Essenz – Tag 11 – Dienstag – 3. Teil

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„Es ist doch nur ein Blatt.“, sagte ich, aber da stürmten sie schon atemlos auf mich zu und warfen mich um als wäre ich einer ihrer Spielkameraden.
„Nein, das darfst du nicht. Diese Bäume symbolisieren den Gedanken unseres Glaubens.“, keuchte Arnaldus.

„Ich kenne meinen Glauben und da kommen keine Bäume drin vor.“, empörte ich mich.
„Du verkennst den Sinn. Ich erkläre es dir.“, und Ramon ging zu einem der mittleren Bäume und begann unter stetiger Beipflichtung von Arnaldus zu erklären:
„Sieh dir diesen kleinen Baum an. Er hat einen Stamm, drei Äste und ein paar Zweige und Blätter. Nun sie hinüber zu dem großen Baum. Siehst du den dicken Ast, der da so tief hängt? Stell dir vor, du würdest den Ast abbrechen und neben diesen kleinen Baum hier stellen. Beide wären ungefähr gleich. Der Ast würde zum Stamm werden und seine Zweige zu Ästen. Nun sieh zu dem ganz kleinen Baum.“
„Das ist noch kein Baum.“, verbesserte Arnaldus.
„Wie dem auch sei. Komm her, Jean.“, er nahm meine Hand und zog mich in die Hocke zu sich heran. Dann nahm er eines der herab gefallenen Blätter und fuhr mit den Fingern die Linien darauf nach. „Selbst hier in diesem einen Blatt, kannst du einen Stamm und Äste und Zweige erkennen. Es ist also der gesamte große Baum da drüben in diesem kleinen Blatt enthalten und dieses kleine Blatt kann sich selbst zu diesem großen Baum entwickeln, an dem es dann wieder selber hängt um wiederum auch den Baum selbst zu enthalten.“ Dabei zeigte er ausladend über die ansteigende Folge von Gehölzen. „Verstehst du schon?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Mann, das ist doch ganz einfach“, mischte sich Arnaldus wieder ein. „Wenn der Baum Gott ist, dann sind wir die Blätter und da die Blätter auch zu Gott werden können, weil er in ihnen drin ist, können wir göttlich werden. Das weiß doch jedes Kind.“
„Das ist Blasphemie.“, stieß ich aus.
„Was ist Blasphemie?“, kam die Frage zurück.
„Das ist, wenn du sagst, du bist wie der Herr im Himmel. Er wird dich dafür strafen.“
„Das haben wir doch gar nicht gesagt.“, konterte Ramon. „Es ist so. Alles was Gott auf der Welt geschaffen hat, hat er auch im Menschen geschaffen. Der Stamm und die Äste und Zweige findest du auch im kleinsten Blatte wieder. Und so wie es hier die Bäume zeigen, ist es auch bei uns. Jeder Mensch trägt die Kraft des Herrn in sich und kann nur eins mit dem Göttlichen werden, wenn er sie erkennt und sie dem Blatte gleich entwickelt. Außerdem ist der Herr immer noch der Schöpfer. So!“
„Ist das eure Reinheit?“, frage ich.
„Das ist UNSERE Reinheit.“, betonte Ramon mit überdeutlicher Klarheit. „Wenn das Blatt erkennt, dass es zum Baum werden kann, weil es den gesamten Baum bereits in sich trägt, dann ist das der Weg. Zuerst müssen wir dem Samen entspringen und uns durch dunkle Erde graben. Das ist das Erwachen. Und dann den Versuchungen und Gefahren des Weltlichen bestehen um zu voller Blüte zu gelangen.“ Und wie zum Beweis blies Arnaldus mit vollen Backen gegen den kleinen Schössling.
„Wir sollen nichts anfassen.“, schalt ihn Ramon.
„Ich fass’ doch gar nichts an.“, kam es zurück.
Ich war mir nicht sicher, ob ich das alles verstanden hatte und Ramon sah dies. Er übergab mir das Blatt und schickte mir wieder sein zauberhaftes Lächeln.
„Hattet ihr in Montségur keine solchen Bäume?“
Schulterzucken beendete meine erste Lektion in Sirmione. Den Rest des Nachmittags konnte ich Kind sein und tollte mit den Beiden umher, dass es eine Freude war.
Des Abends dann besann ich mich dem mir Gesagten und hielt eine tiefe Andacht an meine Mutter und an Bède, angeschlossen von einem langen Gebet. Ich schloss meine Augen im letzten Blick auf mein Kästchen, dass ich bis dahin fest umklammert hatte und öffnete sie des Morgens ohne diese Umklammerung gelöst zu haben. Anfänglich ergriff mich ein leichter Schwindel und ich hing der Befürchtung nach zu erkranken, aber nach der morgendlichen Messe ließ ich mich erwartungsvoll vom Bischof hinab zu Artephius bringen. Zu dritt gingen wir in einen kleinen Nebenraum, der einer Kapelle glich. Ein Kreuz stand dort auf einem steinernen Vorsprung und vier Kerzen spendeten fahles Licht.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Artephius.
„Gut. Ich bin in Ungeduld, ob der Herr an der Münze ein Wunder getan hat.“, antwortete ich schnell.
„Und heute Morgen? Fühltest du dich ebenfalls gesund? Keine Schmerzen oder Leiden?“
„Nein. Nur ein leichter Schwindel. Ich hatte wohl am Vorabend zu wenig gegessen. Lasst mich nun sehen, was in meinem Kästchen ist.“
Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass Artephius einen Blick aus Sorge und Enttäuschung in Richtung des Bischofs warf. Der aber schien dies nicht zu erwidern. Artephius hielt mich an mein Kästchen in die Hand zu nehmen. Dann löschte er die Lichter und Dunkelheit erfasste den kleinen Raum. Hinter der Tür waren die Laute der Halle zu hören.
„Öffne es jetzt.“, sagte Artephius leise.
Ich tat wie mir geheißen. Vor Aufregung zitterten meine Finger als sie begannen den Deckel anzuheben. Ein leichtes Glimmen wurde in dem entstandenen Spalt sichtbar. Dann war das Kästchen ganz geöffnet. Für einen Moment war mir nicht klar, was ich da sah, denn ich sah nichts. Das Goldstück war weg. Ich sah nur das blanke Holz des Kästchens – aber ich sah es. Obgleich es keine wahrnehmbare Lichtquelle im Raum gab, konnte ich den Boden sehen. Ich hielt den Atem an, da ich befürchtete den leichten Schimmer versehentlich durch einen Luftzug zu zerstören. Doch dieser begann auf einmal von selbst schwächer zu werden, nahm weiter ab und plötzlich hielt ich nur noch Dunkelheit in der Hand. Ich hörte wie die Tür hinter mir sich öffnete. Artephius holte Feuer und entzündete die Kerzen. Ratlos blickte ich zu dem Bischof auf. Dieser nickte zufrieden. Wesentlich aufgebrachter gebar sich Artephius: „Was hast du gespürt? Hast du etwas gespürt?“
„Nein, habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht?“. Für einen Moment hatte ich die Angst, einem Spuk auferlegen zu sein. Hatten die beiden Männer das gleiche gesehen?
„Wo ist meine Münze?“, wunderte ich mich.
„Überall.“, lächelte der Bischof und beugte sich zu mir herab. „Das hast du sehr gut gemacht.“
„Ganz hervorragend sogar!“, fügte Artephius stolz hinzu.
„Aber was habe ich denn gemacht?“
„Weißt du denn was Commutatus bedeutet?“, fragte Artephius. Ich schüttelte den Kopf. Der Bischof lüftete nun das Geheimnis: „Es bedeutet ‚Umwandler’. Du bist eine Umwandlerin.“
„Und was kann ich damit machen?“, fragte ich kindisch und die beiden Männer lachten.
„Das werden wir dir zeigen. Sei dir dessen gewiss. Wir bringen dich zu den anderen Commutatae in den Unterricht. Dort wirst du alles erfahren – zumindest das, was ich im Stande bin euch zu vermitteln.“, sagte Artephius. „Aber sag’ mir bitte noch einmal. Hast du gerade eben, als das Licht verschwand, wirklich nichts gespürt?“
Ich verneinte und schien damit den Stolz der beiden Männer zu bestärken. Artephius setzte sein Werk in der Arbeitshalle fort. Der Bischof ging mit mir nach oben. Er erklärte mir, dass aus allen Teilen der Welt Commutatae hierher gekommen seien, bisher aber keiner sein Potential so zu nutzen schien wie ich. Dennoch wollte er mir noch nicht erklären, was ich da eigentlich getan hatte. Doch dies sollte ich in den folgenden zwei Jahren begreifen und beherrschen lernen. Jeder war sich sicher, dass der Herr an mir eine große Tat getan hat und nach diesen zwei Jahren war ich es auch.
Ich verbrachte die Vormittage mit Lernen und Begreifen. Man lehrte mich Glauben von Wissen zu unterscheiden und wann man die Dinge hinterfragen und wann akzeptieren sollte. Die Abende waren angefüllt mit glühenden Gebeten für Bède und meine Lieben aus Montségur. An den Nachmittagen ließ man mir die Zeit das nachzuholen, was ich auf meiner fast einjährigen Reise nach Sirmione fast vergessen hatte. Meine Freundschaft zu Ramon und Arnaldus wuchs und Artephius war für mich fast so etwas wie ein naher Verwandter oder mehr. Ich erfuhr, dass die Weisheiten von Jahrtausenden hier in Sirmione gesammelt wurden. Mit Artephius redete ich über dessen Forschungen zur Zusammenführung der Quintessenz – aus diesem Grundstoff allen Seins soll Gott einst die vier Elemente erschaffen haben. Da aber die Quintessenz dem Göttlichen selbst entspringt, blieb bei der Aufspaltung in die Elemente etwas übrig. Eine Essenz – der göttliche Funke. Diese Essenz verbarg er im Menschen selbst und gab ihm somit seinen Geist, auf dass der Mensch in der Lage sei die göttliche Herrlichkeit um ihn herum zu spüren und sich selbst als einen Teil dessen zu begreifen. Für einen Laien sicher eine sehr wage Auslegung der Schöpfung aber nicht in Sirmione. Die Reinheit, die uns Katharern den Namen gab, kann danach nur erlangt werden, wenn der Geist nicht nur seine eigenen Fesseln sondern auch die seiner materiellen Existenz überwindet. Ich sog diese neue Lehre auf, in all ihren wunderbaren Einzelheiten. Sie führte die Alten nicht ad absurdum sondern bereicherte sie um den Teil des Sichtbaren und der Logik. Mein Verstand erweiterte sich Tag für Tag und schon bald waren die Gestade meines kindlichen Denkens in weiter Ferne verblieben. Nur an besagten Nachmittagen fuhr ich zurück zur Einfachheit des Lebens einer Zehnjährigen.
Artephius war der Auffassung, dass es nicht möglich war, die vier Elemente und die Essenz in jedem Menschen direkt zur Quintessenz zu verbinden. Der Herr würde diese Art der Einfachheit nicht vor eine solche Erkenntnis setzen. Vielmehr brauchte es einen Zwischenzustand, in dem erst die vier Elemente verbunden werden mussten um so der Essenz als Katalysator zu dienen. Bei seinen Forschungen hatte er eines Tages diesen Katalysator bilden können, in dem er die rote Flamme des Feuers, Wasser, ein bestimmtes Gas und Teile der Erde von Sirmione in einem komplizierten Verfahren miteinander verband. Dieser Stoff, Außenstehenden auch als Gold bekannt, konnte nun dem einzelnen Wesen dazu dienen seine gebundene Essenz aus dem fleischlichen Gefängnis zu befreien, welches es in seinem Leben durch Zuführung unreiner Substanzen aufgebaut hatte. Der Bischof vertrat die Ansicht, dass wir alle in der Lage wären unsere Essenz für einen Moment freizusetzen. Es wären die Momente, in denen wir spürten ob jemand im Raum sei ohne zu schauen oder wenn wir ohne ein Wort die Empfindungen Anderer zu teilen in der Lage sind. Wir lassen einen Teil unserer Essenz in den Raum, diese verbindet sich mit der Essenz der anwesenden Person und lässt sich von ihr prägen. Ebenso erfährt auch das Gegenüber einen Teil von uns selbst. Der Bischof erklärte mir dadurch auch, warum er sich blinden Auges besser durch das Schloss bewegen kann als jeder Sehende. Sein ganzes Leben hatte er der Erforschung der göttlichen Quintessenz gewidmet. Nachdem er bei einem missglückten Experiment sein Augenlicht verlor, stellte er fest, dass er die ihn umgebende Essenz am ganzen Leib spüren konnte. Er schwimmt wie ein Fisch im Wasser, der die kleinste Strömung erkennt um ihr auszuweichen oder sich ihr hinzugeben. So ist sein Leben geprägt vom ständigen Wechselspiel der Essenz aber stets kehrt seine eigene Essenz in vollem Maße zu ihm zurück.
Dieses Zurückkehren zu unterbinden war unser Ziel. Unsere Aufgabe und unser Weg sich dem Göttlichen zu nähern. Und ich und die anderen Commutatae sollten dies erreichen, denn nur wir schienen in der Lage, einen Teil unserer Essenz mit Hilfe des von Artephius hergestellten Katalysators zu befreien. Ein Nebeneffekt war die Auslöschung des Katalysators – oder viel mehr dessen Umwandlung. Die in ihm gebündelten vier Elemente konnten sich mit der Essenz vereinen und in die Quintessenz transformieren, so dass diese sich mit der alles umgebenden göttlichen Quintessenz vereinigen konnte.
So erfuhr ich auch den Sinn der Fragen nach meinem Befinden bei meiner ersten Umwandlung. Normalerweise manifestierte sich der Verlust der persönlichen Essenz in teils heftigen Schmerzen, je nach Umfang der Umwandlung. In mir schienen die Fähigkeiten der Commutatae jedoch so stark ausgeprägt zu sein, dass mich stets nur ein leichter Schwindel begleitete, während die Gesichter meiner Mitschüler sich im Schmerze verzerrten.

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