Essenz – Tag 4 – Dienstag – 1. Teil

Vorbei und wie nie da gewesen erschien die Sonnigkeit der letzten zwei Tage, als Marek sich um acht aus dem Bett schälte. Hatte sich nach so kurzer Zeit wirklich schon sein Rhythmus verschoben? Normalerweise ging er nicht vor drei ins Bett und folglich bekam ihn auch vor Zwölf keiner zu Gesicht. Das Wetter lud auf jeden Fall zum im Bett bleiben ein. Graues Blei zog sich träge über den Himmel. Ab und an zerzauste eine Böe die kirchlichen Pappeln und Bäcker Ralesch hörte man nach jedem Kunden rufen „Tür zu!“. Bei dem Gedanken an seine Ausflugspläne dache Marek: “Wenn sein Brot so kräftig ist wie seine Stimme und sein Teig so sauer wie sein Humor, mache ich mir keine Sorgen um meinen Proviant.”
Als er noch überlegte, ob er sich des schlechten Wortspiels wegen gratulieren oder verdammen sollte, fiel sein Blick auf das Regal seiner Erfolge und er musste an die Porzellanpuppenbemerkung des Vaters denken. Das sollte es aber auch für heute mit den Selbsterniedrigungen gewesen sein.
Kuss für Mama, einen guten Tag für den Herrn Papa und raus auf die Straße. Ja, das war Gewinnerwetter. Marek konnte regelrecht spüren, wie die Energie, die hinter den Wolken darauf wartete in die Erde zu fahren, sich in ihm sammelte. Das war es, was ihm gefehlt hatte: Diese Urgewalten reiner Inspiration und konzentrierten Geistes. Auf, zu großen Taten – aber vorher noch schnell zum Bäcker.
Marek betrat den kleinen Laden, der Eins zu Eins seinen Vorstellungen einer Dorfbäckerei entsprach. Da gab es das Regionalblatt von gestern und die Bildzeitung von heute. Da es schon nach Neun war, befanden sich in der handgedrechselten Auslage nur noch vier einsame Kuchenstücken und in der hinteren Ablage noch ein halbes Roggenbrot, ein Vollkornbrötchen und vier Schrippen – oder halbe Semmeln oder wie auch immer die Dinger in diesem Teil des Landes hießen. Marek nahm alles. Immerhin hatte er vor den Tag in Wald und Flur zu verbringen. Von der Frau Mama hatte er ein schönes Stück Räuchersalami und ein viertel Pfund Butter mitbekommen. Zusammen mit seinem Taschenmesser und dem kleinen Notizbuch, mit angebundenen und stets gut gespitzten Bleistift konnte ihm nichts mehr passieren.
Herr Ralesch freute sich über den gierigen Kunden, denn nun konnte er vorzeitig schließen und vor seiner Runde mit dem Bäckermobil noch ein kleines Nickerchen machen. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, noch einmal nachzubacken. Seit jeher wurde eine feste Menge an Lebensmitteln für den Tag produziert und wem das nicht passte, der konnte die fünfzehn Kilometer ins Nachbardorf fahren.
Marek wollte seine Runde mit dem Hügel hinter der Kirche beginnen. An den Seiten war der Berg wesentlich weniger steil, als an der Stirnseite und Marek suchte sich eine geeignete Stelle für den Aufstieg, denn er wollte ja wandern und keinen Leistungssport betreiben. Der Boden war trotz des nächtlichen Regens sehr fest und die Bäume boten einen guten Halt um sich an allzu steilen Bereichen einfach daran hochzuziehen. Manchmal legte er auch eine Pause ein, lehnte sich an einen Stamm und blickte zurück zum Dorf. Schließlich erreichte er dann doch, leicht außer Atem, den Gras bewachsenen Gipfel – oder vielmehr das Gipfelplateau, denn auf der flachen Kuppe befand sich noch eine zweite Erhebung, die er aus der Ferne durch die verdeckenden Bäume nicht hatte bemerken können. Sie lag auf der dem Dorf abgewandten Seite und maß etwa fünf Meter in der Höhe und acht Meter in der Basis. Direkt daneben reckte sich eine stämmige Eiche dem unruhigen Himmel entgegen. ‚Das ist schon ein kurioser Berg’, dachte sich Marek und sah hinüber zum Dorf. Er konnte nun über die Kirche und die Häuser hinweg auf die weiterstreckten Felder und Wiesen schauen. Selbst eine Stadt – er hatte keine Ahnung welche – glaubte er am Horizont ausmachen zu können. Für solch eine schwere Wolkenfront, war die Luft erstaunlich klar. Der Wind hatte in der Stunde seines Aufstieges an Kraft gewonnen und peitschte die grauen Massen nun erbarmungslos übers Firmament. ‚Es ist eine bleierne See’, sprang es Marek in den Kopf. ‚Wie geschmolzenes, träges Metall. Es wogt, rollt, es schäumt und treibt.’ Er rechnete damit, dass jeden Augenblick riesige Ungetüme aus dem Himmelsmeer kopfüber auf die Erde zurasten, ihre langen, glänzenden Hälse gen Boden wandten und mit einem gellenden Schrei wieder in ihr Reich zurückfuhren.
Was war denn los mit ihm? So aufgeladen hatte sich Marek selten erlebt. Er setzte sich in das vom Wind zerwühlte Gras und hielt Brotzeit. Er dachte nicht daran, dass er inmitten eines Sturmes auf freiem Gelände saß. Er dachte auch nicht an die wenigen umstehenden Bäume, deren schwere, knorrige Äste ihn mit Leichtigkeit hätten erschlagen können. Dieses Schauspiel war einfach zu ergreifend. Das Licht nahm weiter ab. Marek saß wie hypnotisiert und wartete auf seine Seeungeheuer. Langsam schob er sich Brot und Wurst in zu irrer Verzückung verzerrten Mund. Und dann geschah es – kein Superlativ der Welt hätte dem Schriftsteller auch nur ansatzweise Das reichen können, was zur Beschreibung seiner Empfindungen notwendig gewesen wäre, als weit hinten auf freiem Feld ein Blitz lautlos in einen der Bäume einschlug. Der Kiefer hörte auf zu kauen und verharrte mit dem Rest des Körpers in gespannter Erwartung. Da zerriss ein Donner, wie er nur aus den Höllen sämtlicher vergrämter Seelen der Welt stammen konnte, das Firmament. Die Ungeheuer hatten begonnen zu rufen. Sie riefen ihn – ihn wie er da auf dem Berg saß. Kein Regen – sehr gut. Marek vergaß seine naturwissenschaftliche Grundausbildung und suchte unter der großen Eiche vor der Erhebung Schutz. Die leichte Abschirmung vor dem grausamen Odem der auf ihn zuströmenden Ungeheuer erlaubte ihm sein Notizbuch zu öffnen, aber er fand keine Worte, die er hätte hineinschreiben können. Dann zeichnete er halt. Hier ein paar Striche und dort ein paar Schraffuren. Für einen kurzen Moment kehrte ein Funken Klarheit in seinen Leib zurück. Irgendwas war hier doch nicht richtig – oder? Er war ein sensibler Schriftsteller aus Düsseldorf, der sich auf Dramen des täglichen Lebens zwischen Spüle und Herd spezialisiert hatte. Was faselte seine innere Stimme denn da von Ungeheuern und Himmelsozeanen? Und warum hatte er sich eigentlich nicht schon längst in Sicherheit gebracht? ‚Um Himmels Willen!’, schoss es ihm durch den Kopf. ‚Da hinten ist gerade ein Blitz eingeschlagen und ich stehe hier neben der höchsten Erhebung im Umkreis von mehreren Kilometern!’. Ein erneuter Blick auf die Wolken ließ den Funken der Klarheit erst zu rationaler Vernunft, dann zu aufkeimender Panik werden. Ja, sie zogen immer noch in seine Richtung und damit auch alle elektrische Ladung, die sich stetig in ihnen aufbaute.
Marek wollte rennen – nein – rennen ist nicht gut. Das Plato maß bestimmt fünfzig Meter freies Feld. Er wäre zwar immer noch kleiner als die riesigen Eichen, aber hier wurde nicht mehr gepokert. Kriechen – kriechen ist gut. Marek ließ sich auf den Bauch fallen und robbte über das Grün. In jeder anderen Situation hätte er sich wahrscheinlich bei der Vorstellung über sich selbst köstlich amüsiert, aber daran war jetzt nicht zu denken. Regen setzte ein. Viel Regen. Der Boden begann aufzuweichen und immer stärker werdende Böen drückten ihm Sand und Gras ins Gesicht. Es war, als wollte ihn der Wind am Boden festhalten. Als sollte er mitten auf dem Plato darauf warten, dass eines der Ungeheuer aus den Wolken hervorbrach und ihn verschlang. ‚Schluss jetzt mit diesem Ungeheuer-Mist’, schaltete sich sein Verstand dazwischen. ‚Du wirst jetzt schön weiterrobben – da vorn ist die Baumgrenze und danach geht’s nur noch bergab – Mitten im Wald kann dir nichts passieren!’. Das Licht schwand zusehends. Der Regen wurde so dicht, so dass Marek, als er den Kopf gen Dorf drehte, nicht mal mehr die Häuser hinter der Kirche erkennen konnte. Nur die Reste einer weißen Verputzung des Gotteshauses schienen ihm Trost spenden zu wollen. Zu dumm – nicht sein Fachbereich – und er würde auch jetzt nicht anfangen irgendwelche Mächte anzurufen. ‚Nur noch zwanzig Meter – das ist nicht viel.’, feuerte ihn sein Verstand an. Ein grelles Licht blendete ihn, ein lauter Schlag machte ihn taub. Zweier Sinne beraubt krallte er sich am Boden fest. Langsam wurde das Flimmern vor seinen Augen durchlässiger, und die Stille in seinen Ohren wich einem Rauschen. Marek versuchte den Kopf zu drehen. Die große Eiche an der er eben noch gestanden hatte war gebrochen. Der Einschlag der Naturgewalt hatte sie gefällt und die kleinen Flammen wurden bereits vom Regen gelöscht. Etwas Rotes blitze hinter dem entwurzelten Baum hervor. Irgendwas, das er kannte.
Marek konnte nicht mehr sagen, ob er sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte, oder ob es die Folgen des direkten Donnerschlags waren. Er lag noch immer auf dem Präsentierteller und er hatte Angst. Sein hoch entwickelter Verstand hatte keine klugen Ratschläge mehr für ihn sondern schrie nur noch einen Befehl: LAUF! Er sprang auf und rannte – rannte die zwanzig Meter fliehenden Schrittes direkt in den Wald hinein und auf den Abhang zu. Ihn umgab nur Rauschen. Er spürte den Regen, aber es war kein Auftreffen zu hören. Er verlor am Abhang den Halt. Strauchelte, fiel. Zerbrach im Fallen Äste und Zweige, aber das Knacken blieb aus. Nur Rauschen und diese tanzenden Lichter vor seinen Augen. Steine. Marek knallte gegen einen dicken Stamm und blieb liegen, raffte sich wieder auf und ließ sich erneut fallen. Da war er wieder – sein Verstand – und er rief ‚Halt!’. Er war fast am Ende des Hanges und damit am Ende des Waldes angekommen. Dahinter lagen gut vierhundert Meter freies Feld. Es wäre Selbstmord gewesen weiterzulaufen. Also blieb er wo er war – halb blind, taub und bereits ein Teil des sinnflutartigen Wassers, welches der Himmel über ihn herabstürzen lies.
So harrte er aus. Zehn Minuten, fünfzehn. Langsam kehrte seine Sehkraft wieder zurück und auch das Rauschen rückte in den Hintergrund. Das Gewitter zog über seinen Kopf hinweg, scheinbar ohne seine allmächtigen Finger noch einmal in den Boden zu rammen.
Als der Wind nachließ und nur noch der Regen sich beständig zu halten schien, löste sich Marek von seinem Heil und wankte über das Feld, vorbei an der Kirche, in die Seitenstraße zum Haus seiner Eltern. Es war gerade mal Mittag und seine Mutter war schon etwas in Sorge um ihn, als er das durchnässte Päckchen mit Bäcker Raleschs Kuchen auf dem Küchentisch ablegte. „Ich war mal schnell beim Bäcker“ bemerkte er trocken und die Mutter eilte sich ihm ein Handtuch zu bringen.
„Den Kuchen können wir bestimmt noch essen. Sag mal Junge warst du die ganze Zeit draußen? Bei dem Wetter? Du wolltest doch den Hügel hinauf, oder?“
„Ja Mama“, atmete Marek laut aus. „Das wollte ich. Ich geh’ mal heiß duschen und leg’ mich dann kurz hin. Ich komm dann runter und wir trinken unseren Kuchen.“
Marek erwiderte müde das Lächeln seiner besorgt dreinschauenden Mutter und begab sich nach oben. Sein Notizbuch warf er aufs Bett, alles andere, was er noch am Leib hatte, streifte er ab und warf es so wie es war in die Badewanne. Er war bei seinen Eltern – das ging schon okay.
Als Marek unter der Dusche stand, kam es ihm so vor, als ob noch ein Rest der Erregung, die er auf dem Hügel gespürt hatte, in ihm war und nun langsam von heißem Wasser aus ihm heraus gespült wurde. Ein leichtes Pfeifen hatte er noch im Ohr, aber das kannte er von diversen Konzertbesuchen und würde es schon morgen vergessen haben. Erschöpft, aber wieder entspannt, stieg er aus der Dusche, vermied es sich ein Handtuch umzulegen und spazierte in sein Zimmer. Das Bett war sein Ziel, das immer noch nach frischer Wäsche duftete und durch ihn bald auch wieder warm und kuschelig sein würde. Auf dem Bett lag immer noch sein Notizbuch. Es hatte sich beim Wurf wohl geöffnet und präsentierte ihm nun seinen schwarzen Rücken. Marek nahm es auf und drehte es herum. Als er sah, was sich da auf der aufgeschlagenen Seite befand, war es als stürze der Raum auf ihn ein. Nackt stand er da und starte mit zusammengepressten Lippen auf eine Zeichnung, die dort vor dem Zwischenfall auf dem Hügel noch nicht gewesen war. Wolken waren zu sehen. Tiefe, schwere Wolken und zwischen ihnen schoben sich tatsächlich mächtige Hälse mit gierigen Mäulern hervor. Die Hälse waren lang und schuppig, doch die Mäuler entsprangen Gesichtern mit fast menschlichen Zügen. Da waren Pupillen zu erkennen, die ins Leere starten und aus den oberen Enden der Hälse streckten sich Fortsätze, die wie wilde Hände aussahen. Die Mäuler schienen auf den Boden zuzurasen, aber da war nichts, was sie hätten greifen können. Der Boden war im Gegensatz zu den Wolken auch kaum mit Details versehen. Wenige Striche skizzierten eine Landschaft. Vielleicht war dies ein Baum oder jenes der Versuch eines Hauses. Marek fror. Trotz der heißen Dusche war ihm jetzt kalt. Er erkannte den kärglich gestalteten Boden als seinen Beginn ein Bild zu zeichnen. Aber er hatte es nicht vollendet – er hatte dort oben bei der Eiche inne gehalten und dieses Treiben unterbunden. Oder hatte er nicht? Das war aber nicht er – alles oberhalb des schlecht umrissenen Bodens war zu fein – zu filigran. Es hatte die Meisterhaftigkeit eines mittelalterlichen Holzschnittes. Grob in der Führung, aber fein in den Details. Selbst bei klarem Wetter wäre er nie in der Lage gewesen diese Zeichnung anzufertigen. Sein Blick fiel auf den Bleistift, der wie immer an dem Buch festgebunden war. Die Mine war bis auf den Grund herunter geschrieben.
