Essenz – Tag 6 – Donnerstag – 3. Teil

Die letzte Seite im Buch gebot dem Treiben schließlich Einhalt. Unwillig das erzwungene Ende seines Schaffens anzunehmen, suchte Marek in seinen Taschen nach weiterem Beschreibbarem, aber vergebens. Dann beruhigte er sich wieder. Atmete einmal tief durch und schloss die Augen. Es mussten schon wieder mindestens drei Stunden vergangen sein seit er hier untern war. Sein Vater fiel ihm ein. Verdammt! Hier unten hatte sein Telefon natürlich keinen Empfang. Wenn seine Mutter ihn jetzt versucht hätte zu erreichen, würde er sich das doch nie verzeihen. Er wollte aufstehen, aber seine eingeschlafenen Beine versagten ihm vorerst den Dienst. So blieb er noch eine Weile sitzen, massierte seine Glieder und schaute dabei gedankenverloren zu dem Gemälde hinauf. Schon wieder begannen die Räder in seinem Kopf sich zu drehen und er hätte am liebsten jeden Gedanken in seine Haut geritzt nur um ihn nicht zu verlieren, denn sobald ihm ein neuer Satz durch den Kopf schoss schien der alte bereits zu verblassen.
Langsam erhob er sich und humpelte aus dem Saal. Nichts schien ihn zu verfolgen und nichts auf ihn zu lauern. Wieder umkreiste er die Spindel des Turms in sich endlos drehendem Aufstieg und wurde wenig später von frischer Außenluft begrüßt. Die Luft in der dunklen Kirche war ja nicht schlecht. Sie war nur anders. So ganz ohne jegliche Strömung oder Bewegung. Ein Blick auf sein Telefon brachte Erleichterung. Kein Anruf in Abwesenheit. Dafür forderte sein Körper nun wieder sein gebührendes Recht ein und Marek suchte erstmal den nächsten Baum auf um sich zu erleichtern. ‚Eigentlich’, bemerkte er so beim Wasserlassen ‚bräuchte ich eine Komplettversorgung. Essen, Trinken, Schlafen und allem voran eine warme Dusche. Sex kann ausbleiben. Aber wahrscheinlich muss ich auch gleich die Dienste des Badezimmers in Anspruch nehmen, die dieser Baum hier nicht erfüllen kann.’ Marek amüsierte sich noch ein wenig darüber, dass seine inneren Monologe sich so gewählt ausdrücken konnten, dass er sogar das Wort „Kacken“ vermied und freute sich schon darauf das eben Notierte zu Hause am Computer weiterzuführen. Aber was hatte er eigentlich geschrieben? Sich in Richtung des flacheren Abhangs in Bewegung setzend stellte er fest, dass er sich an keinen einzigen Satz erinnern konnte. Normalerweise hätte er doch wenigstens noch wissen müssen, was die grobe Handlung war? Hatte er schon die Hauptcharaktere eingeführt oder sogar schon den ersten Wendepunkt erreicht? So blind drauf los schreiben war nicht seine Art, aber dass so wenig hängen blieb? Er musste wirklich sehr ausgelaugt sein.
Beeindruckt von seinem kreativen Potential spazierte er nach Hause. Auf dem Weg dorthin rief er seine Mutter im Krankenhaus an. Es gab keine Veränderungen zu vermelden und sie dürfe auch diese Nacht dort verbringen. Es war halb drei und Marek beschloss vor der geplanten Weiterführung seines neuen Werkes doch noch die Reparatur der Dachrinnen hinter sich zu bringen. Seine gute Laune bereitete ihm ein wenig schlechtes Gewissen.
Die Uhr im Wohnzimmer schlug Acht, als Marek im Garten endlich die letzten Nägel der ersten von vier auszutauschenden Rinnen einschlug. Er war nicht für diese Art Arbeit gemacht. Etwas gegessen hatte er inzwischen, wenn auch nicht viel, aber getrunken dafür umso mehr. Regelrecht ausgetrocknet hatte er sich gefühlt und trank direkt aus der auf ihn herabprasselnden Dusche. Für heute ließ er den Hammer fallen und ging ins Haus. Da war doch noch etwas, bevor er seine Aufzeichnungen Transkribieren wollte?
Ach ja. Justus Bernd saß sicher schon im Dorfkrug und gönnte sich das wohlverdiente Feierabendbier. Bei aller Dankbarkeit wollte Marek das Ganze trotzdem schnell hinter sich bringen. Vielleicht maximal ein Bier mit dem Helden der Woche.
Wenige Minuten später betrat er das Lokal. Einige Köpfe unter vom Rauch vernebelten Deckenlampen drehten sich zu ihm um, erkannten ihn oder ließen ihn sich erklären und kehrten zum allgemeinen Gebrabbel zurück. Lautes Gelächter zog seine Aufmerksamkeit zu einem Tisch nahe der Theke. Dort saßen der Mann aus Stahl, ein weiterer Skatkumpel, der nach Amt und Würden des hiesigen Gotteshauses aussah und ein ihm ähnlich aussehender Gesell, nur dass bei diesem statt des stattlichen Brauns nur noch ein grauer Haarkranz das kahle Haupt zierte.
‚Einen Skat spielenden Pfaffen sieht man auch nicht alle Tage’, dachte Marek und ging auf die drei zu. ‚Dürfen die das überhaupt?’
Der Tisch neben ihnen diente bereits als Abstellfläche für etliche geleerte Gläser. Wahrscheinlich bestimmte der Wirt seine Öffnungszeiten anhand der verbleibenden Sauberen, statt sie stetig neu zu waschen.
„Herr Justus Bernd?“, fragte Marek in die Runde. Der Mann hatte gerade sein Blatt gereizt und nahm jetzt den Skat auf. „Ja?“ brummte er hervor. Scheinbar hatten die zwei neuen Karten nicht den gewünschten Aufdruck.
„Mein Name ist Marek Korsak. Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, dass sie meinem Vater das Leben gerettet haben.“
Der Mann drehte sich zu ihm um, nahm den kleinen Zigarillo aus dem Mund und schob die drahtgefasste Brille zurück zwischen die weißbebrauten Augen.
„Gern geschehen.“, brummte er den Besucher an und wollte sich wieder seinem Blatt zuwenden. Marek hatte sich den Moment irgendwie feierlicher vorgestellt und setzte erneut an.
„So selbstverständlich ist das nicht. Nicht jeder hätte in so einer Situation richtig reagiert.“ Den Satz hatte er heute Morgen schon zu Günther gesagt und dieser zeigte durch ein Zwinkern an, dass er sich daran erinnerte. Um den peinlichen Moment noch zu retten, sah sich Marek gezwungen fortzufahren. „Wo haben sie das denn gelernt? Das mit der ersten Hilfe?“
„Hab ich im Fernsehen gesehen.“, brummte Justus wieder. Seine Karten bereiteten ihm scheinbar Kopfzerbrechen und seine Mine verfinsterte sich weiter.
„Aha“, konterte Marek und versuchte immer noch, ein Gespräch in Gang zu bringen. Ihm fiel die Sache mit dem Grabstein der Thomaks ein. Jetzt hatte er den drahtigen Pfaffen ja mal vor Augen – allerdings auch Günther.
„Sagen sie, Herr Pfarrer. Mein Vater ist immer noch nicht wieder erwacht.“
„Das tut mir leid.“, unterbrach ihn dieser.
„Ich weiß, er ist kein religiöser Mensch, aber ich glaube meiner Mutter würde es viel bedeuten, wenn Sie ihn am Sonntag in der Messe erwähnen würden. Er ist ja immerhin auch einer von hier.“
„Natürlich.“, antwortete der Pfarrer milde.
„Blödsinn.’, brummte sein Bruder hervor und nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Glas. „Der is’ doch keiner von uns. Der is’ doch nicht mal sein halbes Leben hier, geschweige denn ist er hier im Dorf in die Welt gekommen.“
Das hatte Marek nicht erwartet. Immerhin hatte sein Vater nur Gutes über die Bewohner der Gemeinde erzählt.
„Aber Justus“, schaltete sich Günther ein. „die meisten von uns wurden doch in der Stadt geboren. Seien wir doch mal ehrlich, welche Frau will denn heutzutage noch die kleinen Bälger zu Hause auf die Welt pressen?“, dabei setzte er wieder zu einem herzhaften Lachen an. Justus nippte erneut am Glas.
„Ich hab’ ja auch nix von geboren gesagt.“, sagte er mit schwerer Zunge und zuckte kurz darauf zusammen als hätte ihn etwas oder jemand getreten. „Is’ ja schon gut.“ Justus legte sein Blatt mit dem Rücken nach oben auf den Tisch, erhob sich gemächlich und wandte sich Marek zu. Ein kleines Wohlstandsbäuchlein wurde an dem Fünfzigjährigen sichtbar.
„Ich nehme Ihren Dank aufrichtig entgegen.“, sprach er und machte eine leichte Verbeugung.
„Sehen Sie es ihm nach“, sagte der Pfarrer peinlich berührt. „Er hat etwas zu viel getrunken und auch ihm ging die Sache mit ihrem Vater sehr an die Nieren.“
„Ja, ich verstehe“, log Marek unsicher. „Ich möchte Sie auch gar nicht weiter stören. Einen schönen Abend wünsch’ ich noch.“
„Wünsch’ ich Ihnen auch“, lallte Justus hinterher als Marek die Kneipe verlies. Eigentlich hatte er sich schon auf ein kühles Gezapftes und ein paar nette Dorfgeschichten gefreut, aber jetzt ging er wieder zurück in die Dunkelheit und war froh diese merkwürdige Szenerie verlassen zu haben. Die Seitenstraße war schon fast erreicht. Marek hörte plötzlich jemanden rufen. Als er sich umdrehte, sah er den Pfarrer winkend auf sich zulaufen. Er gab ihm eine Minute um zu Atem zu kommen.
„Ich wollte nicht, dass Sie einen schlechten Eindruck von uns bekommen. Bitte entschuldigen Sie das Verhalten meines Bruders. Er hat es nicht so gemeint.“
Normalerweise neigte Marek in solchen Situationen seinen Vorteil zu nutzen, aber heute war ihm nicht danach.
„Ist schon in Ordnung.“, wiegelte er ab. „Ich wollte mich ja eigentlich nur bedanken und das habe ich ja jetzt auch getan.“ Er drehte sich wieder um und wollte gehen, doch der Pfarrer gab sich noch nicht zufrieden.
„Bitte richten Sie ihrem Vater unsere besten Genesungswünsche aus. Er und seine Frau sind in den letzten Jahren geschätzte Mitglieder der Dorfgemeinde geworden. Es soll nicht der Eindruck entstehen, daran hätte sich was geändert. Es spielt bei uns keine Rolle, wie lange jemand schon hier gelebt hat.“
Marek blieb stehen. Irgendetwas hatte bei diesem letzten Satz in seinem Kopf zu arbeiten begonnen. Natürlich hatte Justus Bernd vor fünf Minuten genau das Gegenteil behauptet, aber was hatte er noch mal genau gesagt?
„Herr Pfarrer, warum sagte ihr Bruder mein Vater wäre nicht hier „in diese Welt“ gekommen? Es heißt doch eigentlich „auf die Welt“. Was hat er damit gemeint?“
Pfarrer Bernd stockte kurz. „Da hat er sich bestimmt versprochen. Sie sahen ja, dass er dem Alkohol nicht abgeneigt ist, und er hat’s nicht so mit der Grammatik.“ Lügen waren nicht seine Stärke – sollten sie wohl bei dem Job auch nicht.
„Fred aus der Bäckerei sagte heute Morgen, dass Justus Deutschlehrer sei. Sollte er da nicht fit in solchen Sachen sein?“, konterte Marek. Ihn beschlich das Gefühl, das hier irgendwas faul war. Allerdings in größerem Rahmen, als bisher gedacht. Der Pfarrer nestelte an seinem Revers.
„Ja, das stimmt. Aber auch Männer der Sprache können mal einen schlechten Tag haben, oder? Sie kennen das ja bestimmt selbst.“, ein überspielendes Lächeln war Zeuge seiner Unsicherheit. „Also…noch einen schönen Abend. Ich geh’ jetzt wieder rein. Ist ja doch schon recht frisch für die Jahreszeit. Grüßen Sie mir Ihren Vater. Am Sonntag sehen wir uns dann bei der Messe, ja?“ Die letzten Sätze sprach er schon im Gehen. Marek kam es aber mehr wie ein Flüchten vor. Die Erschöpfung des Tages kehrte zurück und hinderte ihn daran investigativ zu werden. Sein Notizbuch fiel ihm wieder ein. Er wollte ja noch die Aufzeichnungen übertragen.
Zu Hause angekommen wurde sofort Kaffee aufgesetzt und der Computer angeschaltet. Zwischendurch rief noch einmal seine Mutter an und wünschte ihm eine gute Nacht. Er erzählte ihr von seinen Fortschritten am Haus, dass er sich gerade beim Retter des Vaters bedankt hatte und dass am Sonntag die Gemeinde für ihn beten würde. Die unschönen Details ließ er weg. Seine Mutter brauchte jetzt nichts dergleichen. Am nächsten Morgen wollte er in die Klinik kommen und seine Mutter ablösen, aber die wollte höchstens wieder für eine Stunde nach Hause zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Mit einem Kuss durchs Telefon entließen sich beide in die Nacht.
