Essenz – Tag 5 – Mittwoch – 3. Teil

Eigentlich war es kein wirklicher Sturz, sondern mehr ein kurzes Fallen und eigentlich entsprang der Schrei auch nicht einer auf den Tod zurasenden Kehle, sondern mehr aus der Überraschung heraus, nach gut zwei Metern schon wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Marek hatte zwar arg zu kämpfen das Gleichgewicht nicht zu verlieren, denn er schien auf einer Kante gelandet zu sein. Aber besser dies als unzählige Meter freier Fall. Er schaute nach oben und konnte, durch das Loch im Holzboden, eines der kleinen Fenster erkennen. Genauer betrachtet schien es der Boden eher ein Deckel zu sein. Das einfallende Licht ließ ihn eine Leiter erkennen, die, auf Armlänge von ihm entfernt, nach oben zu einer schmalen Luke führte, die er vorher wohl übersehen haben musste. Mareks Blick folgte der Leiter hinab auf den Boden. Er stand auf einer kleinen, steinernen Plattform. Eigentlich stand er sogar schon etwas unterhalb, denn er war direkt auf die Stufen der Wendeltreppe gefallen, welche von einem Loch im Boden nach unten führte.
‚Na wenigstens komme ich hier wieder raus.’, dachte er bei sich. ‚Bei diesen Wänden hätte ich Klettern vergessen können.’ Marek strich mit den Fingerspitzen über die Wand – keine Ziegel, sondern glatt behauene Steine. Manche waren so groß wie sein Kopf, einige kleiner als seine Faust. Von geduldigen Menschenhänden behauen – keine Frage, und scheinbar ohne Schmierereien, wie man sie heutzutage in jedem frei zugänglichen Bauwerk finden kann. Der quadratische Grundriss des Holzdeckels war in eine Röhre übergegangen.
Mareks Nase kribbelte. Ja, da war immer noch dieser altbekannte Geruch, der ihn immer stärker werdend umströmte – süßlich und doch schwer. Marek blickte auf die Treppe unter seinen Füßen und beschloss der Einladung in die Tiefe zu folgen. Wenn er schon einmal hier war, wollte er auch wissen, wofür er da oben so lange gegraben hatte? Wer weiß, vielleicht war das ja ein alter Militärbunker und er würde das Bernsteinzimmer oder andere alte Schätze finden, die ihn dann alle Sorgen des Alltags vergessen lassen würden. Marek begann hinab zu steigen. Er hatte bereits eine Wendel hinter sich und genoss das Gefühl, beim Hinabsteigen mit den Fingerspitzen an den glatten Wänden entlang zu fahren, als sein Fuß gegen ein kleines Steinchen trat, dass auf den Stufen gelegen hatte. Das helle Geräusch ließ ihn aus seinen Tagträumen aufschrecken. Einen Moment stand er still. Atmete, lauschte. Er konnte durch die Krümmung der Treppe kaum sieben Stufen vorausschauen und hatte keine Ahnung, was sich dahinter verbarg. Marek wurde es ein wenig unheimlich. ‚Vielleicht frage ich doch lieber erst einmal ein paar Leute aus dem Dorf, was das hier sein könnte, bevor ich noch in mein Unglück renne. Nachher endet diese Treppe urplötzlich und ich setze meinen Sturz von vorhin unfreiwillig fort.’, dachte er und versuchte dabei seine aufkeimende Angst mit Vernunft zu kaschieren. Er drehte sich um und machte einen Schritt auf die nächst höhere Stufe, als ihn plötzlich ein Gedanke durchfuhr – nein, es war kein Gedanke – es war ein Gefühl – nein, nicht einmal das – es war Gewissheit. Hinter der Wendel über ihm war jemand. Jemand oder etwas stand dort oberhalb und wartete auf ihn. Er konnte niemanden hören oder sehen, aber diese Präsenz strahlte so stark in ihn hinein, so dass er glaubte, sein Innerstes würde sich zusammenkrümmen und ihn im nächsten Moment gänzlich versteinern lassen. Marek trat rückwärts eine Stufe hinab. Das beklemmende Gefühl ließ nach. Eine weitere Stufe – wieder Besserung. Marek beruhigte sich etwas und hörte sein Herz in den Ohren pochen. Wie ein Schatten, der mit der Sonne wandert, schob sich die Präsenz plötzlich wieder in ihn hinein. ‚Es folgt mir!’, schoss es ihm durch den Kopf, in dem alle Gedanken zu Asche zerfielen. Mareks Instinkte übernahmen den panischen Körper. Noch drei Stufen zurück – ja, es folgte ihm wirklich. Noch zwei Stufen rückwärts – Körper drehen – zwei Stufen gleichzeitig nehmen – drei. Er rannte, stürmte die endlosen Stufen hinab und dachte nicht daran, was ihn hinter der sich stetig drehenden Wendel erwarten könnte! Sein Blick war nur noch auf die Stufen gerichtet. Er durfte nicht fallen. Es war direkt hinter ihm. Die Stufen schienen flacher zu werden und er konnte an Geschwindigkeit zulegen. Gleichzeitig wurde auch die Decke tiefer, aber darauf achtete er kaum, denn jeden Augenblick konnte er der Schulter gepackt und zu Boden geworfen werden. Die einzigen Geräusche, die er jedoch vernahm, waren die seiner Schuhe, die immer noch überzogen von feuchter Erde, ein ums andere Mal, einen Absatz verfehlten und den Körper ins Schlittern brachten. ‚Nur nicht fallen!’, war sein einziger Gedanke. Plötzlich fand seine Hand, die er immer noch an der Mauer entlang führte, keinen Halt mehr. Die Stufen unter ihm wichen einem quadratischen Muster auf ebenem Grund und die Beine strauchelten kurz, als der Kopf zu spät das Ende des Treppenganges bemerkte. Marek hatte unerwartet einen kleinen Raum betreten und stürzte zur gegenüberlegenden Wand. Er drehte sich um und starte vor Erregung keuchend auf den gegenüberliegenden Durchgang in der Wand.
Nichts geschah.
Er schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Die Beklemmung war noch in ihm, hatte aber deutlich an Macht verloren. Durch sein Hemd hindurch konnte er die Wand hinter sich spüren. Der Stein war angenehm warm und Marek streckte fühlend seine Handflächen danach aus. Langsam wich das eisige Gefühl, das auf dieser Treppe Besitz von ihm ergriffen hatte, und es schien, als würde sein Blut wieder zu fließen beginnen.
‚Was ist denn mit dir los?’, ging er mit sich selbst ins Gericht. ‚Da war nichts. Kein Laut, und gesehen hast du auch nichts außer Stufen. Wie viele werden das jetzt wohl gewesen sein? Lief ich denn immer abwärts? Ja – ich denke schon.’
Sein Puls war noch lange nicht zum normalen Schlag zurückgekehrt, aber die Wärme, die er in sich aufnahm, tat ihm gut. Niemand verfolgte ihn jetzt mehr. Marek öffnete die Augen.
Ihm gegenüber hing eine schmale Holztür, geöffnet in den Angeln des Durchgangs, aus dem er wohl eben herausgestürzt war. Er schätzte die Entfernung auf etwa vier Meter. Ein Kreuz hing darüber – klein, und wahrscheinlich aus Holz, mit einem Schriftzug darunter, den Marek aus dieser Entfernung nicht lesen konnte. ‚Kaum auszudenken, wenn diese Tür geschlossen gewesen wäre?’, dachte er und begann sich umzuschauen. Er drehte den Kopf nach rechts und sah in etwa sieben Metern Entfernung eine zweite Tür. Diese war jedoch anders. Sehr groß, an die fünf Meter hoch, und die beiden Flügel aus schwerem, dunkel angestrichenem Holz sahen viel zu mächtig aus, als dass er sie hätte je bewegen können. Die Bezeichnung ‚Portal’ wäre wohl treffender gewesen. In das Portal wiederum schien eine kleinere Tür, wie sie für Normalsterbliche geeignet war, eingelassen zu sein. Alle Wände waren aus Stein, aber es gab weitere hölzerne Verzierungen. Sie umrankten das Portal und schienen Rosen oder ähnlichen Blumen nachgebildet zu sein. Ein kleiner einfacher Tisch mit ein paar Büchern darauf stand nahe der Tür. Die Einbände waren dunkel und schienen alle von derselben Art zu sein.
Marek löste sich von der Wand und ging auf den Tisch zu. Die Bücher waren sehr sauber und schienen gut gepflegt zu sein. Er griff nach einem, schlug es auf und war leicht amüsiert. ‚Ein Bunker ist das jedenfalls nicht’, dachte er und wollte die massenproduzierte Bibel in seiner Hand zurück zu den anderen legen. Dabei streifte sein Blick den Teil des Raumes, den er bisher noch nicht erkundet hatte. Vielleicht war es die Aufregung der letzten Tage – vielleicht war es auch sein Verstand, der nun entschlossen hatte zu kapitulieren, aber Mareks Geist stellte von nun an alle Aktivitäten des logischen Denkens ein. Nicht nur das – da war nichts mehr in ihm, was das Bild vor ihm in irgendeiner Weise auch nur versucht hätte zu erklären.
Gegenüber dem großen Portal befand sich in etwa acht Metern dessen Zwilling – nur standen die Flügel weit offen. Davon beginnend führte ein langer Gang, der mit braunem Teppich ausgelegt zu sein schien, weit in eine Art Halle hinein. Links und rechts reihten sich lange hölzerne Bänke in feiner Symmetrie. Ganz hinten schimmerte etwas Weißes. Die Füße des Schriftstellers setzten sich in Bewegung. Der Körper passierte das Tor, ging unter einem kurzen Holzdach durch und schritt ein paar Meter den Gang entlang. Dann blieb er stehen und ließ die ausdruckslosen Augen nach links und rechts wandern. Die Bänke gingen tief in den Raum hinein. Der Geruch von altem Holz mischte sich hinzu. Schwarze Fenster, hinter denen auf ganzer Fläche einen dunkle Masse lag, überspannten spitz zulaufend fast die gesamte Höhe. Insgesamt schätzte der Kopf die Breite der Halle auf vierzig Meter. Nach hinten mochte es aber mindestens doppelt so weit sein und in diese Richtung begann der Körper weiterzugehen. Zwar sahen die Augen, aber kein Geist setzte die Bilder zusammen. Die Ohren hörten die Schritte, konnten aber den Hall nicht wahrnehmen, als die Schuhe den Teppich verließen und über große, mit steinerner Gravur versehene Granitplatten schritten. Da standen Kerzenhalter, bestückt mit riesigen weißen Kerzen, deren Dochte schwarz waren und immer wieder weitere Verzierungen teils aus schlichtem Holz, teils aufwendig bemalt.
Der Körper erklomm zwei schmale Stufen und blieb stehen. Der Kopf senkte sich nach unten und ließ die Augen in das blendende Weiß eines marmornen Tisches blicken. Darauf lag ein Buch. Aufgeschlagen, als hätte vor wenigen Minuten noch jemand daraus gelesen, präsentierte es die engen, handgeschrieben Zeilen, aus denen es bestand. Der Kopf hob sich wieder und sah hinter dem Tisch in einigen Metern Höhe ein Gebilde hängen. Es bestand aus zwei Stangen, die kürzere von beiden durchschnitt die aufrecht stehende Längere im oberen Drittel. Ein Kreuz. Als wäre dies das Zeichen gewesen, auf welchen Mareks Verstand gewartet hatte, fuhr dieser mit einem gewaltigen Ruck zurück in den Körper seines Besitzers. Marek öffnete lautlos den Mund und schloss ihn wieder. Alles wollte sein Geist jetzt nachholen – alles! Wo war er gerade? Was machte er hier? Er stand vor einem Kreuz , vor einem Tisch – falsch, vor einem Altar. Marek fuhr herum und starrte in die Halle. Das war keine Halle. Dieses gewölbte Dach, die lang gereihten Bänke, Bilder an den Wänden – große Bilder biblisch anmutender Szenarien. Über dem Eingang schimmerte blanker Stahl in langen Röhren, meterhoch, bestimmt zwei Dutzend, der Größe nach geordnet. Die dunkle Masse hinter den strukturierten Fenstern – das war Erde. Erde und Wurzeln, die diese Halle umschlossen. Er war in einer Kirche. Eine Kirche begraben in einem Berg. Nein. Diese Kirche WAR der Berg.
Marek wurde schwindlig. Er musste sich festhalten. Seine Hand wollte sich auf den Altar stützen, schreckte aber im Moment der Berührung wieder zurück. Der Marmor war warm. Warm wie die Wand im Vorraum. „Warum ist er nicht kalt?“, flüsterte Marek mit aufgerissenen Augen und beugte sich über den blanken Altar. Sein Spiegelbild schimmerte ihm entgegen. Er schaute wie hypnotisiert auf den Stein. Das war er, da drin. Das waren seine strähnigen Haare, seine grauen Augen, seine angehenden Fältchen. Im nächsten Moment war es Marek, als ob die einsetzende Erkenntnis ihm die Luft aus den Lungen zog. Das Blut begann in seinen Ohren zu rauschen und ihm wurde übel. Warum konnte er sehen? Bei seiner Flucht den Glockenturm hinab – das musste es gewesen sein – ein Glockenturm – hatte er nicht darauf geachtet, dass das Tageslicht aus dem Loch im Deckel längst verschwunden war, und später hatte er es einfach als gegeben hingenommen. Wieder fuhr er herum und blickte in die Weite des Saales. Ja, die Fenster waren schwarz von Erde, aber der Raum – das gesamte Gebäude – war in ein mattes Leuchten getaucht. Nirgends konnte Marek eine Lichtquelle ausmachen. Schlimmer noch – es gab auch keine Schatten. Selbst unter den Holzbänken trat jede Unebenheit des steinernen Bodens hervor.
Marek würgte. Wie betäubt stieg er die Stufen vorm Altar herab und erwartete Panik und nackte Angst. Stattdessen spürte er, wie seine Gedanken wieder begannen aus ihm heraus zu fließen. ‚Jetzt werde ich verrückt.’, dachte er bei sich. Ein Krampf durchzog seinen Leib und Marek übergab sich. Geschwächt ging er auf die Knie und fiel neben sein Erbrochenes. Das Rauschen in den Ohren wurde zum Dröhnen. Die Welt verließ ihn.
