Essenz – Tag 3 – Montag

Essenz  Tag 3

Der nächste Morgen bot die gleiche Geräuschkulisse wie am Tag zuvor. Der Wecker auf dem Tisch, das Loch im Dach und die Vögel vor dem Fenster. Heute sollte ein guter Tag zum Schreiben sein. Voll sollte dieses öde Regal mit den zwei Machwerken werden. Voll, so voll, dass gar kein Platz mehr sein sollte für die alten Schinken, die man dann als Stütze unter das Regal legen müsste, damit es sich nach hinten neigen und nicht vornüber fallen würde. Neun Uhr – perfekte Zeit zum Aufstehen. Waschen, Anziehen, Frühstück empfangen und zurück an den Tisch am Fenster und dann Schreiben, Schreiben, Schreiben. Jawohl! Das war Mareks Tag! Alles lief auch genau so ab, bis er an die Stelle mit dem „Frühstück empfangen“ kam. Sein Vater wartete nämlich schon ungeduldig auf ihn und erinnerte an die Pläne vom letzten Abend, gemeinsam das Dach abzudichten. Ach verdammt – das hatte Marek ja schon wieder ganz vergessen. Aber der alte Herr setzte sein du hast Verantwortung übernommen“ – Gesicht auf und schon fand sich Marek im Blaumann und alten Arbeitsschuhen des Vaters auf der Baustelle im Hinterhof wieder.

„Ich klettere erst mal rauf und schau nach, was gemacht werden muss.“, sprach der Vater und kommandierte den Sohn zum Leiterhalter ab. ‚Wenigstens ein einfacher Job’, dachte dieser sich. ‚Ein Schriftsteller schreibt und klebt keine Dachziegel an. Werden die überhaupt geklebt?’ Natürlich wurden diese Dachziegel nicht geklebt sondern angenagelt, wie Marek wenige Minuten später herausfinden sollte. Drei kleinere Löcher und ein größeres brachten die Untersuchungen hervor. Bei dem ernsteren Fall musste sogar ein Balken des Dachstuhls ausgetauscht werden, da dieser über die Zeit schon zu verwittert war.
Der Vater freute sich sichtlich über die Zusammenarbeit mit seinem Sohn. Das hatte so was Traditionelles. So was Verbindendes. Plaudernd schlossen sie die ersten drei Löcher. Die Sonne stand hoch am Himmel, hatte aber bereits zu wenig Kraft um dem Vater die stetig wachsende Glatze zu verbrennen. ‚Mist’, dachte sich Marek, als ihn die schweißnasse, kahle Stelle ein ums andere Mal blendete. ‚Das ist erblich.’
Als der Kirchturm Eins schlug, kam Helene Korsak auf den Dachboden und reichte ihnen Suppe und Brot herauf. Marek war erst ein wenig verwundert, da er kein Ziffernblatt am Kirchturm erkennen konnte, und so auch davon ausging, dass kein Uhrwerk vorhanden war. Der Vater klärte ihn dann aber schnell auf, dass hier noch der Pfarrer jeden Tag Punkt Eins die Glocke läute. Ausgenommen sei der Sonntag, da läute er schon um Zwölf zur Messe, und der Dienstag, da der dann Pfarrer in einem anderem Dorf die Messe lese. Das hatte man irgendwann einmal so eingeführt, da in diesem Ort fast nur noch alte Leute wohnten, die nicht mehr aus eigener Kraft zur Messe nach Purzin kommen konnten. Da der Gemeinde das Geld für einen Busshuttle fehlte, hatte man kurzerhand beschlossen vor Ort eine kleine Kapelle einzurichten, in welcher der Dorfpfarrer Bernd dann zwei Tage später an einem kleinen, weiß gedeckten Tisch wiederholte, was er hier am Sonntag von der Kanzel gepredigt hatte.
Nach dem Essen ging der Vater hinunter um den neuen Dachbalken zurechtzuzimmern. Marek blieb oben, ließ seine Verdauung ihn schläfrig machen und genoss die Aussicht. Das Dorf grenzte zur einen Seite an Felder so weit das Auge reichte. Die Ernte war schon lange eingefahren und die braunen Flächen hegten in ihrem Schoß vielleicht schon das Saatgut für den nächsten Frühling. Einige einzelne imposante Bäume ragten in die Weite hinein. Man zollte ihnen wohl den Respekt sie am Leben zu lassen und Marek stellte sich vor, wie der zuständige Bauer jedes Jahr schimpfend seinen Traktor um das Hindernis im Feld herum manövrierte.
Links und rechts von ihm erstreckten sich auf gleicher Höhe die Dächer der Nachbarshäuser, von denen wohl bis auf wenige Ausnahmen jedes die geschickten Hände seines Vaters nötig gehabt hätte.
Zur anderen Seite hin grenzte das Dorf an ein Waldstück. Vielleicht zwei Hektar mochten es sein. Gleich zu Beginn am Waldrand wölbte sich eine große Erhebung hervor. Man konnte fast sagen, dass es ein kleiner Berg war. Sein Anstieg war ungewöhnlich steil und er ragte an der höchsten Erhebung in einer Linie nur knapp über die Kirchturmspitze hinweg. Vielleicht war er ihm deswegen die letzten zwei Tage nicht aufgefallen? ‚Sieht aus wie eins dieser Hügelgräber’, dachte sich Marek und kniff die Augen zusammen. Auf dem Berg konnte er einzelne Bäume ausmachen. Wahrscheinlich Eichen, deren Stämme mächtig und alt waren. Er hatte sich einige Jahre zusammen mit einem angehenden Archäologen aus Geldmangel ein Zimmer teilen müssen. Das ein oder andere Mal durfte er ihn zu Ausgrabungen solcher Stätten begleiten und war deshalb in der Thematik nicht ganz unbefleckt. Marek fand damals alles spannend, was die altgermanische Kultur betraf und war drauf und dran einen Fantasyroman zu schreiben, in dem Germanen auf die Überlebenden eines keltischen Großstammes treffen und sie nach anfänglichen Differenzen ihre Kulturen vereinen und gemeinsam gegen einen großen römischen Aggressor kämpfen. Sein damaliger Mitbewohner hatte ihm die ganze Idee dann aber historisch so gründlich zerredet, dass sich Marek wieder auf sein gewohntes Terrain „Zwischenmenschliche Beziehungen junger Paare in Großstädten“ zurückzog. Aber für ein Hügelgrab war das da vor ihm schon etwas zu mächtig. Hinter dem Hügel wölbten sich weitere Erhebungen und bildeten die ersten zaghaften Vorläufer des sich in der Ferne erhebenden Gebirges.
Alles in allem eine sehr reizvolle, ja sogar romantische Landschaft. Hier konnte man es sich gut gehen lassen. Zwar auch nicht mehr als das, aber nur dafür war er schließlich hergekommen.
Als sich Marek zurücklehnte um seine Gedanken in ein kleines Nickerchen hinüber gleiten zu lassen, polterte sein Vater mit dem neuen Dachbalken die Leiter hinauf.
„Pennen kannste, wenn die Arbeit getan ist. Glaub mal nicht, dass du deine kleinen Schreibfinger heut noch vor dem Abend schonen wirst.“
„Diese kleinen Schreibfinger werden dir gleich zeigen wo der Hammer hängt“, rief Marek dem schnaufenden Vater amüsiert zu und zeigte auf das eben benannte Werkzeug, das neben ihm in der Sonne lag.
„Bloß gut, dass du kein Komiker geworden bist, sonst hätte Mutter das Regal im Arbeitszimmer doch noch mit Porzellanpüppchen bestücken können.“, konterte der Vater.
„Was soll das denn heißen?“
„Ach nichts – ich hab davon sowieso keine Ahnung. Jetzt nimm mir doch endlich mal das blöde Holz ab.“
Marek griff nach dem Balken, den sein Vater vorbereitet hatte und von dem er sicher war, dass er auf den Millimeter genau passen würde – wo auch immer das in diesem hölzernen Geflecht sein sollte? Wenn er ehrlich war, hätte er wahrscheinlich jeden der Balken ausgebessert um sicher zu gehen, dass auch der Richtige dabei wäre.
„Sag mal Papa – was ist das da drüben eigentlich für ein seltsamer Hügel? Er ist recht nahe am Dorf und, im Vergleich zu den anderen Erhebungen, sehr steil.“
„Was soll daran seltsam sein? Ist halt ein Hügel. Ich denke eher, dass dieses natürliche Ereignis für ein ganz anderes Phänomen hier im Ort verantwortlich ist.“
Marek sah seinen alten Herrn an und wartete darauf, dass er fortfahre. Dieser sonnte sich jedoch noch ein paar Sekunden in seinem informativen Vorteil und tat so, als prüfe er das alte Gebälk.
„Na ja -“, begann er schließlich wieder. „Was ist denn normalerweise das Zentrum eines Dorfes?“
„Ich würde mal sagen der Marktplatz?“, antwortete Marek.
„Unsinn! Was willst du denn in einem Ort dieser Größe mit einem Markt? Außerdem sind selbst in großen Städten die Märkte immer im Schatten des wahren Zentrums.“ Heinz Korsak hob seinen Hammer und zeigte in Richtung der Kirche.
