Essenz – Tag 6 – Donnerstag – 4. Teil

Es war kurz nach neun, als sich Marek mit seiner Tasse im Arbeitszimmer an den Computer setzte und sein Notizbuch aufschlug. Sein Daumen strich über die fast schon kaligrafisch beschriebenen Seiten. Es mussten an die dreißig sein.
‚Schon merkwürdig’, dachte er bei sich. ‚Ich kann mich zwar erinnern wie ich das alles geschrieben habe, aber beim besten Willen nicht daran, was da steht? Na hoffentlich ist es was Gutes.’
Er blätterte zur ersten Seite zurück. Links sah er seine verrückte Zeichnung, rechts begann nach ein paar Notizen hoffentlich sein neuer Roman. Er legte das Buch neben sich und griff in die Tasten.
Unser Bischof hat heute Morgen persönlich meine Mutter und mich zu sich gerufen. Ich bin sehr aufgeregt und weiß nicht was ich anziehen soll. Mama sagt immer zu, dass es eine große Ehre ist, die uns zuteil wird, da ich ja noch Novizin bin und das Consolamentum frühestens in drei Jahren erhalten kann. Aber irgendwie scheint sich Mama nicht so zu freuen wie ich. Ständig geht Mama hin und her und zupft an meinem violetten Umhang und reibt Staub von den goldenen Säumen. Ich sage ihr, dass ich mich in den Sachen nicht wohl fühle und Angst habe, dass sie schmutzig werden könnten.
‚Moment mal’, stutzte Marek. ‚Was ist denn bitte das „Consolamentum“ und überhaupt – warum habe ich den Satzbau eines Grundschülers?’. Marek wünschte sich nichts Sehnlicheres als einen Internetanschluss um das unbekannte Wort nachschlagen zu können. Skeptisch fuhr er fort.
Wir gehen den langen Tunnel zwischen dem ersten und dem zweiten Hauptturm entlang und steigen die engen Stufen zur Halle hinauf. Ich bete zu unserem Herrn, dass er die Dunkelheit noch etwas länger hält um unseren Feinden die Sicht für ihren nächsten Angriff zu nehmen. Ich frage Mama, warum der Bischof uns eingeladen hat? Sie sagt, sie weiß es nicht, aber sie zerrt an mir und scheint es sehr eilig zu haben. Wir kommen an der dritten und der ersten Wache vorbei. Vor zwei Tagen habe ich hier noch so viele Leute gesehen, wie ich Finger an den Händen habe, aber heute sind es nur noch zwei. Ich frage Mama, warum sie so müde aussehen aber Mama antwortet nicht.
Wir haben die große Halle erreicht. Als ich das letzte Mal hier war, wurden Mama und drei Andere zu Perfectae gemacht und wir haben gefeiert. Aber das ist lange her. ‚Es ist jetzt zu gefährlich hier’, hat mein Bruder damals gesagt.
Vor den Türen stehen andere Perfecti. Ich erkenne sie an den purpurnen Gewändern. Sie öffnen die Türflügel und verneigen sich vor Mama und mir. Das ist mir unangenehm aber Mama will weiterlaufen. Der Bischof sitzt ganz hinten auf einem erhöhten Stuhl. Bewaffnete Männer, die keine Perfecti sind, stehen um ihn herum und sehen auch sehr müde aus. Plötzlich hält meine Mama meine Hand ganz fest. Es tut weh. Dann fängt Mama an zu sprechen. Als ich zu ihr aufschaue sehe ich aber, dass sie den Blick zur Begrüßung nicht, wie es geheißen, senkt sondern den Bischof direkt anschaut.
„Mein Bischof, es liegt mir fern Eure Weisheit in Frage zu stellen und ich bin mir sicher, dass der Herr seine Gründe hat Euch diese Entscheidung einzugeben, aber sie ist doch noch ein Kind. Wie soll sie es vollbringen? Es gibt hier schon kaum Hoffnung für unser weltliches Sein, aber wir sind vorbereitet. Sie ist noch voller Sünde und hat dort draußen nicht die Möglichkeit eine Vollkommene zu werden.“
Die Umstehenden raunen. Mama hatte mir gesagt, dass man sich beim Bischof benehmen muss und das sage ich ihr jetzt auch. Mama schaut kurz zu mir herab. Sie hat Tränen in den Augen.
„Warum weinst du, Mama?“, frage ich.
„Weil ich dich ganz doll lieb habe, mein Engel.“, und sie lächelte. Da muss ich auch lächeln. Dann spricht sie aber weiter.
„Ich bitte Sie, bitte Sie bei allen uns Heiligen. Nehmen sie mir nicht auch noch mein letztes Kind. Diese Festung hat bereits alles gefordert und unten in den Kammern ist kaum noch Hoffnung. Sie wird dort draußen sofort verbrannt werden, wenn man sie findet und ihre Seele ist noch nicht bereit.“
Verbrannt? Ich soll verbrannt werden? Ich bekomme Angst und drücke meinen Kopf an Mamas Bauch. Der Bischof spricht.
„Liebe France, jeder hier in unserer Gemeinschaft versteht deine Sorge und auch ich weiß, welch großes Opfer ich dir abverlange. Aber das Evangelium hat uns gelehrt dem Wort zu vertrauen und das Wort hat mich ereilt. Der Herr weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt? Bisher haben sie die Festung nicht nehmen können, aber sie haben bereits alle Wege abgeschnitten. Wir bluten und verlieren jeden Tag ein Stück mehr unseres Fleisches. Wir werden dich nicht zwingen, aber wenn du dem Vorhaben nicht zustimmst, könnte die letzte Chance die Menschheit zu erretten vergehen.“
„Die Menschheit will doch gar nicht gerettet werden.“, antwortet meine Mama trotzig, wie ich wenn ich manchmal wütend bin. „Wir sind alle die noch übrig sind. Da draußen stehen tausende bewaffnete Männer, die uns jagen und umbringen wollen, weil wir sie retten wollen. Und sie werden auch Jean töten, wenn sie sie greifen. Ein Mädchen ganz allein da draußen. Das ist doch Wahnsinn.“
Jetzt scheint auch der Bischof etwas wütend zu werden.
„Ich verstehe deinen Gram aber mäßige dich. Der Herr hat uns diese Prüfung auferlegt und wir alle, auch du, haben sie angenommen.“
„Weil wir keine Wahl hatten.“, schreit Mama plötzlich so laut, dass ich mich erschrecke.
„Mäßige dich!“, schreit der Bischof zurück und alle anderen im Raum senken die Köpfe. Ich vergrabe mich wieder im Kleid von Mama. Sie zittert.
„Mama“, frage ich. „Ist dir kalt?“
„Ja mein Schatz, ein wenig – Lieber Herr Bischof, bitte verzeiht meinen Ausbruch. Ich wollte nicht Zweifel an meinem Glauben oder dem Evangelium aufzeigen. Es ist mein Mutterherz, das bei dem Gedanken zerbricht Jean da draußen nicht schützen zu können.“
Da wird der Bischof wieder freundlich und sagt: „Es scheint nicht unsere Zeit, aber es soll die Unsere werden.“
Ich drehe mein Gesicht aus dem Kleid heraus und werde ganz aufgeregt, weil ich sehe wie er aufsteht und zu uns kommt. Ich will mich hinter Mama verstecken.
„Bleib’ hier meine Kleine“, sagt sie. Der Bischof fasst Mama am Arm an: „Dein Kind ist auserwählt unser Erbe fortzuführen. Wir haben eine Aufgabe hier auf Erden, deren Erfüllung unsere Seele reinigen und auf das Himmelsreich vorbereiten soll. Du wirst deine Tochter dort wieder sehen, das sagt dir dein Glaube und an Dem halte immer fest. Du bist eine Perfecta und das wird deine Tochter auch werden. Wir können aber nicht mehr länger warten. Wenn wir jetzt verzagen, so haben unsere Peiniger gewonnen und den Seelen der Menschen wird Gottes Reich für immer verschlossen bleiben. Ich denke nicht, dass das in deinem Sinne ist, meine treue Tochter.“
Mama senkt den Kopf und drückt mich so fest an sich, dass ich fast keine Luft mehr bekomme. Jetzt pocht was von oben auf meinen Kopf. Ich glaube sie weint wieder. Ich mag nicht, wenn Mama traurig ist.
„Lass uns jetzt die Taufe vollziehen.“, sagt der Bischof und ich werde wieder ganz aufgeregt. Das Consolamentum? Jetzt schon und vielleicht sogar vom Bischof selbst? Da wird Océane aber wieder neidisch sein, wenn ich ihr das erzähle.
Der Bischof beugt sich zu mir herab.
„Komm mit nach vorn. Ich werde dir jetzt meinen Segen geben und du wirst die Taufe empfangen. Möchtest du das?“
Natürlich möchte ich das und ich frage Mama, ob ich darf. Sie nickt, aber schaut mich nicht an. Ich will den Bischof bei der Hand nehmen, aber er mag nicht. Wir treten zusammen vor seinen Stuhl. Mama kommt und wirft mir ein Tuch über, das man ihr gegeben hat. Ich kann gar nicht mehr richtig sehen und will es wieder abnehmen.
„Still mein Kind“, sagt Mama und ihre Stimme klingt komisch. Ich bin gehorsam und höre dem Bischof zu. Er sagt, dass ich jetzt ein vollendetes Mitglied der Gemeinde bin. Dass ich rein und vollkommen bin und dies in die Welt hinaus tragen soll. Jetzt empfange ich das Vaterunser und jeder im Raum kommt und fasst mir auf den Kopf. Zuerst der Bischof und zuletzt Mama, die sich ganz viel Zeit dafür nimmt.
Plötzlich höre ich einen lauten Knall und dann noch einen.
„Sie kommen!“, höre ich eine Stimme schreien. Es ist nun viel Aufregung im Raum. Alle laufen herum. Ich höre wie die Türen verschlossen werden. Ich will zu Mama aber sie ist schon da und zieht mir das Tuch vom Kopf.
„Wartet“, ruft der Bischof zu Mama und mir. „Das Brot!“ Er nimmt ein Stück Brot aus einem Kästchen und beginnt es zu segnen. Eine Erschütterung geht durch den Raum. Noch eine. Ich habe Angst und halte mich an Mama fest. Der Bischof beugt sich zu mir herunter und wir drei essen das Brot. Draußen höre ich lautes Geschrei und das Klirren von Waffen, wie jeden Tag. Nur ist es heute sehr nahe.
„Schnell“, ruft der Bischof. Ich verstehe nicht, was jetzt passiert. Mama soll mich nicht loslassen! Warum lässt sie mich los? Eine andere Perfecta kommt und hängt mir ein kleines Kästchen aus Holz um den Hals. Es ist verschlossen und ich kann es nicht öffnen. Dann küsst sie mich auf den Mund, was ich eklig finde. Wo ist Mama? Da kommt sie und nimmt mich hoch. So laut war der Lärm noch nie. Die Tür geht auf und ein Perfectus rennt herein. Er hat überall rote Flecken.
„Sie haben den ersten Wall genommen. Die Männer können sich ihrer nicht mehr lange erwähren. Sie bringen bereits ihre Bogenschützen in Stellung. Die Sonne wird ihnen bald genug Licht geben ihre Pfeile zu lenken.“
„Mama, was hat der Mann?“, frage ich. „Ruhig, Schatz“, sagt sie „Es ist alles gut. Der Mann ist nur ein wenig aufgeregt, weil du heute die Taufe erhalten hast.“ Ich weiß, dass Mama schwindelt. „Hör mir jetzt bitte gut zu, meine Kleine-“ Der Bischof sagt etwas zu dem Mann und er rennt wieder hinaus. Die Tür wird verschlossen. „Jean, schau mich an. Jean!“ Ich sehe zu Mama. „Du wirst jetzt auf eine Reise gehen, hörst du? Mama muss leider hier bleiben.“
„Warum?“
„Ich habe noch viel zu tun, aber wir sehen uns bald wieder, versprochen!“
„Mama, ich will aber nicht weggehen. Wir müssen doch noch feiern, dass ich keine Novizin mehr bin.“
„Das holen wir nach und dann wird es noch viel schöner als du es dir vorstellen kannst.“
Mama hat mich ans Fenster getragen. Der Bischof steht neben uns. Ich schaue heraus und sehe viele, viele Menschen. Ich kann nur blitzende Helme sehen und ganz viel anderes Metall. Viele tragen Schilde, auf denen das gleiche Zeichen zu sehen ist wie auf dem Talar des Bischofs. Sie schreien viel und sind laut. Ich mag das nicht sehen. Sie sind böse.
„Mein kleiner blonder Engel.“, sagt Mama und fängt wieder an zu weinen. „Ich bin immer bei dir, hörst du? Und Bischof Marty auch und alle deine Freunde hier, hast du mich verstanden? Wir sehen uns bald wieder.“
Ich nicke, aber ich verstehe nicht, warum Mama so traurig ist. Dann drückt sie mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr bekomme. Ich drücke sie auch und merke, dass Mama immer noch sehr kalt ist.
Plötzlich höre ich eine Stimme von unten. Wir sehen aus dem Fenster. Da ist ein Mann und er winkt. Er sieht aus wie einer der bösen Männer, die so laut schreien. Mama hält mich aus dem Fenster. Was soll das? Das ist so hoch. Lass mich nicht fallen, Mama! Ich höre die Tür krachen. Der Bischof rennt zur Tür. Ich schreie. „Ich hab dich lieb.“, sagt Mama, dann lässt sie los. Ich schreie, ich…
Die Aufzeichnungen endeten. Die letzte Seite des Notizbuches war übertragen. Marek war fassungslos. Er musste wissen, wie es weiterging. Die Geschichte konnte doch nicht an dieser Stelle enden, nur weil ihm das Papier ausgegangen war.
‚Kein Problem’, dachte er unruhig. ‚Ich habe diese Geschichte angefangen, ich kann sie auch weiter schreiben.’ Voller Vorfreude griff er in die Tasten, aber kein Satz, den er erschuf, wollte sich an den bestehenden Text anschließen. Marek wunderte sich. Er fand keinen Zugang zu der Geschichte. Es war als weigerte sie sich, von ihm weitererzählt zu werden.
‚Unsinn’, tadelte er sich ob solcher Überlegungen selbst. ‚Es wird einfach mal Zeit für’s Bett. Wie spät ist es denn überhaupt schon wieder?’ 00:27 Uhr zeigte die Uhr auf seinem Rechner an. Er hatte recht lange gebraucht um sich an das Lesen der eigenen Schreibschrift zu gewöhnen. Teilweise litt der Text auch unter der Geschwindigkeit mit der er verfasst wurde. Ganze Wörter bestanden manchmal nur aus einem Bogen und einer Linie und sollten doch ganze Buchstabenfolgen darstellen. Marek konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals einen solchen Stil entwickelt zu haben.
Er fiel praktisch vom Schreibtisch direkt aufs Sofa. Die Schuhe und Socken konnte er noch vom Körper streifen, dann übermannte ihn die Müdigkeit.
