Essenz – Tag 11 – Dienstag – 1. Teil

Essenz_Blog30_Tag11_Teil1.jpg

Sein Rücken bestrafte Mareks Trägheit mit aller Härte und zwang ihn fünf Stunden später doch noch den Weg in die erste Etage anzutreten. Das Bett lockte ihn zwar, aber auch der nicht übertragene Stapel Papier, der immer noch aus der dunklen Kirche übrig war, bot seine Reize dar. Um den Sieger nicht sofort zu küren, vermied Marek die Bettkante und setzte sich auf den Stuhl am Schreibtisch.

‚Müdigkeit ist also der Schlüssel – oder könnte es zumindest sein.’, dachte er noch schaftrunken. Sein Blick schwankte ungleichmäßig durchs Zimmer und blieb an seinen gesammelten Werken hängen. Wollte er eigentlich noch einen Roman schreiben? Wenn er ehrlich war, so war ihm doch die ganze Sache schon fast aus den Händen geglitten, oder? Eigentlich reichte es ihm doch schon zu wissen, wie diese ganze unbewusste Schreiberei ausging? Eine Veröffentlichung wäre sicher großartig, aber dafür hätte er sich nicht so schinden müssen. Der schwarze Bildschirm des Laptops spiegelte sein Gesicht. Gezeichnet sah er aus. Er hatte gerade das Gefühl um Jahrzehnte gealtert zu sein. Die Knöchel an Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand waren geschwollen und plötzlich schwirrte eine Frage durch seinen Kopf und auch sofort wieder heraus, durch den Raum und hinaus ins Dunkel der Nacht. Nur ihr Echo konnte Marek noch vernehmen: ‚Was machst du hier eigentlich?’
„Ich bin Schriftsteller. Ich mache meinen Job.“, antwortete er sich selbst laut ins Dunkel hinein. Wahrscheinlich war es einmal mehr dieser Funken Realität, dieser Hauch einer greifbaren Substanz, die ihn packte und wieder an die Arbeit zerrte. Alles hier sollte einen Grund haben. Sein Hier sein, der Tod des Vaters, die beiden Kirchen, Heike – alles. Und er würde es nur herausfinden, wenn er diese verdammten Texte vervollständigte.

Mein Bewusstsein kehrte zurück und ich vernahm Holz, das von Flammen verzehrt wurde und spürte die Wärme durch meine Glieder strömen. Ich öffnete meine Augen und sah einen älteren Herrn in den Gewändern eines Bischofs des Glaubens vor mir sitzen. Er hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Ein Buch lag auf seinem Schoße und neben mir fand ich einen Teller mit duftendem Brot und dampfend warmem Wasser vor.
Marek musste unterbrechen und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Waren die Texte nicht immer in der Gegenwart verfasst gewesen? Er blätterte im Dokument zurück und entsann sich. Er schien sich immer noch in einer Rückerinnerung zu befinden.
Die Tracht hätte in mir einen Jubel der Freude entlocken sollen, aber nach all dem Erlebten beschlich mich Furcht und Misstrauen. Ich suchte nach dem Kästchen. Es hing immer noch um meinen Hals. Bède – wo war er? Die Erinnerung kehrte zurück und festigte den eisernen Griff, der mein Herz gepackt hatte. Lautlos stand ich auf und wollte zur Türe gehen. Ich bemerkte, dass man mich in ein duftendes, weißes Leinengewand gekleidet hatte. Ich schien auch gebadet worden zu sein. Fast hatte ich die Tür auf spitzen Zehen erreicht.
„Widerstehe deiner Pein. Du bist unter Freunden.“, sprach plötzlich der Mann ohne die Augen zu öffnen. Ich erstarrte. „Setz dich und iss etwas. Deine Reise war hart und du musstest Vielem entbehren.“
Am anderen Ende des Raumes war ebenfalls eine Tür. Ich wollte den Raum durchqueren doch wurde wieder geschlossenen Auges angeredet. „Ich möchte dich wirklich bitten etwas Nahrung zu dir zu nehmen. Bède hätte gewollt, dass du auf mich hörst. Ihr wart auf dem Wege zu mir.“
Ich blieb stehen und mein Verstand verzagte bei der Frage wie der Mann seinen Kopf meinen lautlosen Schritten folgen lassen konnte ohne mich zu sehen.
„Seid ihr blind?“, fragte ich in kindlicher Manier.
„Ich sehe besser als jeder andere Mensch auf Gottes Erden und du wirst es auch bald tun. Nur bitte setze und nähre dich. Auch eine Commutata ist gewissen weltlichen Bedürfnissen unterlegen.“
Ich kannte damals noch nicht die Bedeutung dieses Begriffes, aber das Gefühl der Furcht wich und ich kehrte zurück auf mein Lager.
„Was ist mit Bède? Und wo bin ich?“
„Bède ist heimgekehrt, aber wir konnten seinen Leib noch nicht bringen. Iss erst. Dann reden wir.“, und so stand er auf und ging ohne ein Lid zu öffnen zur Tür. An der Schwelle sprach er: „Du bist frei zu gehen, wohin es dir beliebt. Nur bitte ich dich dennoch hier auf mich zu warten und noch eine Weile zu ruhen. Ich werde noch ein paar Vorkehrungen zu treffen haben aber bald wieder bei dir sein.“
Ich nickte und er lächelte. Die Tür schloss sich. Ich gab meiner Begierde nach und grub meine Zähne eiligst in das Brot. Ein unendlicher Traum an einfachsten Genüssen durchströmte meinen Leib und eine leichte Trauer umfasste mich, dass mein Retter und Beschützer dies nicht mehr erleben konnte. So saß ich eine zeitlang und spürte die Wärme des Feuers in mich strömen. Still und allein mit mir und der Welt. Schließlich öffnete sich die Tür erneut. Zwei Frauen traten herein und brachten mir das Gewand einer Perfecta. Ich verstand und ließ mich ankleiden. Danach erschien wieder der Mann mit den verschlossenen Lidern und begann zu erzählen:
„Nun meine liebe Jean, du bist in der Festung von Sirmione. Mein Name ist Bischof Fassio und ich bin hoch erfreut dich zu sehen und zutiefst betrübt über die Umstände. Es war nicht geplant dich jetzt schon hierher zu bringen. Eigentlich bist du noch zu jung aber die Zeit spielt gegen uns und wir werden uns nicht mehr lange die Freizügigkeiten erkaufen können, die wir jetzt noch haben. Wir haben einen Feind, liebe Jean. Du kennst ihn aber wir sind guter Hoffnung, dass er dich nicht kennt. Als wir hörten, dass Luzern gefallen ist ahnten wir, dass Bède den Kontakt abbrechen und durch die Berge zu dringen versuchen würde. Wir mussten schnell handeln und haben unsere Reiter entsannt. Fast zwei Wochen lang hat man Euch gesucht. Für Bruder Bède kam leider jede Hilfe zu spät. Mit der letzten Wärme seines Herzens hat er Euch am Leben erhalten.“
„Was ist mit seiner Seele?“, unterbrach ich ihn. „Er musste schlimme Dinge tun um mich zu bewahren. Wir müssen einen Weg finden ihn vor dem Herrn zu reinigen.“
„Das wird leider nicht mehr möglich sein. Er hatte seine unsterbliche Seele für dich geopfert und dessen war er sich stets bewusst.“
Ich spürte Verzweiflung sich meiner bemannen. Diese Ungerechtigkeit wollte ich nicht akzeptieren: „Es kann nicht Gottes Wille sein die Menschen zu strafen, die sein Werk bewahren.“
Doch der Bischof wurde ernst: „Ich verstehe deinen Schmerz, aber du bist jung und wirst erkennen, dass dieses Opfer notwendig gewesen ist. Er-“
