Essenz – Tag 6 – Donnerstag – 1. Teil

Auf eine kurze Nacht folgte ein düsterer Tag, der sich nicht zu entscheiden schien, ob er die Regentschaft über die Welt nicht schon vor dem Mittag wieder zurückgeben wollte. Mareks Schlaf war tief und erneut ohne Erinnerung an Träume. Die Uhr unten im Wohnzimmer schlug acht mal und er befand sich damit in der zweiten Stunden sinnentleerten Dahinstarrens. Doch dies war nur der Anschein, denn hinter den reglosen Augen, die nur ab und zu einen Liedschlag zuließen, versuchte ein sensibler Geist die Geschehnisse der letzten Tage zu ordnen. Da war dieser Junge, dem er offensichtlich einen ungeheuren Schrecken einjagte, den hier aber niemand zu kennen schien, ebenso wie die verstorbene Frau eines frühpensionierten Bauers, deren vermeintliches Grab ein sehr zweifelhafter Grabstein ziert. Dann wird er auf einem Berg fast vom Blitz erschlagen und findet eine Zeichnung in seinem Notizbuch, die zweifelsfrei nicht von ihm sein konnte, um einen Tag später in eben diesem Berg auf eine Kirche zu stoßen, die sich nicht um Naturgesetze scherte und die scheinbar keiner vor ihm entdeckt hatte, denn sonst wäre es um die Ruhe in diesem Dorf längst geschehen. Schließlich fällt der Vater ins Koma und zwischendurch wird er fast von einem riesigen Köter gefressen. ‚Bloß gut, dass die Alte das Vieh im Griff hatte.’, dachte er bei sich und zog die Stirn in Falten. ‚Aber wie hat sie das nur gemacht?’ Als er gestern mit der Nachricht seiner Mutter im Kopf den Abhang herunter stürzte und kurz vor der alten Dame zum Stehen kam, war er zu durcheinander um die Geschehnisse vollends zu registrieren. Dieser riesige Hund hätte sich genauer betrachtet mit Leichtigkeit losreißen können. Stattdessen hielt dieses eins sechzig große Persönchen mit ihren bestimmt schon achtzig Jahren das Tier im Griff, als hätte sie Arme aus Stahl. Eigentlich hätte der Hund SIE Gassi führen müssen.
Mareks Gedanken kehrten zurück zum gestrigen Abend und in die Cafeteria des städtischen Krankenhauses. Seine Mutter hatte ihm ein Versprechen abgenommen und das wollte er nun so schnell wie möglich beginnen einzulösen. Außerdem würde die Arbeit ihn ablenken.
Das Küchenfenster ging zur Straße raus und er konnte sehen, wie Heike ihren Frederik ins Auto verfrachtete. ‚Wahrscheinlich fährt sie ihn zur Schule’, dachte er sich ‚Frederik – was für ein furchtbarer Name. Da hängt sicher noch ein total langweiliger Zweitname mit dran.’ Marek blieb hinter dem Vorhang. Er wollte jetzt nicht entdeckt werden und riskieren, dass Sorge und Mitleid ihn überhäuften. Er wollte jetzt lieber eine Weile allein mit seinen Gedanken sein. Aber er wollte auch herausfinden, wer denn nun derjenige war, dem sein Vater das Leben zu verdanken hatte. Nur wie, ohne im ganzen Ort von Tür zu Tür zu gehen? Die Lösung widersprach seinem Wunsch nach Einsamkeit, aber wie so oft war es die Einfachste von allen, die den größten Erfolg versprach – er ging zum Bäcker. Wenn es jemanden gab, der aktueller war als die Tageszeitung, dann war es wohl Rale
sch.
Schon als er den Laden betrat, wurde er von mitleidenden Blicken empfangen. Eine übergewichtige Frau Mitte fünfzig mit einer kleinen Brille in dem aufgedunsenen Gesicht beteuerte ihr Bedauern und lobte die Freundlichkeit und Offenheit seines Vaters. Wahrscheinlich hatte er ihr mal einen Rabatt auf einen Satz Stühle oder einen Tisch gewährt. Fred Ralesch selbst stand hinter der Ladentheke und mimte überdeutlich den Mann, dem die passenden Worte fehlten.
„Danke“, entlastete ihn Marek. „Ich weiß das wirklich zu schätzen und bin sicher, dass mein Vater sich auch über Besuch sehr freuen würde, wenn er wieder wach ist. Doch jetzt können wir erstmal nur hoffen.“ Die Frau verabschiede sich mit einem ungern erwiderten Händedruck und schob sich aus dem engen Laden.
„Sagen Sie Herr Ralesch-“ „Kannst Fred sagen“, wurde ihm dazwischengebrummt. „Fred – hast du vielleicht gesehen oder gehört, wer den Notarzt gerufen hat? Ich würde mich gern bedanken.“
„Das kannste gleich hier machen. Da kommt er gerade.“, antwortete Fred und wurde lautstark durch das Glöckchen über der Tür unterstützt. Der Mann aus Stahl betrat den Laden und hatte sein sonnigstes Lächeln dabei. Als er den jungen Besucher sah, versuchte er eine etwas ernstere Mine aufzusetzen, was aber in einer anderen Situation eher komisch gewirkt hätte.
Marek streckte dem verwundert dreinschauenden Mann die Hand entgegen. Das mit dem Grabstein würde er später zur Sprache bringen. Das war der Moment der großen Worte. „Ich wollte ihnen danken. Mein Vater hat ihnen wahrscheinlich sein Leben zu verdanken. Meine Familie und ich stehen tief in ihrer Schuld.“
Zögernd ergriff der Mann aus Stahl die ausgestreckte Hand und lächelte zaghaft. „Nichts für ungut, aber so viel habe ich nun auch nicht gemacht.“
„Unsinn“, sagte Marek und war weit davon entfernt die fleischige Hand seines Gegenübers loszulassen. „nicht jeder hätte in so einer Situation richtig reagiert.“
„Aber ich hab doch nur den Notarzt gerufen“, Thomak war die ganze Situation unangenehm, denn er sah in dem gestrigen Streit mit Mareks Vater eine Mitschuld an dessen Zusammenbruch. „Die erste Hilfe hat doch der Bernd gemacht.“
Marek war etwas verwirrt und schaute zu Fred. Dieser zuckte nur mit den Schultern und begann sinnlos die Brötchen in seiner Auslage neu zu sortieren.
„Der Pfarrer?“, fragte Marek und ließ nun langsam Thomaks Hand los. „Nee – sein Bruder. Der Justus Bernd. Der war auf einmal da und hatte nach mir gerufen. Weiß auch nicht wo der so schnell her kam, aber als ich mich umdrehte, lag dein Vater schon auf dem Boden und der Justus hatte sich über ihn gebeugt.“
„Was meinst du damit? Warst du dabei als der Infarkt einsetzte?“
„Wir hatten uns kurz vorher unterhalten“, druckste Thomak herum und tat so, als müsste er sich die Hände an der blauen Latzhose abwischen. „wir hatten uns noch für den Abend auf ein Bier verabredet und dann wollte ich los. War ja auch schon Zeit Mittag zu machen. Und als ich schon fast in die 1-11 eingebogen war, drehte ich mich noch mal um und da sah ich die beiden.“
„Aha“, kommentierte Marek. Sein Gespür warnte ihn vor Halbwahrheiten. „Wo finde ich denn den Justus Bernd jetzt? Wohnt der auch im Pfarrhaus?“
„Der war heute schon hier“, rief Fred ihm zu. „Acht Semmeln und fünf Stück Apfelkuchen – da hat wohl wieder jemand Geburtstag. Der is’ Lehrer. Macht Deutsch und Geschichte drüben in der Sekundarschule. Wirste heute Abend bestimmt im Dorfkrug finden. Da ist donnerstags immer Karten kloppen, stimmt’s Günther?“
Marek entschied, dass er hier keine neuen Informationen mehr erhalten würde. Auch war diese Anlaufstelle nicht geeignet Ermittlungen über Dinge anzustellen, die nicht sofort das ganze Dorf wissen sollten.
Auf dem Rückweg rief seine Mutter an. Der Zustand des Vaters war unverändert und sie würde in der nächsten Stunde nach Hause kommen, um sich kurz frisch zu machen, bevor sie wieder zurück ins Krankenhaus fahre.
Wieder zu Hause ging er gleich daran die Arbeiten am Haus auszuführen. Er hatte sogar schon das Werkzeug gefunden und die neuen Regenrinnen ausgepackt, als seine Mutter eintraf. Es wurde nicht viel gesprochen und einen Abschiedskuss später war Marek wieder allein und würde es auch für den Rest des Tages bleiben. Also sagte er sich, dass er die Arbeit auch noch ein paar Minuten aufschieben könne, nahm sich sein Notizbuch und ging raus zum Kirchplatz. Er wollte endlich ein paar Ideen aufschreiben. Sich sammeln und seine Mitte wieder finden um vielleicht all die Eindrücke der letzten Tage in einem großen Roman zu verarbeiten. Immerhin hatte er neben den ganzen Merkwürdigkeiten eine extrem außergewöhnliche Entdeckung gemacht. Wenn das keine Vorlage war? Eigentlich hätte er auch mal etwas essen müssen, aber warmer Kaffee schien Ersatz genug.
Er setzte sich auf die Bank seines Vaters und blickte hinüber zur Dorfkirche. Der Berg dahinter lag still da. Nachdenklich schlug er die fremde Zeichnung in seinem Buch auf. Die Gesichter an den langen Hälsen jagten ihm einen leichten Schauer über den Rücken. Er klappte es wieder zu und starrte an der Kirche vorbei auf den Berg. Ein leichtes Sausen machte sich in seinen Ohren bemerkbar. Er schloss die Augen und versuchte es durch Konzentration zu verscheuchen. Wahrscheinlich gingen ihm die viele Aufregung und der mangelnde Schlaf langsam an die Gesundheit. Das leise Geräusch ließ sich aber nicht verdrängen, sondern schien sogar noch zuzunehmen. Aus dem Sausen wurde ein Dröhnen und schließlich merkte Marek, dass er weder den Wind, noch die Vögel, noch irgendwas anderes mehr wahrnehmen konnte. Er öffnete die Augen und war verwirrt. Langsam stand er auf und wollte sich in Richtung des Elternhauses bewegen, doch stattdessen begannen seine Beine auf die Dorfkirche zuzusteuern. Fred Ralesch machte gerade seinen Laden zu und sah den jungen Mann über den Kirchplatz laufen.
„Na? Kleiner Verdauungsspaziergang? Muss auch mal sein, was?!“ Der Angesprochene reagierte nicht, machte einen Bogen und verschwand hinter der Kirche. Fred schüttelte den Kopf und verteufelte die Arroganz der Großstädter.
Marek aber lief weiter ohne Fred zu bemerken. In seinen Ohren schien ein Ozean zu tosen und sein Blick war auf den Hang des Berges fixiert.
