Essenz – Tag 5 – Mittwoch – 2. Teil

foto_Tag5_Teil2.jpg

Heinz Korsak wollte sich gerade eine Pause gönnen. Er war Richtung Kirchplatz geschlendert, hatte die Bank an der Gabelung zu ihrer Straße in Beschlag genommen und sich ein Pfeife angesteckt. Der Tabak wollte nicht so recht glimmen. „Ist wohl feucht geworden“, grummelte Heinz missmutig zu sich selbst. Das Wetter schlug ihm aufs Gemüt und eigentlich war er doch fürs Pfeife rauchen noch zu jung. ‚Pfeife ist was für alte Säcke, die nicht mehr in der Lage sind eine Kippe abzuklopfen, ohne vorher alles auf dem Weg zum Ascher zu verzittern.’, hatte er immer gesagt, deshalb rauchte er auch nur heimlich, und wenn niemand zu sehen war. Er strich sich über das lichter werdende Haar. Ja, er war etwas älter geworden und dieses Dorf, das sich vor ihm in all mittäglicher Stille ausbreitete, hatte er sich auch bewusst so ausgesucht. Ruhig sollte es sein und man sollte nicht immer durch die halbe Stadt gondeln müssen um jemandem Hallo sagen zu können, der einem auch dabei ins Gesicht schaute. Na so schlimm war es nun auch nicht in der großen Stadt gewesen und sicherlich hätte ihn auch die Schreinerei weiter ernähren können, aber er war jetzt siebenundfünfzig und irgendwann hört man auf große Sprünge zu machen – ob man will oder nicht. Und dieser Sprung, den er zusammen mit seiner ollen Helene jetzt vollbracht hatte, war schon nicht verkehrt.

Heinz kratzte sich nachdenklich am Kopf. Wenn er jetzt noch eine Runde ums Dorf drehen würde, ginge bestimmt irgendwo eine Tür auf und der Nachmittag würde in einem ausgedehnten Schwatz enden. Aber eigentlich wollte er ja heute auch endlich damit beginnen, den alten Schuppen im Garten abzureißen. Vier Jahre lang hatte er versucht, ihn zu reparieren, doch dieses Mistding sah nach jedem Sturm schlimmer aus. Da er Schreiner war, war ihm das inzwischen so peinlich, dass er schon eine große graue Plane darüber gespannt hatte, damit diese durch die Zugkraft der Halteseile das Ding im Stand halte.
„Na Heinz? Machste Pause?“, rief plötzlich eine Stimme von der Rechten. Scheinbar kam der Nachmittag heute zu ihm und nahm ihm die Entscheidung ab. Es war Günther Thomak, der sein breites Grinsen durchs Dorf trug. Heinz zündelte noch mal in der eigentlich schon leeren Pfeife. Er wusste, dass der Tabak schon längst verbrannt war, aber er dachte, das sähe vielleicht chic aus. Hätte er ein Glas Rotwein dabei gehabt, so hätte er auch dieses jetzt erst sanft geschwenkt und dann daran genippt, nur um das entsprechende Bild zu verkaufen.
„Muss auch mal sein, Günther. Wie lief die Reha? Wie kommt es denn, dass du schon wieder hier bist – streiken die Wirte in der Stadt?“ Diese kleinen Seitenhiebe konnte man sich bei Günther erlauben. Das war genau sein Humor.
„Wie sagt man so schön – „Es läuft“, antwortete dieser und ließ es sich nehmen sein eigenes Wortspiel durch lautes Gelächter zu feiern, als er sich neben Heinz auf die Bank fallen ließ.
„Mein Freund, der Herbert, der hat ’ne neue Flamme und ich penn doch, wenn ich drüben bin, immer bei ihm auf der Couch. Na ja, und wenn der alte Sack schon mal was am Laufen hat, will ich ja nicht der Grund sein, warum er sich zurückhalten muss, verstehste?“
Günther grinste, Heinz lächelte zurück. War Heinz zu alt für solche Sprüche? Unsinn, das war ureigenstes Männergebaren – da gab es höchsten eine Grenze nach unten und die Toleranz war nach oben hin ein Trichter.