„Es kann doch keine Sünde sein, für einen anderen die Erlangung der absoluten Reinheit aufzugeben!“, rief ich erregt dazwischen.
„Ich werde hier und jetzt nicht mit dir darüber reden.“, erwiderte der Bischof. „Die Bedeutung deiner Aufgabe steht über dem Schicksal einer einzelnen Seele.“
„Nichts und niemand steht über dem Schicksal einer Seele.“, brüllte ich ihn an. Der Bischof wendete seinen Kopf ab. „Ich sehe, du bist noch nicht bereit. Ich werde dich jetzt verlassen und zurückkehren, wenn dein Geist sich gefasst hat. Sag mir, konntest du schon das Lesen der Schrift erlernen?“
Mein kindlicher Verstand verschloss sich dem Bischof und ich schwieg. Er legte mir das Johannesevangelium vor die Füße. Ich schrak davor zurück wie zielsicher er dies trotz geschlossener Augen vollführte. Dann verließ er mich. Doch war ich noch zu jung gewesen und hatte die Lehren der Schrift nur gesprochen erfahren dürfen. Das geschriebene Wort konnte ich nicht nutzen. Nach einer Weile beruhigte ich mich wieder und verfiel in tiefes Gebet für meinen gefallenen Retter. Dann betete ich für meine Mutter und alle ums Leben gekommenen Menschen in Montségur. Ich machte keinen Unterschied, ob es Katharer oder Katholiken gewesen waren. Jede Seele, die an diesem Tage das Weltliche verlassen hatte, schloss ich in meine Bitten an den Herrn mit ein.
Als ich mein Gebet beendet und meine Lider sich wieder öffneten, saß bereits Bischof Fassio auf seinem Stuhl und wartete. Ich hatte kein Anzeichen seines Eintretens vernommen und er fuhr fort zu sprechen, als hätte er nie aufgehört.
„Deine Rettung gelang in letzter Minute, denn wisse, dass ein Ritter der Kirche hier vor Sirmione Tag um Nacht gelauert hat. Die Nachricht über Luzern erreichte uns nur unwesentlich früher als ihn und dennoch war es dieser Wimpernschlag des Schicksals, der uns ihm zuvor kommen ließ. Dieser Ritter war darauf aus Bède zu finden. Wir können nur hoffen, dass er nun, da er dem toten Leibe fündig geworden, in seinem Vorhaben befriedigt ist. Ich will dir nun aber enthüllen, warum dies alles notwendig war. Siehe das Kästchen um deinen Hals, das dir Bischof Marty gab. Wir werden es heute noch öffnen. Vorher jedoch lasse dir erklären, warum wir hier leben und warum wir überhaupt noch am Leben sind. Rom sieht in uns einen seiner ärgsten Feinde und doch sind wir die besten Freunde, die sie sich wünschen können.“
Jeden mit meiner damaligen Lebenserfahrung hätte dies verwundert, aber ich brauchte die Frage nicht zu stellen.
„Dass wir bekämpft und ausgerottet werden wie Schädlinge, hast du zur Genüge erfahren. Wir werden als Bedrohung für einen Glauben angesehen, der auf der Allmacht eines einzelnen Menschen fußt, eines befleckt zur Welt gekommenen Wesens, das nie die wahre Reinheit erlangen wird. Wenn die Kinder Gottes auf der Welt dies erkennen würden, täte der Stern dieses Einen sinken und all die weltlichen Güter zwischen den beringten Fingern zerrinnen. Nun sitzen wir hier und sind noch am Leben. Das Heer des Papstes ist mächtig. Nach dem großen Kreuzzug gegen unseren Glauben blieben nur zwei große Festungen bestehen, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre uns niederzuringen. Diese beiden Festungen sind Sirmione und war Montségur. Warum, mein Kind, glaubst du, hat man uns verschont?“
Ahnungslos zuckte ich mit den Schultern. Was der Bischof da sagte, erklang sinnig. Ich hatte das Heer gesehen und dies war sicher nur ein Teil des Ganzen gewesen.
„Weil wir etwas besitzen, was sie haben wollen und wir geben es ihnen. Tag für Tag. Wir erkaufen uns den Frieden und Montségur war eines Tages nicht mehr in der Lage zu bezahlen. Komm. Ich zeige es dir.“
Damit stand der Bischof auf und streckte seine Hand aus. Ich ergriff sie und wir verließen den Raum. Wir durchquerten einen langen Gang. Durch ein hochgelegenes Fenster konnte ich den Himmel sehen und die frische Luft schmecken. Zielsicher führte mich der Bischof hinab ins Innere der Festung. Immer wieder beschritten wir kurze Wendeltreppen und Türen wurden für uns geöffnet.
„Und du kannst wirklich alles sehen?“, fragte ich im Gehen erneut.
„Natürlich, mein Kind.“, antwortete der Bischof ohne auch nur ein Lid zu öffnen.
Später erfuhr ich, dass wir bereits mehrere Meter im Festungsberg waren, als sich eine von vier Männern bewachte Tür schwer knarrend vor uns öffnete. Ein langer Gang erstreckte sich vor uns. Links und rechts saßen Schreiber und füllten Bücher mit Schriften. Einige schienen aus Vorlagen zu kopieren, andere schrieben aus dem Gedächtnis. Große Regale gefüllt mit ledergebundenen Schriften reihten sich an den Wänden auf. Der Gang führte zu einer weiteren Tür. Als sie geöffnet wurde, trieb mir ein Schwall heißer, ätzend scharfer Luft die Tränen in die Augen.

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar