Essenz – Tag 8 – Samstag – 1. Teil

„Fünf nach fünf. Verdammte Scheiße, warum ist es erst fünf nach fünf?!“ Marek war stinksauer und hätte die verantwortliche Person jetzt am liebsten verprügelt, wenn er nicht selbst die Ursache gewesen wäre. Vor einer halben Stunde musste er schlicht und ergreifend aufs Klo und geisterte seitdem ruhelos durchs Haus. Er hatte schon jeden erdenkbaren Liegeplatz ausprobiert. Sogar zwei Stühle sollten zusammengestellt als improvisiertes Bett dienen, aber keine Chance. Er war wach. Zum Sterben müde, aber wach. Was nun? Er kapitulierte und beschloss die „geschenkte“ Zeit zu nutzen, machte sich Kaffee und fuhr den Laptop hoch. Kurz überflog er die letzten Passagen, nahm das erste Blatt, legte es neben die Tastatur und begann.
Heute ist mein dritter Geburtstag. Das mag vielleicht seltsam klingen, aber ich habe mich entschlossen das Zählen meiner Jahre in dieser Welt neu zu beginnen, nachdem ich begriffen hatte, was damals geschah. Als mich meine Mutter unter Tränen aus dem Fenster fallen ließ, landete ich in den Armen von Bède Sique. Seine schützende Hand brachte mich damals sicher durch die Reihen der Feinde, als diese die Burg stürmten und Bischof Marty die Kapitulation ausrief. Es half ihnen nichts. Es waren Tausende und Bèdes List, sich in eines ihrer Gewänder zu kleiden und im Getümmel des Massakers mit mir unter seinem Harnisch zu entkommen, war meisterhaft. Am Ende standen wir am Hang des Les Coussats und haben die Rauchschwaden über Montségur aufsteigen sehen. Über zweihundert meiner Brüder und Schwestern verbrannten bei lebendigem Leibe. Der Wind trug die Schreie zu uns hinüber und mein Retter und ich fielen auf die Knie und flehten Gott um Erbarmen für die Seelen der noch Unvollkommenen an. Noch heute rieche ich den Gestank verzehrter Leiber in allem was ich erfahre. Er ist nicht in der Kleidung und nicht in der Luft, sondern in mir selbst und soll mich immer daran erinnern wer ich bin und was meine Aufgabe hier ist.
Ich weiß noch, dass ich weinte und schrie, dass ich zurück wollte und dass Bède Angst hatte, man würde uns durch mein Gebärden entdecken. Ihm sei alles verziehen, was er tat um mich zu schützen. Er handelte stets in dem Glauben, dass ich die Commutata sei und dies gab ihm die Kraft mich das folgende Jahr durch ganz Okzitanien bis hin zu den großen Bergen im Osten zu führen. Unzählige Male hatte er sein letztes Brot an mich übergeben, uns vor Gesindel beschützt und auch vielen Menschen das Leben nehmen müssen, die glaubten unser Geheimnis zu kennen. Jedesmal wenn dies eintrat, befahl er mir vorher mich zu verstecken, die Ohren mit den Händen zu verschließen und die Augen zu verdunkeln und tief in mir ein bestimmtes Lied zu singen, damit ich rein bliebe und seine bereits verdammte Seele die Meinige nicht beschmutze.
Oft saß ich in solch einem Versteck. Ein Erdloch einfach nur oder ein Strauch und habe gesungen. Doch meistens hörte ich die Schreie der Unglückseeligen und sah das Blut die Wege rot färben. Oft stahlen wir uns Essen in der Dämmerung. Reisten in der Nacht und ruhten am Tag. Viele Meilen verbrachte ich auf den Schultern von Bède, weil meine kindlichen Beine nicht mehr gehen konnten und eines Tages wurde ich krank vor Gram um meine Familie.
Bède war außer sich vor Sorge als er eines Abends in unserem Versteck erwachte und meine Augen sich nicht mehr öffneten. Später erzählte er mir, wie er mich gepackt und geschüttelt hatte und dann voller Verzweiflung mit mir in ein nahe liegendes Dorf rannte, wohl wissend der Gefahr, dass die Häscher von Innozenz IV allgegenwärtig waren. Der Herr hielt seine Hand gütig über mich und meinen getreuen Beschützer und schließlich fand er einen Heiler, der uns in sein Haus aufnahm und mich behandelte. Drei Tage lang wich Bède nicht von meinem Bette und las mir aus dem Buche vor. Der Heiler wusste wer wir waren, aber war fern der dämonischen Kreaturen die meine Familie verbrannt hatten. Doch Bède wurde von gierigen Gehilfen entdeckt und der gute Heiler verraten. Sie kamen zwei Nächte später und holten ihn ab. Wir konnten uns in einem Erdloch unter dem Hause verstecken und entkamen. Bis zu diesem Tage hatte Bède jede meiner Fragen über das Ziel unserer Flucht gemieden, doch ich war unter all diesem Leid schneller gereift als er es wahrgenommen hatte. Es erschütterte ihn sehr, als ich ihn zwei Tage nach dem Vorfall im Dorf des Heilers anhielt stehen zu bleiben und sprach:
„Bruder Bède, ich stehe in nie wieder aufzuwiegendem Maße in deiner Schuld, aber ich bin kein Kind mehr, sondern eine Perfectae! Sprich und gebe mir Kund über unsere Aufgabe und unser Ziel.“ Bède sah ehrfurchtsvoll und erschrocken zu gleich auf mich hinab. „Bei allem was Heilig ist, aber wisst Ihr denn überhaupt was das bedeutet, eine Perfectae zu sein?“
„Wir Perfectae haben den Grad der Vollkommenheit erreicht und tragen damit die höchste Verantwortung für die Erhaltung unseres Glaubens und dessen Weitergabe zur Reinigung und Rettung der Seelen von der Sünde.“ Stelle ich mir heute das Bild von damals vor, wie ein kleines Mädchen einem doppelt so großen Mann einen der Grundpfeiler seines Glaubens erklärt, so täte ich wohl lachen, wenn nicht der Ernst der Lage dem Einhalt gebieten würde.
„So ist es“, sprach Bède. „Aber das ist noch nicht alles. Es gibt Dinge, die Ihr noch nicht wissen könnt. Das Kästchen, das ihr um den Hals tragt, ist mehr Wert als jeder Mensch es je ermessen könnte. Es übersteigt den Wert meines Lebens, doch nur mit Euch kann es diesen Wert erlangen, also seid Ihr in gleichem Wert zu wiegen. Es ist mir untersagt jetzt mit Euch darüber zu sprechen aber bitte glaubt mir, dass ich allein im Sinne des Herrn handele und so wie Bischof Marty es mir aufgetragen hat.“
„Ich glaube Euch, da ihr um das Los der Lüge wisst und vertraue Euch weiterhin mein Leben an, doch sagt mir wenigstens unser Ziel und wie lang die Reise noch andauern wird?“
„Wir müssen in den Osten, nach Sirmione. Dort erwartet man bereits unser Kommen. Aber wir können nicht den direkten Weg gehen, da die Streitmacht des Papstes in Italien stärker ist als anderswo. Wir werden über Losanna reisen und in Luzern überwintern um Kräfte für die Berge zu sammeln. Dort ist man uns nicht Feind und unsere Häscher werden nicht annehmen, dass wir diesen schweren Weg wählen. Ich denke ein Jahr wird es uns kosten.“
„Aber wenn wir verfolgt werden, weil wir sind wer wir sind, warum verkleiden und verstellen wir uns nicht einfach, so wie du es getan hast um mich aus der Burg zu bringen?“
„Weil dieser, unser Glaube das Einzige ist, was uns stolz zu unserem Herrn aufblicken lässt. Wenn wir unserem Glauben entsagen und sei es nur zum Schein, so verlieren wir die Gnade des Herrn und uns selbst und alles war umsonst.“
Von da an begann ich zu erahnen, welche Last man mir auferlegt hatte und welcher Weg, nicht nur im weltlichen Sinne, vor mir lag. Ich weinte nicht mehr und ich beschwerte mich nicht. Tat ich leiden, tat ich es still. Ich tat wie mir geheißen und sicherte mir so das Überleben.
Der Sommer neigte sich dem Ende und wir erreichten Losanna. Ich hatte bereits verlernt in einem Bett zu schlafen und verbrachte die Nächte neben Bède gekauert auf ebener Erde. Ich konnte für einige Tage wieder bei Sonnenschein zwischen den Zypressen des Innenhofes unseres Beschützers wandeln und vergaß sogar für wenige Augenblicke das Geschehene. Die Wirren der Zeit versteckten uns zwei Reisende mitten im Herzen des Feindes, denn Losanna war längst nicht mehr der Ort freier Gedanken, der er einst mal war. Oft sah ich Bède ernste Gespräche mit dem Hausherrn, dem Graf von Savoyen, führen. Sie studierten Landkarten und beachteten jede Meldungen über den Verlauf der Inquisition. Aber auch über die Bewegung der hiesigen Bürgerschaft und deren Streben nach der Entmachtung der Bischöfe hielt uns unser Gönner auf dem Laufenden.
Als sich die Blätter rot zu färben begannen beschloss Bède, dass es an der Zeit war nach Luzern zu reisen. Auf etwa einhundert Meilen schätzte der Graf die Entfernung und bot uns Reittiere an, die Bède aber dankend ablehnte, da sie uns auf befestigten Straßen und Wegen beschränkt hätten. Wir kamen schnell voran und lebten erneut in der Nacht und ruhten am Tag. Vor zwei Tagen hatten wir die Aare überquert, als uns ein Reiter aus Losanna aufspürte. Ich war sehr überrascht, dass er uns in dieser Einöde des Nachts finden konnte, aber Bède schien das nicht zu verwundern.
„Ich habe eine Nachricht vom Grafen von Savoyen.“, rief er und stieg ab.
„Sprecht!“, Bède schien keine Sorge über fremde Ohren zu haben.
„Luzern wurde verraten. Der Diakon Jakob von Gent ist vom ansässigen Bischoftum der peinlichen Befragung unterzogen worden.“
„Das kann nicht sein.“, antwortete Bède entsetzt. „Die peinliche Befragung wird von Innozenz IV nicht als Bestandteil inquisitärer Handlungen gebilligt.“
„Das wird sie aber bald sein, mein Herr. Ihr Ankommen ist Ihren Häschern bekannt. Sie sollten Luzern um jeden Preis meiden, wenn das Vorhaben gelingen soll.“
Bède schwieg eine Weile und dachte nach.
„Gibt es Neuigkeiten aus Sirmione? Kann der Plan noch gelingen?“
„Sirmione ist ein Fels, mein Herr.“
„Das war Montségur ebenso.“
„Das ist wahr, aber diese Festung ist uneinnehmbar und bisher wagen die Truppen des Papstes keinen direkten Vorstoß. Es herrscht ein trügerischer Frieden, doch die Schlinge wird sich früher oder später beginnen zuzuziehen. Immer wieder ziehen Späher an der Burg vorbei. Händler werden abgefangen oder die Felder in Brand gesteckt und jedes Mal beschuldigt man Diebesgesindel wohl wissend um die eigentlichen Täter.“
„Wir werden es erleben.“, sagte Bède bitter. „Ich danke dir. Kehre nun zurück und tue was in deiner Macht liegt das Unheil zu bekämpfen.“
„Was soll ich dem Grafen ausrichten?“
„Nichts. Sag ihm du hättest uns gefunden und uns berichtet. Wir werden einen neuen Weg einschlagen doch hat Luzern gezeigt, dass wir höchste Vorsicht wahren müssen. Es ist besser, wenn niemand unseren neuen Pfad kennt.“
„Aber dann seid ihr abgeschnitten von sämtlicher Unterstützung der Gemeinde.“
„Es ist besser so. Glaubt mir. Schon zu viele mussten auf diesem Weg für uns das Weltliche verlassen und längst nicht alle hatten die Vollkommenheit bereits erreicht.“
„Dann sei es so.“, sprach der fremde Reiter, verneigte sich, stieg auf sein Pferd und ritt von dannen.
Ich hatte aufmerksam zugehört und wendete mich nun an Bède: „Wie konnte der Mann uns finden und von welcher Hilfe hatte er geredet? Wir reisen doch seit Monaten allein.“
„Nein, meine Schwester, das tun wir nicht. Unsere Reise ist von langer Hand geplant worden. Zwar müssen wir bewohnte Gebiete meiden, da dort der Papst zu mächtig regiert, aber die Wege dazwischen sind unser. Die Gemeinde mag stark verweht sein, aber es gibt sie noch und nicht jedes Bündel an Nahrung, mit dem ich zurückkehrte, war gestohlen.“
„Dann hast du mich belogen?“
„Nein – ich habe dir nur nicht immer alles erzählt, so wie ich auch diesem Reiter nicht alles erzählt habe.“
Ich konnte dies damals nicht vollends trennen, aber ließ mein Vertrauen zu Bèdes Aufrichtigkeit dennoch überwiegen. Er fuhr fort:
„Er muss seit Tagen unterwegs sein um unsere möglichen Wege aufzuspüren, was bedeutet, dass möglicherweise bereits Truppen aus Luzern in unsere Richtung in Marsch gesetzt wurden.“
„Aber dann können wir auch nicht nach Sirmione!“
„Jede Stadt, der wir uns nähern, kennt nur die Stadt, in der wir waren, nicht aber die, in die wir gehen und niemand kennt das Ziel außer mir, der himmlischen Seele des Bischof Bertrand Marty und dem Mann, der uns erwartet, dessen Namen ich dir nicht nennen darf.“
„Aber jetzt wissen sie, dass wir noch am Leben sind und vielleicht wissen sie auch von dem Kästchen?“
„Davon weiß niemand. Wir sind in ihren Augen zu unbedeutend, als dass sie ihr gesamtes Heer nach uns aussenden, aber dennoch dürfen wir kein Risiko eingehen. Wir werden sofort einen Weg über die Berge nach Sirmione einschlagen. Komm!“
