgeladen hatte sich Marek selten erlebt. Er setzte sich in das vom Wind zerwühlte Gras und hielt Brotzeit. Er dachte nicht daran, dass er inmitten eines Sturmes auf freiem Gelände saß. Er dachte auch nicht an die wenigen umstehenden Bäume, deren schwere, knorrige Äste ihn mit Leichtigkeit hätten erschlagen können. Dieses Schauspiel war einfach zu ergreifend. Das Licht nahm weiter ab. Marek saß wie hypnotisiert und wartete auf seine Seeungeheuer. Langsam schob er sich Brot und Wurst in zu irrer Verzückung verzerrten Mund. Und dann geschah es – kein Superlativ der Welt hätte dem Schriftsteller auch nur ansatzweise Das reichen können, was zur Beschreibung seiner Empfindungen notwendig gewesen wäre, als weit hinten auf freiem Feld ein Blitz lautlos in einen der Bäume einschlug. Der Kiefer hörte auf zu kauen und verharrte mit dem Rest des Körpers in gespannter Erwartung. Da zerriss ein Donner, wie er nur aus den Höllen sämtlicher vergrämter Seelen der Welt stammen konnte, das Firmament. Die Ungeheuer hatten begonnen zu rufen. Sie riefen ihn – ihn wie er da auf dem Berg saß. Kein Regen – sehr gut. Marek vergaß seine naturwissenschaftliche Grundausbildung und suchte unter der großen Eiche vor der Erhebung Schutz. Die leichte Abschirmung vor dem grausamen Odem der auf ihn zuströmenden Ungeheuer erlaubte ihm sein Notizbuch zu öffnen, aber er fand keine Worte, die er hätte hineinschreiben können. Dann zeichnete er halt. Hier ein paar Striche und dort ein paar Schraffuren. Für einen kurzen Moment kehrte ein Funken Klarheit in seinen Leib zurück. Irgendwas war hier doch nicht richtig – oder? Er war ein sensibler Schriftsteller aus Düsseldorf, der sich auf Dramen des täglichen Lebens zwischen Spüle und Herd spezialisiert hatte. Was faselte seine innere Stimme denn da von Ungeheuern und Himmelsozeanen? Und warum hatte er sich eigentlich nicht schon längst in Sicherheit gebracht? ‚Um Himmels Willen!’, schoss es ihm durch den Kopf. ‚Da hinten ist gerade ein Blitz eingeschlagen und ich stehe hier neben der höchsten Erhebung im Umkreis von mehreren Kilometern!’. Ein erneuter Blick auf die Wolken ließ den Funken der Klarheit erst zu rationaler Vernunft, dann zu aufkeimender Panik werden. Ja, sie zogen immer noch in seine Richtung und damit auch alle elektrische Ladung, die sich stetig in ihnen aufbaute.<br />
Marek wollte rennen – nein – rennen ist nicht gut. Das Plato maß bestimmt fünfzig Meter freies Feld. Er wäre zwar immer noch kleiner als die riesigen Eichen, aber hier wurde nicht mehr gepokert. Kriechen – kriechen ist gut. Marek ließ sich auf den Bauch fallen und robbte über das Grün. In jeder anderen Situation hätte er sich wahrscheinlich bei der Vorstellung über sich selbst köstlich amüsiert, aber daran war jetzt nicht zu denken. Regen setzte ein. Viel Regen. Der Boden begann aufzuweichen und immer stärker werdende Böen drückten ihm Sand und Gras ins Gesicht. Es war, als wollte ihn der Wind am Boden festhalten. Als sollte er mitten auf dem Plato darauf warten, dass eines der Ungeheuer aus den Wolken hervorbrach und ihn verschlang. ‚Schluss jetzt mit diesem Ungeheuer-Mist’, schaltete sich sein Verstand dazwischen. ‚Du wirst jetzt schön weiterrobben – da vorn ist die Baumgrenze und danach geht’s nur noch bergab – Mitten im Wald kann dir nichts passieren!’. Das Licht schwand zusehends. Der Regen wurde so dicht, so dass Marek, als er den Kopf gen Dorf drehte, nicht mal mehr die Häuser hinter der Kirche erkennen konnte. Nur die Reste einer weißen Verputzung des Gotteshauses schienen ihm Trost spenden zu wollen. Zu dumm – nicht sein Fachbereich &#8211; und er würde auch jetzt nicht anfangen irgendwelche Mächte anzurufen. ‚Nur noch zwanzig Meter – das ist nicht viel.’, feuerte ihn sein Verstand an. Ein grelles Licht blendete ihn, ein lauter Schlag machte ihn taub. Zweier Sinne beraubt krallte er sich am Boden fest. Langsam wurde das Flimmern vor seinen Augen durchlässiger, und die Stille in seinen Ohren wich einem Rauschen. Marek versuchte den Kopf zu drehen. Die große Eiche an der er eben noch gestanden hatte war gebrochen. Der Einschlag der Naturgewalt hatte sie gefällt und die kleinen Flammen wurden bereits vom Regen gelöscht. Etwas Rotes blitze hinter dem entwurzelten Baum hervor. Irgendwas, das er kannte.<br />