„Is’ es denn wenigstens ’ne Frau?“, presste Heinz hervor, ohne dabei die Pfeife aus dem Mundwinkel zu verlieren. Günther schien ein wenig rot zu werden.
„Natürlich ’ne Frau, was denn sonst? Denkste ich hab so einen von denen zum Freund?“ Ein kleiner Lacher sollte Entschärfung bringen, doch bei diesem Thema war Günthers Erziehung wohl dann doch etwas konservativ verlaufen und Heinz machte sich einen Spaß daraus näher darauf einzugehen.
„Das kann man doch heutzutage gar nicht mehr so genau voraussagen.“, antwortete er „Sogar bei Marek war ich mir ’ne Zeit lang da nicht sicher. All diese komischen Künstler, mit denen er sich früher so umgab. Wenn Unsereins sich im Laden ein paar neue Rasierklingen kaufte, packten die Haarspray und Duftwässerchen aufs Band. Wo will man denn da noch schlau werden?“ Wieder zündelte Heinz lässig in der ausgerauchten Pfeife herum und Günther kommentierte, entgegen seiner Art, mit einem kurzen „Tja.“.
„Na aber irgendwann hatte er dann ja doch noch die Kurve mit Janet gekriegt – dachten wir jedenfalls. Und dann kamen Charlotte und Karen, und dann verloren Helene und ich irgendwann den Überblick. Ist ja auch ein schmucker Junge. Erst bei Isabel stiegen wir wieder ein. Lag wohl daran, dass die Beiden die Zweimonats-Hürde geschafft hatten.“
„Wie alt ist dein Junge jetzt?“, fragte Günther.
„Vierunddreißig.“
„Zu unserer Zeit war es üblich, da schon mindestens zwei Kinder in die Welt gesetzt zu haben. Was ist bloß los mit den jungen Leuten?“
„Wem sagst du das?“, stimmte Heinz zu. „Ich meine, ich fühle mich zwar nicht als Opa, aber so langsam wäre es doch mal an der Zeit. Man will ja auch noch was von der Sache haben, oder?“ Günther nickte und beide schauten eine Weile hinüber zur Kirche, hinter der sich unter schweren Wolken stumm und friedlich der Hügel erhob.
„Is’ aber auch echt ungemütlich heute. Ich hoffe da kommt dieses Jahr noch was.“, versuchte Günther das Gespräch wieder anzukurbeln.
„Nun lenk mal nicht ab“, monierte Heinz. „Was ist denn eigentlich mit dir? Bist zwar ein wenig füllig auf den Hüften geworden, aber warst doch bestimmt auch mal n hübscher Bursche.“, dabei tätschelte Heinz Günther den strammen Bauch und schmunzelte. Männerkomplimente über sein Äußeres gehörten nicht gerade zu den Themen, denen Günthers Souveränität gewachsen war.
„Was soll mit mir sein?“
„Na komm. Mit dem Bein biste ja nun nicht geboren worden und ein kräftiger Bauer mit eigenem Hof – dir müssen die Mädels aus der Gegend doch zugeflogen sein?“
„Ach, du weißt doch wie das ist“, antwortete Günther mit gesenktem Blick. „Es war halt nicht die Richtige dabei.“
„Ach na komm“, bohrte Heinz weiter. „da wird es doch wohl mal die große Liebe gegeben haben – so eine Frau, für die man sogar aufs Land – oder in deinem Fall in die Stadt ziehen würde? Mit der man im Heu knuddeln und nachts endlos die Sterne zählen will. Oder hatte Mama da etwas dagegen?“
Heinz bereute den letzten Satz schon vor dem Aussprechen, aber er war nicht mehr aufzuhalten gewesen. Er hatte natürlich von Günthers engem Verhältnis zu dessen Mutter gehört und auch die Ereignisse um deren letzte Tage und die ortsferne Beisetzung waren ihm bekannt. Hatte seine Frau nicht sogar gestern Abend noch irgendwas darüber erzählt? Aber nach dem Tag hätte man ihm vom morgigen Untergang der Welt erzählen können und er hätte nur müde zugestimmt. Günther rutschte unruhig hin und her.
„Tut mir leid Günther.“, sagte Heinz und nahm dafür sogar die Pfeife aus dem Mund.
„Was tut dir denn leid?“, fragte Günther grinsend. Heinz gefiel dieses Grinsen nicht. Es war nicht ehrlich. Heinz druckste.
„Ich wollte jetzt hier nicht auf deiner Mutter rum reiten. Weiß ja, dass das – na ja – also ich hab gehört -“
„Was hast du gehört?“, fiel ihm Günther ins Wort. Die hinter dem Lächeln schwimmende Aggression war neu für Heinz.
„Ich hab’ halt mal gehört, wie das so war mit deiner Mutter, kurz bevor sie starb und dass sie nicht hier beerdigt worden ist -“,
„Heinz, das geht dich einen feuchten Scheiß an!“ presste der Sonnenschein des Dorfes hervor. „Du bist hier erst vier verschissene Jahre und ich schon mein ganzes Leben, genau so wie die Heike und der Franz und die Silvia und wie eigentlich fast alle hier, also halt dich da raus!“
Die Härte dieser Worte entgeisterte Heinz. Einen solchen Kraftausdruck von diesem gemütlichen Bären verpasst zu bekommen, und jetzt gleich im Doppelpack, war mehr als unerwartet.
„Mensch Günther – hast ja Recht, dass ich noch nicht so lange hier bin, aber ist das denn eine Art so mit mir umzuspringen?“
Es war keine Besänftigung in Sicht. Der mächtige Leib hatte sich erhoben und seinen dicken Zeigefinger auf Heinz gerichtet „Was mich und meine liebe Frau Mama angeht, so sind dir über jedes Urteil die Hände gebunden.“
„Aber ich will doch gar nicht urteilen, ich -“, Günthers Stimme schwoll an. „Mein liebe Frau Mama hat mehr für dieses Dorf und für alle anderen verschissenen“, da war es wieder, „kleinen Menschen hier ringsum geopfert, als du und deine Hausfrauentante es je begreifen könntet!“
„Himmel Günther, ich beschwöre dich – jetzt mäßige dich mal bitte.“, Heinz war ernst geworden. Der Mann vor ihm war zwar mit Sicherheit doppelt so schwer wie er und lief Gefahr völlig auszurasten, aber das gab ihm nicht das Recht den Bogen dermaßen zu überspannen.
„Einen Scheiß werde ich tun“, scheinbar kannte er wirklich nur diesen einen Kraftausdruck. „Ihr könnt auch gleich wieder zurück in euer feines Düsseldorf und dort mit euren verkorksten Typen rummachen. Ich lasse mich von dir, hier in meinem Ort, nicht vorführen!“
Heinz verstand noch immer nicht, was den Mann so die Beherrschung verlieren ließ, aber er selbst war inzwischen stocksauer. Er stand ebenfalls auf um auf Augenhöhe zu sein.
„Jetzt hör’ mir mal gut zu, mein Lieber“, setzte er an „meine Frau und ich arbeiten hier Tag und Nacht um das Haus, was einer deiner tollen Dorfbewohner von Grund auf ruiniert hat, wieder in Schuss zu bringen. Wir stecken jede Müde Mark hier rein – und nicht nur in das Haus, sondern auch in das Dorf. Was glaubst du denn, wo die Bank her kommt, auf der wir hier eben noch frisch gesessen haben? Denkste, die ist hier gewachsen? Mit meinen alten Händen habe ich die gebaut. Mit zwei intakten Händen, wie auch DU sie hast. Ich könnte mich auch genau so gut hinsetzen, Frührente kassieren und fett werden. Aber dafür fehlt mir dann wohl die Gemütlichkeit und die Gelassenheit. Also sag’ mir nicht, wer hier wie um seinen Ort bemüht ist?!“
Das hatte gesessen. Günther war sprachlos – Heinz ebenfalls. Wenn der alte Schreiner erst mal richtig loslegte, blieb kein Auge trocken, aber für eine zweite Welle fehlte ihm dann meistens die Schlagfertigkeit.
Der Mann aus Stahl schluckte und sah zu Boden. Seine Arme hingen herab. Die Knöchel der geballten Fäuste schimmerten weiß. Einen Moment lang dachte Heinz, dass ihm im nächsten Augenblick ein Prankenhieb das Licht ausknipsen würde, aber Günther hob plötzlich den Kopf, drehte ihn bedächtig zur Seite und blickte zur Kirche. Heinz entspannte sich ein wenig und folgte seinem Blick. Nein, der Blick schien gar nicht das Gotteshaus zu erfassen, sondern irgendwas anderes. Heinz konnte nichts erkennen und dachte sich, dass der ehemalige Bauer wohl nur in Gedanken seinen körperlichen Erstschlag vorbereitete. So standen sie da. Zehn Sekunden – vielleicht fünfzehn. Günther blickte wieder zu Boden.
„War nicht so gemeint.“, platzte er hervor.
„Klang aber ganz anders.“, erwiderte Heinz trotzig. Er war immer noch sehr erregt und wollte das Gesagte nicht so einfach ungesühnt lassen.
„Na komm – hab’ schlecht geschlafen und da wärst du auch ein wenig brummig, oder?“ Diese zurückkehrende Fröhlichkeit war Heinz suspekt.
„Ich geb’ dir heute Abend Einen aus, was?! Na komm – so alte Säcke wie wir kriegen sich schon mal in die Wolle.“, und ein kräftiger Klaps auf Heinz’ Oberarm sollte die neue Verbrüderung untermauern. Heinz aber war ratlos und traute dem plötzlichen Frieden nicht. Er schwieg.
„Also, wir sehn uns heut’ Abend. Bis dann und nichts für ungut.“, flirtete Günther weiter, drehte sich verlegen um und ging in Richtung seines Hauses. Heinz rührte sich immer noch nicht. ‚Dieser unverschämte Kerl tut jetzt wirklich so, als wär’ nichts gewesen.’, dachte er bei sich. Günther drehte sich im Gehen noch einmal um und winkte dem verwirrten Schreiner zu. Es war ein fast schon schüchterner Gruß, wie das Kind, das prüfen möchte, ob die Mutter noch sauer ist.
Heinz antwortete mit einem steifen Nicken. Er war innerlich immer noch zu aufgeregt. ‚So geht man doch nicht mit seinen Mitmenschen um’, dachte er weiter. ‚Ich weiß ja nicht, welche Erziehung der Mann genossen hat, aber bei dem saß der Klammerbeutel wohl eindeutig zu locker.’ Der Schreiner nahm wieder Platz und konnte und wollte sich nicht beruhigen. Sein linker Arm schmerzte etwas – war wohl gestern doch etwas viel für die alten Knochen. Er hatte den gemütlichen Bauern immer für freundlich und zuvorkommend gehalten – ja ihn sogar wegen des Umgangs mit seinem Bein immer bewundert. ‚War etwas bei der Reha vorgefallen? Hatte Günther vielleicht schlechte Nachrichten bekommen und konnte sie niemandem erzählen?’, überlegte Heinz weiter und rieb sich den Arm. Scheinbar war dieser einsetzende Muskelkater doch übler als er dachte. Vielleicht war es auch eine Entzündung? ‚Und von jetzt auf gleich tut er so, als sei nichts gewesen. Sitzt hier feist auf meiner Bank und erzählt mir was vom Beitrag für die Gemeinde. Frechheit!’ Diese Aufregung schien nicht nachzulassen. Sein Herz pochte spürbar und Schweiß trat ihm auf die Stirn. ‚Ich muss Helene noch mal wegen gestern fragen. Da war doch was mit Günther. Und Heike war auch dabei. Na, die wird’s bestimmt wissen – weiß ja immer alles. Verdammt, jetzt könnte ich mich aber auch langsam mal wieder beruhigen. Das ist der Kerl doch gar nicht wert. Außerdem könnte ich was zu Trinken vertragen. Der Tabak schmeckt ja fürchterlich. Ich geh’ mal zu Helene.-‘ Heinz wollte sich erheben, aber seine Knie versagten ihm den Dienst. Sein Körper wurde auf den Boden gezogen. Einem Betenden gleich, kniete er für einen Moment auf der Straße und lies seine Augen dem Schwarm dunkler Vögel folgen, der hinter der Kirche aufstieg. Dann wurde es dunkel. Heinz Korsak verlor das Bewusstsein.

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar