Essenz – Tag 9 – Sonntag – 3. Teil

„Wollen wir zu mir gehen? Dort ist es warm.“ Der Vorschlag war gut. Dort würde Marek nichts an den Traum des alten Herrn erinnern. Beide wussten, dass die Art Kälte, die Marek hatte frösteln lassen kein Ofen in den nächsten Tagen vertreiben würde.
„Ich bleib’ noch ein wenig hier oben. Man hat einen guten Überblick.“, sagte er mit fester Stimme. Einen Moment überlegte Heike, ob sie die Situation durch einen kleinen Scherz mit Bezug auf die alles verschlingende Nacht auflockern sollte, wich aber dann doch davon ab. So saßen sie eine weitere Stunde in ihre Decken gehüllt und rückten näher zusammen um dem heran kriechenden Frost zu trotzen.
„Seit ich hier angekommen bin sind krasse Sachen passiert.“, sprach Marek und wollte ursprünglich die Banalität des Wortes „krass“ vermeiden. Die Kreativität einer gewählten Ausdrucksweise hatte den Schriftsteller aber verlassen. „Eigentlich bin ich zum Entspannen hergekommen und um mal etwas Ruhe zu finden und wieder zu Schreiben.“
Heike war sich nicht sicher, ob sie verstand worauf er hinauswollte. Marek fuhr fort: „Ich weiß nicht ob du das kennst, aber hast du schon mal was gezeichnet oder geschrieben und wusstest danach nicht mehr was du da eigentlich gemacht hast?“
„Na hör mal, ich (bin) Sekretärin“, lächelte sie vorsichtig. „Wenn ich mir alles merken müsste was ich täglich diktiert bekomme, würde ich ja durchdrehen.“
Das kurze Schweigen schürte wieder Heikes Unsicherheit. Insgeheim verfluchte sie sich für diese Mädchenhaftigkeit. Marek allerdings gingen andere Dinge im Kopf herum. Er hatte gerade das Gefühl, sich einiges von der Seele reden zu müssen, wusste aber nicht so recht wie! Da war so viel in den letzten Tagen passiert, dass er sich nie wirklich die Zeit genommen hatte alles einmal zu reflektieren oder vielleicht sogar in irgendeinen verrückten Zusammenhang zu bringen. Er fühlte sich wie in einer Blase. Eine Blase aus Realität und Verstand, in der Naturgesetze noch etwas galten und die Logik der alleinige Taktgeber der Welt war. Diese Blase beschützte ihn, wenn er aus der „dunklen Kirche“ kam und sie beschützte ihn auch jetzt in diesem Moment der Trauer. Alles ist endlich und alles ist erklärbar. Er wollte Heike mit in diese Blase holen. Nein, er wollte Bestätigung. Bestätigung dafür, dass er nicht falsch lag. Dass die Welt noch so war, wie sie es seit vierunddreißig Jahren war und dass sein Kommen eine Entscheidung gewesen war, die einem Zusammenspiel aus Neuronen und Synapsen entsprang und nicht einem grausamen Plan folgte etwas zu erleben, das der Welt bis dahin verborgen war. Denn wenn er sich in seiner Blase herumdrehte und hinter sich auf die Kirche und den Berg sah, wenn er die Lichter im Dorfkrug und das Haus von Günther Thomak sah, dann begann Zweifel in sein Herz zu fließen und er war bereit zu glauben was immer ihm geheißen wurde. Er brauchte Bestätigung und das konnte er nur erlangen, indem er jemandem zeigte, was er gefunden hatte. Die Frage wer das sein könnte, war leicht zu beantworten.
„Heike?“, setzte er an „Warst du schon mal auf dem Berg hinter der Kirche?“
„Ja, schon oft. Im Sommer ist es dort wunderschön.“
„Ist dir da oben jemals etwas aufgefallen?“
„Was meinst du?“
Marek wollte behutsam sein. Vielleicht wusste sie ja sogar von dem was sich im Berg befand? „Stand da oben vielleicht mal was? Ein Stall oder vielleicht ein Kreuz? Das sieht man ja häufig auf Bergen.“
„Nein, ich glaube nicht. Für Vieh ist er eigentlich zu steil und ein Kreuz wäre doch so nahe an der Kirche nicht nötig, oder?“
Marek versuchte es in einer anderen Richtung. „Weißt du, ich war in den letzten Tagen viel unterwegs. Ich fühle mich – na ja ich fühle mich schuldig, weil ich nicht so oft bei meinem Vater war, wie ich es eigentlich gekonnt hätte und dann hab ich dich auch noch die Wand machen lassen.“ Statt ihn zu unterbrechen zog sie ihre Handschuhe aus und umschloss seine Hand mit ihren warmen Fingern. „Ich habe so viele neue Eindrücke hier im Dorf erfahren und immer wieder bin ich auf den Berg gegangen, in dem Glauben dort Lösungen für meine Fragen zu finden. Wie es mit mir weitergeht, was ich aus dem mache, was ich hier erlebe und wie es um mein Leben in Düsseldorf steht?“
Heike glaubte nun zu wissen, worauf Marek hinauswollte. Seine Exfreundin war wohl noch immer ein fester Bestandteil von ihm und hatte eine Sinnkrise ausgelöst, die zu bewältigen wohl der eigentliche Grund seines Besuches war. Jetzt im Augenblick des Verlustes trat ihm wohl wieder vor Augen, wie wichtig ihm diese Beziehung und die damit verbundenen Augenblicke waren. Heike spürte in ihrem Herz einen kleinen Mann auf einem kleinen Klavier einen Ton in Moll anschlagen. Marek aber war von solchen Überlegungen weit entfernt.
„Kannst du morgen bitte mit auf den Berg kommen? Ich möchte dir was zeigen?“ Das überraschte Heike. Was wollte er ihr denn zeigen, was sie als hier schon immer Lebende nicht schon kannte?
„Ich kann leider nicht. Mein Urlaub ist morgen vorbei und es war der letzte für dieses Jahr. Ich muss wieder Arbeiten. Es tut mir wirklich leid, aber mein Chef ist da gnadenlos.“
Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. Es war schon selbstverständlich geworden, dass Heike immer da war, immer Zeit hatte.
„Wann hast du denn Schluss?“
„Erst um fünf und dann ist es schon dunkel.“
Marek senkte den Kopf. Dann musste er warten. Natürlich spielte die Dunkelheit für sein Vorhaben keine Rolle, aber er wollte sich und Heike dafür Zeit nehmen und da wären zwei Stunden zwischen Dienstschluss und Abendessen mit Frederik nicht ausreichend. Seine Gedanken begannen wieder zu kreisen, liefen rückwärts und plötzlich fuhr er wieder zurück zum Krankenhaus, sah seine Mutter die Einwilligung zur Autopsie unterschreiben und vor das Bett seines toten Vaters treten. Marek musste die Augen schließen und sein Körper krampfte sich kurz zusammen. Er hatte dieses Bild seit dem Verlassen des Krankenhauses verdrängt. Er hatte den leeren Stuhl beim Mittagessen gesehen. Er hatte das Werkzeug verstaut und sogar die Post der letzten Tage geöffnet, aber er hatte sich nicht einmal an dieses eine, letzte Bild erinnert. Erinnern können, wollen – einerlei. Nun jedoch sah er sich nicht nur im Geiste vor dem Bett stehen. Vielmehr war er physisch anwesend und jedes Wort, das ein Mensch in der Lage war zu formen hätte seinen Gefühlen nur ansatzweise gereicht. Heike spürte wie ihre Hand in unregelmäßigen Intervallen gepresst wurde. Der Körper an ihrer Seite begann zu zittern. Still hatte die Faust aus Eis begonnen zu schmelzen und entließ ihr Wasser als Tränen in die Nacht. Es war ihm egal, dass er die Frau an seiner Seite erst seit sechs Tagen kannte. In diesem Augenblick war sie ihm näher als sonst jemand. In diesem Moment war sie richtig.
Kein Wort fiel mehr und als sie das Dach verlassen hatten, war Marek es, der in einem Moment emotionaler Verwundbarkeit den Schritt ging, den sie beide schon vor einigen Tagen fast vollendet hatten. Doch Heike löste die Situation auf, ohne Verlegenheit zu erzeugen und beide gingen für diese Nacht ihrer Wege.
Heikes Weg führte sie in die Küche ihres Hauses, wo sie für Heinz Korsak eine Kerze entzündete und sich die Zeit nahm still um ihren Freund und Nachbarn zu trauern.
Marek hingegen wollte sofort ins Bett. Er fühlte sich schwach und selbst der heimische Duft der Bettwäsche gab seinem Inneren mehr Leid als Trost. Sein Telefon meldete einen Anruf. Es war Isabel aber er hatte heute keinen Bedarf mehr. Er wies ihren Anruf ab, entschloss sich aber eine kurze Textnachricht zu senden: „Heute bitte nicht mehr. Es sind keine guten Zeiten.“ Kurz überlegte er ob er es ihr nicht schuldig war zu erzählen, was geschehen sei, als ihm sein Telefon die Entscheidung abnahm. Sie hatte zurück geschrieben: ‚Sie respektiere das und es täte ihr sehr leid.’.
‚Isi…’, dachte Marek und wusste, dass sie spürte was passiert war. Sie kannte ihn zu gut und hatte einen sechsten Sinn wenn es darum ging die Gefühlslage von Menschen einzuschätzen. Er rang mit sich sie doch noch anzurufen. Auf einmal fehlte sie ihm. Sehr sogar. Und wenn er sie bitten würde herzukommen? Sie war ein offener Geist und hätte ihm in so Vielem hier helfen können. Aber nein. Sie würde es wohl nur aus Schuld- oder Pflichtgefühl tun und darauf konnte er verzichten. Er verfluchte das ‚verdammte Miststück’, da sie ihm nicht aus dem Kopf ging und schaltete sein Telefon als Demonstration an sich selbst aus.