Marek konnte nicht mehr sagen, ob er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte, oder ob es die Folgen des direkten Donnerschlags waren. Er lag noch immer auf dem Präsentierteller und er hatte Angst. Sein hoch entwickelter Verstand hatte keine klugen Ratschläge mehr für ihn sondern schrie nur noch einen Befehl: LAUF! Er sprang auf und rannte – rannte die zwanzig Meter fliehenden Schrittes direkt in den Wald hinein und auf den Abhang zu. Ihn umgab nur Rauschen. Er spürte den Regen, aber es war kein Auftreffen zu hören. Er verlor am Abhang den Halt. Strauchelte, fiel. Zerbrach im Fallen Äste und Zweige, aber das Knacken blieb aus. Nur Rauschen und diese tanzenden Lichter vor seinen Augen. Steine. Marek knallte gegen einen dicken Stamm und blieb liegen, raffte sich wieder auf und ließ sich erneut fallen. Da war er wieder – sein Verstand – und er rief ‚Halt!’. Er war fast am Ende des Hanges und damit am Ende des Waldes angekommen. Dahinter lagen gut vierhundert Meter freies Feld. Es wäre Selbstmord gewesen weiterzulaufen. Also blieb er wo er war &#8211; halb blind, taub und bereits ein Teil des sinnflutartigen Wassers, welches der Himmel über ihn herabstürzen lies.<br />
So harrte er aus. Zehn Minuten, fünfzehn. Langsam kehrte seine Sehkraft wieder zurück und auch das Rauschen rückte in den Hintergrund. Das Gewitter zog über seinen Kopf hinweg, scheinbar ohne seine allmächtigen Finger noch einmal in den Boden zu rammen.<br />
Als der Wind nachließ und nur noch der Regen sich beständig zu halten schien, löste sich Marek von seinem Heil und wankte über das Feld, vorbei an der Kirche, in die Seitenstraße zum Haus seiner Eltern. Es war gerade mal Mittag und seine Mutter war schon etwas in Sorge um ihn, als er das durchnässte Päckchen mit Bäcker Raleschs Kuchen auf dem Küchentisch ablegte. „Ich war mal schnell beim Bäcker“ bemerkte er trocken und die Mutter eilte sich ihm ein Handtuch zu bringen.<br />
„Den Kuchen können wir bestimmt noch essen. Sag mal Junge warst du die ganze Zeit draußen? Bei dem Wetter? Du wolltest doch den Hügel hinauf, oder?“<br />
„Ja Mama“, atmete Marek laut aus. „Das wollte ich. Ich geh’ mal heiß duschen und leg’ mich dann kurz hin. Ich komm dann runter und wir trinken unseren Kuchen.“<br />
Marek erwiderte müde das Lächeln seiner besorgt dreinschauenden Mutter und begab sich nach oben. Sein Notizbuch warf er aufs Bett, alles andere, was er noch am Leib hatte, streifte er ab und warf es so wie es war in die Badewanne. Er war bei seinen Eltern – das ging schon okay.<br />
Als Marek unter der Dusche stand, kam es ihm so vor, als ob noch ein Rest der Erregung, die er auf dem Hügel gespürt hatte, in ihm war und nun langsam von heißem Wasser aus ihm heraus gespült wurde. Ein leichtes Pfeifen hatte er noch im Ohr, aber das kannte er von diversen Konzertbesuchen und würde es schon morgen vergessen haben. Erschöpft, aber wieder entspannt, stieg er aus der Dusche, vermied es sich ein Handtuch umzulegen und spazierte in sein Zimmer. Das Bett war sein Ziel, das immer noch nach frischer Wäsche duftete und durch ihn bald auch wieder warm und kuschelig sein würde. Auf dem Bett lag immer noch sein Notizbuch. Es hatte sich beim Wurf wohl geöffnet und präsentierte ihm nun seinen schwarzen Rücken. Marek nahm es auf und drehte es herum. Als er sah, was sich da auf der aufgeschlagenen Seite befand, war es als stürze der Raum auf ihn ein. Nackt stand er da und starte mit zusammengepressten Lippen auf eine Zeichnung, die dort vor dem Zwischenfall auf dem Hügel noch nicht gewesen war. Wolken waren zu sehen. Tiefe, schwere Wolken und zwischen ihnen schoben sich tatsächlich mächtige Hälse mit gierigen Mäulern hervor. Die Hälse waren lang und schuppig, doch die Mäuler entsprangen Gesichtern mit fast menschlichen Zügen. Da waren Pupillen zu erkennen, die ins Leere starten und aus den oberen Enden der Hälse streckten sich Fortsätze, die wie wilde Hände aussahen. Die Mäuler schienen auf den Boden zuzurasen, aber da war nichts, was sie hätten greifen können. Der Boden war im Gegensatz zu den Wolken auch kaum mit Details versehen. Wenige Striche skizzierten eine Landschaft. Vielleicht war dies ein Baum oder jenes der Versuch eines Hauses. Marek fror. Trotz der heißen Dusche war ihm jetzt kalt. Er erkannte den kärglich gestalteten Boden als seinen Beginn ein Bild zu zeichnen. Aber er hatte es nicht vollendet – er hatte dort oben bei der Eiche inne gehalten und dieses Treiben unterbunden. Oder hatte er nicht? Das war aber nicht er – alles oberhalb des schlecht umrissenen Bodens war zu fein – zu filigran. Es hatte die Meisterhaftigkeit eines mittelalterlichen Holzschnittes. Grob in der Führung, aber fein in den Details. Selbst bei klarem Wetter wäre er nie in der Lage gewesen diese Zeichnung anzufertigen. Sein Blick fiel auf den Bleistift, der wie immer an dem Buch festgebunden war. Die Mine war bis auf den Grund herunter geschrieben.</p>
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