Essenz – Tag 4 – Dienstag – 2. Teil

Die Gedanken waren schwer und ungeordnet. Aufrecht im Bett sitzend schaute Marek aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Ab und an wanderte sein Blick argwöhnisch zu dem schwarzen Notizbuch, das nun auf dem Tisch lag, fast so als könnte sein Geist jetzt ausradieren, was er zwei Stunden zuvor ohne sein Zutun geschaffen haben musste. In der dieser Situation hätte er mit Allem gerechnet – auch dass das Buch plötzlich aufspringen und nach ihm schnappen könnte. Er schaute auf den Wecker. Ein Uhr. Marek rutschte in seinem Bett nach unten und begann den Kopf so weit unter die Decke zu ziehen, dass nur noch die Nasenspitze draußen nach Luft suchen durfte. So würde er jetzt verweilen bis ans Ende aller Tage. ‚Das ging schon in Ordnung’, dachte er sich.
Sein Telefon klingelte. Ach verdammt – das hatte er ja extra hier gelassen um Frieden zu haben. Sicher war es Isi, aber dieses Risiko bedachte er erst, als er das Gespräch bereits mit einem Tastendruck entgegennahm.
„Hi Isabel.“
„Oh – ich bin erfreut“, antwortete eine sanfte Stimme, die ihm vor wenigen Wochen noch wohlige Schauer bereitet hätte. „Eigentlich dachte ich, du hättest meine Nummer schon gelöscht, aber wie ich sehe hängst du noch an mir.“
Zynische Bemerkungen waren ihre Stärke – vielleicht die Einzige – ja, er hatte ihre Nummer gelöscht und wilde Zahlen, die bei Anruf auf dem Display erscheinen, konnte er sich noch nie merken. Egal. Wer ihn in so einem Moment auf die Nerven gehen wollte, konnte nur Isabel heißen.
„Ich hänge an dir wie Kaugummi am Schuh und jetzt entschuldige mich bitte, ich hatte einen harten Tag. Auf Wiedersehen.“
Marek legte auf. Ja, das Bett wurde wärmer und wärmer. Ihm war klar, dass auch ihr Telefon eine Wahlwiederholung hatte:
„Ja, was denn noch?“
„Nur weil du, wie ich dich kenne, noch im Bett liegst und wahrscheinlich gerade irgend so ein dürres Klappergestell an dir hängt, dem du gestern Abend besoffen in den Schoß gestolpert bist, brauchst du nicht gleich unhöflich zu werden.“, sprach Isi’s sanfte Stimme weiter. Aua – austeilen konnte sie schon immer. Soweit er sich erinnern konnte, war er noch nie besoffen irgendwo „reingestolpert“. Aber diese Märchentantenstimme, der sie sich bei seiner Erniedrigung bediente, war schon bemerkenswert.
„Zum Einen stolpere ich nicht, sondern ich zelebriere den grazilsten Ausdruckstanz, den Mutter Natur uns gegeben hat und zum Anderen bin ich nicht da.“
„Auch gut – dann bleib’ bei deinem Gerippe und ich hol mir, was mir zusteht.“
„Dann nimm den Müll mit, wenn du gehst.“ ‚Gut gekontert’, dachte sich Marek. ‚Primitiv, aber gut. Immerhin ist sie es, die sich auf Unterstufenniveau herablässt. Marek hatte zudem keine Lust ihren Modellkomplex zu bedienen. Isabel war eine schöne Frau. Eigentlich sogar bildschön und immer gut gekleidet. Sie waren ein recht ansehnliches Paar gewesen. Nur hatte sie einfach mal einen kleinen Knacks weg, der ihre Oberschenkel betraf und das nur, weil er mal im Kaufhaus vor der Umkleide gesagt hatte, sie solle lieber gleich eine Nummer größer mitnehmen.
Sie ging nicht auf seine großmeisterliche Bemerkung ein – irgendwie schade: „Also wie gesagt – ich habe noch ein paar Klamotten und die zwei Schnittmusterbücher bei dir. Außerdem bekomme ich noch 34,21 Euro Gasnachzahlung und der Internetanschluss läuft sicher auch noch auf meinen Namen, oder?“
‚Zusammenziehen war ne Scheißidee gewesen’, dachte sich Marek nicht zum ersten Mal seit ihrem plötzlichen Auszug vor drei Monaten. Und wie so oft in diesen unzähligen Gesprächen kam er an die Stelle, als so etwas wie Bedauern in ihm hoch stieg.
„Hör mal Isi – müssen wir denn immer in diesem Ton miteinander reden? Ich meine, wir sind doch erwachsene Menschen -“
„Alter hat nichts mit geistiger Reife zu tun, Herr Schriftsteller.“
„Ja ja – schon klar. Ganz groß! Hör mal, vielleicht hast du ja doch noch einen Funken Anstand in dir und wir reden noch mal über alles. Ich will ja keine Entschuldigung, aber wenigstens mal ein paar klare Worte, so wie wir sie früher auch finden konnten.“
„Du erwartest wirklich eine Entschuldigung?“, die Stimme verlor etwas an Sanftheit. Hatte er sie tatsächlich aus der Fassung gebracht?
„Nein, ich sagte doch gerade, dass ich das nicht tue -“
„Junge, deine Nerven möcht ich haben.“ Oh – da hatte er wohl einen wunden Punkt getroffen, denn die Stimme verlor weiter an Hochmut und Festigkeit. Kurzes Schweigen. Warten. Marek holte Luft um etwas zu sagen, von dem er noch nicht wusste, was es werden sollte, aber da klickte es in der Leitung und das Gespräch fand ein Ende.
‚Genug für heute’, schlossen seine Gedanken das Gespräch ab. Es tat ihm ein wenig Leid, dass er Isi soweit getrieben hatte. Sein Ego klopfte ihm auf die Schultern – gut gemacht, Junge! Tolle Leistung! Aber trotzdem war es irgendwie nicht befriedigend.
Er ließ das Telefon auf den Boden fallen, drehte sich um und begann zielstrebig auf ein Nickerchen zuzusteuern.
Zwei Stunden später klopfte es an der Tür. Helene Korsak hatte all ihr hausfrauliches Können mit mütterlichen Instinkten gepaart und ein feines Kaffeekränzchen organisiert. Da Heike von nebenan gerade auf einen Klatsch vorbeigekommen war, befahl sich ein drittes Gedeck auf den Tisch und der Sohnemann sollte nun in bester Manier dazu stoßen. Dieser fuhr erst beim dritten Pochen aufgeschreckt hoch, besann sich kurz wo er war und kündigte brummelnd sein baldiges Kommen an.
Helene war eine dieser klassischen, gutbürgerlichen Hausfrauen, die, nachdem die Kinder oder vielmehr das Kind aus dem Haus war, erkannten, dass sie vom Rest des Lebens mehr erwarteten, als das Hüten des Hauses und das Verfolgen sinnentleerter Nachmittagstalkshows. Somit gründete sie in Düsseldorf einen kleinen Buchclub, in dem sie mit Freundinnen ähnlicher Situationen wöchentlich Besprechungen durchführte. Meistens arteten diese Treffen dann doch in Klatsch- und Tratschrunden aus, jedoch vermied es Helene immer, sich in wilde Diskussionen über Kochrezepte und die neusten Küchengeräte einzubringen. Das war ihr dann doch wieder zu klischeehaft, und außerdem war sie eine gute Köchin, die alles aus ihrer Kreativität heraus erschuf und dafür keine Bücher voller irrealer Hochglanzbilder brauchte. Sie war bescheiden in materiellen Dingen und immer stolz auf ihre Arbeit. Dass ihr Sohn mit Vierunddreißig immer noch nicht finanziell auf sicheren Beinen stand und auch ein Enkelkind noch in weiter Ferne schien, trübte ihren Frohsinn ein wenig. Ihr Mutterinstinkt sagte ihr auch, dass das mit dieser hübschen, blonden Schneiderin nicht mehr so ganz aktuell war. Sehr schade. Sie hatten so ein schönes Paar abgegeben. Aber die Heike von nebenan wäre ja auch keine schlechte Partie – gut, sie war sechs oder sieben Jahre älter, aber wir leben ja in modernen Zeiten und mit dem kleinen Frederik, kam sie ja auch gut klar. Aber sie würde natürlich nie versuchen zu kuppeln – ihr Junge war schon groß und traf seine eigenen Entscheidungen. Nur in ihren Augen nicht immer die richtigen.
Als Marek dann endlich schlaftrunken die Treppe heruntergetorkelt kam, war er etwas überrascht die Nachbarin anzutreffen.
„Hallo -“, setzte er an und hoffte die Peinlichkeit überspielen zu können, dass der Name ihm bereits entfallen war. Heike aber wartete und lächelte ihn an.
„Tut mir Leid.“, gab Marek schließlich auf. „Aber ich musste mir in den letzten Tagen so viele Namen merken, dass Ihrer einfach durchgerutscht ist.“ Eine feine Notlüge, denn die handvoll neuer Namen sollten ja nun eigentlich kein Problem darstellen.
„Heike – und wir waren per Du.“, lächelte sie weiter und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ach ja stimmt. Freut mich. Ist dein Kleiner noch in der Schule?“
„Nein, der wollte unbedingt draußen spielen – hier kommt sowieso nie ein fremdes Auto vorbei und die Leute, die hier wohnen fahren wegen der Kinder extra vorsichtig.“
„Greift doch erstmal zu“, unterbrach sie Mama Korsak. Den aufgelösten Kuchen des Sohnes hatte sie natürlich entsorgt und stattdessen ein paar Kekse gebacken. Es war bereits halb vier und das Licht des Tages befand sich schon wieder auf dem Rückzug.
So plauderten die Drei über dies und das und entspannten sich jeder von seiner eigenen Weise den Tag zu verbringen. Heike war eigentlich Sekretärin im Chemiefaserwerk in der Stadt, hatte aber diese Woche Urlaub. „Das musste einfach mal sein“, sagte sie und beklagte sich ein wenig über die Mühen einer allein erziehenden Mutter.
„Aber so eine Dorfgemeinschaft ist da schon viel wert. Wenn ich zum Beispiel nicht den Pfarrer Bernd hätte, der schon so oft auf den Kleinen aufgepasst hat, oder Fred, der auch nach seiner Runde immer noch ein paar Brötchen vor meiner Türschwelle ablegt, wäre es wohl richtig hart.“
Marek wunderte sich. „Herr Ralesch hat auch eine freundliche Seite? Erstaunlich.“
„Urteile nicht zu hart“, meinte Heike. „Er ist nur etwas – sagen wir mal – einfach im ausdrücken seiner Gefühle. Ja, ich glaube sogar, der alte Hund hat was für mich übrig, aber zum Einen ist er viel zu alt für mich und zum Anderen brauche ich etwas mehr geistigen Input, wenn du verstehst, was ich meine.“
Holla – sollte das etwa eine Anmache sein? Die Mutter verstand sofort und schaute spitzbübisch über den Rand ihrer Kaffeetasse auf den Sohnemann. Marek aber dachte nicht ganz so weit: „Ja, das verstehe ich – na ja – aber ich glaube, dass jede ernsthafte Suche irgendwann belohnt wird, solange man ihr konsequent treu bleibt. Das Glück gehört den Tüchtigen. Ja schaut mich nicht so an. Manche Eurer alten Phrasen haben halt immer noch Hand und Fuß.“
Die Mutter schmunzelte, aber Heike war sich nicht ganz sicher, ob sie sich von dieser verbalen Grobmotorik geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. Sie entschied sich für die Flucht nach vorn und schob sich einen Keks in den Mund um jeglichen Kommentar schuldig bleiben zu können.
„Hast du denn inzwischen auch was vom Dorf gesehen?“, versuchte die Mutter aufzulockern.
„Ja, Günther hat mich gleich am Montag schon in Beschlag genommen und eine offizielle Führung veranstaltet. Wir sind vom Kirchplatz einmal ums ganze Dorf und zurück bis zum Friedhof gelaufen, waren kurz am Grab seiner Frau und haben später noch ein paar Gläser gelehrt.“
Heikes verwirrter Blick machte Marek unsicher. Hastig den Keks zerkauend wunderte sie sich: „Aber Günther war nie verheiratet.“
„Kann nicht sein“, antwortete Marek. „Er hat mir von ihrem Tod erzählt. Der arme Mann. Und auf dem Grabstein stand auch ihr Name – Klara Thomak.“
„Das kann nicht stimmen“, erwiderte Heike und schluckte die letzten Brocken herunter. „Günther und ich sind hier geboren und aufgewachsen und ich hätte doch mitbekommen, wenn er geheiratet hätte. Auch kennt hier im Ort jeder jeden und so etwas kann man nicht verbergen.“
Mama Korsak mischte sich ein: „Vielleicht war es ja nicht seine Frau, sondern seine Mutter und er hatte nur etwas durcheinander gebracht.“
„Seine Mutter hieß Hilde – Hilde und Klara klingt nicht mal ähnlich. Außerdem ist Hilde auf eigenen Wunsch nicht hier, sondern in der Nachbargemeinde beigesetzt worden. Das war damals ein Drama, sag’ ich euch.“
„Warum ein Drama?“, frage Marek.
„Weil niemand den plötzlichen Sinneswandel verstand. Jeder, der hier im Dorf lebt, liebt sein Haus, seinen Ort und die Gemeinschaft. Niemand würde auf die Idee kommen, sein ganzes Leben hier zu verbringen, aber in fremder Erde beigesetzt zu werden. Wenige Tage vor ihrem Tode aber machte die alte Thomak eines Morgens ein Geschrei, als würde sie abgestochen werden. Das halbe Dorf war gerade auf dem Weg zur Arbeit in die Stadt und strömte zum Haus. Die Tür war offen. Jedenfalls war ich damals auch dabei und fand Günther völlig außer Fassung am Bett seiner Mutter stehen. Er schüttelte die alte Frau, die mit offenen Augen im Bett lag und schrie. Sie wollte nicht aufhören und Günther war sichtlich verzweifelt. Das wirklich Unheimliche war aber die Art, wie sie schrie. Alte Weiber neigen ja zu schrillen Stimmen, aber das was da aus ihrer Kehle drang, hatte schon fast etwas Unmenschliches. Ich bin nicht gottesfürchtig und ich glaube auch nicht an Dämonen oder ähnlichen Kram, aber als ich da zusammen mit Günther und bestimmt zehn anderen Leuten aus dem Dorf in dem kleinen Zimmer der Frau Thomak stand, war es uns, als würde ein großes Tier kreischen. So als wäre es gefangen und brüllte vor Wut und Schmerz nach Leibeskräften. Dazu diese weit aufgerissenen Augen die ins Nichts starrten und das hilflose Gejammer von Günther – es war furchtbar, sage ich euch.“
Marek und seine Mutter sahen sich an. Beiden waren bleich geworden. „Und dann?“, frage Marek. Heike holte tief Luft. Scheinbar fiel es ihr nicht so leicht diese alte Geschichte wieder hervorzuholen.
„Plötzlich wurde die Alte unerträglich laut. Die körperliche Leistung war enorm, aber daran dachte in dem Moment niemand und alle im Raum mussten sich die Ohren zuhalten. Günther ging vor dem Bett in die Knie und brach in Tränen aus und wimmerte nur noch, als Hilde Thomak schlagartig aufhörte. Aber ich meine wirklich schlagartig – sie wurde nicht leiser und dann still, sondern von jetzt auf gleich war Ruhe. Niemand im Raum traute sich etwas zu sagen. Einen Moment lang starrte sie noch an die Decke, bis Günther wieder Fassung gewann und sie ansprach, ob alles in Ordnung war und was denn los gewesen sei. Da schien die Alte von weit her zurückzukehren und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wendete sich zu ihrem Sohn und flüsterte ihm etwas zu. Ich stand Günther damals am nächsten und konnte es hören.“
