Essenz – Tag 9 – Sonntag – 2. Teil

foto_Tag9_Teil_2.jpg

Dr. Lötzsch saß im Aufenthaltsraum der Stationsschwestern und grübelte. Natürlich hatte er ein eigenes Arbeitszimmer – manche hätten es aufgrund seiner Größe sogar als Büro bezeichnet – aber er mochte das gesellige Treiben und Schnattern der Schwestern und konnte sich hier auf oft unverstandene Weise herrlich entspannen. Jetzt allerdings war ihm so gar nicht nach Entspannung

Die halbe Tasse Kaffee hatte schon lange aufgehört zu dampfen und seine Stirn zog Falten, als ob sie sich darauf vorbereiteten wollte die letzten Haare auch noch abzustoßen. Die Augen brannten rot hinter der feinrandigen Brille und fanden doch keine Lösung auf das Rätsel, das da in niedergeschriebener Form vor ihm lag. Vor drei Stunden hatte die Atmung von Herrn Korsak ausgesetzt und die Maschine musste dies übernehmen. Eine Stunde später begann der Puls kontinuierlich in den Keller zu gehen. Zuerst konnten sie den Kreislauf noch stabilisieren, aber was sie auch taten, der Körper schien eine Entscheidung gefällt zu haben. Dabei waren die Werte anfangs mehr als ermutigend. Sie waren sogar ausgezeichnet. ‚Die Angiographie war negativ und das Herz schien sich gut zu erholen’, begann Dr. Lötzsch in Gedanken zusammenzufassen. ‚Keine Anzeichen von Entzündungen oder Infektionen. Dann kamen diese Anfälle und der wiederholte Herzstillstand, für den es immer noch keine Erklärung gibt. Das MRT zeigte keine Veränderungen, die auf einen neuronalen Defekt schließen lassen, was natürlich nicht zwingend heißt, dass da keiner war (ist). Und dann haben wir da noch diesen verdammt hohen Wert an Opiorhin. Wo ist denn der Bericht der gestrigen Blutuntersuchung?’ ohne seine Gedanken zu unterbrechen kramte Dr. Lötzsch in einem Stapel Papiere bis er den Zettel gefunden hatte. Beim Anblick der neuen Messungen musste er sich zusammennehmen um seinem Überraschen nicht laut Ausdruck zu verleihen. ‚Himmel! Da muss ein Fehler vorliegen. Das Naloxon hätte die Wirkung des Opiorhin aufheben oder zumindest reduzieren müssen. Aber dieser Wert sprengt alle Skalen. Ganz offensichtlich hatte das Opiorhin erst die Atmung gelähmt und dann wenig später den kompletten Kreislauf soweit heruntergefahren, dass eine Versorgung der Organe nicht mehr möglich war. Verdammt noch mal, es muss ein neurologischer Schaden sein. Kein gesunder Körper verpasst sich selbst solch eine Überdosis Morphium.’ Dr. Lötzsch nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Neben ihm begannen Schwestern ein verspätetes Mittagessen. Das Ganze ergab vorn und hinten keinen Sinn. Was den Tod letzten Endes herbeigeführt hatte konnte er nur schlussfolgern, doch weder der dramatisch hohe Opiorhinspiegel noch die Anomalien des Blutdrucks und der Sauerstoffsättigung vor drei Tagen konnten damit erklärt werden. Gleich würden die Verwandten hier erscheinen. ‚Arme Frau Korsak. So treue Seelen sieht man heute immer seltener.’, dachte Dr. Lötzsch und wischte den Gedanken sofort mit fachlicher Routine beiseite. Aber er war nicht der Typ, der ungelöste Fälle einfach zu den Akten legte. Er musste versuchen die Frau des Toten zu einer Autopsie zu überreden. Aber mit welcher Begründung? ‚Tut mir leid Frau Korsak, aber wir würden ihren Mann gern aufschneiden um zu sehen, warum er so glücklich gestorben ist?’ Denn glücklich wäre er sicherlich gewesen, wenn die körpereigene Dröhnung ihn nicht ohnehin bewusstlos gemacht hätte. Dr. Lötzsch sah hinter den Jalousien der Fenster Frau Korsak und ihren Sohn mit einer Schwester reden. ‚Na dann wollen wir mal.’ Dr. Lötzsch kramte die Papiere zurück in die Akte und drückte sie beim Verlassen des Raumes der Schwester in die Hand, die gerade gekommen war um ihn zu holen: „Legen Sie die hier bitte auf meinen Schreibtisch und bereiten Sie ein Einwilligungsschreiben für eine Autopsie vor.“ Dabei tippte er auf die Akte und ging an der jungen Schwester vorbei, auf die Korsaks zu. Natürlich hatte er das Kommende schon oft erlebt und wusste, dass sich das bittere Gefühl nie ganz verdrängen lassen würde und darauf war er auch ein wenig stolz. Er nutzte diese Zeit zwischen dem Punkt, an dem ihn die Angehörigen kommen sahen und dem ersten Satz immer um sich ein Bild von den gleich folgenden Reaktionen aufzubauen. Frau Korsak wirkte im Gegensatz zu den letzten Tagen, als er sie am Bett ihres Mannes hat wachen sehen, eher gefasst und ruhig. Dafür schien der Sohn heute alles andere als er selbst zu sein und sichtbar mit der Fassung zu ringen. Zwei Zustände, die sich in den nächsten Tagen erwartungsgemäß umkehren würden. Noch sechs Schritte. Er würde sich also in seinem Anliegen verstärkt an Frau Korsak wenden. Hoffentlich blieb der Junge noch eine Weile im Dorf. Der Pfarrer hatte ihm gesagt, dass er nur zu Besuch sei und eigentlich im entfernten Düsseldorf wohne. Kinder neigen dazu in solchen Momenten schnell wieder das Weite zu suchen. Noch drei Schritte. . Blickkontakt aufbauen und halten. Noch zwei Schritte. Rechte Hand zur Kondolenz reichen. Noch ein Schritt: „Mein aufrichtiges Beileid“ Kaum fühlbarer Händedruck von ihr, nur wenig stärkerer Händedruck von ihm. Ein Nicken als Antwort. „Ihr Mann und Vater hatte vor etwa drei Stunden einen Atemstillstand. Wir mussten ihn künstlich beatmen. Vor etwa einer Stunde hat dann das Herz aufgehört zu schlagen.“ Die Details wollte er den Angehörigen ersparen – so etwas konnte er auf Verlangen nachlegen, wollte aber in dieser Situation niemanden mit dem genauen Hergang überrollen. „Es liegt leider nicht mehr in unserer Macht etwas zu unternehmen, wenn jemand beschlossen hat aufzugeben. Ich kann Ihnen aber versichern, dass er keine Schmerzen hatte.“ „Was meine Sie mit „aufgeben“?“, wand der Sohn mit hörbarer Empörung ein. „Mein Vater hat noch nie aufgegeben. Er hing am Leben. Er-“ „Ist schon gut“, unterbrach ihn die Mutter sanft. „Ich bin sicher Dr. Lötzsch hat alles in seiner Macht stehende getan.“ „Das versichere ich Ihnen.“, und der Arzt fügte seiner Stimme einen Grad an Weichheit hinzu. „Nicht immer reicht der Wille aus um die Beschränkungen des Körpers zu überwinden. Wir sind bereits zu Vielem in der Lage, aber der Tod bleibt immer ein Teil des Lebens.” Dr. Lötzsch bemerkte, dass diese Floskel bei der Mutter wesentlich besser ankam, als bei dem Jungen und entschied, dass hier zwei verschiedene Formen der Verlustbewältigung vor ihm standen. Er wollte sich wieder zurückziehen. Immerhin waren die Korsaks immer noch neu im Dorf und ein persönliches Verhältnis, wie zu den anderen Bewohnern, hatte er noch nicht aufbauen können. „Ihr Mann befindet sich noch in seinem Zimmer. Sie können sich so viel Zeit lassen wie sie möchten. Ich habe allerdings noch eine Bitte. Der Tod Ihres Mannes kam für uns ebenso überraschend wie für Sie, da ursprünglich alles auf eine rasche Genesung hindeutete. Würden Sie eventuell in eine Autopsie einwilligen?“ Die Mutter sah ihren Sohn nicht an und nahm sich damit das Privileg die Entscheidung allein zu treffen: „Mein Mann hatte seine eigenen Vorstellungen vom Leben und zu seinem Körper. Wenn Sie es für richtig halten, dann tun Sie es. Er hätte nichts dagegen.“ Damit entließ er sie in das Patientenzimmer. Stirnrunzelnd dachte er wie einfach das doch gewesen war und wies eine vorbeikommende Schwester an, die Formalitäten zu klären, wenn die Korsaks das Zimmer wieder verlassen hätten. Vorher jedoch sollte niemand die Abschiednahme stören.
„Alles klar?“, fragte Heike und legte Marek eine zusätzliche Decke um die Schultern, die sie am Ofen vorgewärmt hatte. Gerade hatte sie das Dach erklommen auf dem sie Marek seit Sonnenuntergang von ihrem Garten aus hatte sitzen sehen. Sie konnte nicht einschätzen, ob Marek Gesellschaft oder lieber Ruhe wollte und traf schließlich die Entscheidung sich einfach ungefragt neben ihn zu setzen und zu warten. Der junge Mann atmete tief ein und wieder aus, rieb sich die Augen und begann die Wärme der Decke zu spüren. Auch die wärmende Gegenwart von Heike spürte er, aber momentan wollte er nichts zulassen, was seinen Panzer hätte destabilisiert können. Seit sie das Krankenhaus verlassen hatten, hatte ein innerer Schutzmechanismus begonnen ein gut wasserdichtes Programm abzuarbeiten. Anfangs wollte er unheimlich viel belangloses Zeug reden um seinen Verstand zu übertönen. Dann begann er sich mit visuellen Details voll zu pumpen. Er konzentrierte sich auf der Rückfahrt auf jeden Stein und jeden Ast, der am Straßenrand lag. Zählte vorbeiziehende Felder und versuchte Tiere und Gegenstände in dem aufziehenden Wolkenfeld zu erkennen. Sein Verstand redete und redete als hätte er Höhenangst und versuche mit Blick in die Ferne eine schmale Hängebrücke zu überqueren. Nur nicht nach unten schauen. Nur nicht nachdenken. Die Mutter weinte leise und machte keinen Hehl aus ihren Tränen. Sanft streichelte sie die Hand ihres Sohnes. Das war eine Stichflamme in seinen Eispanzer und er hatte Mühe seine Gedanken weiter mit Nichtigkeiten zu verkleistern.
Zu Hause setzte er seine Strategie fort. Begann das Haus und den Garten aufzuräumen und lehnte das provisorische Abendessen ab, da es ein schweigendes Zusammensitzen mit der Mutter erfordert hätte. Schließlich ging Helene Korsak zu Bett. Sie schlief wie immer auf ihrer Seite des großen Bettes, aber nach einer Weile zog sie die Bettdecke und das Kissen von Heinz Korsak zu sich hinüber. So lange sein Duft noch ein Teil dieses Raumes war, wollte sie ihn spüren. Als Marek noch einmal nach ihr sah, schlief sie bereits und er war froh darüber. Er musste sich dem Allem stellen und er wollte es auch, aber nicht jetzt. Ja er fühlte sich schuldig, seiner Mutter jetzt nicht in dem Maße beistehen zu können, wie sie und sein Vater es verdient hätten, aber die Faust aus Eis, die sein Herz umklammerte, hielt ihren Griff und diese betäubende Kälte tat ihm gut.
Jetzt war alles getan und wieder saß er auf dem Dach und wartete darauf, dass ihm die einsetzende Dunkelheit alle Möglichkeiten der Ablenkung entzog. Natürlich hatte sich der Tod von Heinz schnell im Dorf herumgesprochen, aber Heike hatte als gute Nachbarin und Freundin alle Kondolenzen unterbunden und auf die nächsten Tage vertröstet. Jetzt saß sie neben ihm und die warme Decke lies den Klumpen aus Eis tauen, so dass dessen Besitzer angstvoll auf das wartete, was danach kam. Heikes Gespür für die Situation war sehr feinfühlig. Sie hatte sich vorsorglich Wollhandschuhe angezogen. Nicht zum Schutz vor Kälte, sondern um den Trauernden nicht mit direktem Körperkontakt zu überfordern. Also fing sie an, vorsichtig und sehr langsam Mareks Hand zu streicheln. Die Berührung aus warmer Wolle tat gut und Marek war ihr dankbar für die respektvolle Distanz. So saßen sie da, schwiegen und ließen den letzten roten Schleier des Tages in mondlosem Schwarz verschwinden. Marek fröstelte.

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar