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	<title>hausmannskost.</title>
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		<title>champagner ist für den arsch!</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Apr 2011 11:18:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bastian</dc:creator>
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		<title>Leider gab es keine PremiumCola</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Jul 2010 17:16:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>bastian</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Total Tankstelle am Volkspark Friedrichshain]]></description>
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<p>Total Tankstelle am Volkspark Friedrichshain</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 11 &#8211; Dienstag &#8211; 4. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jul 2010 14:00:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
				<category><![CDATA[essenz]]></category>
		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Benedix]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn ich heute so zurückblicke, würde mir eine Erzählung dessen wohl zu fantastisch erscheinen, als dass ich es hätte glauben können. Das Aufgehen in göttlicher Liebe war nicht mehr reiner Glaube – es war Wissenschaft geworden. Wir nutzten die Elemente der Natur, also die Werke des Schöpfers, um uns ihm zu nähern und machten ihn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/07/webfoto_Tag11_Teil4.jpg" width="630" height="240" alt="webfoto_Tag11_Teil4.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>Wenn ich heute so zurückblicke, würde mir eine Erzählung dessen wohl zu fantastisch erscheinen, als dass ich es hätte glauben können. Das Aufgehen in göttlicher Liebe war nicht mehr reiner Glaube – es war Wissenschaft geworden. Wir nutzten die Elemente der Natur, also die Werke des Schöpfers, um uns ihm zu nähern und machten ihn spürbar für jeden. Mehr noch. Wir machten die unsterbliche Seele, die Essenz, greifbar und zeigten einen Weg, wie sie zu befreien – nein – zu retten war. Und dieser Weg führt nicht über den Zehnt oder die Beichte oder andere weltliche Prozedere, die der katholischen Kirche so am Herzen lagen. Nein, es war die direkte Verbindung mit Gott. Es war allein das Gebet und der Glaube an den Herrn, das es uns ermöglichte uns selbst zu befreien.</i></p>
<p><span id="more-1723"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>Es gibt aber auch eine Kehrseite, die in diesen Tagen immer deutlicher hervor tritt. So sehr Sirmione uns auch gibt wonach wir streben, so ist es doch wie ein Gefängnis für mich. Es gibt keinen Ausgang für uns Commutatae. Der Feind könnte uns aufbringen und dem Schutze Sirmiones entziehen. Immer öfter denke ich auch an Bède und seinen leblosen Leib, der nun schon seit zwei Jahren dort oben in den Bergen liegt und wohl nie eine würdevolle Bestattung erfahren wird. Heute, am dritten Jahrestag meiner Flucht aus Montségur, sitze ich im Ringgarten der Burg und pflanze gerade einen neuen Eibensetzling. Der Bischof nähert sich mir, setzt sich und streicht mir übers Haar.<br />
„Ich weiß was heute für ein Tag ist. Es ist dein dritter Geburtstag, richtig? Ramon hat es mir erzählt.“<br />
„Herr Bischof? Warum kann ich nie nach draußen? Der Ritter, der nach mir spähte muss schon längst verzagt haben und mit zwei Reitern könnte ich zurück in die Berge und Bède heimholen.“<br />
„Die Zeiten haben sich geändert. Es ist bei Leibe nicht mehr sicher da draußen, auch wenn dieser eine Ritter vielleicht deine Spur verloren hat. Was wir hier tun, darf niemals in falsche Hände geraten. Sie wissen bereits zu viel.“<br />
„Wer? Die katholische Kirche?“<br />
„Man kann es so ausdrücken, ja.“<br />
„Aber sie bekommen doch schon jeden Monat soviel Gold, dass es manchmal nicht mal für uns zum wandeln reicht.“<br />
„Das Gold ist ihnen lieb und wenn sie in dem Glauben wären, sie könnten das Wissen über dessen Herstellung selbst erringen, dann würden sie es tun. Doch bisher lassen wir sie in dem Denken, dass wir noch an der Formel arbeiten. Diese Leute geben sich nicht mit Unfertigem zufrieden und so gibt ihnen der Schatzmeister jeden Monat mal schlechtere mal bessere Proben, damit sie nicht in Versuchung geraten eine unfertige Formel zu stehlen. Etwas anderes bereitet mir aber Sorge.“, der Bischof nimmt seine Stirnbinde ab und reibt sich die Schläfen. Er wirkt auf einmal alt und von den Jahren verzehrt. Der starke Mann, der jede Kraft in diesem Hause bündelt und sinnvoll einzusetzen vermag, scheint mit einem ernsten Problem behaftet.<br />
„Mein Kind“, setzt er fort. „Wann hast du Arnaldus zum letzten Mal gesehen?“<br />
Ich denke nach und sage dem Bischof, dass ich ihn letzten Nachmittag noch traf und teile ihm meine Sorge über seine ungewöhnliche Frage mit.<br />
„Arnaldus ist seit gestern Abend nirgendwo zu finden. Seine Mutter sorgt sich um ihn und Jungen in seinem Alter neigen oft zu Neckereien. Jedoch hat einer der Posten des äußeren Festungsringes eine päpstliche Reiterstaffel entdeckt, die sich den ganzen Tag schon auffällig nahe der Mauer aufhielt und dann plötzlich wie vom Leibhaftigen gejagt davon sprengte. Ich habe Sorge, dass sich Arnaldus außerhalb der Mauer aufgehalten hat und verschleppt wurde.“<br />
Mein Magen ist ein Stein und mein Herz gefriert in einer eisigen Klaue, dass es mir fast gänzlich versagen will. Nicht Arnaldus. Immer wieder sind einzelne Mitglieder der Gemeinde verschwunden aber keinem stand ich so nahe wie ihm. Oh getreuer Freund.<br />
„Ich weiß, wie du zu ihm stehst und fühle deine Sorge, doch wisse, dass uns allen Schlimmes droht, sollten sich meine Befürchtungen bewahrheiten. Arnaldus de Villanova kennt nicht die Prozeduren an denen wir arbeiten. Er ist auf dem Wege ein Heiler zu werden. Er weiß nicht nach welchen Prinzipien das Gold geschaffen wird und auch die Umwandlung kennt er nur als Begriff. Dennoch weiß er, wie jeder hier, von den Erkenntnissen über die Existenz der Quintessenz.“<br />
Der Bischof atmet tief ein und wieder aus. Es fällt mir schwer mich von dem Gedanken an eine Gefangenschaft Arnaldus’ zu lösen. Ich kenne die Methoden der Inquisition, wenn sie glauben Wissen aus einem Geist schürfen zu können.<br />
„Ich will es dir erklären“, setzte der Bischof ohne ein Nachfragen meinerseits fort. „Der Mensch lebt in Rangordnungen. Es gibt immer ein Oberhaupt. In einer Familie ist es der Vater, hier bin ich es und für die meisten Menschen da draußen ist es die Kirche des Papstes. Du kannst solch eine Rangordnung auf Liebe und Güte aufbauen oder auf Armut und Dummheit. Verstehst du? Entweder ich ordne mich jemandem unter, weil ich es möchte, oder weil ich glaube es zu möchten oder zu müssen. Hier bei uns glauben alle, dass unser Weg uns zusammen das Göttliche erreichen lässt. Deshalb folgt ihr mir. Das ist der Weg der Liebe und der Güte. Die Kirche des Papstes presst auch den ärmsten Bauern noch den Zehnt ab und droht mit Fegefeuer und Verdammnis, wenn der Mammon nicht zu fließen scheint. Mit diesem Geld bauen sie sich Paläste und Kathedralen, in denen dann die verlorenen Seelen das bestaunen können, was ihnen vielleicht im Winter den Bauch gefüllt hätte.“<br />
Ich spüre, wie der Bischof beginnt sich in Rage zu sprechen. Eigentlich ist er ein besonnener Mensch, doch hier scheint dies zu enden.<br />
„Die Kirche hat eine unendliche Macht und das nur, weil sie einen Glauben diktiert, den jeder bedingungslos annimmt. Wenn Rom nun erfährt, dass wir in der Lage sind den Menschen zu zeigen, dass sie Gott nahe sein können, ohne den letzten Groschen dem Pfaffen in die Kollekte zu werfen, und nur sie selbst ihre Seelen durch Gebet und Hingabe an den Herrn retten können, dann verliert Rom alles. Die Grundlage der Macht Roms ist die Dummheit der Menschen auf deren Rücken es erschaffen wurde. Wenn sie Mächtigen erfahren, dass wir in naher Zukunft ihre Herrschaft brechen können, wird sie kein Gold der Welt mehr aufhalten, über uns herzufallen. So war es in Montségur und so wird es auch hier sein.“<br />
Der Name meiner Geburtsstätte entreißt mich meiner Gedanken. „Ihr habt mir nie erzählt, warum Montségur vernichtet wurde. Ich dachte immer, es wäre der Groll gegen unseren Glauben selbst, der meine Familie verbrannte?“<br />
„Auch wenn du es vielleicht nicht weißt, weil du noch zu jung warst, aber ursprünglich hatte Montségur ebenfalls Gold hergestellt, doch die Erde gab nur schwaches Blut von sich und so versiegten die Lieferungen an Rom schnell. Damals ging der Bischof Guilhabert de Castres ein großes Risiko ein. Er ließ Gregor IX in einer geheimen Botschaft mitteilen, dass er die Formel vollendet habe und im Falle eines Angriffes sie in alle bekannten Sprachen übersetzen und überall auf der Welt verbreiten lassen würde. Damit wäre die Macht des Goldes gebrochen gewesen. De Castres hatte hoch gespielt und verloren. Augenblicklich wurde Montségur abgeriegelt und ausgehungert. Unseres Wissens nach gab es keine Chance die Drohung von de Castres umzusetzen.“<br />
„Bède hat mich aus der Burg gebracht. Warum hat er die Formel nicht mitgenommen und der Drohung Taten folgen lassen?“<br />
„Weil es immer nur eine Drohung bleiben sollte. Das Ziel der Menschen soll nicht der Erwerb von Reichtümern sein sondern ihre eigene Verbindung zu Gott zu erkennen.“<br />
Ich begreife die Logik hinter den Reden des Bischofs und springe erregt auf: „Wir müssen einen Trupp losschicken. Wir müssen ihn retten und zurückholen.“<br />
Müde antwortet der Bischof: „Nein, das werden wir nicht.“<br />
„Aber noch ist es nicht zu spät.“, meine Erregung schießt ins Unermessliche.<br />
„Wenn wir jetzt los reiten, erhöhen wir in den Augen des Feindes die Bedeutung seiner Beute. Der Herr wird es richten.“<br />
Wie ich den alten Bischof da sitzen sehe, fühle ich meine Galle dem Brodeln nahe. Ich möchte aufbrechen, nach Ramon suchen, ein Pferd nehmen und den Freund finden. Der Bischof spürt meine Wut.<br />
„Der Herr wird es richten.“, wiederholt er in fester werdendem Ton. Ohne dass ein Wort meine Lippen verlässt, starre ich ihn fassungslos an. Ein inneres Feuer beginnt in mir zu brennen. Er will, dass ich ihn aufgebe, so wie ich meine Familie damals aufgeben musste. Ich sehe mich wieder am Hang des Les Coussats stehen und spüre Bèdes Arme, die mich festhalten. Dann werden diese Arme kalt wie Eis und wieder lasse ich einen Freund im Stich.<br />
„Der Herr wird es richten!“, ruft der Bischof nun laut. Meine stumme Verurteilung muss auf ihn einprasseln wie aus tausend Kehlen. Schließlich erhebt er sich und dreht den Kopf zu mir. „Höre mir zu, Jean. Du musst noch Großes vollbringen. Mäßige dich. Bete für deinen Freund und Bruder.“<br />
‚Mäßige dich’ – das waren die Worte, die Bischof Marty zu meiner Mutter sprach, als sie sich einst weigern wollte mich ihrem Busen zu entreißen. Ich werde mich aber nicht mäßigen und beten ist das Letzte was ich jetzt möchte. Ich will handeln. Mein Kopf beginnt eine Flucht aus der Festung zu planen. Wenn ich erst aus der Rechweite seiner Empfindung des Bischofs bin, könnte ich meinen Stand als Commutata nutzen um mir ohne Fragen ein Pferd zu beschaffen. Ich kann aber nicht reiten – Ramon kann reiten. Wir holen ihn zurück – heute noch – niemand wird uns aufhalten – den ersten Burgring werden wir passieren und den zweiten vielleicht mit Gewalt und dann reiten wir die Nacht hindurch bis wir – das Bild, welches ich erblicke, lässt alle Gedankenströme abreißen. Vor mir aufgebaut steht der Bischof – mit weit geöffneten Augen. Eines ist milchig weiß und lässt eine graue Pupille dahinter erahnen. Das andere ist schartig und nur ein verkrusteter dunkler Klumpen in einer schwarzen Höhle. Die Augen können mich nicht finden aber dieser Akt der Entblößung treibt mich zurück in den Zustand eisiger Angst.<br />
„Jean, Tochter der Festung Montségur, du bist eine geweihte Perfecta und eine Commutatea. Du hast hier eine Aufgabe und die gilt es zu erfüllen. Stellst du deine Aufgabe in Frage, stellst du dein Vertrauen in den Herrn in Frage. Sage mir, deinem Bischof, glaubst du an deine Aufgabe? Sprich!“<br />
Der grausige Anblick und die feste, alles erschütternde Stimme lassen mein Herz verzagen und alle Entschlüsse fahren. Einsam beginnt die Hoffnung für Arnaldus zu verdorren. Aber noch etwas anderes ist geschehen. Es ist nicht nur die Stimme und das Aussehen seiner Augen. Ich konnte ihn spüren. Seine Wut und seine Aggressivität, die er stets zu verbergen wusste. Seine Sorge um die Gemeinschaft, aber auch ein Funken seines bedingungslosen Glaubens an seine Sache sprang zu mir herüber. Ich hatte für den Teil eines Augenblickes seine Essenz erfahren und inmitten all dieser Empfindungen, die sie mir zutrug, erkannte ich verborgen ein nie erwartetes Verlangen – Rache. Ich gebe meinem Verstand nicht die Zeit darüber nachzudenken und senke demütig mein Haupt. Der Bischof schließt seine Augen wieder. Sein Körper fällt zurück in die gewohnt gebückte Haltung. Er kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.<br />
„Lass uns Beten, mein Kind.“<br />
