Essenz – Tag 7 – Freitag – 3. Teil

Essenz Tag 7 Teil 3

„Romantik wird überbewertet.“, kam die Antwort wie eine kalte Dusche.

„Du bist ’n Blödmann, hat dir das schon mal jemand gesagt?“, schnurrte Heike und kuschelte sich an Marek. Keiner von beiden bereute dies. Im Gegenteil. Beide genossen die Wärme des Anderen und fühlten sich da oben auf dem Dach ein wenig in ihre Jugendzeit zurückversetzt. Da waren zwei Mensch, der gerade nichts anderes auf der Welt wollte, als diesen Moment für immer anzuhalten. Das und vielleicht noch eine zweite Decke. Heike hatte ihren Kopf an Mareks Brust gelehnt und hörte sein Herz pochen. Kräftig schlug es und viel zu schnell für jemanden, der Romantik für überbewertet hielt. Sie wurde nervös und kam sich auf einmal so albern vor. Immerhin war sie schon vierzig – vielleicht sogar einundvierzig, wenn sie ehrlich war und sechs Jahre Unterschied waren in diese geschlechtliche Richtung doch schon eine Menge, oder? Außerdem war es die falsche Gelegenheit für Annäherungsversuche. ‚Wir sitzen hier auf dem Dach seines Elternhauses und trinken, während die Mutter beim Vater am Krankenbett verweilt. Ist das nicht geschmacklos?’, dachte sie bei sich. ‚Außerdem bin ich viel zu alt für ihn. Nein, bin ich nicht! Doch! Ich bin für niemanden zu alt – außer vielleicht für den Gerd, aber dem sollte man ja noch nicht mal Alkohol ausschenken.’
Mark trank erneut. „Lass mir noch was übrig“, flüsterte Heike und hob den Kopf. Ihre Selbstzweifel riefen zwar weiter, aber sie hörte ihnen nicht zu. Marek setzte die Flasche ab und schaute zu ihr herunter. Sein Atem war schon spürbar. Sie hätte jetzt nur ein Stückchen höher rutschen brauchen und das tat sie auch. Langsam, ganz langsam. Auch sein Kopf neigte sich ihr kaum spürbar entgegen. Die Augen schlossen sich und für einen Moment verharrten sie im kaum messbaren Abstand ihrer Lippen wartend darauf, dass jemand den letzten Schritt tat.
Heike spürte Mareks Lippen an ihrem Mundwinkel. Das war nicht das, was sie erwartet hatte. Ganz und gar nicht und es viel ihr schwer, die Enttäuschung zu verbergen. Der Abstand zwischen ihnen hatte sich bereits wieder vergrößert.
„Ist dir auch so kalt?“, fragte Marek sanft und beide wussten, dass dies das mit Abstand Dämlichste war, was sie beide an diesem Tag gehört hatten. Sie sah ihn an und gab ihm zwei Sekunden, dies auch mit aller Härte zu begreifen.
„Ja, jetzt wo du es sagst.“
Heike beschloss in ihr altes Schema zurückzufallen und zog ihren coolsten Schutzwall hoch.
„’Wir sollten jetzt langsam wieder runter gehen?’ möchtest du jetzt bestimmt sagen und dann sage ich ‚Ja, das sollten wir.’ und du sagst ‚schön’ und ich sag auch ‚schön’, stimmt’s?“ und das Grinsen, was sie dabei übers Gesicht zog, hätte für Zwei gereicht. Marek nickte entwaffnet. „Schön!“ rundete Heike ab und machte sich auf den Abstieg.
Marek war das alles unsagbar unangenehm. Im letzten Moment war ihm einfach zu viel durch den Kopf geschossen und er war schon immer einer, der keine falschen Hoffnungen wecken wollte. Zumindest hatte er sich damit bestimmt schon genau so viel verbaut wie erobert und nun stand beiden die unangenehme Situation der Verabschiedung bevor. Die Scheinwerfer hatten sie schon vor dem Gang aufs Dach abgeschaltet und das einzige Licht war der Mond, der weiß und kalt den Garten erhellte. Im Sommer wäre das wahrscheinlich die berühmte zweite Chance gewesen, doch Marek fühlte sich schuldig und Heike hatte für heute die Schnauze voll.
„Und morgen Mittag machen wir die Wand, OK?“, fragte sie lässig.
„Gern.“, mühte Marek heraus.
„Na dann, schlaf dich schön aus. Bis morgen!“ Keine Umarmung. Kein Handschlag. Nicht die kleinste Berührung blieb für die Nacht des Anderen zurück. Heike winkte noch mal kurz zurück und sprang elegant über den Zaun. Hatte Marek jetzt irgendwas verbockt? Er wusste, dass man einen bestimmten Punkt zwischen Mann und Frau rechtzeitig überschreiten musste, um einen eventuellen nächsten Anlauf nicht unendlich schwer werden zu lassen. ‚Aber doch nicht mit der Nachbarin meiner Eltern.’, dachte er bei sich und ging ins Haus. Es war bereits nach eins und Marek sah sich außer Stande heute noch die Abschrift zu machen. Diesmal schaffte er es sogar, sich zu entkleiden bevor er ins Bett fiel, aber die Abendtoilette ließ er ausfallen. ‚Zum Teufel damit.’