„Das da, mein Junge. Hast du jemals auf einen Stadtplan geschaut? Lebt vierunddreißig Jahre mitten in Düsseldorf und hält den Markplatz für das Zentrum.“
„Das hab’ ich nicht gesagt.“
„Ja, ja – ist ja schon gut. Aber hier ist es anders. Wie du siehst, steht die Kirche ziemlich nahe an diesem Hügel, der das Dorf begrenzt. Diese Kirche ist über siebenhundert Jahre alt und die meisten der Häuser hier wurden erst später erbaut. Normalerweise hätte sich irgendwann ein Kreis um das Gotteshaus gebildet. Aber hier hat man sich wohl entschlossen, das geistige Zentrum im Windschatten des Hügels zu errichten. Ist auch gar nicht so dumm. Wir kriegen vom Gebirge sowieso immer die ganzen Kapriolen ab. Da ist es nicht verkehrt, dass, was einem lieb und heilig ist“, bei dem Wort heilig zwinkerte der Vater dem Sohn verschmitzt zu, so dass dieser leicht genervt die Augen verdrehte, „möglichst geschützt zu errichten. So minimiert man die Gefahr, dass das Kirchdach und die wertvollen Fenster durch Unwetter beschädigt werden.“
Marek überlegte kurz. Da war was dran. Wenn er an den Rundgang mit dem Mann aus Stahl zurückdachte, so waren sie wirklich hinter der Kirche entlanggegangen, ohne dort weiteren Gebäuden zu begegnen. Aber die Theorie des Wetterschutzes war schon etwas haltlos. Der Hang war bestimmt zweihundert Meter von der Kirche entfernt und die Bewaldung auf dem Hügel war bei Sturm sicher eine größere Gefahr für das gute Buntglas als die beiden Pappeln auf dem Kirchplatz.
Als Marek da so auf dem Dach hockte und versuchte all diese Argumente für den rhetorischen Gegenschlag aufzubereiten, sah er auf einmal kurz hinter der Dachkante auf dem ungepflasterten Teil der Straße etwas blinken. Die Sonne war einmal mehr hervorgekommen und spiegelte sich nun in einer Art Metall. Marek beugte sich leicht nach vorn um besser sehen zu können. Plötzlich sah er aus dem Schatten des Daches den kleinen Jungen vom Tage seiner Ankunft hervortreten. Er ging geradewegs auf das glitzernde Ding zu, in dem Marek nun auch das Feuerwehrauto wieder erkannte. Er war sich sicher. Die gleiche Kleidung, die gleichen schlecht geschnittenen Haare. Selbst das Geräusch der Schuhe erkannte er wieder.
„Hey!“, rief Marek und ließ seinen Vater erschreckt hochfahren. „Hey hallo, wie heißt du?“. Dann setzte eine Wiederholung ein. Der Junge wendete sich der Stimme zu, riss die Augen auf und tastete, ohne den Blick von Marek abzuwenden, nach seinem Spielzeug.
„Hey wart’ doch mal – ich tu’ dir doch nichts!“ Marek erhob sich und wieder weiteten sich die Augen des Kindes ein Stück mehr. Zwischen ihnen mochten gut und gerne fünfzehn Meter liegen, aber der Mann auf dem Dach konnte spüren, wie sich die Anspannung des zu ihm herauf starrenden Kindes auf ihn übertrug. Gedankenlos machte Marek einen kleinen Schritt nach vorn. Da war ein fünftes Loch im Dach – unbemerkt – sehr kein – nur ein Riss in der Schindel, die nun unter der Last des Fünfundsiebzig-Kilo-Mannes brach und ihm den Halt versagte. Marek rutschte weg und kippte nach vorn. Für einen Moment lief alles langsamer ab, als es sollte. Der Junge erwachte aus seiner Starre, rannte hin zum Haus und verschwand unter der Dachkante. Klapp, klapp, klapp – die kleinen Sohlen auf dem Pflaster. Die Dachkante nährte sich. Marek kippte weiter und sah sich außer Stande einzugreifen – Plötzlich ein Ruck! Etwas zog an seinem anderen Bein, das Bein, was den letzten Stand garantierte – nur wurde dieses nicht nach vorn, sondern nach hinten gezogen. Krach! Marek landete schmerzhaft auf dem Bauch. Sein Kopf knallte auf die Dachkante. Hinter ihm lag sein Vater, ebenfalls auf dem Bauch und krallte sich in sein Bein.
Der alte Herr hatte seinen Sohn stürzen sehen, war aber zu weit entfernt um ihn zu greifen. Also reagierte er und riss ihm in seiner Not auch noch das andere Bein weg. Statt über die Kante zu rutschen und sich den Hals zu brechen, lag Marek nun bäuchlings auf den sonnenwarmen Schindeln und keuchte.
„Danke.“
Heinz Korsak brauchte noch eine Weile um sich wieder zu sammeln. „Idiot. Was sollte das denn jetzt? Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?“
Marek ging nicht auf die Frage ein: „Hast du den Jungen gesehen?“
„Ich habe MEINEN Jungen gesehen – und zwar da drüben zwischen den Grabsteinen liegend.“
„Da war ein kleiner Junge – acht oder neun Jahre alt. Ich habe ihn schon bei meiner Ankunft am Samstag gesehen und jedes Mal sieht er mich an, als wäre ich ein Geist.“
„Ich hab’ nichts gesehen, aber es ist bereits zwei Uhr – da kommen die Handvoll Kinder, die hier leben, aus der Schule. Wahrscheinlich hast du eines von denen gesehen. Vielleicht den Kleinen von der Schubert-Blink.“
„Nein, den habe ich gestern getroffen. Der ist zu jung.“
„Ach du hast Heike schon kennen gelernt? Wäre die nicht was für dich? Frisch ist sie auf jeden Fall noch und Pfeffer im Arsch hat sie auch.“
„Papa! Das ist jetzt echt nicht der richtige Zeitpunkt – und mein Bein kannst du übrigens wieder loslassen – zumindest, wenn ich meinen Fuß nicht durch Unterversorgung verlieren soll.“
„Werd’ mal nicht frech. Dein alter Herr hat dir gerade den Arsch gerettet, da kann er auch mal zeigen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört.“
Marek wollte diese Unterhaltung nicht weiter fortführen. Noch einmal sah er hinunter. Von dem Jungen keine Spur. Dann robbte er vorsichtig zurück zum Giebel und setzte sich breitbeinig darüber. Schweigend begannen sie den alten Balken zu entfernen und den Neuen einzusetzen.
„Dir geht wohl noch ganz schön die Muffe, was?“, fragte der Vater und der Sohn lächelte flüchtig. Ja, ihm ging noch die Muffe, aber weniger wegen des Sturzes, sondern vielmehr wegen dieses merkwürdigen Kindes. Das war jetzt schon der zweite Vorfall. Vorfall? Konnte man das so nennen? Jedenfalls wusste Marek, dass er auch heute keine Zeile zu Papier bringen würde. Die Sonne neigte sich bereits gen Horizont, als sie endlich alle alten und neuen Schäden am Dach behoben hatten. Die Mutter hatte von all dem nichts bemerkt und man war übereingekommen, es auch dabei zu belassen. Die letzten Strahlen der Sonne genoss Marek still und mit geschlossenen Augen, am Fenster im Arbeitszimmer sitzend. Rot war die Sonne. Das sollte Schlechtwetter geben. Wenn ihm dieser Ausflug wirklich Entspannung bringen sollte, müsse er auch etwas dafür tun. Er würde morgen mal auf den Hügel hinter der Kirche wandern und sich in der stillen Natur mit neuen Ideen auftanken. Vielleicht käme er ja auch hinter die Herkunft des kleinen Jungen?
Als es dämmerte schaltete er die kleine Tischleuchte ein, nahm seinen Roman aus dem Regal, schlug willkürlich eine Seite auf und begann zu lesen.
Eine Böe peitschte den Regen prasselnd aufs Dach und ließ den Schriftsteller hochfahren. Scheinbar war er über seiner eigenen Lektüre eingeschlafen. War ihm das in irgendeiner Form unangenehm? Dafür war er viel zu müde. Schlaftrunken begann er sich zu entkleiden und suchte noch einmal einen ganz anderen Ort der Entspannung auf. Als er da so auf dem Klo saß, dachte er darüber nach, wie der Dachboden und die Zwischendecke jetzt wohl aussehen würden, wenn sie nicht am gleichen Tage noch die Löcher gestopft hätten? ‚Ja, so was nennt man dann wohl Glück gehabt’, dachte er sich und gab sich Mühe nicht gleich an Ort und Stelle in einer sicherlich peinlichen Position einzunicken.
Als er zurück kam bemerkte er, dass auf seinem Mobiltelefon eine Nachricht eingegangen war. So spät noch? Wie spät war es überhaupt? Ach, erst halb Zwölf. Die Nachricht war von Isabel – oder Isi, wie er sie in den guten Tagen nennen durfte. Sie schrieb, sie würde morgen gegen Mittag vorbei kommen und ihre restlichen Sachen abholen. Na, da würde sie aber blöd gucken, wenn sie merkte, dass keiner zu Hause war. Wie Marek sie kannte, würde sie wahrscheinlich Stunden vor seiner Tür auf ihn warten, nur um ihren Willen durchzusetzen. ‚Ach Scheiße’, dachte Marek und kroch träge ins Bett. ‚Sie hatte ja noch einen Schlüssel. Na egal. Am besten ich nehme das Telefon morgen gar nicht erst mit. Gute Nacht Isi. War schön mit dir…’

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar