Essenz – Tag 5 – Mittwoch – 4. Teil

Ein stechender Geruch mischte sich in das Dunkel. Marek erwachte und drehte den Kopf angewidert zur Seite. Sein Mageninhalt befand sich noch immer auf dem steinernen Boden, genauso wie er selbst. Die Erinnerung half der Orientierung, was aber zur Folge hatte, dass Marek sofort auf die Beine sprang und sich schnurgerade auf den braunen Teppich in Richtung Ausgang zubewegte. Bevor er das alles hier verarbeiten müsste, wollte er neutralen Boden erreichen, logischen Boden. Wissenschaftlichen Boden mit wissenschaftlichem Sonnenlicht und wissenschaftlicher, klarer Luft. ‚Weihrauch’, durchfuhr es ihn. Das war es also, was er die ganze Zeit gerochen hatte. Aber das war jetzt auch egal. Er musste erstmal hier raus – nicht denken – nur laufen. Aus dem Eingangsportal links in den Glockenturm hinein und dann immer weiter hinauf. Nein, rennen war nicht notwendig. Der Körper war angespannt, aber er war nicht panisch. Schon sah Marek Tageslicht schimmern. Kein Gedanke, ob die alte Holzleiter noch zu gebrauchen war, denn das Glück war auf seiner Seite, und schon streckten sich zwei Beine aus der von ausgehobener Erde umgebenen Kirchturmspitze. Marek war wieder im Freien, lief aber weiter ohne sich umzuschauen. Noch etwa zwanzig Meter brachte er zwischen sich und den Eingang. Dann blieb er stehen, spannte den ganzen Körper, jeden Muskel an und krümmte sich zusammen. Der Atem stand still und Marek kam wieder zu sich.
Als er der kühlen Abendluft gestattete wieder in seine Lungen zu strömen, war es, als reinigte sie ihn von Grund auf und sprengte das eben Erlebte aus seinem Geiste. Er blickte zurück. Natürlich war der Eingang noch da und damit auch das vergrabene Gebäude, auf dem er stand. Marek verschränkte die Arme und schaute in die Ferne. Die Sonne hatte den Tag schon fast verlassen und ließ ihn die, seit dem Abstieg, verstrichene Zeit auf vier Stunden schätzen. Die aufbrechenden Wolken am Horizont erlaubten dem Tageslicht ein letztes Gastspiel und so wurde das Dach der Kirche – der eigentlichen Kirche im Ort – in auf atemberaubende, fast schon bedrohliche Weise zum Leuchten gebracht. Die geweißten Wände schimmerten hell und trugen zur Beruhigung des Schriftstellers bei. Dies waren Dinge, die er kannte und erklären konnte.
Marek machte sich eine seiner vielen geistigen Notizen und taufte die Kirche vor ihm „Weiße Kirche“ und die unter ihm „Dunkle Kirche“. Er wollte mit jemandem darüber reden – nein, er musste, er -. Sein Telefon meldete eine neue Nachricht.
Die Stimme auf dem Anrufbeantworteter teilte ihm still und ernst mit, dass etwas passiert sei. „Etwas“ – dieses Unbestimmte, das nie gut sein wollte. Marek konnte spüren, wie seine Mutter auf der anderen Seite mit der Fassung gerungen haben musste. Der letzte Satz blieb unvollendet. Eben noch hatte er verharren wollen, um über das Erlebte nachzudenken, doch nun rannte er in dunkler Vorahnung den Berg hinab. Er hatte sich den Tag irgendwie anders vorgestellt.
Diesmal wurde der direktere, steilere Weg gewählt. Die Gefahr schwer zu stürzen war zwar größer und von einem Aufstieg an dieser Hangseite wäre nie die Rede gewesen, aber dafür sparte es jetzt Zeit. Zeit, die man andernfalls doch nur mit Gedanken an Unaussprechliches gefüllt hätte. Eigentlich bestand der ganze Abstieg daraus den Hacken in die feuchte Erde zu rammen und darauf nach unten zu rutschen. Er steuerte direkt auf den am Fuße des Hanges gelegenen Friedhof zu. Marek sah eine alte Frau, die sich wohl auf einem Spaziergang befand, seine Bahn kreuzen und ahnte, dass bei seiner derzeitigen Abstiegsgeschwindigkeit ein Zusammenstoß mit der Alten für diese nicht gerade zimperlich ausgegangen würde. In seiner Not ließ er sich fallen und rutschte die letzten Meter durch Laub und Dreck und lies sich Gesicht und Hände zerkratzen um drei Schritte vor der erschrocken dreinschauenden Person zum Stillstand kommen. Eben wollte er ein paar Worte der Entschuldigung herausstammeln, als er aus dem Augenwinkel plötzlich einen riesigen Schatten hinter einem der Grabsteine auf sich zurasen sah. Eine dunkle Masse, leicht schimmernd und mit geschmeidigen Bewegungen. Marek riss die dreckverschmierten Hände vors Gesicht um sich zu schützen, doch kurz bevor ihn der riesige Hund erreichte, zog die Leine an seinem Hals an und ließ den Angriff in ein ohrenbetäubendes Bellen übergehen. Der Atem stank nach modriger Erde, Geifer spritzte ihm entgegen und die weißen Zähne entblößten sich nur wenige Zentimeter vor Mareks Gesicht. Zu Tode erschrocken kroch er ein Stück zurück und sprang auf die Beine. Die Bändigerin dieses Ungeheuers kam ihm bekannt vor – natürlich – sie war am Tage seiner Ankunft mit aus dem Zug gestiegen und jetzt schien sie ihr pferdeähnliches Höllengeschöpf hier Gassi zu führen. „Sie haben Glück, dass ich meinen Kleinen zu dieser Jahreszeit immer an der Leine führe.“, begann die alte Frau zu sprechen. „Das Wild ist jetzt sehr aktiv und bereitet sich auf den Winter vor. Da wäre mein Kleiner sofort für Tage im Wald verschwunden.“ Ihr „Kleiner“? Hatte sie etwa noch einen zweiten Hund in ihrer Handtasche dabei? Das Vieh an der Leine zerrte und wütete in einer Tour. Marek war zu verwirrt um angemessen zu reagieren. Er fuhr sich übers Gesicht, stand auf und stammelte im Gehen eine kurze Entschuldigung. Wenn er sie wieder sehen würde, bekäme sie eine angemessene Erklärung und wenn nicht, wäre es sowieso egal. Momentan gab es etwas, das Vorrang hatte.
Marek lief um die Kirche herum, überquerte Kirchplatz und Hauptstraße und stürzte ins Elternhaus. Heike empfing ihn. „Gott sei Dank, da bist du ja endlich. Wir sollten sofort aufbrechen, deine Mutter ist schon – Himmel wie siehst du denn aus?“, unterbrach sie sich. „Warte, wir machen dich erstmal sauber.“ Marek wehrte ihre Fürsorge ab.
„Lass uns bitte fahren. Gibt es schon Neuigkeiten?“
„Helene hat ihr Telefon in der Aufregung hier liegengelassen und im Krankenhaus geben sie mir keine Auskunft. Mein Auto steht vorn an der Hauptstraße, aber du solltest dir wirklich wenigstens noch das Gesicht waschen, die lassen dich doch sonst gar nicht rein.“
Marek hatte momentan keinen Nerv für diese Art von Diskussionen. Schnell ließ er Wasser über seine geschundenen Hände laufen und wischte den Großteil des Drecks an dem ihm gereichten Handtuch ab. Dann liefen sie los.
„Was hat denn der Notarzt gesagt?“, fragte Marek auf dem Weg zum Auto.
„Er hatte Glück, dass man ihn so schnell gefunden hat, aber der Infarkt war dennoch sehr schwer. Man hat ihn hier wiederbelebt und dann mit dem Rettungswagen in die Stadt gebracht. Mehr weiß ich leider nicht.“
Sie stiegen ein und schon holperte der rote Kleinwagen über das Pflaster hinaus aus dem Dorf und wenig später auf die asphaltierte Straße Richtung Stadt. Schon begannen sich die ersten Häuser der Vororte abzuzeichnen und die fortschreitende Dämmerung brachte mehr und mehr Lichtpunkte hervor. Heike schwieg, denn sie wusste nicht was sie hätte sagen können und Marek schwieg, weil er nicht wusste wo er hätte ansetzen sollen? In diese drückende Stille gehüllt zogen sie an kahlen Feldern und vereinzelten Bäumen vorbei, deren abnehmendes Blattwerk dem auffrischenden Ostwind stetig neuen Tribut zollen musste.
Sie erreichten das Krankenhaus, erhielten Auskunft über Station und Stockwerk und nahmen den Aufzug. Als sich die silbernen Türen wieder öffneten, erblickte Marek bereits einige Meter voraus in einer ansonsten leeren Stuhlreihe eine kleine, zusammengekauerte Gestalt. Helene Korsak saß bereits seit über drei Stunden mit demselben vollen Becher erkalteten Kaffees auf dem schmalen Stuhl und wartete, dass man sie zu ihrem Mann ließ. Als sie ihren Sohn in die Arme nahm, brach sie in Tränen aus. Sie weinte nicht laut, sondern ließ ihren Schmerz still aus sich heraus. Der Sohn hielt seine Mutter fest und schützte sie mit seiner Wärme für einen Moment vor der weißen klinischen Welt um sie herum. Heike stand in einigen Metern Entfernung und kämpfte ebenfalls mit der Fassung. Sie wollte den Beiden diesen Moment des Friedens lassen.
„Wie sieht es aus?“, flüsterte Marek leise.
„Er liegt im Koma.“, antwortete die Mutter tonlos. „Die Ärzte sagen, er hat großes Glück gehabt, aber die können nicht sagen, wie lang -“, ein neuer Weinkrampf schüttelte sie und lies die Stimme versiegen. Marek warf Heike einen Blick zu. Sie kam dazu und nahm Helene in ihre Arme. „Na komm“, versuchte sie Worte zu finden. „Deinen Mann haut doch so schnell nichts um. Der wollte sich doch nur mal schön von vorn bis hinten bedienen lassen.“ Ein kleines Lachen huschte zwischen den Tränen Helene Korsaks hervor und auch Marek fand Trost in Heikes Art die Situation zu meistern. Heike streichelte Helenes Gesicht. „Na komm. Wir gehen dich mal frisch machen, so willst du doch Heinz nicht gegenübertreten, wenn er wieder aufwacht, oder?“ Helene schüttelte brav den Kopf und ließ sich zu den Toiletten führen. Marek hatte seine Mutter schon das ein oder andere Mal weinen sehen, aber noch nie in einer Situation, in der er selbst auf ihre Stärke angewiesen war. Heike warf ihm noch einen prüfenden Blick über die Schulter nach und er nickte ihr zu. Marek griff sich den nächst besten Mann in weißem Kittel, der den Gang entlang kam und erkundigte sich nach dem Zustand seines Vaters.
„Es geht ihm den Umständen entsprechend.“, wurde ihm in sanftem Ton geantwortet. „Sein Herz wurde bei dem Infarkt sehr geschwächt. Ein Passant hatte ihn glücklicherweise gefunden und erste Hilfe geleistet. Als der Notarzt eintraf schlug sein Herz sogar schon wieder. Laut Protokoll blieb es dann aber erneut stehen. Erst auf der Fahrt hierher stabilisierte sich sein Zustand langsam. Wir können jetzt leider nicht mehr tun, als abwarten. Ihr Vater kann in ein paar Stunden aufwachen, oder aber erst in ein paar Tagen.“
Marek versuchte die Fassung zu wahren. Er konnte die Hilflosigkeit, die seinen Hals hoch kroch fast schmecken. „Wird er denn überhaupt wieder aufwachen?“, fragte er und vermied es den Arzt dabei anzuschauen als hätte er Angst davor, dass die erfahrenen Augen etwas verraten könnten, was die Lippen verschwiegen. „Wir können nichts Genaues sagen, aber die Erfahrung zeigt, dass die Meisten, die im Alter ihres Vaters sind, sich nach einigen Tagen wieder gänzlich erholen. Es hängt aber immer vom Einzelfall ab. Ich denke, Sie können jetzt auch zu ihm. Zeigen sie ihm, dass sie da sind.“
„Gut.“, antwortete Marek und hob den Blick. „Danke.“ Der Mann lächelte und ließ die Zeichen der Zeit in seinem Gesicht hervortreten. Er schien den Job schon eine Weile zu machen. Kurz bevor er weitergehen wollte, hielt ihn Marek noch einmal zurück.
„Ach sagen Sie, Doktor. Wissen Sie wer dieser Passant war? Ich würde mich gern bei ihm bedanken.“
„Tut mir leid“, bekam er zur Antwort. „Darüber stand nichts im Protokoll. Er oder sie muss wohl gegangen sein, als der Notarzt kam. Sie haben da wohl einen stillen Helden in ihrem Dorf.“ Der Arzt drehte sich um und rief eine der vorbeigehenden Schwestern zu sich um etwas zu besprechen. „Das ist nicht „mein“ Dorf“, murmelte Marek finster. ‚In einer zivilisierten Gegend wäre mein Vater wesentlich schneller versorgt worden’, dachte er weiter. ‚Und würde jetzt wohl schon wieder vor dem Fernseher liegen und sich über die Abendnachrichten aufregen. Warum mussten die beiden Sturköpfe auch in dieses Kaff ziehen?’ Wut kam auf. Es war die Art von Wut, die aus Hilflosigkeit geboren wird und zu Ungerechtem heranwächst, wenn man sie nicht im Keim erstickt. Er sah seine Mutter und Heike zurückkommen und versuchte sich zu beruhigen. Das letzte was hier jetzt irgendjemand gebrauchen könnte wären Vorwürfe.
„Der Arzt hat gesagt wir können jetzt rein.“ Marek erfasste die kraftlose Hand seiner Mutter und sie betraten das Zimmer. Eine Stunde verbrachten sie beide wartend neben dem Bett des Vaters. Es wurde nur wenig gesprochen. Regungslos lag der alte Schreiner in einem anonymen Bett, umgeben von technischen Geräten aller Art, die nur dem Zweck dienten die kleine Existenz vor dem Hinübergehen zu bewahren. Eine kleine Lampe über dem Bett spendete den geschlossenen Augen kaltes Licht.
Schließlich betrat eine Schwester das Zimmer.
„Sie müssen jetzt leider gehen.“, wandte sie sich an Helene. „Ihr Mann braucht jetzt ein wenig Ruhe.“
Helene Korsak blieb ruhig sitzen und streichelte weiter die warme Hand ihres Mannes.
„Komm Mama“, sagte Marek. „Wir sollten was essen. Papa hätte sicher schon mit uns geschimpft.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht der Frau, das in Mareks Augen in der letzten Stunde um Jahre gealtert war. „Ja, das hätte er bestimmt. Lass uns vor die Tür gehen. Ich möchte mit dir sprechen.“
Sie verabschiedeten sich von ihrem Mann und Vater und verließen das Zimmer. Heike hatte inzwischen per Telefon eine Nachbarin gebeten ihren Sohn ins Bett zu bringen und hatte auf sie gewartet. Ohne Fragen zu stellen folgte sie den beiden in die Cafeteria des Krankenhauses. Eigentlich hatten alle drei seit der Mittagszeit nichts mehr gegessen, aber außer einem Kaffee für jeden wollte der Körper nichts anderes annehmen.
„Marek“, setzte die Mutter an. „ich weiß, dass dein Vater bei uns ist und auch spürt, wenn wir bei ihm sind. Dieses Haus war immer sein Traum gewesen und ich möchte, dass er wenn er nach Hause kommt alles so vorfindet, wie er es selbst hergerichtet hätte.“ Marek nickte und schämte sich innerlich ein wenig für seine wutverzehrten Gedanken von eben.
„Der Winter steht vor der Tür und es muss noch so viel gemacht werden. Die neuen Dachrinnen müssen angebracht und auch die Rückfassade verputzt werden. Es gibt eine ganze Liste die erledigt werden muss, damit nicht der nächste große Sturm ernste Schäden anrichtet. Ich weiß, dass jeder im Dorf mir helfen würde, das für deinen Vater und für mich zu erledigen“, dabei sah sie Heike dankbar an und blickte dann zu ihrem Sohn. „Ich weiß auch, dass du immer dagegen warst, dass wir so weit weg von der großen Stadt gezogen sind, aber ich möchte dich bitten, diese Aufgaben für deinen Vater zu erledigen. Ich werde viel hier im Krankenhaus sein und es würde ihm sehr viel bedeuten und mir auch und-“, Helene brach wieder in Tränen aus und Heike rutschte auf ihren Stuhl hinüber, nahm sie in den Arm und streichelte ihr durch das offene Haar.
„Natürlich“, antwortete Marek erschüttert. „das steht völlig außer Frage.“
„Wir sollten jetzt fahren.“, sagte Heike leise, aber Helene Korsak protestierte. Marek wusste, dass seine Mutter in diesem Punkt nicht umzustimmen war und vermied von vornherein jegliche Diskussion. Während Heike Helene doch noch dazu überreden konnte eine Kleinigkeit zu essen, überzeugte Marek mit Engelszungen die Nachtschwester davon Nachsicht walten zu lassen, so dass seine Mutter die Nacht auf einem Stuhl sitzend im Zimmer ihres Mannes verbringen durfte. Für ihn selbst reichten seine Überredungskünste dann nicht mehr aus, so dass Heike und er eine halbe Stunde später die Ausfahrt vom Krankenhausparkplatz passierten.
„Sag mal, weißt du wer meinen Vater gefunden hat?“, fragte Marek als sie die Stadtgrenze passierten.
„Nein, leider nicht“, antwortete Heike. „Ich saß gerade bei deiner Mutter und half ihr beim Essen machen, als wir die Sirenen hörten. Aber ich bin mir sicher, dass das halbe Dorf weiß, wer es war. So ist das nun mal hier. Ich hör’ mich morgen mal um.“
„Danke. Auch für jetzt und so.“, brachte Marek stockend hervor. Bei solchen Sachen war er nicht der große Rhetoriker. Ein Lächeln seiner Fahrerin bestätigte ihm aber, dass die Botschaft angekommen war. In seinem Kopf begann sich ein Bild zu formen, wie seine Mutter und Heike neugierig den kleinen Weg zur Hauptstraße entlang gingen und über den vermeintlichen Notfall witzelten. Wie dann seine Mutter den Ehemann zwischen all diesen Leuten liegen sah und das Leben, das sie kannte, vorbei war. So wie seins, als er vor ein paar Stunden auf dem Berg die Nachricht erhalten hatte. Marek versuchte den Gedanken wegzuwischen. Er wollte jetzt nicht vor Heike in Tränen ausbrechen. Das war nicht seine Art. Sie fuhren wieder zwischen den kahlen Feldern entlang. Der Wind peitschte jetzt in zornigen Böen auf die Landschaft ein und Heike hatte das ein oder andere Mal Sorge das Fahrzeug in der Spur zu halten. In der Ferne sah er bereits die von Straßenlaternen beleuchtete Kirchturmspitze des Dorfes. Ach ja – er wollte ja jetzt den Begriff „Weiße Kirche“ verwenden. Sein Verstand begann einen Versuch sich abzulenken und kehrte zu seinem nachmittäglichen Fund zurück.
„Sag mal Heike“, fragte er abwesend ohne dabei den Blick vom Dorfkern abzuwenden. „Hatte Purzin eigentlich schon immer nur eine Kirche?“
„Du meinst, ob hier schon immer alle katholisch waren? Ja, ich denke schon. Ich selbst hab’ damit ja nicht mehr so viel am Hut, aber die Gemeinde ist schon recht stattlich für heutige Verhältnisse.“
„Nein, das meine ich nicht – ich meine gab’s hier schon immer nur ein Gotteshaus?“
„Na ich denke doch. Das Ding ist schon ziemlich groß und für uns paar Hanseln und ’ne handvoll Leute aus der Umgebung reicht der Saal allemal. Hier mal ’ne Hochzeit und da mal ’ne Kommunion. Und viel größer als heute war das Dorf sowieso nie. Warum fragst du?“
Marek hörte schon nicht mehr richtig zu. „Nur so.“
Heike witterte eine Möglichkeit die Beklemmung der Situation aufzulockern. „Also die in Kumritz haben noch eine kleine Kapelle“, fuhr sie fort. „Und das Altendorf – also Kammhorst, hat so ein improvisiertes Ding, in dem der Pfarrer dienstags immer für die alten Gerippe das runterleiert, was er bei uns schon zwei Tage zuvor zum Besten gegeben hat.“ Heike stockte ein wenig vor dem nächsten Satz. „Also wenn du dich für Dorfkirchen interessierst, können wir die Tage gern mal eine kleine Rundreise machen. Das wird bestimmt lustig.“ Der Wink kam nicht an und Marek nickte nur gedankenverloren. Heike kam sich ein wenig dumm vor ihrem Beifahrer in dessen jetziger Situation in Teenagermanier einen „lustigen Ausflug“ anzubieten. Aus diesem Alter war sie doch wohl schon lange heraus, oder?
Mareks Telefon kündigte einen Anruf an. Aus unzusammenhängenden Gespinsten aufgeschreckt warf er einen kurzen Blick auf das Display und wies per Tastendruck den Anruf ab. Das ganze Spiel wiederholte sich noch zweimal, dann trat wieder Ruhe ein.
„Ein nerviger Fan?“, fragte Heike und kam sich noch dämlicher vor.
„Kann man so sagen.“, sagte Marek und rutschte tiefer in seinen Sitz. „Meine Freundin – Ex-Freundin – scheint irgendwie nicht von mir loszukommen. Und ich auch nicht von ihr und hin und her macht man sich das Leben schwer. Hey, das war ein Reim. Da kommt wohl die Schriftstellerkarriere durch.“ Marek stellte fest, dass Müdigkeit seinen Geist zu übernehmen schien und er in die Phase eintrat, in der man anfing den gleichen Schwachsinn zu erzählen, den man auch nach drei Bier am Tresen von sich geben würde.
„Aha“, kommentierte Heike trocken.
Der rote Kombi bog in die Seitenstraße 12-17 ein und kam vor Mareks Elternhaus zum stehen.
„Scheiße.“, sagte er kaum hörbar, als er die dunklen Fenster erblickte.
„Kommst du klar?“, fragte Heike und sah ihn an. Der Wind schüttelte das Auto selbst im unbewegten Zustand durch und ließ das verlassene Haus noch ungastlicher erscheinen.
„Sicher.“
„Komm mal her.“ Heike beugte sich hinüber und drückte Marek an sich. Er empfand nicht viel dabei, aber was er empfand ließ die Angst auf die nächsten Stunden in seinem Herzen für einen Moment leiser werden.
„Ich komm’ morgen mal vorbei und schau wie’s dir geht. Ich hab’ ja noch Urlaub.“ Marek nickte. „Ich sag’ dir Bescheid, wenn’s was Neues gibt.“
