Essenz – Tag 11 – Dienstag – 4. Teil

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Wenn ich heute so zurückblicke, würde mir eine Erzählung dessen wohl zu fantastisch erscheinen, als dass ich es hätte glauben können. Das Aufgehen in göttlicher Liebe war nicht mehr reiner Glaube – es war Wissenschaft geworden. Wir nutzten die Elemente der Natur, also die Werke des Schöpfers, um uns ihm zu nähern und machten ihn spürbar für jeden. Mehr noch. Wir machten die unsterbliche Seele, die Essenz, greifbar und zeigten einen Weg, wie sie zu befreien – nein – zu retten war. Und dieser Weg führt nicht über den Zehnt oder die Beichte oder andere weltliche Prozedere, die der katholischen Kirche so am Herzen lagen. Nein, es war die direkte Verbindung mit Gott. Es war allein das Gebet und der Glaube an den Herrn, das es uns ermöglichte uns selbst zu befreien.

Es gibt aber auch eine Kehrseite, die in diesen Tagen immer deutlicher hervor tritt. So sehr Sirmione uns auch gibt wonach wir streben, so ist es doch wie ein Gefängnis für mich. Es gibt keinen Ausgang für uns Commutatae. Der Feind könnte uns aufbringen und dem Schutze Sirmiones entziehen. Immer öfter denke ich auch an Bède und seinen leblosen Leib, der nun schon seit zwei Jahren dort oben in den Bergen liegt und wohl nie eine würdevolle Bestattung erfahren wird. Heute, am dritten Jahrestag meiner Flucht aus Montségur, sitze ich im Ringgarten der Burg und pflanze gerade einen neuen Eibensetzling. Der Bischof nähert sich mir, setzt sich und streicht mir übers Haar.
„Ich weiß was heute für ein Tag ist. Es ist dein dritter Geburtstag, richtig? Ramon hat es mir erzählt.“
„Herr Bischof? Warum kann ich nie nach draußen? Der Ritter, der nach mir spähte muss schon längst verzagt haben und mit zwei Reitern könnte ich zurück in die Berge und Bède heimholen.“
„Die Zeiten haben sich geändert. Es ist bei Leibe nicht mehr sicher da draußen, auch wenn dieser eine Ritter vielleicht deine Spur verloren hat. Was wir hier tun, darf niemals in falsche Hände geraten. Sie wissen bereits zu viel.“
„Wer? Die katholische Kirche?“
„Man kann es so ausdrücken, ja.“
„Aber sie bekommen doch schon jeden Monat soviel Gold, dass es manchmal nicht mal für uns zum wandeln reicht.“
„Das Gold ist ihnen lieb und wenn sie in dem Glauben wären, sie könnten das Wissen über dessen Herstellung selbst erringen, dann würden sie es tun. Doch bisher lassen wir sie in dem Denken, dass wir noch an der Formel arbeiten. Diese Leute geben sich nicht mit Unfertigem zufrieden und so gibt ihnen der Schatzmeister jeden Monat mal schlechtere mal bessere Proben, damit sie nicht in Versuchung geraten eine unfertige Formel zu stehlen. Etwas anderes bereitet mir aber Sorge.“, der Bischof nimmt seine Stirnbinde ab und reibt sich die Schläfen. Er wirkt auf einmal alt und von den Jahren verzehrt. Der starke Mann, der jede Kraft in diesem Hause bündelt und sinnvoll einzusetzen vermag, scheint mit einem ernsten Problem behaftet.
„Mein Kind“, setzt er fort. „Wann hast du Arnaldus zum letzten Mal gesehen?“
Ich denke nach und sage dem Bischof, dass ich ihn letzten Nachmittag noch traf und teile ihm meine Sorge über seine ungewöhnliche Frage mit.
„Arnaldus ist seit gestern Abend nirgendwo zu finden. Seine Mutter sorgt sich um ihn und Jungen in seinem Alter neigen oft zu Neckereien. Jedoch hat einer der Posten des äußeren Festungsringes eine päpstliche Reiterstaffel entdeckt, die sich den ganzen Tag schon auffällig nahe der Mauer aufhielt und dann plötzlich wie vom Leibhaftigen gejagt davon sprengte. Ich habe Sorge, dass sich Arnaldus außerhalb der Mauer aufgehalten hat und verschleppt wurde.“
Mein Magen ist ein Stein und mein Herz gefriert in einer eisigen Klaue, dass es mir fast gänzlich versagen will. Nicht Arnaldus. Immer wieder sind einzelne Mitglieder der Gemeinde verschwunden aber keinem stand ich so nahe wie ihm. Oh getreuer Freund.
