Essenz – Tag 9 – Sonntag – 1. Teil

essenz foto Tag 9 Teil 1

Es war Sonntag. Marek hatte nach dem gestrigen Kuchenschmaus am Gartenzaun noch etwas Ordentliches gegessen, erneut lange geduscht und den nackten, noch warmen Körper in frische Bettwäsche versinken lassen. Er wollte sich nicht wieder für Stunden im Abtippen von Texten verlieren sondern lag einfach nur so da, sah aus dem Fenster und schlief irgendwann ein. Genau wie seine Mutter, schlief er lange zehn Stunden.

Das tat Not und brachte beide wieder etwas ins Gleichgewicht. Frau Korsak lobte an diesem Morgen die Arbeiten am Haus und bestätigte, dass der Vater sich sehr freuen würde, wenn er wieder zu Hause wäre. Marek bestritt nicht, dass Heike ihm geholfen hatte, vermied jedoch den umfang der Hilfe zu erwähnen. Seine Mutter zwinkerte ihm zu und begann sich für die Kirche vorzubereiten. Das Krankenhaus hatte keine neue Kunde und so begaben sich Marek Korsak, Helene Korsak und Heike mit dem kleinen Frederik zusammen in Richtung Kirche. Helene freute sich auf die Andacht, denn sie mochte das Gefühl der Gemeinschaft und die oft tröstenden Worte, auch wenn sie alles Biblische für sich dabei ausblendete. Plaudernd erreichte man die Hauptstraße und den Kirchplatz und sah schon von weitem Pfarrer Bernd am Eingang stehen und jeden Besucher persönlich begrüßen. Marek ging den Weg zur „Weißen Kirche“ vielleicht zum ersten Mal seit Tagen entspannt. Er hatte gut geschlafen und gefrühstückt. Kein Sausen in den Ohren belastete ihn und kein Drang zu Schreiben zog ihn hinter die Kirche und den Berg hinauf. Der Eingang war auf der linken Stirnseite. Das halbe Dorf war auf den Beinen und das Gotteshaus schien voll zu werden. Ein freundlicher Händedruck des Pfarrers und ein kurzer Gang durch den Vorraum zum Saal ohne den Schwatz mit der Mutter zu unterbrechen -
Marek erstarrte. Wankte. Fiel zurück. Wurde von Heike und den nachströmenden Menschen gehalten und unter besorgten Blicken in die Bankreihe nahe der Tür gesetzt. Die Anwesenden tauschten besorgte Blicke aus und die Mutter begann auf ihn einzureden, aber Marek konnte sie nicht mehr hören. Alle Sinne kreisten nur noch um einen Gedanken: Das war die gleiche Kirche! Es stimmte alles mit der „Dunklen Kirche“ im Berg überein. Die Zahl der Sitzreihen. Der Braune Teppich. Der weiße Marmoraltar mit dem geöffneten Buch. Die beiden Bilder. Da hingen die vier Schalen und das Kreuz. Weiße Kerzen mit geschwärzten Dochten. Steinplatten mit Schriftzügen. Nichts fehlte. Nein – etwas war anders. Die Bilder hingen jeweils auf der anderen Seite und auch der Taufstein war nicht rechts sondern links. Marek blickte mit starren Augen nach oben – er erkannte die Deckenmuster der „Dunklen Kirche“ inzwischen genau und fand seine Vermutungen bestätigt. Diese Kirche war das spiegelverkehrte Ebenbild derer, die im nur wenige Meter gegenüber gelegenen Berg vergraben war. War er so blind gewesen? Der Glockenturm. Es ist dasselbe Dach – nur auf der anderen Seite. Die Form und der Umfang der „Weißen Kirche“ entsprechen doch exakt dem Berg, wenn man sich all die Erde und den Bewuchs wegdenkt. Wie konnte er nur so blind sein? So ignorant?
All dies schoss Marek in wenigen Augenblicken durch den Kopf. Er war sicher, dass sein Herz in diesem Moment aufgehört hatte zu schlagen, und er wartete darauf seinen Körper zu verlassen um diesem Wahnsinn zu entkommen. Stattdessen spürte er plötzlich etwas Kühles an seinen Lippen. Es drang in seinen Mund und floss in seine Lunge. Er musste husten. Kam zur Besinnung. Jemand hatte ihm Wasser einflößen wollen, da man dachte, er hatte einen Kreislaufkollaps. Marek stürzte zurück aus dem Gotteshaus, an dem irritierten Pfarrer und den hereinströmenden Gästen vorbei, rannte ein paar Meter, ging in die Knie und übergab sich.
Heike und Helene kamen aufgeregt dazu. Auch Günther, den Marek bei seiner Flucht fast umgerannt hatte, wollte sehen was los war?
„Was hat denn der Junge?“, frage Günther die Mutter ohne Marek direkt anzusprechen. „Alles OK“, keuchte Marek. Kleine Blitze tanzten vor seinen Augen und schienen in seinen Kopf stechen zu wollen. Doch wenn er seine Entdeckung noch eine Weile für sich behalten wollte, musste er sich jetzt konzentrieren. Nachdenken konnte er gleich eine volle Stunde während der Pfarre redete – jetzt musste er erstmal funktionieren.
Alle Energie in Knie und Stimme verlagernd stemmte sich Marek auf. „Sorry – mir ist plötzlich schlecht geworden. Muss wohl gestern Abend was Falsches gegessen haben.“, und sein charmantestes Lächeln flog Heike entgegen. Diese wurde ein wenig rot, hakte sich bei Marek ein und ging mit ihm zurück in die Kirche.
Sohn Marek und die beiden Frauen nahmen Platz. Er wollte es langsam angehen lassen und blickte eine ganze Weile nur zu Boden, so als wolle er Andacht halten. Wenn man in einer Kirche die Augen schließt, wird einen niemand stören. Also ließ er es Nacht werden und begann die anderen Sinne für sich arbeiten zu lassen. Natürlich war diese Kirche voller Menschen, welche die entsprechende Geräuschkulisse erzeugten. Was war mit dem Geruch? Ja, es war der gleiche schwere Weihrauch und auch das Holz roch ebenso wie er es bereits kannte. Wie sah es mit der großen Steinsäule neben ihm aus? Kalt. Eiskalt. Das war anders. Auch das Holz fühlte sich ausgesprochen kalt an – fast unnatürlich, denn so lange er seine Hand auch darauf legte, es schien die Wärme nur sehr langsam aufzunehmen. Marek begann sich unwohl zu fühlen. Der Pfarrer hatte sich nun vor den Altar gestellt und begann langsam und andächtig die Begrüßung zu sprechen. Marek hatte die Augen weiterhin geschlossen und die Mutter wunderte sich fast über die vermeintliche Einkehr ihres Sohnes. ‚Nur nichts überstürzen’, dachte Marek. ‚wenn du hier ohne verrückt zu werden wieder rauskommen willst, dann lass’ dir Zeit das alles zu begreifen.’ Er wollte erste Theorien über diesen Ort und seinen Zusammenhang mit dem Bekannten aufstellen, als das Schwarz hinter seinen geschlossenen Augen sich ins Rötliche färbte. Licht drang durch die Lieder. Wahrscheinlich zogen draußen die Wolken auf und gaben die Sonne frei. Er drehte den Kopf nach links in den Lichteinfall und öffnete die Augen einen Spalt. Warm und weich viel das Licht durch die bunten Bleiglasfenster. ‚Stimmt’, dachte Marek weiter ‚An die Fenster habe ich noch gar nicht gedacht. Hier kann ja tagsüber normales Licht einfallen. Aber was soll das für ein-“, wieder musste Marek den Würgereflex unterdrücken und nur die Rückenlehne der Bank und seine gerade Haltung verhinderten, dass er ohnmächtig zur Seite wegkippte. Stattdessen fand er Halt und starrte, unfähig dem Pfarrer bei seinen Genesungswünschen für den Vater zu folgen, auf das Abbild, das die Fenster mit Hilfe der Sonne in den Raum warfen. Das Glas zeigte blaue und graue Wolken und einen schemenhaft angedeuteten Acker. Dazwischen wand sich in grober Darstellung ein langer Hals mit einem menschlichen Kopf dessen Augen leer auf die Erde starrten. Marek spannte jeden kontrollierbaren Muskel an um das aufkommende Zittern zu unterdrücken. Er kannte die dargestellte Szene. Er hatte sie selbst gezeichnet, vor ein paar Tagen auf dem Gipfel des Berges, als ihm ein Blitz den Weg in die „Dunkle Kirche“ öffnete.
Marek sah sich nach den anderen Fenstern um. Erde hatte ihm in der anderen Kirche stets einen genauen Blick verwehrt. Nun sah er in jedem Fensterbogen auf der linken Seite diese Hälse hinab stoßen. Leere Augen, Hälse die sich unmenschlich auf den Wolken wanden und teils mit geschlossenen, teils mit geöffneten Rachen alles zu verschlingen drohten, was nicht dem Göttlichen entsprach. War das überhaupt etwas „Göttliches“? Marek drehte den Kopf zur gegenüberliegenden Seite. Der Pfarrer sprach weiter in den höchsten Tönen von Heinz Korsak, aber das war gerade ohne Belang.
Die rechte Seite zeigte die üblichen Heiligenfiguren. Eine Frau in dunkler Robe war abgebildet und links und rechts von ihr befanden sich wohl Bischöfe oder andere hohe kirchliche Würdenträger. Das alles war weit weniger belastend für Mareks Gemütszustand und er wollte den Blick gerade wieder abwenden, als dieser erneut abgelenkt wurde. In der vorletzten Reihe, eingekeilt zwischen einer älteren Frau, die gerade versuchte eine grau schimmernde Strähne unter ihr Kopftuch zu stecken, und einer zweiten Frau, die wohl das Alter von Heike hatte, saß ein kleiner Junge und starrte ihn an. Marek, der sich bislang nur den Hals verrenkte, um sich umzusehen, ließ den Körper etwas in die Blickrichtung nachrutschen. Natürlich. Den Kleinen kannte er doch. Topfschnitt, verstörter Blick und das Leinenhemdchen. Fehlt noch das Feuerwehrauto und der Kleine, der ihn fast hat vom Dach fallen lassen, wäre vollständig. ‚Seltsames Kind’, dachte Marek, war aber auch froh, dass sein Verstand scheinbar zu jedem Zeitpunkt in diesem Dorfe funktioniert hatte. Entweder starrte ihn der Kleine schon die ganze Zeit an oder erst seit ihm Marek beim Umschauen das Gesicht zugewendet hatte. ‚Hier kann er wenigstens nicht wieder weglaufen.’, dachte er weiter. Die beiden Frauen, die den Kleinen flankierten, schienen den Worten des Pfarrers zu lauschen, wobei die Alte nicht unbedingt den Eindruck machte, als würde sie das alles sehr interessieren. Die Gegenwart eines Kindes, das er schon begonnen hatte als Einbildung zu verbuchen, bescherte Marek den Anker in der Realität, die er gerade brauchte. Er hob die rechte Hand über die Rückenlehne der Bank, kramte sein Lieber-Onkel-Gesicht hervor und winkte ihm zu. Die Augen des Jungen weiteten sich, wie Marek es schon kannte. ‚Vergiss es Kleiner – du sitzt hier genau so fest wie ich und heute unterhalten wir uns mal wie zwei große Jungs.’ Marek wollte seine Mutter antippen um ihre Aufmerksamkeit auf den Jungen zu lenken, doch das war nicht mehr nötig.
Ein gellender Schrei durchdrang das Kirchenschiff. Die hohe Kinderstimme zog schlagartig alle Blicke auf sich, lies den Pfarrer stocken und die Anwesenden zusammenzucken. Die Augen kreisrund und angstverzerrt, den Mund dem gellenden Ruf Tür und Tor öffnend, schrie das Kind, als ob es um sein Leben ging, in Mareks Richtung. Die beiden Frauen rechts und links beugten sich besorgt herunter und begannen auf die Sirene einzureden, die nur zum Luftholen kurz verstummte. Der Pfarrer selbst begab sich zu den Frauen um beruhigend einzuwirken.
„Oh Gott, was hat denn die Kleine?“, fragte Helene Korsak erschrocken.
„Die Kleine?“, fragte Marek ungläubig. „Ich dachte das wäre ein Junge?“
„Unsinn“, erwiderte Heike. „Das ist die kleine Anette Ingarek. Die wohnen vorn, fast am Ende der ersten Seitenstraße. Den Vater gibt’s nicht mehr und Agnes und Ida ziehen sie jetzt alleine groß.“
Marek war perplex. Zwar hatte ihm Günther nach ihrem Rundgang am zweiten Tag gesagt, dass es hier ein Mädchen gab, aber er hatte nie in Erwägung gezogen, dass dies knabenhafte Kind es sein könnte.
„Ich hab’ sie schon zweimal gesehen, aber ich dachte immer es wäre ein Junge.“, wunderte er sich laut.
„Na so ein Quatsch“, antwortete Heike. „Nur wegen der kurzen Haare? Du bist echt ein Klischee von einem Mann.“
„Die Freunde deines Vaters dachten auch manchmal du seiest ein Mädchen, als du in dem Alter warst.“, fügte seine Mutter hinzu und der Sohn konnte das geistige Abklatschen der beiden Frauen förmlich hören. Währenddessen aber schrie das geschlechtlich neu zugeordnete Kind weiter ohne den Blick von Marek abzuwenden. Der Pfarrer hatte das Frauengrüppchen erreicht und unter dem besorgten Raunen aller Anwesenden begann er beruhigende Worte zu flüstern. Marek konnte nicht verstehen was gesagt wurde, aber scheinbar hatte es ohnehin keinen Effekt. Die Alte stand auf. Das Kind wurde von der Frau mittleren Alters, wahrscheinlich Agnes, auf den Arm genommen und mit dem Gesicht an die Brust gedrückt aus der Kirche geführt. Der Pfarrer lies es sich nicht nehmen, noch schnell den Privatsegen für das Grüppchen zu spenden und versuchte dann wieder Ruhe in die Gemeinde zu bringen.
„Wir alle wissen, dass die kleine Anette in der letzten Zeit viel verkraften musste und ihr junger Geist noch nicht bereit ist in den Wegen des Herrn auch Trost zu finden. Lasset uns sie und ihre Familie heute besonders in unseren Gebeten bedenken. Karl Ingarek wird bei uns sein und es uns danken.“
„Der Vater der Kleinen“, erklärte Heike ungefragt. „Ist vor drei Monaten in einen alten Brunnen gestürzt, den man am Feldrand zugenagelt hatte. Keiner hat’s bemerkt und er ist vor Erschöpfung ertrunken. Tragische Sache, sag ich dir.“
„In einen Brunnen?“, fragte Marek bestürzt.
„Du bist hier auf dem Dorf – schon vergessen? Das alte Ding braucht heute aber keiner mehr. Bretter drauf und die Natur tut ihren Rest um das Loch in Vergessenheit zu bringen. Jedenfalls hat es die Drei ziemlich aus der Bahn geworfen. Die Agnes hatte sich irgendwann wieder gefangen und Ida, Karls Mutter, auch. Bei der Kleinen dauert das wohl ein bisschen länger. Scheint schlecht zu schlafen und so und manchmal bricht das eben durch. So wie heute.“, dabei suchte Heikes Hand ungesteuert nach Frederik und streichelte den Kleinen. Der Junge war in der unbeheizten Kirche dick eingepackt und schien weiterhin wenig Interesse an der ganzen Veranstaltung zu zeigen.
Marek hatte der ganze Vorfall zurück auf die weltliche Seite gezogen und er wähnte sich nicht mehr in einem steinernen Albtraum, der den surrealen Gespinsten eines absinthsüchtigen Kleinkünstlers entsprang. Da der Pfarrer schon mahnend in die Richtung der Flüsternden schaute, beschloss er den Gottesdienst schweigend hinter sich zu bringen. Wieder schloss er die Augen und hielt sich an dem tröstlichen Gefühl fest, dass sich wenigstens eine der vielen Absonderheiten geklärt hatte. Beim Vaterunser vermied er es gewohnheitsbedingt die Hände zu falten und legte sie stattdessen ineinander. Es war seine Art dem christlichen Glauben Respekt zu zollen, ohne ihn durch ein wortloses Lippenbekenntnis zu verhöhnen. Beim Verlassen der Kirche hatte sich die Erkenntnis über den vermeintlichen Jungen sogar zu einem kleinen Hochgefühl entwickelt, das ihm bestätigte, dass sein Verstand doch noch halbwegs sicheren Halt auf den Pfeilern seiner rationalen, alles erklärbar machenden Bildung finden konnte.
Die Verabschiedung beim Pfarrer war höflich und voll ehrlichen Dankes. Mutter Korsak hatte sogar ein paar Tränen der Rührung in den Augen vorbereitet und alle hielten ihre Gesichter in die wärmende Sonne, als sie das kühle Gebäude verließen. Die Kirchenglocke dröhnte und entließ all die gut gekleideten Menschen in einen goldenen Herbstmittag.
„Sag mal Heike“, fragte Marek, als sie auf die Mutter warteten, die sich noch in einen Schwatz mit dem Mann aus Stahl verloren hatte. „Als ich die Kleine von eben die letzten zwei Male sah, hatte sie Klamotten an, mit denen sie sich bei den Temperaturen den Tod holen könnte. Passt die Mutter denn nicht auf?“
„Waren das kurze Hosen und ein Leinenhemd?“
„Ja, genau.“
„Na dann ist es nicht verwunderlich, dass du die Kleine für einen Jungen gehalten hast.“, lächelte Heike spitzbübisch. „Das ist nicht so einfach. Agnes kümmert sich schon wo sie kann und ist echt eine gute Mutter, aber seit dem Tod des Vaters hat die Kleine angefangen dessen alte Kinderkleidung aufzutragen. Sie schleicht sich einfach auf den Dachboden, kramt die verlausten Dinger hervor und zieht sie an. Weiß auch nicht, warum sie die noch nicht weggeschmissen haben. Wahrscheinlich sentimentale Gründe. Jedenfalls antwortet die Kleine nicht, wenn man sie fragt warum sie das tut. Ich denke mal, das ist ihr Weg um den Vater zu trauern und ihm zu gedenken.“
Marek schluckte: „Traurig…aber sag mal – hast du vielleicht eine Idee, warum das Kind mich heute so angeschrieen hat?“
„Die hat dich doch nicht angeschrieen. Das war nur zufällig unsere Richtung.“
„Doch, doch. Und da ist noch etwas. Als ich die Kleine die ersten beiden Male gesehen habe, spielte sie ruhig, bis sie mich gesehen hatte. Dann starrte sie mich an, als wäre ich der Teufel persönlich und sobald ich auf sie zugehen wollte, rannte sie weg.“
„Na und?“, antwortete Heike Schulter zuckend. „Hat man dir nicht gesagt, du sollst nicht mit Fremden reden?“
„Haha. Aber das war anders. Da war keine Skepsis sondern fast panische Angst. So hässlich bin ich doch wohl auch nicht, oder?“
„Na ja – das zu entscheiden obliegt mir nicht.“, stichelte Heike. „Aber ich würde mir da nicht zu viele Gedanken machen. Anette braucht wie wir all ihre Zeit und jeder entwickelt andere Weg um wieder ein normales Leben führen zu können. Ich glaube, die beiden Frauen haben das schon im Griff.“
„Aber trotzdem“, bohrte Marek weiter. „Es war arschkalt und sie hätte zittern müssen vor Kälte, stattdessen sitzt sie auf dem Straßenpflaster und spielt.“
„Wenn du mal Kinder hast, dann wirst du dich auch über so einiges nicht mehr wundern und jetzt befrei’ mal deine Mutter aus Günthers Klauen. Der kaut ihr schon wieder ein Ohr ab.“ Marek kapitulierte und tat wie ihm geheißen. Fast hätte sich Günthers Grinsen selbst zum Mittagessen bei ihnen eingeladen, aber Helen Korsak konnte dies noch wirkungsvoll verhindern. Sie wolle gleich nach dem Essen ins Krankenhaus fahren, was dem Mann aus Stahl das Grinsen in betretenes Rotwerden übergehen ließ.
Das Essen war gut und reichhaltig. Die Veranda hinter dem Haus lag heute windgeschützt und der Steinboden strahlte bereits die Wärme der Sonne zurück, so dass die Korsaks und die Schubert-Blinks das Mahl gemeinsam im Freien einnahmen. Heike hatte ihre liebe Müh Frederik aus dem Haufen Bausand an den Tisch zu bringen und auch die Erbsen fanden nur mit viel mütterlichem Geschick ihren Platz in der Nahrungskette. Helene Korsak genoss das Beisammensitzen und das Bild, ihren Sohn mit der Nachbarin, die in ihren Augen nur unwesentlich älter war als er, herumalbern zu sehen. Der kleine Frederik hätte gut ihr Enkel sein können – zumindest legte er bei Tisch die gleiche Albernheit an den Tag, wie ihr Junge in dem Alter. Die Koteletts waren mit viel Lob an die Köchin verspeist worden und Helene Korsak stand auf um das geschnittene Obst für den Nachtisch zu holen. Das Telefon klingelte. Das Gespräch war kurz. Es begann mit den Worten: „Hier ist das Krankenhaus St. Forst. Spreche ich mit Frau Helene Korsak…?“

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