Wir beten eine halbe Stunde lang, dann verlässt mich der Bischof und ich</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 11 &#8211; Dienstag &#8211; 3. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Jul 2010 14:00:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Es ist doch nur ein Blatt.“, sagte ich, aber da stürmten sie schon atemlos auf mich zu und warfen mich um als wäre ich einer ihrer Spielkameraden. „Nein, das darfst du nicht. Diese Bäume symbolisieren den Gedanken unseres Glaubens.“, keuchte Arnaldus. „Ich kenne meinen Glauben und da kommen keine Bäume drin vor.“, empörte ich mich. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/07/Essenz_JB2.jpg" width="640" height="244" alt="Essenz_JB2.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>„Es ist doch nur ein Blatt.“, sagte ich, aber da stürmten sie schon atemlos auf mich zu und warfen mich um als wäre ich einer ihrer Spielkameraden.<br />
„Nein, das darfst du nicht. Diese Bäume symbolisieren den Gedanken unseres Glaubens.“, keuchte Arnaldus.</i></p>
<p><span id="more-1720"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>„Ich kenne meinen Glauben und da kommen keine Bäume drin vor.“, empörte ich mich.<br />
„Du verkennst den Sinn. Ich erkläre es dir.“, und Ramon ging zu einem der mittleren Bäume und begann unter stetiger Beipflichtung von Arnaldus zu erklären:<br />
„Sieh dir diesen kleinen Baum an. Er hat einen Stamm, drei Äste und ein paar Zweige und Blätter. Nun sie hinüber zu dem großen Baum. Siehst du den dicken Ast, der da so tief hängt? Stell dir vor, du würdest den Ast abbrechen und neben diesen kleinen Baum hier stellen. Beide wären ungefähr gleich. Der Ast würde zum Stamm werden und seine Zweige zu Ästen. Nun sieh zu dem ganz kleinen Baum.“<br />
„Das ist noch kein Baum.“, verbesserte Arnaldus.<br />
„Wie dem auch sei. Komm her, Jean.“, er nahm meine Hand und zog mich in die Hocke zu sich heran. Dann nahm er eines der herab gefallenen Blätter und fuhr mit den Fingern die Linien darauf nach. „Selbst hier in diesem einen Blatt, kannst du einen Stamm und Äste und Zweige erkennen. Es ist also der gesamte große Baum da drüben in diesem kleinen Blatt enthalten und dieses kleine Blatt kann sich selbst zu diesem großen Baum entwickeln, an dem es dann wieder selber hängt um wiederum auch den Baum selbst zu enthalten.“ Dabei zeigte er ausladend über die ansteigende Folge von Gehölzen. „Verstehst du schon?“<br />
Ich schüttelte den Kopf.<br />
„Mann, das ist doch ganz einfach“, mischte sich Arnaldus wieder ein. „Wenn der Baum Gott ist, dann sind wir die Blätter und da die Blätter auch zu Gott werden können, weil er in ihnen drin ist, können wir göttlich werden. Das weiß doch jedes Kind.“<br />
„Das ist Blasphemie.“, stieß ich aus.<br />
„Was ist Blasphemie?“, kam die Frage zurück.<br />
„Das ist, wenn du sagst, du bist wie der Herr im Himmel. Er wird dich dafür strafen.“<br />
„Das haben wir doch gar nicht gesagt.“, konterte Ramon. „Es ist so. Alles was Gott auf der Welt geschaffen hat, hat er auch im Menschen geschaffen. Der Stamm und die Äste und Zweige findest du auch im kleinsten Blatte wieder. Und so wie es hier die Bäume zeigen, ist es auch bei uns. Jeder Mensch trägt die Kraft des Herrn in sich und kann nur eins mit dem Göttlichen werden, wenn er sie erkennt und sie dem Blatte gleich entwickelt. Außerdem ist der Herr immer noch der Schöpfer. So!“<br />
„Ist das eure Reinheit?“, frage ich.<br />
„Das ist UNSERE Reinheit.“, betonte Ramon mit überdeutlicher Klarheit. „Wenn das Blatt erkennt, dass es zum Baum werden kann, weil es den gesamten Baum bereits in sich trägt, dann ist das der Weg. Zuerst müssen wir dem Samen entspringen und uns durch dunkle Erde graben. Das ist das Erwachen. Und dann den Versuchungen und Gefahren des Weltlichen bestehen um zu voller Blüte zu gelangen.“ Und wie zum Beweis blies Arnaldus mit vollen Backen gegen den kleinen Schössling.<br />
„Wir sollen nichts anfassen.“, schalt ihn Ramon.<br />
„Ich fass’ doch gar nichts an.“, kam es zurück.<br />
Ich war mir nicht sicher, ob ich das alles verstanden hatte und Ramon sah dies. Er übergab mir das Blatt und schickte mir wieder sein zauberhaftes Lächeln.<br />
„Hattet ihr in Montségur keine solchen Bäume?“<br />
Schulterzucken beendete meine erste Lektion in Sirmione. Den Rest des Nachmittags konnte ich Kind sein und tollte mit den Beiden umher, dass es eine Freude war.<br />
Des Abends dann besann ich mich dem mir Gesagten und hielt eine tiefe Andacht an meine Mutter und an Bède, angeschlossen von einem langen Gebet. Ich schloss meine Augen im letzten Blick auf mein Kästchen, dass ich bis dahin fest umklammert hatte und öffnete sie des Morgens ohne diese Umklammerung gelöst zu haben. Anfänglich ergriff mich ein leichter Schwindel und ich hing der Befürchtung nach zu erkranken, aber nach der morgendlichen Messe ließ ich mich erwartungsvoll vom Bischof hinab zu Artephius bringen. Zu dritt gingen wir in einen kleinen Nebenraum, der einer Kapelle glich. Ein Kreuz stand dort auf einem steinernen Vorsprung und vier Kerzen spendeten fahles Licht.<br />
„Wie fühlst du dich?“, fragte Artephius.<br />
„Gut. Ich bin in Ungeduld, ob der Herr an der Münze ein Wunder getan hat.“, antwortete ich schnell.<br />
„Und heute Morgen? Fühltest du dich ebenfalls gesund? Keine Schmerzen oder Leiden?“<br />
„Nein. Nur ein leichter Schwindel. Ich hatte wohl am Vorabend zu wenig gegessen. Lasst mich nun sehen, was in meinem Kästchen ist.“<br />
Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass Artephius einen Blick aus Sorge und Enttäuschung in Richtung des Bischofs warf. Der aber schien dies nicht zu erwidern. Artephius hielt mich an mein Kästchen in die Hand zu nehmen. Dann löschte er die Lichter und Dunkelheit erfasste den kleinen Raum. Hinter der Tür waren die Laute der Halle zu hören.<br />
„Öffne es jetzt.“, sagte Artephius leise.<br />
Ich tat wie mir geheißen. Vor Aufregung zitterten meine Finger als sie begannen den Deckel anzuheben. Ein leichtes Glimmen wurde in dem entstandenen Spalt sichtbar. Dann war das Kästchen ganz geöffnet. Für einen Moment war mir nicht klar, was ich da sah, denn ich sah nichts. Das Goldstück war weg. Ich sah nur das blanke Holz des Kästchens – aber ich sah es. Obgleich es keine wahrnehmbare Lichtquelle im Raum gab, konnte ich den Boden sehen. Ich hielt den Atem an, da ich befürchtete den leichten Schimmer versehentlich durch einen Luftzug zu zerstören. Doch dieser begann auf einmal von selbst schwächer zu werden, nahm weiter ab und plötzlich hielt ich nur noch Dunkelheit in der Hand. Ich hörte wie die Tür hinter mir sich öffnete. Artephius holte Feuer und entzündete die Kerzen. Ratlos blickte ich zu dem Bischof auf. Dieser nickte zufrieden. Wesentlich aufgebrachter gebar sich Artephius: „Was hast du gespürt? Hast du etwas gespürt?“<br />
„Nein, habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht?“. Für einen Moment hatte ich die Angst, einem Spuk auferlegen zu sein. Hatten die beiden Männer das gleiche gesehen?<br />
„Wo ist meine Münze?“, wunderte ich mich.<br />
„Überall.“, lächelte der Bischof und beugte sich zu mir herab. „Das hast du sehr gut gemacht.“<br />
„Ganz hervorragend sogar!“, fügte Artephius stolz hinzu.<br />
„Aber was habe ich denn gemacht?“<br />
„Weißt du denn was Commutatus bedeutet?“, fragte Artephius. Ich schüttelte den Kopf. Der Bischof lüftete nun das Geheimnis: „Es bedeutet ‚Umwandler’. Du bist eine Umwandlerin.“<br />
„Und was kann ich damit machen?“, fragte ich kindisch und die beiden Männer lachten.<br />
„Das werden wir dir zeigen. Sei dir dessen gewiss. Wir bringen dich zu den anderen Commutatae in den Unterricht. Dort wirst du alles erfahren – zumindest das, was ich im Stande bin euch zu vermitteln.“, sagte Artephius. „Aber sag’ mir bitte noch einmal. Hast du gerade eben, als das Licht verschwand, wirklich nichts gespürt?“<br />
Ich verneinte und schien damit den Stolz der beiden Männer zu bestärken. Artephius setzte sein Werk in der Arbeitshalle fort. Der Bischof ging mit mir nach oben. Er erklärte mir, dass aus allen Teilen der Welt Commutatae hierher gekommen seien, bisher aber keiner sein Potential so zu nutzen schien wie ich. Dennoch wollte er mir noch nicht erklären, was ich da eigentlich getan hatte. Doch dies sollte ich in den folgenden zwei Jahren begreifen und beherrschen lernen. Jeder war sich sicher, dass der Herr an mir eine große Tat getan hat und nach diesen zwei Jahren war ich es auch.<br />
Ich verbrachte die Vormittage mit Lernen und Begreifen. Man lehrte mich Glauben von Wissen zu unterscheiden und wann man die Dinge hinterfragen und wann akzeptieren sollte. Die Abende waren angefüllt mit glühenden Gebeten für Bède und meine Lieben aus Montségur. An den Nachmittagen ließ man mir die Zeit das nachzuholen, was ich auf meiner fast einjährigen Reise nach Sirmione fast vergessen hatte. Meine Freundschaft zu Ramon und Arnaldus wuchs und Artephius war für mich fast so etwas wie ein naher Verwandter oder mehr. Ich erfuhr, dass die Weisheiten von Jahrtausenden hier in Sirmione gesammelt wurden. Mit Artephius redete ich über dessen Forschungen zur Zusammenführung der Quintessenz – aus diesem Grundstoff allen Seins soll Gott einst die vier Elemente erschaffen haben. Da aber die Quintessenz dem Göttlichen selbst entspringt, blieb bei der Aufspaltung in die Elemente etwas übrig. Eine Essenz &#8211; der göttliche Funke. Diese Essenz verbarg er im Menschen selbst und gab ihm somit seinen Geist, auf dass der Mensch in der Lage sei die göttliche Herrlichkeit um ihn herum zu spüren und sich selbst als einen Teil dessen zu begreifen. Für einen Laien sicher eine sehr wage Auslegung der Schöpfung aber nicht in Sirmione. Die Reinheit, die uns Katharern den Namen gab, kann danach nur erlangt werden, wenn der Geist nicht nur seine eigenen Fesseln sondern auch die seiner materiellen Existenz überwindet. Ich sog diese neue Lehre auf, in all ihren wunderbaren Einzelheiten. Sie führte die Alten nicht ad absurdum sondern bereicherte sie um den Teil des Sichtbaren und der Logik. Mein Verstand erweiterte sich Tag für Tag und schon bald waren die Gestade meines kindlichen Denkens in weiter Ferne verblieben. Nur an besagten Nachmittagen fuhr ich zurück zur Einfachheit des Lebens einer Zehnjährigen.<br />
Artephius war der Auffassung, dass es nicht möglich war, die vier Elemente und die Essenz in jedem Menschen direkt zur Quintessenz zu verbinden. Der Herr würde diese Art der Einfachheit nicht vor eine solche Erkenntnis setzen. Vielmehr brauchte es einen Zwischenzustand, in dem erst die vier Elemente verbunden werden mussten um so der Essenz als Katalysator zu dienen. Bei seinen Forschungen hatte er eines Tages diesen Katalysator bilden können, in dem er die rote Flamme des Feuers, Wasser, ein bestimmtes Gas und Teile der Erde von Sirmione in einem komplizierten Verfahren miteinander verband. Dieser Stoff, Außenstehenden auch als Gold bekannt, konnte nun dem einzelnen Wesen dazu dienen seine gebundene Essenz aus dem fleischlichen Gefängnis zu befreien, welches es in seinem Leben durch Zuführung unreiner Substanzen aufgebaut hatte. Der Bischof vertrat die Ansicht, dass wir alle in der Lage wären unsere Essenz für einen Moment freizusetzen. Es wären die Momente, in denen wir spürten ob jemand im Raum sei ohne zu schauen oder wenn wir ohne ein Wort die Empfindungen Anderer zu teilen in der Lage sind. Wir lassen einen Teil unserer Essenz in den Raum, diese verbindet sich mit der Essenz der anwesenden Person und lässt sich von ihr prägen. Ebenso erfährt auch das Gegenüber einen Teil von uns selbst. Der Bischof erklärte mir dadurch auch, warum er sich blinden Auges besser durch das Schloss bewegen kann als jeder Sehende. Sein ganzes Leben hatte er der Erforschung der göttlichen Quintessenz gewidmet. Nachdem er bei einem missglückten Experiment sein Augenlicht verlor, stellte er fest, dass er die ihn umgebende Essenz am ganzen Leib spüren konnte. Er schwimmt wie ein Fisch im Wasser, der die kleinste Strömung erkennt um ihr auszuweichen oder sich ihr hinzugeben. So ist sein Leben geprägt vom ständigen Wechselspiel der Essenz aber stets kehrt seine eigene Essenz in vollem Maße zu ihm zurück.<br />
Dieses Zurückkehren zu unterbinden war unser Ziel. Unsere Aufgabe und unser Weg sich dem Göttlichen zu nähern. Und ich und die anderen Commutatae sollten dies erreichen, denn nur wir schienen in der Lage, einen Teil unserer Essenz mit Hilfe des von Artephius hergestellten Katalysators zu befreien. Ein Nebeneffekt war die Auslöschung des Katalysators – oder viel mehr dessen Umwandlung. Die in ihm gebündelten vier Elemente konnten sich mit der Essenz vereinen und in die Quintessenz transformieren, so dass diese sich mit der alles umgebenden göttlichen Quintessenz vereinigen konnte.<br />
So erfuhr ich auch den Sinn der Fragen nach meinem Befinden bei meiner ersten Umwandlung. Normalerweise manifestierte sich der Verlust der persönlichen Essenz in teils heftigen Schmerzen, je nach Umfang der Umwandlung. In mir schienen die Fähigkeiten der Commutatae jedoch so stark ausgeprägt zu sein, dass mich stets nur ein leichter Schwindel begleitete, während die Gesichter meiner Mitschüler sich im Schmerze verzerrten.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 11 &#8211; Dienstag &#8211; 2. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Jul 2010 14:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
				<category><![CDATA[essenz]]></category>
		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Benedix]]></category>
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		<description><![CDATA[„Wo sind wir?“, fragte ich ängstlich. Zischen und Brodeln mischte sich zu dem Knacken vieler kleiner Feuer. Dazu kam das Klirren von Glas und Keramik. Einzelne Menschen huschten eifrig hin und her, trugen Gefäße mit schimmernden Flüssigkeiten und große Zuber, in denen klares Wasser schwappte. Einer der Menschen drehte sich zu uns um und kam [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/07/essenz_jb.jpg" width="630" height="240" alt="essenz_jb.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>„Wo sind wir?“, fragte ich ängstlich. Zischen und Brodeln mischte sich zu dem Knacken vieler kleiner Feuer. Dazu kam das Klirren von Glas und Keramik. Einzelne Menschen huschten eifrig hin und her, trugen Gefäße mit schimmernden Flüssigkeiten und große Zuber, in denen klares Wasser schwappte. Einer der Menschen drehte sich zu uns um und kam auf mich zu. Große schwarze Brauen saßen über den dunklen Augen. Das Gesicht war ausgeprägt und ähnelte Zeichnungen, die ich einst aus fernen Ländern sah. Sein Kopf war bedeckt von einem bunt bestickten Tuch. Seine Kleidung war ebenfalls sehr farbig und hing, einem Talar gleich, große Falten schlagend von ihm herab. Seine Haut war tiefbraun – fast von bronzener Färbung.</i></p>
<p><span id="more-1716"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato"><i>„Hallo Jean. Ich freue mich dich zu sehen.“, sprach er mich in mir unbekanntem Akzent an. Ich war schüchtern und antwortete nicht gleich.<br />
„Das ist Artephius. Er kommt aus dem fernen Osten.“, erklärte mir der Bischof und Artephius vollführte eine leichte Verbeugung.<br />
„Ich kenne diese Gewänder nicht.“, sagte ich. „Welchen Stand er? Ist er ein Diakon?“<br />
„Nein, er ist kein Katharer. Dennoch ist er einer der Obersten unseres Glaubens.“<br />
Verständlicherweise war ich verwirrt und wollte dies erklärt wissen, doch auch diese Antwort des Bischofs verstand ich noch nicht: „Nicht alles, was du bis jetzt erlernt hast, ist so, wie du glaubst es zu wissen. Das Erstreben von Reinheit und Perfektion ist ein Ziel, aber der Weg dorthin liegt nicht allein in der Entsagung und im Gebet. Lass es dir zeigen.“ und der Bischof wollte Artephius meine widerstrebende Hand reichen. Mich jedoch überkam Furcht vor diesem riesigen Manne an diesem unwirklichen Ort. In einer Ecke des Raumes hörte ich plötzlich jemanden ‚Achtung’ rufen und dann gab es ein dumpfes Geräusch. Ein Reißen war zu hören und etwas prasselte klirrend auf den Boden. Aus der Richtung des Geräusches kam etwas auf mich zu. Etwas kleines, blinkendes. Es rollte direkt vor meine Füße, kippte und blieb liegen. Ich bückte mich um es genauer zu betrachten. Eine Münze schimmerte golden auf den sauberen Steinen. Artephius’ mächtige Hand kam hinzu, ließ mich erneut zurückschrecken, nahm die Münze auf und reichte sie mir.<br />
„Die kannst du behalten. Sie wird dir nichts nützen aber sie sei dein, weil sie so schön glänzt.“<br />
„Habt Ihr hier einen Goldschatz?“<br />
„Nein Jean“, antwortete Artephius und lachte laut. „Wir sind der Goldschatz.“ Damit hatte er das Eis gebrochen. Mein Herz öffnete sich und ich lachte mit. Erneut wurde mir die Hand gereicht und ich nahm sie an, blickte noch einmal zum Bischof zurück, der zufrieden schien und ließ mich tiefer in den Raum führen. Überall sah ich nun kleine und große Säcke herumliegen. Dazwischen dampfte und brodelte es. Dünne Rohre aus Glas und Blei wanden sich zu dickeren zusammen und leiteten Dämpfe durch die Wände aus dem Raum. Da waren grüne und blaue Flammen und immer wieder sah ich Perfecti, die, wenn sie keine Arbeiten verrichteten, in tiefes Gebet versunken zu sein schienen. Jedoch beteten sie nicht im Angesicht des Kreuzes oder des Evangeliums sondern scheinbar zufällig verteilt zwischen Apparaturen, deren Funktion ich nicht verstand. Immer wieder hörte ich aus verschiedenen Ecken des Raumes das Klirren einzelner Münzen. Ich biss auf mein Goldstück, so wie ich es schon einmal in Montségur bei einem Händler gesehen hatte.<br />
„Ist das echt?“, fragte ich. Wieder lachte Artephius. „Ja, dieser Abfall ist echt.“<br />
„Was macht ihr mit dem ganzen Gold?“<br />
Artephius wurde wieder ernst. „Am Leben bleiben, liebe Jean.“<br />
„Warum nennst du mich nicht Perfectae oder Schwester Jean?“<br />
„Weil das für mich nicht von Bedeutung ist. Ich bin zwar einer von Euch, aber Ihr seid auch wie ich.“<br />
„Das verstehe ich nicht.“<br />
„Du bist noch jung und ich versuche es dir auf einfachem Weg zu erklären. Du und ich, wir glauben an das gleiche Ziel – an die Reinigung der Seele und den Zustand der Gnade. Nur ist deine Vorstellung von diesem Ziel noch sehr mystisch gefasst und deshalb auch dein eingeschlagener Weg von Einfachheit geprägt. Wir hier und auch einst in Montségur sind nicht nur Prediger sondern auch Forscher. Wir sind auf dem Weg unsere Seele als Teil Gottes zu erkennen. Nicht als etwas von Gott Gegebenes sondern als etwas, das ihm in Allem gleicht. Verstehst du was das bedeutet? Wahrscheinlich noch nicht. Lass es mich dir an anderer Stelle erklären. Gedulde dich bitte. Erst gib mir dein Kästchen.“<br />
Verwirrt reichte ich ihm das, was nun seit einem Jahr unangetastet um meinen Hals hing. Artephius nahm es in beide Hände und sah es an.<br />
„Hast du immer gut darauf aufgepasst?“<br />
Ich nickte.<br />
„Hast du versucht es zu öffnen?“<br />
Er verstand mein Nichtstun als die Scham die es war. „Natürlich hast du versucht es zu öffnen, aber niemand hätte dies gekonnt. Auch ich kann es noch nicht. Warte hier.“<br />
Er verschwand kurz und kam mit einer klaren Flüssigkeit wieder, die in einer dicken Glasflasche träge hin und her glitt. Mit einer Zange aus Eisen tauchte er mein Kästchen hinein. Leichte Dampfwölkchen stiegen hervor.<br />
„Warum tauchst du es ins Wasser?“, fragte ich.<br />
„Das ist kein Wasser. Wir nennen es Alcahest und es wird die Schutzhülle von Montségur auflösen.“<br />
Nach einer Weile zog Artephius das Kästchen wieder heraus. Der graue Schleier war verschwunden aber auch die Eisenzange hatte bereits begonnen an Substanz zu verlieren. Nun war der Moment also gekommen, da ich erfahren sollte welch’ Kostbarkeit so viele Leben gekostet haben sollte? Ich nahm das Kästchen entgegen und hob vorsichtig den Deckel an. Es war leer. Rein gar nichts verbarg sich im Inneren. Ungläubig strich ich mit meinen Fingern über das blanke Holz, doch bevor ich etwas sagen konnte fing Artephius an zu sprechen: „Ich weiß was du jetzt denkst. Behalte das Goldstück, das ich dir gegeben habe aber hier hast du noch ein weiteres. Lege es hinein und heute Abend wirst du ein Gebet sprechen, das all deine Gedanken und all deine Hoffnungen auf ein Wunder lenke, das diesem Golde geschehen soll. Lasse dich nicht verleiten das Kästchen zu öffnen sondern lege es neben dich, wenn du dich bettest, auf das es das Letzte sein soll, was du heute siehst und das Erste, wenn du morgen erwachest.“<br />
Zaudernd nahm ich die Worte an, die einen Ausbruch verzweifelter Tränen zu verhindern gewusst hatten. Für einen Moment hatte mir die Zuversicht versagt und ich wähnte mich auf meiner Reise einen Fehler gemacht zu haben, der den Inhalt des Kästchens zerstört hatte. Aber nun klärten sich meine Gedanken wieder auf und ich ließ mich zurück zur Tür führen. Zurückschauend bin ich jedoch verwundert, welches Vertrauen Artephius bereits damals im Stande war in mir zu wecken.<br />
„Was ist das denn hier alles?“, fragte ich doch noch.<br />
„Das sollst du alles erfahren, aber für heute hast du eine Aufgabe, die du erfüllen sollst. Der Bischof wird dich wieder nach oben führen.“, und damit schloss Artephius das Tor zu seinem Reich und ich stand wieder im Schreibsaal dem Bischof gegenüber. Dieser hatte mich nicht gleich bemerkt und unterhielt sich gerade mit einem jungen Schreiber von höchstens dreizehn Jahren. Er hatte braunes, lockiges Haar und eine lange, spitz zulaufende Nase. Die Wangenknochen wiesen bereits einen Anflug der Manneswerdung auf und die tiefbraunen Augen umspielte ein Lächeln als sie meiner gewahrten. Scham stieg in mir auf und ich blickte zu dem Kästchen in meiner Hand. Der Bischof wurde meiner gewahr und führte mich wieder nach oben. Wir redeten nicht viel und scheinbar wusste er von Artephius Anweisungen, denn er wiederholte sie noch einmal. Dann wurde ich in mein Zimmer entlassen.<br />
Einige Zeit später holte man mich zum Mittagsgebet und zur gemeinsamen Speisung. Der Saal war gewaltig und fasste an die eintausend Menschen. Große Gemälde mit Geschichten aus der Schrift hingen an den Wänden. Anders als in Montségur saßen hier aber alle Ränge ungeordnet an einem Tisch. Da saß ein Diakon neben einem Initiierten und neben dem Bischof nahm eine Credentes Platz. Dazwischen sah ich viele Menschen, deren Stand ich nicht zuordnen konnte. Einige waren vom Aussehen her Artephius gleich. Andere hoch gewachsen mit heller Haut und hellen Haaren. Manche Männer trugen dichte Bärte und selbst Frauen gesegneten Leibes durften hier an einem Tisch mit uns speisen. Als der Bischof meine Verwirrung wahrnahm, nahm er mich zu seiner Rechten und wir begannen das Mahl. Auf meine Fragen, warum es hier so anders sei als in Montségur, bekam ich nur ein Lächeln zur Antwort. Schließlich fragte mich der Bischof: „Was hat dir denn Artephius schon über unseren Weg erzählt?“<br />
Ich wurde rot und musste gestehen, dass sein Versuch an meinem Unverständnis gescheitert war.<br />
„Ich verstehe“, fuhr der Bischof fort. „Geh’ nach dem Essen eine Runde im Park spazieren. Du wirst irgendwann einen kleinen Hain aus Eibenhölzern finden. Dort wird man auf dich warten und dir Erklärung geben.“<br />
Ich nickte, schwieg und setzte mein Essen fort. Als das Mahl beendet war und alle sich erhoben, tat ich wie mir geheißen und wandelte im schwachen Licht der Wintersonne. Ich ging vorbei an grünenden Eichen und schließlich erreichte ich den Hain aus pfleglich geschnittenem Buchsbaum. Ich hörte ein paar Vögeln beim Spiel zu und fühlte mich gleich den Momenten der Zufriedenheit im Garten des Grafen von Savoyen. Für einen Augenblick überstrahlten die schönen Erinnerungen die Schrecken der Reise und mein Herz gewann einen Teil seiner Unbeschwertheit zurück.<br />
Ich ging immer an der großen Hauptmauer entlang, dem Halbring des Gartens folgend.<br />
Schließlich sah ich den Hain vor mir und gleich dabei zwei Jungen, die sich balgten. Der eine war der Schreiberling aus den Gewölben. Seine dunkelrote Robe hing liederlich an ihm herunter und war durch den Kampf mit seinem Rivalen beschmutzt worden. Der andere war gut drei Jahre jünger. Vielmehr Kind als Heranwachsender, aber schien den Kontrahenten um fast einen halben Kopf zu überragen. Seine Robe war schwarz und hatte goldgelbe Verzierungen an den längs verlaufenden Nähten. Das Lachen der beiden verriet den Kampf als Spiel und als sie mich bemerkten, nahmen sie plötzlich Haltung an und vollführten eine leichte Verbeugung.<br />
„Warum verneigt Ihr euch?“, fragte ich.<br />
„Weil du eine Commutata bist.“, antwortete der Jüngere.<br />
„Ich weiß noch gar nicht was das ist. Sagt lieber Jean zu mir. So lautet mein Name.“<br />
Die beiden sahen sich an, zuckten mit den Schultern und stellten sich vor. Der Name des Jüngeren war Arnaldus de Villanova und er kam aus Valencia. Für einen Moment musste ich an den spanischen König und seine Truppen vor Montségur denken, aber das breite Grinsen des gelockten Kopfes vertrieb dies schnell wieder. Der andere war Ramon Llull aus Ciutat de Mallorca. Er war mit Artephius nach Sirmione gekommen, welcher ihn vor vier Jahren auf seinen Reisen fand und vor dem Hungertod rettete. Hier brachte man ihm die Lehren des Wortes bei und er wurde Artephius’ persönlicher Schreiber. Arnaldus indes arbeitete in einem anderen Bereich der Festung. Er war Helfer bei den Kranken und Verwundeten, die von Zeit zu Zeit aus kleineren Gefechten mit den Rittern der Kirche hier ankamen. Arnaldus wurde vor sieben Jahren von einer Patrouille der Festung halb verhungert aufgefunden. Damals wurden seine Eltern durch eine Schar Räuber tödlich verwundet. Er selbst konnte sich verbergen und verbrachte einen vollen Tag neben seinem Vater, der langsam vor seinen Augen verblutete. Beide Jungen hatten sich irgendwann angefreundet und verbrachten den größten Teil ihrer Zeit miteinander. Die Festung hatte ihre Erziehung übernommen und es schien ihr gelungen zu sein.<br />
„Wir sollen mit dir über das sprechen, was wir hier tun.“, setzte Arnaldus an. „So ganz genau verstehe ich es auch noch nicht, aber Ramon weiß es.“<br />
„Du weißt es auch“, maulte dieser. „Du bist nur zu dumm es zu erklären.“ Worauf sich eine neue Rauferei entwickelte, die ich nutzte um näher an die Gehölze heranzutreten. In einer Reihe standen dort zehn oder mehr Eiben, alle in verschiedener Größe und Reife. Die erste schaute gerade als schmaler dreiblättriger Sämling aus der Erde, während die letzte schon die Dicke meines Unterarms hatte. Ich beugte mich zu einer der kleineren Eiben hinab und wollte eines der Blätter abbrechen, als mich die Jungs bemerkten und mit einem Schrei davon abhielten.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 11 &#8211; Dienstag &#8211; 1. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jun 2010 14:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Peter Benedix]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Sein Rücken bestrafte Mareks Trägheit mit aller Härte und zwang ihn fünf Stunden später doch noch den Weg in die erste Etage anzutreten. Das Bett lockte ihn zwar, aber auch der nicht übertragene Stapel Papier, der immer noch aus der dunklen Kirche übrig war, bot seine Reize dar. Um den Sieger nicht sofort zu küren, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog30_Tag11_Teil1.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog30_Tag11_Teil1.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana;">Sein Rücken bestrafte Mareks Trägheit mit aller Härte und zwang ihn fünf Stunden später doch noch den Weg in die erste Etage anzutreten. Das Bett lockte ihn zwar, aber auch der nicht übertragene Stapel Papier, der immer noch aus der dunklen Kirche übrig war, bot seine Reize dar. Um den Sieger nicht sofort zu küren, vermied Marek die Bettkante und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch.</p>
<p><span id="more-1711"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana;">‚Müdigkeit ist also der Schlüssel – oder könnte es zumindest sein.’, dachte er noch schaftrunken. Sein Blick schwankte ungleichmäßig durchs Zimmer und blieb an seinen gesammelten Werken hängen. Wollte er eigentlich noch einen Roman schreiben? Wenn er ehrlich war, so war ihm doch die ganze Sache schon fast aus den Händen geglitten, oder? Eigentlich reichte es ihm doch schon zu wissen, wie diese ganze unbewusste Schreiberei ausging? Eine Veröffentlichung wäre sicher großartig, aber dafür hätte er sich nicht so schinden müssen. Der schwarze Bildschirm des Laptops spiegelte sein Gesicht. Gezeichnet sah er aus. Er hatte gerade das Gefühl um Jahrzehnte gealtert zu sein. Die Knöchel an Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand waren geschwollen und plötzlich schwirrte eine Frage durch seinen Kopf und auch sofort wieder heraus, durch den Raum und hinaus ins Dunkel der Nacht. Nur ihr Echo konnte Marek noch vernehmen: ‚Was machst du hier eigentlich?’<br />
„Ich bin Schriftsteller. Ich mache meinen Job.“, antwortete er sich selbst laut ins Dunkel hinein. Wahrscheinlich war es einmal mehr dieser Funken Realität, dieser Hauch einer greifbaren Substanz, die ihn packte und wieder an die Arbeit zerrte. Alles hier sollte einen Grund haben. Sein Hier sein, der Tod des Vaters, die beiden Kirchen, Heike – alles. Und er würde es nur herausfinden, wenn er diese verdammten Texte vervollständigte.</p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:tomato">Mein Bewusstsein kehrte zurück und ich vernahm Holz, das von Flammen verzehrt wurde und spürte die Wärme durch meine Glieder strömen. Ich öffnete meine Augen und sah einen älteren Herrn in den Gewändern eines Bischofs des Glaubens vor mir sitzen. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Ein Buch lag auf seinem Schoße und neben mir fand ich einen Teller mit duftendem Brot und dampfend warmem Wasser vor.<br />
Marek musste unterbrechen und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Waren die Texte nicht immer in der Gegenwart verfasst gewesen? Er blätterte im Dokument zurück und entsann sich. Er schien sich immer noch in einer Rückerinnerung zu befinden.<br />
Die Tracht hätte in mir einen Jubel der Freude entlocken sollen, aber nach all dem Erlebten beschlich mich Furcht und Misstrauen. Ich suchte nach dem Kästchen. Es hing immer noch um meinen Hals. Bède – wo war er? Die Erinnerung kehrte zurück und festigte den eisernen Griff, der mein Herz gepackt hatte. Lautlos stand ich auf und wollte zur Türe gehen. Ich bemerkte, dass man mich in ein duftendes, weißes Leinengewand gekleidet hatte. Ich schien auch gebadet worden zu sein. Fast hatte ich die Tür auf spitzen Zehen erreicht.<br />
„Widerstehe deiner Pein. Du bist unter Freunden.“, sprach plötzlich der Mann ohne die Augen zu öffnen. Ich erstarrte. „Setz dich und iss etwas. Deine Reise war hart und du musstest Vielem entbehren.“<br />
Am anderen Ende des Raumes war ebenfalls eine Tür. Ich wollte den Raum durchqueren doch wurde wieder geschlossenen Auges angeredet. „Ich möchte dich wirklich bitten etwas Nahrung zu dir zu nehmen. Bède hätte gewollt, dass du auf mich hörst. Ihr wart auf dem Wege zu mir.“<br />
Ich blieb stehen und mein Verstand verzagte bei der Frage wie der Mann seinen Kopf meinen lautlosen Schritten folgen lassen konnte ohne mich zu sehen.<br />
„Seid ihr blind?“, fragte ich in kindlicher Manier.<br />
„Ich sehe besser als jeder andere Mensch auf Gottes Erden und du wirst es auch bald tun. Nur bitte setze und nähre dich. Auch eine Commutata ist gewissen weltlichen Bedürfnissen unterlegen.“<br />
Ich kannte damals noch nicht die Bedeutung dieses Begriffes, aber das Gefühl der Furcht wich und ich kehrte zurück auf mein Lager.<br />
„Was ist mit Bède? Und wo bin ich?“<br />
„Bède ist heimgekehrt, aber wir konnten seinen Leib noch nicht bringen. Iss erst. Dann reden wir.“, und so stand er auf und ging ohne ein Lid zu öffnen zur Tür. An der Schwelle sprach er: „Du bist frei zu gehen, wohin es dir beliebt. Nur bitte ich dich dennoch hier auf mich zu warten und noch eine Weile zu ruhen. Ich werde noch ein paar Vorkehrungen zu treffen haben aber bald wieder bei dir sein.“<br />
Ich nickte und er lächelte. Die Tür schloss sich. Ich gab meiner Begierde nach und grub meine Zähne eiligst in das Brot. Ein unendlicher Traum an einfachsten Genüssen durchströmte meinen Leib und eine leichte Trauer umfasste mich, dass mein Retter und Beschützer dies nicht mehr erleben konnte. So saß ich eine zeitlang und spürte die Wärme des Feuers in mich strömen. Still und allein mit mir und der Welt. Schließlich öffnete sich die Tür erneut. Zwei Frauen traten herein und brachten mir das Gewand einer Perfecta. Ich verstand und ließ mich ankleiden. Danach erschien wieder der Mann mit den verschlossenen Lidern und begann zu erzählen:<br />
„Nun meine liebe Jean, du bist in der Festung von Sirmione. Mein Name ist Bischof Fassio und ich bin hoch erfreut dich zu sehen und zutiefst betrübt über die Umstände. Es war nicht geplant dich jetzt schon hierher zu bringen. Eigentlich bist du noch zu jung aber die Zeit spielt gegen uns und wir werden uns nicht mehr lange die Freizügigkeiten erkaufen können, die wir jetzt noch haben. Wir haben einen Feind, liebe Jean. Du kennst ihn aber wir sind guter Hoffnung, dass er dich nicht kennt. Als wir hörten, dass Luzern gefallen ist ahnten wir, dass Bède den Kontakt abbrechen und durch die Berge zu dringen versuchen würde. Wir mussten schnell handeln und haben unsere Reiter entsannt. Fast zwei Wochen lang hat man Euch gesucht. Für Bruder Bède kam leider jede Hilfe zu spät. Mit der letzten Wärme seines Herzens hat er Euch am Leben erhalten.“<br />
„Was ist mit seiner Seele?“, unterbrach ich ihn. „Er musste schlimme Dinge tun um mich zu bewahren. Wir müssen einen Weg finden ihn vor dem Herrn zu reinigen.“<br />
„Das wird leider nicht mehr möglich sein. Er hatte seine unsterbliche Seele für dich geopfert und dessen war er sich stets bewusst.“<br />
Ich spürte Verzweiflung sich meiner bemannen. Diese Ungerechtigkeit wollte ich nicht akzeptieren: „Es kann nicht Gottes Wille sein die Menschen zu strafen, die sein Werk bewahren.“<br />
Doch der Bischof wurde ernst: „Ich verstehe deinen Schmerz, aber du bist jung und wirst erkennen, dass dieses Opfer notwendig gewesen ist. Er-“<br />
„Es kann doch keine Sünde sein, für einen anderen die Erlangung der absoluten Reinheit aufzugeben!“, rief ich erregt dazwischen.<br />
„Ich werde hier und jetzt nicht mit dir darüber reden.“, erwiderte der Bischof. „Die Bedeutung deiner Aufgabe steht über dem Schicksal einer einzelnen Seele.“<br />
„Nichts und niemand steht über dem Schicksal einer Seele.“, brüllte ich ihn an. Der Bischof wendete seinen Kopf ab. „Ich sehe, du bist noch nicht bereit. Ich werde dich jetzt verlassen und zurückkehren, wenn dein Geist sich gefasst hat. Sag mir, konntest du schon das Lesen der Schrift erlernen?“<br />
Mein kindlicher Verstand verschloss sich dem Bischof und ich schwieg. Er legte mir das Johannesevangelium vor die Füße. Ich schrak davor zurück wie zielsicher er dies trotz geschlossener Augen vollführte. Dann verließ er mich. Doch war ich noch zu jung gewesen und hatte die Lehren der Schrift nur gesprochen erfahren dürfen. Das geschriebene Wort konnte ich nicht nutzen. Nach einer Weile beruhigte ich mich wieder und verfiel in tiefes Gebet für meinen gefallenen Retter. Dann betete ich für meine Mutter und alle ums Leben gekommenen Menschen in Montségur. Ich machte keinen Unterschied, ob es Katharer oder Katholiken gewesen waren. Jede Seele, die an diesem Tage das Weltliche verlassen hatte, schloss ich in meine Bitten an den Herrn mit ein.<br />
Als ich mein Gebet beendet und meine Lider sich wieder öffneten, saß bereits Bischof Fassio auf seinem Stuhl und wartete. Ich hatte kein Anzeichen seines Eintretens vernommen und er fuhr fort zu sprechen, als hätte er nie aufgehört.<br />
„Deine Rettung gelang in letzter Minute, denn wisse, dass ein Ritter der Kirche hier vor Sirmione Tag um Nacht gelauert hat. Die Nachricht über Luzern erreichte uns nur unwesentlich früher als ihn und dennoch war es dieser Wimpernschlag des Schicksals, der uns ihm zuvor kommen ließ. Dieser Ritter war darauf aus Bède zu finden. Wir können nur hoffen, dass er nun, da er dem toten Leibe fündig geworden, in seinem Vorhaben befriedigt ist. Ich will dir nun aber enthüllen, warum dies alles notwendig war. Siehe das Kästchen um deinen Hals, das dir Bischof Marty gab. Wir werden es heute noch öffnen. Vorher jedoch lasse dir erklären, warum wir hier leben und warum wir überhaupt noch am Leben sind. Rom sieht in uns einen seiner ärgsten Feinde und doch sind wir die besten Freunde, die sie sich wünschen können.“<br />
Jeden mit meiner damaligen Lebenserfahrung hätte dies verwundert, aber ich brauchte die Frage nicht zu stellen.<br />
„Dass wir bekämpft und ausgerottet werden wie Schädlinge, hast du zur Genüge erfahren. Wir werden als Bedrohung für einen Glauben angesehen, der auf der Allmacht eines einzelnen Menschen fußt, eines befleckt zur Welt gekommenen Wesens, das nie die wahre Reinheit erlangen wird. Wenn die Kinder Gottes auf der Welt dies erkennen würden, täte der Stern dieses Einen sinken und all die weltlichen Güter zwischen den beringten Fingern zerrinnen. Nun sitzen wir hier und sind noch am Leben. Das Heer des Papstes ist mächtig. Nach dem großen Kreuzzug gegen unseren Glauben blieben nur zwei große Festungen bestehen, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre uns niederzuringen. Diese beiden Festungen sind Sirmione und war Montségur. Warum, mein Kind, glaubst du, hat man uns verschont?“<br />
Ahnungslos zuckte ich mit den Schultern. Was der Bischof da sagte, erklang sinnig. Ich hatte das Heer gesehen und dies war sicher nur ein Teil des Ganzen gewesen.<br />
„Weil wir etwas besitzen, was sie haben wollen und wir geben es ihnen. Tag für Tag. Wir erkaufen uns den Frieden und Montségur war eines Tages nicht mehr in der Lage zu bezahlen. Komm. Ich zeige es dir.“<br />
Damit stand der Bischof auf und streckte seine Hand aus. Ich ergriff sie und wir verließen den Raum. Wir durchquerten einen langen Gang. Durch ein hochgelegenes Fenster konnte ich den Himmel sehen und die frische Luft schmecken. Zielsicher führte mich der Bischof hinab ins Innere der Festung. Immer wieder beschritten wir kurze Wendeltreppen und Türen wurden für uns geöffnet.<br />
„Und du kannst wirklich alles sehen?“, fragte ich im Gehen erneut.<br />
„Natürlich, mein Kind.“, antwortete der Bischof ohne auch nur ein Lid zu öffnen.<br />
Später erfuhr ich, dass wir bereits mehrere Meter im Festungsberg waren, als sich eine von vier Männern bewachte Tür schwer knarrend vor uns öffnete. Ein langer Gang erstreckte sich vor uns. Links und rechts saßen Schreiber und füllten Bücher mit Schriften. Einige schienen aus Vorlagen zu kopieren, andere schrieben aus dem Gedächtnis. Große Regale gefüllt mit ledergebundenen Schriften reihten sich an den Wänden auf. Der Gang führte zu einer weiteren Tür. Als sie geöffnet wurde, trieb mir ein Schwall heißer, ätzend scharfer Luft die Tränen in die Augen.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 11. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Jun 2010 14:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Also erstmal finde ich es schade, dass du hier bei uns so schlecht schläfst. Also ich meine bevor-“, versuchte Heike etwas verlegen die Kurve zu kriegen. „Bevor das mit Heinz passiert ist und da du mich schon wieder so verwundert anschaust, erklär’ ich dir gleich mal den Zusammenhang. Also: Falls es dir noch nicht aufgefallen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog29_Tag10_Teil11.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog29_Tag10_Teil11.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">„Also erstmal finde ich es schade, dass du hier bei uns so schlecht schläfst. Also ich meine bevor-“, versuchte Heike etwas verlegen die Kurve zu kriegen. „Bevor das mit Heinz passiert ist und da du mich schon wieder so verwundert anschaust, erklär’ ich dir gleich mal den Zusammenhang. Also: Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, dann achte mal drauf. Du wirst das Brummen nur hören, wenn du zu wenig Schlaf bekommen hast. Wenn du so richtig schön matschig im Kopf bist und eigentlich im Stehen einschlafen könntest. Glaub’ mir, wenn du erstmal Mutter bist, kannst du erst recht ein Lied davon singen.“</p>