„Ich weiß, wie du zu ihm stehst und fühle deine Sorge, doch wisse, dass uns allen Schlimmes droht, sollten sich meine Befürchtungen bewahrheiten. Arnaldus de Villanova kennt nicht die Prozeduren an denen wir arbeiten. Er ist auf dem Wege ein Heiler zu werden. Er weiß nicht nach welchen Prinzipien das Gold geschaffen wird und auch die Umwandlung kennt er nur als Begriff. Dennoch weiß er, wie jeder hier, von den Erkenntnissen über die Existenz der Quintessenz.“
Der Bischof atmet tief ein und wieder aus. Es fällt mir schwer mich von dem Gedanken an eine Gefangenschaft Arnaldus’ zu lösen. Ich kenne die Methoden der Inquisition, wenn sie glauben Wissen aus einem Geist schürfen zu können.
„Ich will es dir erklären“, setzte der Bischof ohne ein Nachfragen meinerseits fort. „Der Mensch lebt in Rangordnungen. Es gibt immer ein Oberhaupt. In einer Familie ist es der Vater, hier bin ich es und für die meisten Menschen da draußen ist es die Kirche des Papstes. Du kannst solch eine Rangordnung auf Liebe und Güte aufbauen oder auf Armut und Dummheit. Verstehst du? Entweder ich ordne mich jemandem unter, weil ich es möchte, oder weil ich glaube es zu möchten oder zu müssen. Hier bei uns glauben alle, dass unser Weg uns zusammen das Göttliche erreichen lässt. Deshalb folgt ihr mir. Das ist der Weg der Liebe und der Güte. Die Kirche des Papstes presst auch den ärmsten Bauern noch den Zehnt ab und droht mit Fegefeuer und Verdammnis, wenn der Mammon nicht zu fließen scheint. Mit diesem Geld bauen sie sich Paläste und Kathedralen, in denen dann die verlorenen Seelen das bestaunen können, was ihnen vielleicht im Winter den Bauch gefüllt hätte.“
Ich spüre, wie der Bischof beginnt sich in Rage zu sprechen. Eigentlich ist er ein besonnener Mensch, doch hier scheint dies zu enden.
„Die Kirche hat eine unendliche Macht und das nur, weil sie einen Glauben diktiert, den jeder bedingungslos annimmt. Wenn Rom nun erfährt, dass wir in der Lage sind den Menschen zu zeigen, dass sie Gott nahe sein können, ohne den letzten Groschen dem Pfaffen in die Kollekte zu werfen, und nur sie selbst ihre Seelen durch Gebet und Hingabe an den Herrn retten können, dann verliert Rom alles. Die Grundlage der Macht Roms ist die Dummheit der Menschen auf deren Rücken es erschaffen wurde. Wenn sie Mächtigen erfahren, dass wir in naher Zukunft ihre Herrschaft brechen können, wird sie kein Gold der Welt mehr aufhalten, über uns herzufallen. So war es in Montségur und so wird es auch hier sein.“
Der Name meiner Geburtsstätte entreißt mich meiner Gedanken. „Ihr habt mir nie erzählt, warum Montségur vernichtet wurde. Ich dachte immer, es wäre der Groll gegen unseren Glauben selbst, der meine Familie verbrannte?“
„Auch wenn du es vielleicht nicht weißt, weil du noch zu jung warst, aber ursprünglich hatte Montségur ebenfalls Gold hergestellt, doch die Erde gab nur schwaches Blut von sich und so versiegten die Lieferungen an Rom schnell. Damals ging der Bischof Guilhabert de Castres ein großes Risiko ein. Er ließ Gregor IX in einer geheimen Botschaft mitteilen, dass er die Formel vollendet habe und im Falle eines Angriffes sie in alle bekannten Sprachen übersetzen und überall auf der Welt verbreiten lassen würde. Damit wäre die Macht des Goldes gebrochen gewesen. De Castres hatte hoch gespielt und verloren. Augenblicklich wurde Montségur abgeriegelt und ausgehungert. Unseres Wissens nach gab es keine Chance die Drohung von de Castres umzusetzen.“
„Bède hat mich aus der Burg gebracht. Warum hat er die Formel nicht mitgenommen und der Drohung Taten folgen lassen?“
„Weil es immer nur eine Drohung bleiben sollte. Das Ziel der Menschen soll nicht der Erwerb von Reichtümern sein sondern ihre eigene Verbindung zu Gott zu erkennen.“
Ich begreife die Logik hinter den Reden des Bischofs und springe erregt auf: „Wir müssen einen Trupp losschicken. Wir müssen ihn retten und zurückholen.“
Müde antwortet der Bischof: „Nein, das werden wir nicht.“
„Aber noch ist es nicht zu spät.“, meine Erregung schießt ins Unermessliche.
„Wenn wir jetzt los reiten, erhöhen wir in den Augen des Feindes die Bedeutung seiner Beute. Der Herr wird es richten.“
Wie ich den alten Bischof da sitzen sehe, fühle ich meine Galle dem Brodeln nahe. Ich möchte aufbrechen, nach Ramon suchen, ein Pferd nehmen und den Freund finden. Der Bischof spürt meine Wut.
„Der Herr wird es richten.“, wiederholt er in fester werdendem Ton. Ohne dass ein Wort meine Lippen verlässt, starre ich ihn fassungslos an. Ein inneres Feuer beginnt in mir zu brennen. Er will, dass ich ihn aufgebe, so wie ich meine Familie damals aufgeben musste. Ich sehe mich wieder am Hang des Les Coussats stehen und spüre Bèdes Arme, die mich festhalten. Dann werden diese Arme kalt wie Eis und wieder lasse ich einen Freund im Stich.
„Der Herr wird es richten!“, ruft der Bischof nun laut. Meine stumme Verurteilung muss auf ihn einprasseln wie aus tausend Kehlen. Schließlich erhebt er sich und dreht den Kopf zu mir. „Höre mir zu, Jean. Du musst noch Großes vollbringen. Mäßige dich. Bete für deinen Freund und Bruder.“
‚Mäßige dich’ – das waren die Worte, die Bischof Marty zu meiner Mutter sprach, als sie sich einst weigern wollte mich ihrem Busen zu entreißen. Ich werde mich aber nicht mäßigen und beten ist das Letzte was ich jetzt möchte. Ich will handeln. Mein Kopf beginnt eine Flucht aus der Festung zu planen. Wenn ich erst aus der Rechweite seiner Empfindung des Bischofs bin, könnte ich meinen Stand als Commutata nutzen um mir ohne Fragen ein Pferd zu beschaffen. Ich kann aber nicht reiten – Ramon kann reiten. Wir holen ihn zurück – heute noch – niemand wird uns aufhalten – den ersten Burgring werden wir passieren und den zweiten vielleicht mit Gewalt und dann reiten wir die Nacht hindurch bis wir – das Bild, welches ich erblicke, lässt alle Gedankenströme abreißen. Vor mir aufgebaut steht der Bischof – mit weit geöffneten Augen. Eines ist milchig weiß und lässt eine graue Pupille dahinter erahnen. Das andere ist schartig und nur ein verkrusteter dunkler Klumpen in einer schwarzen Höhle. Die Augen können mich nicht finden aber dieser Akt der Entblößung treibt mich zurück in den Zustand eisiger Angst.
„Jean, Tochter der Festung Montségur, du bist eine geweihte Perfecta und eine Commutatea. Du hast hier eine Aufgabe und die gilt es zu erfüllen. Stellst du deine Aufgabe in Frage, stellst du dein Vertrauen in den Herrn in Frage. Sage mir, deinem Bischof, glaubst du an deine Aufgabe? Sprich!“
Der grausige Anblick und die feste, alles erschütternde Stimme lassen mein Herz verzagen und alle Entschlüsse fahren. Einsam beginnt die Hoffnung für Arnaldus zu verdorren. Aber noch etwas anderes ist geschehen. Es ist nicht nur die Stimme und das Aussehen seiner Augen. Ich konnte ihn spüren. Seine Wut und seine Aggressivität, die er stets zu verbergen wusste. Seine Sorge um die Gemeinschaft, aber auch ein Funken seines bedingungslosen Glaubens an seine Sache sprang zu mir herüber. Ich hatte für den Teil eines Augenblickes seine Essenz erfahren und inmitten all dieser Empfindungen, die sie mir zutrug, erkannte ich verborgen ein nie erwartetes Verlangen – Rache. Ich gebe meinem Verstand nicht die Zeit darüber nachzudenken und senke demütig mein Haupt. Der Bischof schließt seine Augen wieder. Sein Körper fällt zurück in die gewohnt gebückte Haltung. Er kommt zu mir und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Lass uns Beten, mein Kind.“
Wir beten eine halbe Stunde lang, dann verlässt mich der Bischof und ich

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