Essenz – Tag 6 – Donnerstag – 2. Teil

‚Sie ruft mich’, dachte er. ‚Die Dunkle Kirche ruft mich.’ Er durchquerte den Friedhof. Plötzlich setzte das Dröhnen aus und die umgebende Natur kehrte zurück. Marek war etwas verwirrt. Was hatte er da gerade gedacht? Er werde gerufen? Das einzige was hier wahrscheinlich ruft sind die Dachrinnen und sein Bett für gesunde zehn Stunden Schlaf am Stück. Er schüttelte den Kopf über sich selbst, drehte sich wieder um, machte einen Schritt zurück und vernahm wieder den gleichen rauschenden Ton, der bereits begann anzuschwellen. ‚Wahrscheinlich alles Psychosomatik, die an das Haus meiner Eltern gekoppelt ist’, dachte er sich selbst belügend. Seine altklugen Freunde aus Düsseldorf hätten ihm jetzt sicher zugestimmt und jeder für sich seine eigenen Kopplungen auf den Tisch gepackt. ‚Dann mach’ ich halt noch einen kleinen Ausflug ins Dunkle. Das bringt mich auf andere Gedanken und Notfalls kann ich auch im Garten den alten Bauscheinwerfer aufstellen und nachts weiterarbeiten.’
Fast war Marek überrascht wie leicht ihm diese Entscheidung doch gefallen war und schon begann er den Hang zu erklimmen, den er am Abend zuvor heruntergerutscht war. Er hätte auch wie die Male davor den flacheren und damit leichtern Anstieg am linken Bergrand wählen können, aber die Zeit wollte er sich nicht nehmen und so schwer und unüberwindbar erschien der Aufstieg auf einmal gar nicht mehr. Er fühlte sich kraftvoll und strebend nach körperlicher Ertüchtigung. Der Himmel hatte seine Schleusen bisher geschlossen gehalten und somit gab der steile Grund guten Halt. Es dauerte keine zehn Minuten, da stand Marek auch schon keuchend hoch oben vor dem Glockenturmeingang. Eine leise Hoffnung hatte er gehabt, dass seine Ausgrabung auf wundersame Weise wieder verschwunden und damit alles vergessen wäre. Stattdessen wunderte sich Marek erneut über sich selbst, denn eigentlich hatte er damit gerechnet sich mit Grauen an seine letzte Hast den Turm hinauf zu erinnern, doch dies trat nicht ein. Vielmehr erfüllte ihn eine Art Vorfreude – nein, es war vielmehr Abenteuerlust, als wenn er einem geheimen Schatz auf der Spur und nun kurz vor dem Ziel sei.
Marek kletterte in den Glockenturm, stieg durch die Luke und ging langsam abwärts. Schnell schwand das Tageslicht und schon war er vom schattenlosen Schimmer der Wände und Stufen umgeben. Es waren nicht wirklich die steinernen Wände selbst und das wusste er auch, aber für den Moment brauchte sein Verstand diese Erklärung. Wieder strich er mit den Fingerspitzen im Gehen über den Stein. Auch hier spürte er die angenehme Wärme. Er betrat ohne Furcht den Vorraum und bog direkt in die Haupthalle der Kirche ab. Es war alles noch so wie am Vortag, so wie es wahrscheinlich schon seit vielen Jahren war. Marek beschloss es langsam angehen zu lassen. Er setzte sich in die vorletzte Reihe, so dass er einen guten Blick auf den Saal hatte und schaute sich erst einmal in Ruhe um. Das Holz der Sitzbänke war ohne Schnörkel, einfach und zweckdienlich. Das Dach war gekuppelt und mit hölzernen Streben durchzogen, die man golden verziert hatte. Diese Streben liefen in insgesamt vier Rosenblüten sternförmig zusammen. Zwei quadratische Säulen in der Mitte des Raumes, welche auch die Bankreihen in ein vorderes und ein hinteres Abteil zu trennen schienen, stützten das Gebälk. Die Fenster waren mit gefärbtem Bleiglas bestückt. Zumindest nahm Marek das an, denn die Erde dahinter verbarg jeden äußeren Lichtschein, der die bunten Bilder hätte zeichnen können. So blieb ihm nur eine Ansammlung von musterlosen Fragmenten, gefasst in eiserne Rahmen, zu betrachten. Das Kreuz über dem Altar war ebenfalls schlicht gehalten. Keine Erlöserfigur prangte daran. Dafür jedoch waren unter dem Kreuz vier golden schimmernde Schalen in einer Reihe aufgehängt.
Marek blieb noch eine Weile sitzen und atmete die von Süße schwere Luft. Sein Herzschlag ging ruhig und gleichmäßig. Die Stille der Kirche hielt Einzug in ihn und vertrieb all die schlechten Erlebnisse der letzten Zeit. Für einen Moment gab es keine Geldsorgen mehr, weil der letzte Verleger Konkurs gegangen war. Keine Exfreundin prallte mit ihrem Ego gegen das Seinige und keine Schreibblockade hinderte mehr am großen Durchbruch. Selbst dass der Vater zwischen Leben und Tod schwebte, war kaum mehr von Bedeutung. Marek erschrak, als er sich bei diesem Gedanken ertappte. Natürlich war es von Bedeutung, dass seine Mutter gerade bangen Herzens am Bette des Vaters auf ein Zeichen wartete und er hätte gefälligst seinen Teil dazu beizutragen sollen und nicht hier in eingebunkerten Gemäuern rumzuhocken. Marek blickte auf seine Hände, die auf der Lehne der Bank vor ihm ruhten und sich während seiner Entspannung fast unmerklich gefaltet hatten. Er löste etwas pikiert die Geste und betrachtete die Regionen, die mit dem Holz Kontakt hatten. Eine weitere Absonderheit fiel ihm auf. Es gab keinen Staub. Er erinnerte sich an die Spiegelung seines Gesichts in dem blanken Altarstein. Hätte nicht nach Jahren, vielleicht sogar nach Jahrhunderten überall eine dicke Staubschicht liegen müssen? Vielleicht gab es ja noch einen zweiten Eingang und jemand kam regelmäßig vorbei um zu putzen? Bei diesem Gedanken musste Marek fast schmunzeln, stand auf und ging zum Altar. Selbst der braune Teppich auf dem Gang war in erstklassigem Zustand. Er kam wieder zu der in den Boden eingelassenen Schrifttafel. Das schien Latein zu sein. Darin war er noch nie besonders gut gewesen, aber er zückte sein Notizbuch und wollte die Zeilen übertragen. Er bemerkte aber, dass er die verschnörkelten altdeutschen Lettern nur schwer in einen heutigen Zeichensatz umsetzen konnte, und zeichnete die vier Textzeilen einfach möglicht detailgetreu ab. Dann ging er zu den Schalen, die unter dem Kreuz hingen. Sie hingen zu hoch um hineinsehen zu können aber auf den Altar wollte er aus Anstand nicht steigen. Also kippte er sie ein wenig an. Zwei Schalen schienen leer zu sein. Aus den anderen beiden rieselte etwas Asche. Beim genaueren Hinsehen bemerkte Marek, dass zumindest eine der Schalen doch keine Asche, sondern nur trockene Erde beinhaltete. ‚Schon merkwürdig’, dachte er bei sich. ‚Ich kann mich nicht erinnern, solch eine Konstruktion schon einmal in irgendeiner anderen Kirche gesehen zu haben. Ich würde gern wissen, wie alt sie ist?’ Rechts unterhalb des Altarpodestes befand sich ein Taufbecken. Auch der Taufstein war frei von Staub, hatte aber in seiner Mitte die Ansammlung eines Stoffes, der ebenfalls wie Asche aussah. Ansonsten erschien der Hauptsaal, bis auf zwei Gemälde rechst und links an den Wänden auf der Höhe des Altars und der großen Orgel im vorderen Schiff, leer.
Zuerst wollte er sich die Gemälde anschauen. Auch sie waren gleichmäßig beleuchtet, ohne dass ein Schatten sie getrübt hätte. Die Farben waren für das Alter noch erstaunlich gut erhalten. Dies konnte Marek allerdings auch nur anhand des Detailgrades der Zeichnung abschätzen. Wahrscheinlich frühes Mittelalter oder noch davor.
Das erste Bild zeigte einen Acker, der übersäht war mit scheinbar aufs grausamste zu Tode gekommenen Leibern. Männer, Frauen und Kinder lagen mit aufgerissenen Augen übereinander und bildeten ein groteskes Knäuel leblosen Fleisches. Blut und Feuer durchtränkte die Erde. Darüber schienen vor einem grauen Himmel viele unbekleidete, männlich anmutende Gestalten zu schweben. Alle waren im gleichen Alter gezeichnet und schienen einem etwas größer dargestellten Menschen, der in ihrer Mitte schwebte, mit ihren Körpern Schutz geben zu wollen. Dieser Mann war in einen Falten werfenden Umhang gehüllt, hatte herabfallendes, lockiges Haar und einen vollen, ebenfalls gelockten Bart. Dies alles spielte sich in der linken Bildhälfte ab. Die rechte wurde von einem nur schwer definierbaren Fabelwesen beherrscht. Es hatte den Köper einer Katze oder eines Löwen, aber zwei menschliche Köpfe. Einer der Köpfe schien an dem Leichenteppich zu fressen, während der andere nach dem schwebenden Mann auf der linken Seite schnappte. Dieser jedoch streckte dem Ungeheuer heroisch mit der einen Hand ein Buch entgegen, auf dem eine römische IV zu sehen war. Die andere ausgestreckte Hand hielt in der Faust geballt vier Papyrusrollen von dem Zähne fletschenden Menschenkopf fern. Das alles wurde überspannt von schweren Wolken, die jedoch auf der rechten Seite oberhalb des zweiköpfigen Wesens ein kleines Loch gebildet hatten, aus dem ein göttlich anmutender Lichtstrahl heraustrat.
Marek stand fasziniert vor dem zweimal drei Meter großen Bild und musste daran denken, was das doch damals für eine grausame, unentwickelte Zeit gewesen sein mochte. Mit solchen Geschichten hielt man schon von Kindesbeinen an die einfachen Leute unter Kontrolle. „Armut und Dummheit“, murmelte er vor sich hin und durchquerte den Raum um das zweite Bild zu betrachten. Das Bild war viergeteilt. In der oberen linken Ecke bliesen engelsgleiche Gestalten Wolken ins Zentrum des Geschehens. Gegenüber sah man einen großen Fisch, dessen Kopf sich schräg nach oben wand und von winzig kleinen Menschen gefüttert wurde. Sein Unterleib schien sich in Wasser zu verwandeln und vereinte sich mit den Wolken. Unter dem Fisch sah man einen Rosenbusch. Die Blüten standen in Flammen und trieben ebenfalls Funken sprühend in die Bildmitte. Rechts unten sah Marek wieder viele kleine Menschen, die ein größeres Haus zu bauen schienen. Einer der Menschen reichte eine Art Lehmziegel zur Mitte. Es schien so, als würden sich alle vier Elemente versammeln und sich hinter dem großen, leuchtenden Kreuz, welches als zentrales Element auf der Leinwand prangte, bündeln.
‚Nett’, kommentierte Marek in Gedanken. Er merkte, dass sein Interesse an diesem Bild eher marginal war und wollte sich noch einmal dem Ersten zuwenden. Als er erneut die Kirche durchquerte, merkte er langsam wie Hunger und Durst zurückkehrten. Er hatte wirklich die letzten Tage nicht sehr auf sich geachtet und das obwohl er ja eigentlich Kreativferien machen wollte. Nun hatte er aber auch nicht vor wegen etwas körperlichen Unbehagens seinem Geist diese Quelle der Inspiration zu entziehen. Einige Minuten stand er vor dem Bild. Es war so einfach strukturiert, dass er ziemlich schnell glaubte jedes Detail erfasst zu haben. ‚Dieser Leichenhaufen ist wirklich widerlich’, dachte er bei sich. ‚Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt habe. Wahrscheinlich hatte der Künstler sogar eine Originalvorlage.’
Marek schlug sein Buch auf und machte sich wieder ein paar Notizen. Er beschrieb erst die Halle und den Altar. Kurze Stichworte ohne Pronomen und Verben. Dann blätterte er um, begann den Menschenberg und den scheinbar kämpfenden Helden zu umschreiben, blätterte wieder um und notierte sich Details über das zweiköpfige Monster und das göttliche Licht aus den Wolken. ‚Das muss sich doch auf die heutige Zeit übertragen lassen, das wäre doch-’, plötzlich hielt er inne und blätterte zurück. Er hatte bereits drei Seiten in seinem Buch gefüllt und war, ohne es zu merken, in vollständige Sätze übergeglitten. Auch schrieb er nicht mehr in guten leserlichen Druckbuchstaben sondern in einer merkwürdig geschwungenen Handschrift. War das seine eigene? Er hatte seit der Einführung moderner Textverarbeitung nicht mehr auf die alte Art geschrieben und seine Unterschrift für den täglichen Gebrauch war ohnehin einstudiert. Marek beschloss die kreative Energie zu nutzen so lange sie floss und schob diese Gedanken beiseite. Er machte weiter seine Notizen. Erst ging er schreibend durch den Saal, dann setze er sich auf den warmen Steinboden und fuhr dort fort. Es war verrückt. Er schrieb und schrieb. Seite um Seite füllte sich in dem kleinen, gebundenen Buch. Plötzlich erschien keine Schrift mehr auf dem weißen Papier, aber die Hand bewegte sich noch immer. Marek stutzte und es verging ein Moment bis er bemerkte, dass er lediglich die Bleistiftmine herunter geschrieben hatte. Er brauchte einen scharfen Gegenstand. Ein Messer hatte er nicht dabei. Schnell, schnell – Inspiration ist ein flüchtiges Gut. In seiner Not steckte er den Bleistift in den Mund und riss so lange an den Zähnen, bis wieder schreibbares Material zum Vorschein kam. Weiter ging es. Schneller und schneller füllten sich die Seiten. Seine Beine kribbelten durch die schlecht gewählte Sitzhaltung. Der Rücken schmerzte und die ungeübte Hand wurde bereits von Krämpfen verkrüppelt. Wort um Wort reihte sich in schwungvoller Zierlichkeit aneinander. Sätze füllten Seite um Seite und in der Weite der Kirche war das stetige Kratzen des Stiftes auf Papier zu hören.