<p><span id="more-1707"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Marek versuchte ihr Grinsen zu erwidern, aber das war mehr ein Reflex als eine geplante Reaktion. Seine Aufmerksamkeit hatte dafür gerade keinen Spielraum, denn seine Gedanken hatten begonnen die Ereignisse der letzten Tage neu zu sortieren. Ja tatsächlich. In der Nacht zum Sonntag hatte er hervorragend geschlafen und beim Gang zur Messe war kein Brummen zu vernehmen. Das war wirklich der einzige Unterschied, den er ausmachen konnte. Er machte sich keinen Vorwurf, dass er diesen Zusammenhang nicht selbst erkannt hatte. Wichtiger war es nun Heike weiter zuzuhören:<br />
„Also, ich habe es in den ersten Monaten nach Frederiks Geburt bis in mein Schlafzimmer gehört. Wie weit hörst du es denn?“<br />
„Nur ein paar Meter im Umkreis. Aber in der Kirche selbst ist Ruhe.“<br />
„Ja, das stimmt.“, pflichtete Heike ihm bei. „Das geht aber fast jedem hier so. Gibt nur ganz wenige Leute, die auch bei Schlafmangel das Brummen nicht hören. Die einfachste Möglichkeit ist immer noch ein gesunder Schlaf und der macht als Nebeneffekt auch noch gute Laune.“<br />
„Ja aber woher kommt das denn? Das ist doch nicht normal.“<br />
„Das ist schon richtig und es ist auch kein Geheimnis. Ab und zu erinnert sich mal jemand von Außerhalb daran und dann kommen sie wieder her und machen ihre Messungen. In den Siebzigern hatten wir mal viel Presse hier. Und die letzten Messungen sind gar nicht so lange her. Mitte 2006 war das, aber das lag auch daran, dass man in München zu der Zeit glaubte ein ähnliches Phänomen zu haben. Wir haben echt alles durch &#8211; Magnetfeldmessungen, Infraschallmessungen und was weiß ich nicht alles. Wünschelrutengänger sind um die Kirche gelaufen und haben nach Wasseradern gesucht, was nicht besonders schwer ist, weil jedes Gehöft hier sowieso einen eigenen Brunnen hat. Na und das Schärfste gab’s 1984, als so ein Sektenführer aus der Schweiz unsere Kirche als Signalgeber für seine außerirdischen Freunde erkannte. Da war aber ordentlich was los. Unser Pfaffe konnte da richtig energisch werden.“<br />
„Und es gab nie irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte Marek ungläubig. Heike fröstelte und setzte sich beim Sprechen wieder in Bewegung um den Rundgang endlich Richtung Dorfkrug zu führen. „Das Einzige was man festgestellt hat ist ein Zusammenhang zwischen der Übermüdung eines Menschen und dessen Empfindsamkeit gegenüber dem Brummen. Die letzte Theorie, die ich gehört habe, war die, dass das Gebäude aufgrund seiner Konstruktion irgendwie als Resonanzkörper dient und dann wohl eine unbekannte Infraschallquelle verstärkt. Man konnte sogar 2006 ein leichtes Vibrieren feststellen aber das war so fein, dass es auch von irgendwelchen Erntemaschinen oder von der Bahntrasse oder woher auch immer kommen konnte.“<br />
Für Marek war das immer noch alles andere als befriedigend: „Aber jetzt ist es Nacht. Da fahren keine Erntemaschinen.“<br />
„Du kannst dir das auch gerne selbst zusammenrecherchieren. Geh’ ins Internet. Da gibt’s seitenweise Material über diesen Brummton. Das ist sogar der offizielle Name und es gibt, ob du es glaubst oder nicht, verschiedene Gesellschaften, die sich mit der „Erforschung des Brummtons“ befassen. Das einzige Besondere hier ist, dass man es auf die Kirche fixieren konnte auch wenn niemand sagen kann, ob es das Gebäude selbst ist oder nur eine Verstärkung stattfindet.“<br />
„Ich würde ja gern ins Internet gehen, aber ich hab’ gerade nicht die Zeit dafür in die Stadt zu fahren.“<br />
„Na so ein Blödsinn“, antwortete Heike „Du denkst wohl auch wir leben hier hinter ’m Mond. Nur weil Korsaks hinterher hängen, muss das ja nicht für alle gelten. Kannst gerne mal bei mir vorbei kommen und dich vom Gegenteil überzeugen.“<br />
Die Dunkelheit der Nacht konnte nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass Marek puterrot anlief. Aber nach Selbstbestrafung stand ihm jetzt nicht der Sinn. Er war noch nicht befriedigt, was die ganze Sache anging.<br />
„Na und nun?“, fragte er weiter. „Ich meine, seid ihr nicht neugierig? Die Kirche müsste doch auch ein riesiger Touristenmagnet sein, wenn das alles so bekannt ist?“<br />
„Ach, das war sie ja in den Achtzigern auch, nachdem dieser Sektenheini hier so einen Radau gemacht hat. Aber schau mal Marek. Die Leute, die hier wohnen, wollen ihre Ruhe. Arbeiten kann man in der Stadt zur Genüge, aber die reine Natur und den Frieden unter Leuten, mit denen man per Du ist, findest du hier. Manche Sachen akzeptiert man entweder oder man verbringt sein halbes Leben damit sie zu erforschen. Schau mal, die Grotte von Lourdes hat man auch einfach akzeptiert und man akzeptiert auch das Bermudadreieck. Irgendwann wird mal ein Wissenschaftler kommen und das alles erklären, aber bis dahin schlafen wir uns hier einfach gut aus und haben unsere Ruhe.“<br />
„Also Lourdes und das Bermudadreieck sind ja nun nicht gerade gute Beispiele.“, monierte Marek. „Das eine basiert auf Hysterie und wahrscheinlich auf dem Kohlenmonoxid der vielen Kerzen in der Grotte und das andere auf Science Fiction und irgendwelchen betrunkenen Frachterkapitänen.“<br />
Heike zog die Oberlippe hoch und schnaufte: „Kleiner Skeptiker, was? Na wenn du so gut Bescheid weißt, konntest du in der Woche, in der du hier bist, bestimmt eine Erklärung für das Brummen finden, zu dem wir, die hier schon immer leben, nicht in der Lage waren.<br />
Ja, er war mal wieder zu großkotzig gewesen. Eigentlich war das nicht seine Absicht, aber er konnte es nun mal nicht ertragen, wenn sich etwas seinen Erklärungsversuchen entzog und dann auch noch sein Diskussionspartner dies als gottgegeben abwinkte. Er brummte verlegen. Diese Frau wusste es wirklich ihn an die Wand zu stellen.<br />
„Na also“, fuhr Heike fort, diesmal aber nicht triumphierend wie sonst sondern unangenehm ernst. „Bitte erheb’ dich also nicht über uns. Wir haben gelernt es zu akzeptieren, weil niemand uns sagen konnte, was die Ursache ist und was interessiert denn auch die Welt so ein kleines Kaff?“<br />
Sie gingen weiter und führten eine unangenehme Kühle mit sich. Keiner von beiden hatte plötzlich noch Lust in den immer näher rückenden Dorfkrug einzukehren. ‚Müdigkeit also. Vielleicht ist es auch Müdigkeit, die mich in den Kirchen diese andere Sache tun lässt. Nur blöd, dass man automatisch nicht gut schläft, wenn einem so etwas im Kopf rum geht, sonst könnte ich es testen.’ Als er dies dachte, fiel Marek etwas auf und einmal mehr erkannte er die gute Seele, die in Heike innewohnte und er schämte sich so undankbar neben ihr her zu laufen.<br />
„Heike“, sagte er und blieb stehen. Heike drehte sich leicht gereizt zu ihm um. „Danke, dass du das Brummen hörst.“<br />
Im ersten Moment war Heike nicht klar, warum Marek das jetzt gesagt hatte. Dann sah sie den feuchten Schimmer in seinen Augen und war froh, dass er doch nicht der grobe Klotz war, für den er sich eben noch ausgegeben hatte. Der Grund dafür, dass Heike gerade jetzt das Brummen wahrnahm, konnte nur darin liegen, dass sie die letzte Nacht nur schlecht oder gar nicht geschlafen hatte. Marek erkannte darin, wie sehr ihr der Tod seines Vaters zu Herzen ging, und dass sie ihm dies eigentlich zu keinem Zeitpunkt hatte spüren lassen. Sie hatte ihre eigene Trauer für sich behalten. Es entstand ein Moment sanfter Verbundenheit. Ein kühler Windstoß hätte das Band zwischen ihnen in diesem Augenblick trennen können. Aber nichts dergleichen geschah. Das Licht des Dorfkruges brach sich an Heikes Konturen und verlieh ihr einen hellen Saum, der sie unantastbar zu machen schien. Das unsichtbare Band zwischen ihnen zog die Beiden zueinander hin aber sie widerstanden und genossen das wiederkehrende Gefühl der Vertrautheit. Für Marek gab es in diesem Augenblick nur zwei Möglichkeiten. Sich freundschaftlich zu umarmen oder das zu Ende zu bringen, was er vor ein paar Tagen auf dem Dach verbockt hatte. Die Kraft des Bandes begann nachzulassen und sie wussten, dass der Moment fast vorüber war. Heike riss das Ruder an sich und entschied sich für eine dritte Lösung. Schnell überbrückten ihre Lippen die Distanz und nahmen einen flüchtigen Kontakt mit den Seinen auf. Dann ein mädchenhaftes Lächeln um die eigene Nervosität zu überspielen, ein Griff nach der Hand des Anderen und ab in das alles Neutralisierende einer verrauchten Dorfkneipe.<br />
Die Wirtin war eigentlich schon dabei die Stühle hochzustellen. Allem Anschein nach war der eigentliche Wirt heute selbst sein bester Kunde gewesen und hatte Mühe seiner Frau mit kontrollierten Bewegungen zur Hand zu gehen. Schließlich griff die wohlbeleibte Frau in die Tasche ihrer Kittelschürze, holte eine kleine Flasche Weinbrand hervor, drücke sie ihrem alles andere als beleibten Mann in die Hand und diesen selbst in eine der zwei Sitzecken. Da sollte er bleiben und Ruhe geben, bis sie den Laden dichtgemacht hatte. Dazu kam es aber nicht, da Marek und Heike das Lokal betraten. Normalerweise hätte die Frau Wirtin, eine kleine Frau in den Vierzigern mit leicht ergrautem Haar, das zu einem dicken Dutt gebunden war, sie in barschem Ton zurück ins Freie befördert. Als sie aber Marek sah, hatte ihr rüdes aber gutes Herz ein Einsehen.<br />
Ein Kleines frisch vom Fass rann schnell jeweils in eine Kehle und schon hatten Heike und Marek beschlossen, es nicht dabei zu belassen. Zwei große Pils rückten nach.<br />
„Du betrinkst dich doch jetzt nicht, oder?“, fragte Heike.<br />
Marek lächelte. Eine Steilvorlage für alles Mögliche war das schon gewesen, aber er schuldete es dem alten Herrn jetzt einfach mal die Klappe zu halten. So saßen sie für einen Moment schweigend da und waren einfach nur froh nicht alleine zu sein. Das zweite Bier war zur Hälfte verschwunden, als Marek wieder redseliger wurde: „Erzähl mir was über das Dorf. Ich möchte wissen, was meinen Vater hier gehalten hat?“<br />
„Puh – wo soll ich da anfangen. Also, eine Historikerin bin ich nicht, da musste schon den Pfarrer fragen, aber wir sind hier halt alle mehr oder weniger eine Gemeinschaft und bis vor ein paar Jahren hatten wir tagsüber nicht mal die Häuser abgeschlossen. Ich denke diese Vertrautheit, die man in so einem Dorf mit der Zeit untereinander entwickelt, hat Heinz so gefallen.“<br />
„Aber ist es nicht ungewöhnlich, dass jeder mit jedem klar kommt?“<br />
„Das hab’ ich doch gar nicht gesagt. Klar haste immer mal irgendwo Knatsch oder Krach. Aber dann distanziert man sich einfach wieder für eine Weile voneinander und dann geht das schon wieder. Manche Menschen können halt einfach nicht miteinander. Da kann man machen, was man will.“<br />
„Und wie war das so mit meinem Vater? Der Sturkopf kam doch bestimmt nicht mit allen klar, oder?“<br />
„Ach so, wie ich das mitbekommen habe schon. Deine Mutter ist da ja auch immer noch ein guter Puffer. Die hat bestimmt schon Einiges nachträglich ins rechte Licht gerückt, was Heinz verbockt hat.“<br />
Beide lächelten wissend und wieder floss der Gerstensaft. Marek sah sich um. Abgesehen vom Wirt, der sich wacker an seiner kleinen Schnapsflasche festhielt, waren sie allein im Lokal. Sein Blick fiel auf die Skatecke, an der er Günther und die Bernd-Brüder getroffen hatte.<br />
„Sag mal, weißt du, ob mein Vater Stress mit dem Bernd hatte?“<br />
„Nö – ich glaube, der Pfarrer hat mit niemandem Stress. Kann der doch gar nicht. Von Berufswegen her schon.“, griente Heike zurück. Das Bier begann seine Wirkung zu entfalten und der leichte Rausch einer schlaflosen Nacht tat sein Übriges dazu.<br />
„Ich meine doch den Bruder. Diesen Justus Bernd.“, und Marek erzählte von dessen seltsamem Verhalten, als er sich für die Rettung seines Vaters bedanken wollte.<br />
„Und er hat wirklich „in diese Welt“ gesagt?“, fragte Heike verhalten.<br />
„Ja und als sein Bruder sich gleich danach entschuldigen wollte, spielte er es herunter.“<br />
„Also ich muss sagen, ich finde das jetzt auch nicht so spektakulär, wie du es schilderst.“<br />
„Du hast den Tonfall nicht gehört.“, fuhr Marek mit steigender Erregung fort. „Genau wie heute Mittag. Ich habe Justus an der Kirche getroffen und er war überhaupt nicht erfreut darüber, dass wir meinen Vater hier und nicht woanders beisetzen wollen.“<br />
„Ach so? Aber da hat doch ohnehin der Pfarrer das letzte Wort, oder?“<br />
Verdammt. Hatte er da eine Doppeldeutigkeit vernommen? Unsinn. Marek riss sich zusammen um nicht irgendwelchen paranoiden Vorstellungen zu unterliegen.<br />
„Pfarrer Bernd meinte, er müsse da noch die behördliche Seite prüfen, aber hat mir heute Nachmittag dann das OK gegeben. Wäre ja noch schöner, wenn die Ämter uns jetzt vorschreiben würden, wo wir unsere Toten begraben!“<br />
Heike antwortete nicht sondern ließ den Blick in ihrem Glas versinken. Für den Moment schien sie unendlich weit weg zu sein.<br />
„Alles klar?“, holte Marek sie zurück.<br />
„Ja, alles klar. Na wenn der Pfarrer sein OK gibt, kann Justus so viel lamentieren wie er will. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass er generell was gegen deinen Vater hatte. Die beiden kamen ganz gut klar.“<br />
„Dann macht sein Verhalten doch noch viel weniger Sinn.“<br />
„Sag mal, du gehörst aber auch zu denen, die jede Verschwörungstheorie in sich aufsaugen.“, und da war es wieder – ihr berühmtes, keckes Lächeln, dass selbst dem unglücklichsten Menschen die Sonne ins Herz trieb.<br />
„Ich halte nicht viel von diesem ganzen Verschwörungskram. Alle stecken unter einer Decke und nur wenige kontrollieren im Verborgenen alles und jeden. Das ist meiner Meinung nach Stoff fürs Kino. Findest du nicht?“<br />
„Ich finde, wir sollten jetzt aufbrechen. Ich muss morgen früh zur Arbeit und die gute Heidi wollte schon lange dicht machen.“, als die Wirtin das hörte, winkte sie verlegen ab. Dennoch lehrten beide ihre Gläser, Marek bezahlte und beide schleppten ihren leichten Schwips ins Freie. Da der direkte Weg nach Hause einen Bogen um die Kirche machte, gab es auch kein Brummen und bald waren sie wieder vor ihren Häusern. Eine kurze Umarmung, ohne die Chance auf mehr, und beide gingen ihrer Wege. Es war nicht die Zeit für Mutmaßungen und weitere Nachforschungen. Der Tag war viel zu lang um in vierundzwanzig Stunden hinein zu passen und so endete er für Marek schnell und klanglos auf dem Wohnzimmersofa.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 10. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Jun 2010 14:00:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Experiment]]></category>
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		<description><![CDATA[Wir sind bereits fünf Tage unterwegs. Eis und Schnee haben die noch grünen Wiesen Norditaliens abgelöst und schneiden mit scharfen Winden in Mensch und Tier. Meine Männer versuchen kein Anzeichen von Schwäche zu zeigen, aber selbst mir gelingt es nicht immer die Festigkeit der Stimme zu wahren. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Pfad [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog28_Tag10_Teil10.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog28_Tag10_Teil10.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wir sind bereits fünf Tage unterwegs. Eis und Schnee haben die noch grünen Wiesen Norditaliens abgelöst und schneiden mit scharfen Winden in Mensch und Tier. Meine Männer versuchen kein Anzeichen von Schwäche zu zeigen, aber selbst mir gelingt es nicht immer die Festigkeit der Stimme zu wahren. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Pfad bin. Der Herr führet mich und wird mich nicht zagend machen.</i></p>
<p><span id="more-1704"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Viele Stürme haben wir nun in den zerklüfteten Landschaften dieser Berge erlebt und auch heute müssen wir absteigen und unsere Pferde zu Fuß zu einem nahe gelegenen Unterstand führen. Auch wenn es mir Unwohlsein bereitet so gebe ich zu, dass ich befürchte, mein Verstand entsagt mir von Zeit zu Zeit in dieser weißen Hölle. Vor allem in Momenten wie diesem, wenn der Wind den fallenden Schnee in eine einzige weiße Wand ohne Fixpunkt für Auge und Geist verwandelt glaubte ich schon oft Konturen oder Formen zu erkennen, die es nicht gab. Meistens stürzte ich in den Sturm hinein und sah mich plötzlich vor einer aus dem Boden ragenden Felswand stehen. Auch meine Männer sehen mitunter schemenhafte Geister durch die Stürme huschen und verfallen ein ums andere Mal in Schutzgebete. Der Herr hat diesen Ort nicht für den Menschen geschaffen und wir erheben auch keinen Anspruch darauf, aber der Ketzer ist hier irgendwo und ich werde ihn aufbringen. Ich stehe am Ausgang einer kleinen Höhle und sehe den Wind aus dem Nichts Dinge in den Raum zeichnen, die da nicht sind und ebenso schnell verwehen sie auch wieder. In meinen Ohren ist nur Heulen und eisige Kälte, die versucht unseren Mut zu fressen und unsere Herzen zu erfrieren.<br />
Schließlich wird der Sturm schwächer. Noch sind die Winde nicht vollends zur Ruhe gekommen, aber ich und meine Männer sind bereit und treiben die Pferde voran. Eine weitere Stunde sind wir unterwegs. Für eine Weile glaube ich, dass ich wieder einem Spuk auferlegt bin, aber schließlich stelle ich fest, dass sich die Umrisse vor mir in der wehenden Wand aus Schnee nicht zu verändern scheinen. Wir reiten auf eine Steilwand zu. Ein kleiner Vorsprung hebt sich in zwei Meter Höhe daraus hervor und darunter scheint ein kleiner Berg dem Wehen zu trotzen. Mein Blick bleibt an diesem Hügel haften. Er ist nicht so kantig wie andere aus dem Stein gebrochenen Blöcke hier überall. Etwas scheint an ihm zu hängen und im Wind zu flattern. Eine Ahnung beschleicht mich. Ohne Hast reite ich heran und steige ab. Vor mir im Schnee erhebt sich die Gestalt eines in sich zusammengekauerten Mannes. In Fetzen hängen ungeeignete Kleidungsstücke von ihm herab. Der gefrorene Körper entspricht der Beschreibung des Heilers aus Saint-Flour. Ich knie nieder und berühre sein Gesicht. „Hier bist du also, mein lange Verschollener. Dem Scheiterhaufen bist du entkommen, aber ein anderes Feuer hat dich verzehrt.“<br />
In Gedanken zolle ich dem letzten Kämpfer von Montségur den Respekt, den ein Jäger seiner Beute zollen sollte. Sein Geheimnis scheint er mit ins Grab genommen zu haben und was es auch war, von dort aus wird es keinen Schaden mehr anrichten können.<br />
Dennoch scheint keine Befriedigung in mein Herz vorzudringen. Etwas an dem Allem hier erweckt mein Unbehagen. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte den sitzenden Körper. Auch meine Männer kommen hinzu. Einer der beiden deutet auf die Arme. „Herr, dieser Mann sieht aus, als hätte er etwas umklammert als er starb.“ Und tatsächlich bilden seine Arme einen Hohlraum der schon langsam beginnt sich mit Schnee zu füllen. Es war unmöglich, dass er etwas von dieser Größe durch das…“</i></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana">Ende der Aufzeichnungen. Die Uhr zeigte halb Elf und Marek brauchte erneut eine Pause. Es war nicht der Umfang, der ihn so erschöpfte, er hatte in seinen guten Zeiten schon weit längere Passagen am Stück verfasst. Vielmehr war es der Inhalt selbst, der ihm den Mund austrocknen und den Schweiß auf die Stirn treten ließ. Jeder beschriebene Gegenstand schwebte klaren Bildes vor seinem geistigen Auge und jedes Adjektiv fuhr spürbar in ihn hinein. Manchmal war es sogar so, als würde er Dialoge nicht von der Handschrift in den Computer übertragen sondern direkt aus seinem Gehör. Eigentlich schrieb er ja nur ab und sein eigener Verstand hätte dabei pausieren können, aber alles in allem war es eine höchst körperliche Erfahrung. Marek wollte in den Garten gehen und kramte sein Telefon unter den Papierstapeln hervor. Das Display verriet drei verpasste Anrufe. Alle von Isabel. Scheinbar war er so vertieft gewesen, dass er das Klingeln einfach überhört hatte. Ohne weiter nachzudenken wurde der Rückruf gestartet. Die Begrüßung war schlicht und von beiden Seiten vorsichtig entgegenkommend.<br />
„Du, ich wollte hören wie es dir geht und dann habe ich was über deine zwei lateinischen Sätze herausgefunden.“<br />
„Es geht schon“, antwortete Marek. „Ich muss jetzt ein wenig auf meine Mutter aufpassen.“<br />
Kurze Pause. „Und wer passt auf dich auf?“<br />
Fast hätte Marek Heike erwähnt, aber befand es dann doch für unangemessen: „Ich bin schon groß und lenk’ mich schon irgendwie ab. Erzähl mal. Was bedeutet der Kram denn?“<br />
„Ein Freund von mit ist Lehrer für Latein und Geschichte hier am Leibnitz-Gymnasium. Also sinnbildlich übersetzt bedeutet es: „Bringt sie um. Gott weiß wer die Seinen sind.“ Wo stand das denn? In einem KZ?“<br />
Marek entfloh für einen Moment dem Gespräch. Dieser Satz kam ihm irgendwie bekannt vor.<br />
„Isi, ich ruf’ dich gleich zurück, okay?“<br />
Sie bestätigte leicht verwirrt und die Verbindung wurde gekappt. Marek war sich sicher diesen Satz schon einmal gesehen zu haben – wahrscheinlich sogar in diesen merkwürdigen Texten. Wundern täte es ihn nicht. Glücklicherweise verfügen moderne Textverarbeitungen über Suchfunktionen. Da er die zwei Sätze in der dunklen Kirche gefunden hatte, suchte er zuerst in diesem Text. Keine Treffer. Dann öffnete er den Text der weißen Kirche. Wieder keine Treffer. Nein, wahrscheinlich stimmte die Schreibweise nicht. Isi sagte ja, dass ihre Übersetzung nur sinngemäß sei. Marek versuchte die Suche an den altertümlichen Sprechstil des Textes anzupassen, ersetzte „Gott“ durch „Herr“ und reduzierte die Anzahl möglicher falscher Worte. Plötzlich sprang der Cursor auf den Anfang eines in Anführungszeichen stehenden Satzes: „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen!“. Marek überflog den zugehörigen Zusammenhang. Die Schlacht von Montségur. Aiolfo trieb mit diesem Ruf seine Truppen in die Schlacht. ‚Seltsam’, dachte Marek ‚wenn dieser Spruch in der weißen Kirche gestanden hätte, könnte ich mir vielleicht noch einen Sinn zusammenreimen, aber dennoch stellt sich die Frage, warum jemand einen so brutalen Spruch an die Türen einer Kirche schreibt? Und dann noch im Verborgenen?’<br />
Die Wahlwiederholung des Telefons wurde aktiviert.<br />
„Ich bin’s. Sag’ mal, könntest du vielleicht noch was für mich raus finden?“<br />
„Ich kann’s versuchen.“<br />
Marek bat Isabel seine Fassung des Textes durch eine Suchmaschine zu jagen. Außerdem sollte sie für ihn das Datum 16. März 1244 und den Begriff Albigenser und Katharer recherchieren.<br />
„Ja, das kann ich machen. Aber ich wollte dir auch noch mal sagen, dass mein Angebot zu kommen immer noch steht.“<br />
Marek war durch die neuen Entdeckungen zu erregt, als dass er den sorgenvollen Unterton in ihrer Stimme hätte bemerken können.<br />
„Ja danke, aber es ist schon in Ordnung. Bitte beeil dich mit den Recherchen, ja?“<br />
„Ich tu’ was ich kann, aber bitte unterschätze deine Trauer nicht. Wir beide wissen, dass wir Meister im Verdrängen sind, aber das geht nicht lange gut. Ich kann mich ja um deine Mutter kümmern, dann hast du etwas Zeit für dich. Sie muss ja nicht wissen, dass wir nicht mehr-“<br />
„Ähm – ja – danke, aber wie gesagt, das geht schon.“, antwortete Marek hektisch. Isabel wusste nicht genau, wie sie reagieren sollte &#8211; in einer anderen Situation sicher erst gekränkt und daraus folgend spitzfindig und arrogant. Allerdings erschuf der Tod von Mareks Vater eine Situation, die ihr das verbat.<br />
„Also, ich beeil mich, aber ich komme erst morgen im Laden wieder ins Internet. Das dauert hier bei mir noch eine Weile mit dem Anschluss.“<br />
„Ja, kein Problem. Meld dich einfach, wenn du was hast. Bis später, ja?“<br />
„Ja, mach’s gut.“ Das Gespräch war beendet. Während der Eine durchs Zimmer zu tigern begann und versuchte einen Reim auf das alles zu machen, war die Andere, einige hundert Kilometer weit weg, äußerst bestürzt zurückgeblieben. Vor dem Gespräch hatte sie die entfernte Hoffnung gehabt, dass der Schicksalsschlag des Exfreundes sie beide wieder etwas näher hätte zusammenrücken lassen können. Seine Trauer schien sich allerdings in sehr merkwürdiger Form zu manifestieren und ihr war nicht so ganz klar, ob sie dies unterstützen oder einfach in den nächsten Zug steigen und die vermeintliche Mauer der Verdrängung vor Ort durchbrechen sollte? Isabel entschied, dass sie diesen Schritt vor ein paar Monaten noch bereit gewesen wäre zu gehen, aber sich heute auf keinen Fall aufdrängen wollte. Sie würde morgen irgendwann nach diesen Angaben forschen und ihn dann am Abend wieder anrufen. Nicht sofort, wie er es wollte, denn so musste er mehr Zeit mit sich selbst verbringen und das täte dem verdammten Querkopf sicher mal ganz gut.<br />
Der Querkopf hingegen lief weiter in dem kleinen Arbeitszimmer auf und ab. ‚Warum sollte ich einen solchen Spruch verbergen? Und warum sollte ich überhaupt in einer Kirche dazu aufrufen Menschen zu töten? Geht es überhaupt um Menschen? Um was denn sonst? Blödmann! Ich will etwas verbergen, damit man es nicht sieht – oder ich will, dass es nur bestimmte Leute sehen und zwar die, die sich in der Kirche befinden. In eine Kirche kann aber jeder – es sei denn, es gab so etwas wie „geschlossene Veranstaltungen“, zu denen die Abdeckungen dann entfernt wurden. Ich kann ja nicht mal behaupten, ich hätte den Text unterbewusst einfließen lassen – es sei denn mein Unterbewusstsein hat ohne mich Latein gelernt, was ich zwar begrüßen würde, aber doch für unwahrscheinlich halte.’ Sich noch eine Weile gedanklich im eigenen Sarkasmus verstrickend sah Marek hinaus in die Nacht. Schließlich gab er auf, öffnete das Fenster und atmete durch. Der Berg hinter der Dorfkirche war in Schwärze gehüllt. Plötzlich vernahm er Stimmen und leise Musik. Scheinbar war im Dorfkrug gerade die Tür aufgegangen und die Sperrstunde war noch nicht erreicht. Das war eine gute Idee. Jetzt ein frisches, kühles Bier. Oder Zwei. Das würde ihn ablenken und vielleicht einen neuen Blick auf diesen Ort und seine Absonderheiten werfen lassen.<br />
Fünf Minuten später stand Marek vor Heikes erleuchtetem Küchenfenster und klopfte vorsichtig. Nach einer Weile öffnete sie sichtlich überrascht aber nicht unerfreut:<br />
„Guten Abend, der Herr. Was kann ich für Sie tun?“<br />
„Kommst du noch mit auf ein Bier – ich meine, wenn Frederik das zulässt? Ich könnte jedenfalls noch was vertragen.“<br />
„Wenn Frederik schläft, dann schläft er. Außerdem kann ich ja mein Telefon mitnehmen.“<br />
Heike löschte das Küchenlicht und schwang sich galant aus dem Fenster. Als sie die Hauptstraße erreichten und sie eigentlich nach rechts zum Dorfkrug hätten abbiegen müssen, kam Marek eine Idee. Er musste irgendwie an Informationen über diesen Ort herankommen und vielleicht war das die Gelegenheit um zu überprüfen, was Heike wusste.<br />
„Lass uns noch eine Runde um die Kirche drehen“, sagte Marek. „Ich hab’ Lust noch ein wenig spazieren zu gehen.“<br />
Heike ließ sich nicht lange bitten, hakte sich ein und schon überquerten sie den Kirchplatz. Das Brummen begann wieder in Mareks Ohren zu pulsieren. Erst leise und dann immer stärker je weiter sie sich der Kirche nährten. Der Himmel war schon den ganzen Abend über Wolken verhangen und half der Erde sich nicht dem Frost zu ergeben. Marek konnte beinahe kleine Wasserdampfwolken sehen, als er innerlich noch einmal tief durchatmete und versuchte die Frage so beiläufig wie möglich zu formulieren: „Sag mal hörst du das auch?“<br />
„Was? Das Brummen? Na klar.“, ebenso beiläufig über Heikes Lippen gehuscht schlug die Antwort in Mareks Kopf ein wie eine Bombe. Alles hatte er nach den Bedenken, die er sich erarbeitet hatte, erwartet, aber nicht das. Er blieb stehen.<br />
„Du hörst es? Und hast du auch das Gefühl, dass es stärker wird je näher man der Kirche kommt?“<br />
„Ja, sicher. Du nicht?“, Heike sah ihn belustigt an. In ihrer Vorstellung malte sie sich aus, wie Marek tagelang über dieses Brummen nachgrübelte, fest in dem Glauben der Einzige zu sein, dem es aufgefallen sei.<br />
„Junge, ich wohne hier schon mein ganzes Leben. Da werde ich doch wohl mitkriegen, wenn meine Kirche brummt.“<br />
„Mach’ dich nicht über mich lustig.“, reagierte Marek, dessen Irritation sich in Frustration zu wandeln begann. Das hätte er also alles auch einfacher haben können. Jetzt würde es sicher gleich eine total logische Erklärung dafür geben.<br />
„Sag’ mir lieber warum das so ist? Ist immer hin meine erste Kirche, die sich mit mir unterhalten will.“, fuhr er fort in der Hoffnung, dass das Wortspiel ihr noch mehr Informationen entlocken könnte.</p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 9. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Jun 2010 14:00:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/06/Essenz_Blog27_Tag10_Teil9.jpg" width="630" height="240" alt="Essenz_Blog27_Tag10_Teil9.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Ich und meine Männer verlassen die klösterlichen Mauern. Der Schmied wird das Aufräumen für uns übernehmen. Mein Geist braucht Zeit um einen neuen Plan zu schmieden und so entlasse ich mein kleines Gefolge für heute und setze mich in einen kleinen Zypressenhain am Rande der Stadt. Der Flüchtling kann noch nicht weit gekommen sein. Dass er aus Montségur stammt, steht jetzt außer Frage und auch, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Die Spur lässt sich zurückverfolgen und die zeitlichen Abläufe passen genau. Es schien keine Lüge zu sein, dass dem Heiler der Name nicht genannt wurde. Ich kann also davon ausgehen, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Eine Reliquie oder auch nur eine Botschaft in seinem Kopf. Die Richtung ist der Osten. Ich skizziere die Position der zwei Leichenfunde und die von Saint-Flour vor mir in die Erde. Als ich mich vorbeuge, trifft ein Sonnenstrahl meinen Nacken. Die Wärme tut unsagbar wohl und beruhigt mein Gemüt. Fast ist es, als ob der Herr zu mir spricht: ‚Du brauchst dich nicht zu eilen – es wird dir schon gelingen’. Ich überlege weiter. Meines Wissens verbleibt nur noch eine Hochburg der Albigenser und die liegt in meinem geliebten Italien. Das wäre der einzige Ort, an dem dieser Flüchtende noch Schutz finden könnte, denn Furcht regiert den Klerus auf dem Lande und das Wissen um meine Suche wird seinen Beitrag leisten. Ja, das muss es sein. Der Herr hat mir einmal mehr den richtigen Weg eingegeben. Ich werde mich direkt zu den Toren von Sirmione begeben und dort Tag und Nacht über das Umland wachen. Er wird weiterhin zu Fuß wandeln müssen und, meinen Schätzungen nach, drei weitere Monate für die Reise benötigen. Und wenn es soweit ist, werde ich da sein. Sollte ich mich verrechnet haben, so wird der Klerus ihn mir früher oder später in die Hände spielen.</i></p>
<p><span id="more-1697"></span>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>2. Dezember 1244 im Jahre des Herrn. Die Reise nach Sirmione war ohne besondere Vorkommnisse. Vor gut sechs Monaten kamen ich und meine Männer hier an. Meine Getreuen wollten sofort jeden Ort durchsuchen und Befragungen durchführen, aber ich riet davon ab, da unsere Anwesenheit die Pläne des Flüchtlings in unvorhergesehene Bahnen lenken könnte. Vor zwei Monaten erreichte mich eine Bulle von Innozenz IV direkt hier in diesem kleinen Dorf, indem wir als Zimmerleute untergetaucht sind. Ich war etwas überrascht, da ich meine Anwesenheit hier niemandem weiter angetragen hatte und stellte somit fest, dass ich das Informationsnetzwerk des Heiligen Stuhls wohl unterschätzt hatte. Ich wurde aufgefordert mein Vorhaben abzubrechen, da der Flüchtende schon längst hätte eintreffen müssen. Man nahm an, dass er mir entweder entwischt und in Sirmione eingetroffen, oder unterwegs verhungert oder getötet worden sei. Ersteres empörte mich zutiefst, aber auch ich stelle die Weisheit des heiligen Vaters nicht in Frage. Ich antwortete umgehend und bat um Aufschub. Mit verborgenen Waffen und in Bauernkleidung gehüllt, verstärkten wir die Patrouillen im Umkreis. Ein Mann wurde jeweils abgestellt um, bei Tag und bei Nacht, den Lago di Garda zu beobachten um ein Eintreffen über Wasser abzufangen.<br />
Einen Monat später traf ein weiterer Ruf ein, indem ich aufgefordert wurde, nach Rom zurückzukehren. Man brauchte mich für andere Zwecke. Diesmal ließ ich mir eine Woche Zeit zu antworten und erbat einen Aufschub bis zum Jahresende. Das Wetter war bereits sehr kühl geworden und auch ich war inzwischen geneigt zu glauben, dass der Flüchtling, wenn er nicht schon von Wölfen zerrissen war, der fortschreitenden Kälte zum Opfer fallen würde.<br />
Meine Geduld soll aber mit dem heutigen Tage belohnt werden, denn ein Bote aus Luzern wurde mir angekündigt. Als der junge Mann absteigt, wird er sogleich von meinen Männern in meine Kammer geführt. Nach außen hin lebe ich ein sehr kärgliches Leben, aber in der windschiefen Hütte, die mir Schutz vor den Launen der Natur bieten soll, finden sich alle Annehmlichkeiten, die einem Träger des päpstlichen Siegels würdig sind. Der weit Gereiste setzt sich, nimmt dankend von dem dargebotenen Wasser und spricht:<br />
„Herr, ich habe eine Botschaft aus Luzern für Euch.“<br />
„Ich würde vorher gern wissen, wie ihr mich gefunden habt? Mein Standort ist geheim und nur der Heilige Vater selbst kennt den Grund meines Hierseins.“<br />
„Da haben Sie Recht, mein Herr.“, antwortet der Bote und verblüfft mich durch das einsetzende Schweigen. Nach einer Weile frage ich: „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie von Innozenz IV persönlich beauftragt wurden?“<br />
Der Bote nickt. „Sprecht – wie ist Euer Name?“<br />
„Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin hier um Euch-“. Kein Laufbursche kommt in mein Haus und leistet sich solche Unverschämtheiten. Das Nichtstun der letzten Wochen hat in mir eine wilde Unruhe entfacht. Blitzschnell springe ich auf, ziehe mein Schwert und halte die Spitze der noch zitternden Klinge an seine Kehle. „Ich bin Ritter Aiolfo XII, sechster Sonderbeauftragter von Gregor IX, Wächter des Stuhl Petri zur Sedisvakanz und dritter Sonderbeauftragter von Innozenz IV! Waget nicht in diesem Ton mit mir zu sprechen, wenn ihr nicht von ebensolchem Range seid!“<br />
Der Bedrohte bleibt zu meinem Erstaunen völlig ruhig und setzt zu einer Antwort an, die ich im ersten Moment nicht verstehe: „Ihr sagt es – DRITTER Sonderbeauftragter.“ Als die Betonung des Satzes eine Weile in mir nachhallt, dämmert mir, wer da vor mir sitzt. Das ist kein einfacher Bote. Ich lasse mein Schwert sinken und mein Gegenüber scheint belustigt über die langsam einsetzende Ahnung meinerseits. Er zieht einen Siegelring und eine päpstliche Bulle hervor, die ihn als zweiten Sonderbeauftragten Ritter Sborgia ausweist. Schnell erklärt er mir, dass er ebenso wie ich unter dem Mantel der Tarnung reist, da neuste Ereignisse den Vatikan in äußerste Unruhe versetzen.<br />
„So höre, mein Bruder“, setzt er an. „Deine Jagd auf den Flüchtling aus Montségur hat allerorts für große Aufregung gesorgt.“<br />
„Das war mein Ziel, denn so treibe ich ihn mir in die Hände.“<br />
„Es gibt einen Grund, warum die Albigenserhochburg Sirmione nicht schon beim letzten Kreuzzug eingenommen wurde und auch warum Montségur erst dieses Frühjahr fiel.“<br />
„Ich kenne diesen Grund“, entgegne ich. „Die Truppen waren zu stark dezimiert und der spanische König war noch nicht bereit seine Mannen zu senden. Ich denke, hier in Italien wird es ähnlich sein.“ Ritter Sborgia lächelt abfällig, was meinen inneren Groll gegen diese Arroganz abermals schürt. Jedoch ich halte mich zurück: „Ich sehe mein Bruder, Ihr habt eine andere Meinung darüber. Ich gehöre wie Ihr zum inneren Kreis, also lasset mich an Eurem Wissen teilhaben.“<br />
„Euch in die Untersuchungen und Erkenntnisse der letzten Monate und Jahre einzuweihen täte uns heute Zeit kosten, die wir nicht haben. Ich habe wie gesagt Nachricht aus Luzern für Euch-“ Ich muss dieses Geschwafel unterbrechen bevor mir die Galle überkocht.<br />
„Ritter Sborgia, wenn es Erkenntnisse gibt, die meinen Auftrag betreffen, so teilt sie mir umgehend mit. Ihr seid mir als Ordensbruder verpflichtet.“<br />
„Darüber ist jeder Zweifel erhaben“, züngelt er weiter. „Aber heute steht eine Order über unserem Bündnis. Höret mich bitte an.“<br />
Dieser Mann ist weder mein Bruder noch scheint er sich dem Orden verpflichtet zu fühlen. Ein ehrloses Gesindel, das wohl Zeit seines Lebens am päpstlichen Gängelband ohne Rückgrat und Vernunft hängen wird. Was interessiert mich Luzern? Luzern ist weit weg und auf der anderen Seite der Alpen.<br />
„Ihr Albigenser sollte dort vor zwei Tagen eintreffen. Dies ist nicht geschehen.“ Mein Mund öffnet sich aber keinen Ton bringe ich hervor. Ohne Fassung höre ich weiter zu. „Der deutsche Großinquisitor hat auf seinem Rückweg nach Rom in Luzern getagt und einen vermeintlichen Kaufmann als den Albigenserdiakon Jakob von Gent enttarnt. Neue Informationen wurden gewonnen. Scheinbar hat ihr Flüchtling einen weiten Umweg in Kauf genommen um Ihnen zu entgehen. Er wollte von Losanna nach Luzern reisen um dort zu überwintern.“<br />
Hinter meiner Stirn beginnen die Gedanken wie angestautes Wasser in meinen Geist zu stürzen. War Sirmione dann überhaupt sein Ziel? Hatte ich so geirrt?<br />
„Was ist sein nächstes Ziel? Ich werde sofort aufbrechen und ihn aufbringen.“<br />
„Das wissen wir nicht. Der Diakon ist während der Befragung bedauerlicherweise verschieden, aber scheinbar hatte er es auch nicht wissen. Trotz aller Bemühungen existiert immer noch ein intaktes Kommunikationsnetz der Albigenser. Der Flüchtling wurde auf seiner Reise auf einer festgelegten Route unterstützt. Dabei scheint jede Zielstadt nur ihren Vorgänger zu kennen, um im Notfall schnell eingreifen zu können, aber bei Ausfall nicht die gesamte Kette zu unterbrechen.“ Ich spüre wie erneut die Wut sich meiner bemächtigt. Dieser kleine, dreckige Ketzer hatte sich erfolgreich meinem Griff entzogen und nur der Zufall hatte mir eine absolute Blamage erspart. Ich muss sofort aufbrechen. Den Mann am See werde ich hier lassen müssen. Zwei weitere Männer sind auf Patrouille, also bleiben nur die beiden hier am Haus. Ritter Sborgia unterbricht meine Planungen: „Wir gehen davon aus, dass der Flüchtling entweder nach Losanna zurückkehrt um dort unterzutauchen oder nach Norden ausweicht. Da wir sein genaues Ziel nicht kennen, ist beides möglich. In jedem Falle können wir gewiss sein, dass er bereits über Luzern informiert wurde.“<br />
„Nein, er wird hierher kommen. Ich weiß es.“<br />
„Woher nehmen Sie dieses Wissen?“ Seine Arroganz stinkt so sehr, dass ich geneigt bin sie ihm mit der Klinge aus der Brust zu schneiden.<br />
„Er kann nicht zurück nach Losanna, denn er weiß, dass dies auch für uns der logischste Schritt ist. Im Norden wird es ähnlich sein. Nein, er wird erwarten, dass wir nicht damit rechnen und eine direkte Südrute über die Berge einschlagen.“<br />
„Das wäre eine Narretei.“, antwortet Sborgia belustigt. „Die Alpen sind bei gutem Wetter schon eine Probe für Körper und Seele. Jetzt haben wir Winter und er wird keine zwei Tage überleben.“<br />
„Er hat bereits drei Viertel eines Jahres überlebt und weiß, dass er keine andere Wahl hat.“<br />
„Wollen Sie etwa in die Berge reisen und ihn suchen? Der Papst wird keine Truppen für eine solche Absurditäten opfern.“<br />
„Das braucht er auch nicht. Ich breche sofort auf. Ihr könnt verweilen und-“ Ich halte inne. Entweder hat mein Verstand in diesem Moment wieder einen vom schäumenden Meer meiner Wut freigegeben Gedanken fassen können oder es sind meine Instinkte, die mich auf einmal stärker denn je vor diesem Ordensbruder, hier in meinem Hause, warnen. Da waren Lücken in seiner Rede, die ich nicht verstand.<br />
„Ich muss Euch noch etwas fragen, mein Bruder.“, setze ich an „Ihr mögt mir jetzt vielleicht nicht erzählen wollen, warum wir so lange gewartet haben und es immer noch tun, um die letzten Albigenserfestungen auszuräuchern. Ich bin aber nicht gewillt zu glauben, dass der Besuch des Großinquisitors in Luzern und die Aufbringung des Diakons einem günstigen Zufall behaftet waren. Warum hat der Heilige Stuhl ein solches Interesse an diesem kleinen Ketzer?“<br />
„Der Heilige Stuhl hat Interesse an jedem Ketzer, denn sie sind Feinde unseres Glaubens.“, entrinnt es den dünnen Lippen des Ritters.<br />
„Ihr braucht mir nicht meinen Dienst zu rechtfertigen und höret auf euch dümmer zu stellen als ihr seid.“<br />
„Ihr überschreitet Eure Kompetenz in diesem Falle“, kommt es leise und eindringlich zurück. In jeder anderen Situation täte ich handeln, aber um endlich mein Pferd zu erreichen halte ich inne, verneige mich und heuchle Demut. Augenblicklich sind meine Männer bei mir und wir reiten los. Die Satteltaschen sind immer gefüllt mit frischem Wasser und getrocknetem Fleisch, so dass wir gut gerüstet sind. Als wir die Längen des Lago di Garda gen Norden entlang reiten und die letzte Bastion des verhassten Feindes hinter uns verschwindet, beginnt mein Verstand wieder klarer zu arbeiten. Irgendetwas ist hier nicht wie es sein sollte. Wie kann ich als einer des inneren Kreises des Vatikans nichts von den Hintergründen im Umgang mit den Albigensern wissen? Ich handelte stets in dem Glauben, dass die Order klar vor mir lag. Wir reiten weiter. Der See beginnt nach links abzufallen. Die Sonne senkt sich zu unserer Rechten gen Horizont und ich beginne zu rechnen. Wenn der Flüchtling vor zwei Tagen Luzern hätte erreichen müssen, so sollte er beim Eintreffen der Kunde etwa Bern passiert haben. Ein direkter Weg gen Süden ließe dann nicht viele Möglichkeiten. Ich komme, du mein Phantom, mein Irrlicht. Ich werde Dich zur Strecke bringen. Dich und Dein Geheimnis. Da versiegt plötzlich mein Groll und weicht einer Ahnung, die mich für einen Moment völlig einnimmt und mich das Schlagen der Hufe und die treibenden Rufe der Männer um mich herum vergessen lässt. Was, wenn ich nicht der Einzige bin, der ein Geheimnis bei diesem Manne vermutet? Meine Überlegungen habe ich bisher für mich behalten, da Beweise nicht genügend vorhanden waren um dem Heiligen Vater in dieser Angelegenheit vorzusprechen. Scheint es jetzt nicht aber als ob dies gar nicht mehr notwenig sei? Hatte Innozenz IV eine göttliche Eingebung erfahren? Aber warum wird mir diese Information nicht zuteil und ich stattdessen als unwissender Handlanger missbraucht?<br />
Ich schelte mich für das Infragestellen der päpstlichen Entscheidungen. Nur Innozenz IV und der Herr selbst sind dazu im Recht. Lange würden wir noch unterwegs sein. Hier draußen kann mich jedoch kein Ruf vorzeitiger Rückkehr ereilen.</i></p>
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		<title>Essenz &#8211; Tag 10 &#8211; Montag &#8211; 8. Teil</title>
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		<pubDate>Sun, 30 May 2010 14:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>peter</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.hsmnnskst.de/wp-content/uploads/2010/05/webfoto_Tag10_Teil8.jpg" width="630" height="240" alt="webfoto_Tag10_Teil8.jpg" class="aligncenter" /></p>
<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wenige Minuten später treiben ich und meine Männer unsere Pferde an und verlassen die Stadt gen Westen. Nur wenige Stunden dauert der Ritt denn da wir jetzt wissen wo unser Ziel liegt, können wir die gut ausgebauten Straßen nutzen und erreichen noch vor dem Sonnenzenit Saint-Flour und sehr schnell das Haus des Heilers. Ich lasse das gierende Nachbarspärchen in Haft nehmen für den Fall, dass die Information untauglich ist breche die Tür der mir aufgezeigten Hütte auf. Der Heiler ist zu Tode erschrocken, versucht aber nicht zu fliehen und leistet kaum Widerstand. Der Rest des Hauses ist leer. Meine Männer schlitzen jede Matratze auf und zerbrechen jeden Verschlag, können aber niemanden finden.</i></p>
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<p style="text-align: justify; font-family: Verdana; color:blue"><i>Wir nehmen den Heiler mit in den Keller des ansässigen Klosters. Ich will die Befragung selbst durchführen. Es ist ein dunkler Raum ohne jegliche Mittel, wie sie normalerweise zu einer solchen Befragung unterstützend hinzugezogen werden. Also lasse ich den Schmied herbeirufen um ein Feuer im Raum zu schüren. Anfangs leugnet der Heiler den Fremden zu kennen, aber nach ein paar Schlägen und dem Vorführen des beschuldigenden Pärchens gibt er klein bei. Dabei erfahre ich, dass seine Nachbarn ohnehin einen Groll auf den Mann hegen, da sie schon lange versuchen sein Grundstück dem ihrigen einzuverleiben. Doch diese Niederungen menschlichen Verrats sind mir gleich. Der Herr wird sie richten.<br />
„Wie heißt dieser Mann?“<br />
„Das weiß ich nicht.“ Ein Schlag ins Gesicht.<br />
„Du willst mir sagen, du hättest einen Fremden in dein Haus gelassen ohne seinen Namen zu wissen?“<br />
„Ja mein Herr, er war krank und meine Pflicht ist es zu heilen.“<br />
„Du wagst es mich im Angesicht des Herrn täuschen zu wollen?“ Zwei Schläge ins Gesicht. Ächzend sackt sein Kopf nach vorn. Der Mann ist nur zwei Meter rücklings zum Feuer an einen Stuhl gefesselt und vergeht in seinem eigenen Schweiße. Ein Eimer Flusswasser ergießt sich eisig über seinen nackten Oberkörper und lässt ihn schreiend zur Besinnung kommen.<br />
„Fahren wir fort. Wenn du mir nicht sagen willst wie der Mann heißt, so nenne mir doch deinen Namen?“<br />
„Mein Name ist Louis Troyat.“<br />
„Sieh mich an, Louis.“, müde erhebt sich der Kopf. Ein Augenlied ist bereits verschwollen. Das Andere flattert.<br />
„Woher kommst du?“<br />
„Ich bin hier geboren. Das Haus hat meinem Vater gehört. Meine Mutter starb früh.“<br />
„Ich verstehe.“, setzte ich milde fort. „Nun Louis, ich werde dir jetzt ein paar Dinge zeigen und du wirst mir dann sagen, ob dir vielleicht doch wieder der Name dieses Mannes einfällt!“ Ich werfe einen Blick zum Schmied, der einem meiner Männer drei rot glühende Eisen reicht. Zuerst zeigte ich dem Heiler das Rundeisen. Sein noch offenes Auge weitete sich, aber er schwieg. Dann zeige ich ihm das Pflockeisen und schließlich präsentiere ich die heiß glühende Spitze einer langen Nadel.<br />
„Du und ich, wir sind beide Kinder Gottes.“, fahre ich milde fort und gebe die Eisen zurück. „Wir sollten einander kein Leid antun, doch tust du mir gerade unheimlich großes Leid an. Warum, fragst du dich? Nun – du deckst einen Feind der Kirche. Deiner Kirche. Unserer aller Kirche. Wenn der Heilige Vater leiden muss, müssen auch seine Kinder leiden, verstehst du?“ Der Mann auf dem Stuhl nicke stumm. Das Wasser auf seinem Körper ist bereits wieder dicken Schweißperlen gewichen und die Haut auf dem Rücken beginnt sich rot zu färben.<br />
„Ich sehe, dir ist heiß? Ich werde dir Erfrischung verschaffen und dann reden wir weiter.“ Ein weiterer Schwall Flusswasser ergießt sich über den schreienden Mann. Ich sehe Krämpfe in seine Gliedmaßen fahren und den Kopf hin und her schlagen.<br />
„Wie heißt der Mann?“<br />
„Ich weiß es nicht.“, stöhnt der Gefesselte.<br />
„Ich werde dir die Frage nun aufschreiben.“, antworte ich kühl. Lasse mir das Pflockeisen reichen und beginne die vier Worte meiner Frage in das Fleisch seiner Brust zu brennen. Gellende Schreie prallen von den immerschwarzen Wänden ab und verlieren sich in den Gewölben des Klosters. Der Geruch verbrannten Fleisches steigt mir in die Nase. Ich kenne ihn gut aber er ist mir stets ein Gräuel gewesen. Auch jetzt verspüre ich weder Vergnügen noch Befriedigung. Der Heiler spannt seinen gefesselten Leib bis zum Bersten und beginnt den Herrn anzuflehen. Ich habe meine Tat vollendet und blicke auf verkohlt glänzende Haut. Ein dünner Faden roten Blutes entspringt an einer Stelle und versickert hinter der Fesselung. Erneut erreicht ihn das Wasser um seine Besinnung zu wahren. Diesmal beginnt der Heiler: „Mein Herr, bei allem Heiligen, ich kenne den Namen nicht. Er kam herein und war krank. Ich musste ihm beistehen, so ist es meine heilige Pflicht.“<br />
„War er allein?“<br />
„Ja.“<br />
„Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“<br />
„Was?“, der Heiler blinzelt verwirrt.<br />
„Ich habe meine Worte klar gewählt. Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“<br />
„Mir. Ich mag die Geschichten des neuen Testaments.“<br />
Ich verziehe mein Gesicht und tue so als würde ich nachdenken. Meine Männer stehen starr in jeder Ecke des Raumes und warten auf Anweisung. Ein fünfter steht neben dem Schmied und achtet auf dessen Arbeit.<br />
„Ich will nicht sterben.“, beginnt der Heiler zu jammern.<br />
„Aber Louis“, erwidere ich väterlich. „Das will ich doch auch nicht. Aber wisse um die Sünde der Lüge und denen, die sündenbehaftet vor den Schöpfer treten, versagt er seine Liebe.“ Während ich das sage nehme ich ein dickes Stück Seil und beginne langsam einen Knoten hineinzuarbeiten.<br />
„Willst Du nicht, dass deine Seele vorbereitet ist?“<br />
„Meine Seele ist rein.“, antwortete er trotzig.<br />
Das kommt unerwartet. Eigentlich glaubte ich den Mann schon fast gebrochen zu haben, aber es ist weniger das Wie, sondern das Was, dass mich aufhorchen lässt. Er hat „rein“ gesagt. Ein Ausdruck den vor allem die Albigenser verwenden. Habe ich sogar einen von ihnen vor mir sitzen? Ich begebe mich zu ihm auf Augenhöhe, hebe mit den Fingerspitzen sein Kinn an und fixiere ihn mit meinem Blick.<br />
„Bist du einer von ihnen?“ Sein Blick scheint mich fragend.<br />
„Bist du ein Albigenser? Ein Ketzer?“<br />
Ein Moment gespannter Ruhe füllt den Raum. Nur das Knistern des Feuers durchbricht die Atemlosigkeit. Plötzlich wird der Kopf in meiner Hand leichter, hebt sich selbstständig ein Stück empor und spricht: „Wir bevorzugen die Bezeichnung Katharer.“<br />
Ich fahre zurück. Blinde Wut beginnt sich meiner zu bemächtigen. Für einen Moment bin ich kein Mensch mehr sondern dem rachsüchtigen Schwerte Gottes gleich eine leuchtende Klinge brennender Vergeltung. Ich schwinge das Seil in meiner Hand und schleudere den Knoten zwischen seine Beine. Erst atemloses Keuchen, dann ein einzelner markerschütternder Schrei, dann Stille. Blut sickert unter der Hose des Heilers hervor.<br />
„Vater unser, der du bist im Himmel, Dein Name werde geheiligt, flüstert Louis plötzlich. Ich komme wieder zu mir. Scheinbar tritt er in die Phase ein, in denen Befragte beginnen mit ihrem Leben abzuschließen. Wenn dies geschieht, beginnen sie zu leiden und zu erdulden und sind nicht mehr als Informationsquelle zu gebrauchen. Bringt man sie nicht schnellstmöglich aus diesem Zustand zurück in die Gegenwart, kann man sie auch ebenso gut totschlagen oder laufen lassen. Allerdings ist die Lage zu ernst, als dass ich letzteres gewähren könnte. Dort sitzt einer von ihnen. Für einen Moment sehe ich den kleinen, geschundenen Körper an, wie er versucht das Vaterunser zu stammeln.<br />
„…Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie auf Erden“<br />
Ich fühle einen Anflug von Schwäche aufkommen. Nein, es ist Hilflosigkeit. Dieser Mann trägt kein Schwert und kein Schild. Seine Waffe ist das Wissen in seinem Kopf. Ich brauche ihn noch.<br />
„so im Himmel. …Unser täglich Brot gib uns heute. Und unsere Schuld vergebe uns“ „Welche Schuld soll er Dir vergeben?“ besinne ich mich und schreie ihn an.<br />
„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern….“ Nun geschieht etwas Unglaubliches. Mit dem letzten Wort hebt der Heiler den Kopf und richtet sein noch offenes Auge auf mich. Er verhöhnt mich. Der Katharer verhöhnt mich. Und noch etwas wird mir klar. Dieser Mann bittet nicht für sich, sondern für mich.<br />
„Louis.“, will ich ihn unterbrechen.<br />
„…und führe uns nicht in Versuchung,…“<br />
„Louis, hör mir zu!“, ich werde lauter, aber er will mich nicht hören. Sein Auge ist weiterhin starr auf mich gerichtet.<br />
„…sondern erlöse uns…“<br />
Ich greife nach der glühenden Nadel. Die Verachtung in seinem Auge macht mich rasend.<br />
„…von dem Bösen.“<br />
Das verkohlte Fleisch brennt in meiner Nase, die Hitze des Feuers macht mir den Kopf dröhnend und ich brülle das Auge an, aber es will sein Gebet vollenden.<br />
„Amen.“<br />
Ich stoße zu. Mit dem Geräusch einer zerplatzenden Frucht fährt die glühende Nadel in das starr geöffnete Auge.<br />
Marek würgte, griff nach dem nächst besten Gefäß und übergab sich. Er hatte diesen Ritter gespürt. Als wäre er selbst es, der an dessen Stelle in diesem Keller stand und gerade einem Menschen eine glühende Nadel in den Schädel jagte. Er hatte einen Geschmack im Mund, der an Rauch erinnerte und seine Augen tränten, als hätte er lange in ein helles Licht gestarrt. ‚Oder in ein Feuer’, dachte er bei sich. Marek fühlte sich widerlich. Angeekelt von dem, was er da gerade in Wort und Geistesbild erfahren hatte. Doch in der hintersten Ecke seines Verstandes schien sich auch eine Spur Faszination zu verbergen. Zu flüchtig um sie zu fassen, aber doch zu präsent um sie zu ignorieren. Einmal mehr wünschte er sich Raucher zu sein, um jetzt zur Entspannung am offenen Fenster Eine zu paffen. Marek ging aufs Klo, erledigte, was zu erledigen war, trank einen halben Liter Wasser und kehrte zurück an den Schreibtisch. Vorher jedoch schloss er die Tür und zog die Vorhänge zu. Heike war wohl schon gegangen, denn im Haus herrschte Ruhe. Marek beschloss für sein eigenes Seelenheil den Rest des Absatzes auszulassen. Ein paar eng beschriebene Seiten hatte er noch zu übertragen. Dem Schriftbild nach zu urteilen war der Inhalt weit weniger erregend. Das würde er jetzt auch noch schaffen.</i></p>
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