Essenz – Tag 11 – Dienstag – 2. Teil

essenz_jb.jpg

„Wo sind wir?“, fragte ich ängstlich. Zischen und Brodeln mischte sich zu dem Knacken vieler kleiner Feuer. Dazu kam das Klirren von Glas und Keramik. Einzelne Menschen huschten eifrig hin und her, trugen Gefäße mit schimmernden Flüssigkeiten und große Zuber, in denen klares Wasser schwappte. Einer der Menschen drehte sich zu uns um und kam auf mich zu. Große schwarze Brauen saßen über den dunklen Augen. Das Gesicht war ausgeprägt und ähnelte Zeichnungen, die ich einst aus fernen Ländern sah. Sein Kopf war bedeckt von einem bunt bestickten Tuch. Seine Kleidung war ebenfalls sehr farbig und hing, einem Talar gleich, große Falten schlagend von ihm herab. Seine Haut war tiefbraun – fast von bronzener Färbung.

„Hallo Jean. Ich freue mich dich zu sehen.“, sprach er mich in mir unbekanntem Akzent an. Ich war schüchtern und antwortete nicht gleich.
„Das ist Artephius. Er kommt aus dem fernen Osten.“, erklärte mir der Bischof und Artephius vollführte eine leichte Verbeugung.
„Ich kenne diese Gewänder nicht.“, sagte ich. „Welchen Stand er? Ist er ein Diakon?“
„Nein, er ist kein Katharer. Dennoch ist er einer der Obersten unseres Glaubens.“
Verständlicherweise war ich verwirrt und wollte dies erklärt wissen, doch auch diese Antwort des Bischofs verstand ich noch nicht: „Nicht alles, was du bis jetzt erlernt hast, ist so, wie du glaubst es zu wissen. Das Erstreben von Reinheit und Perfektion ist ein Ziel, aber der Weg dorthin liegt nicht allein in der Entsagung und im Gebet. Lass es dir zeigen.“ und der Bischof wollte Artephius meine widerstrebende Hand reichen. Mich jedoch überkam Furcht vor diesem riesigen Manne an diesem unwirklichen Ort. In einer Ecke des Raumes hörte ich plötzlich jemanden ‚Achtung’ rufen und dann gab es ein dumpfes Geräusch. Ein Reißen war zu hören und etwas prasselte klirrend auf den Boden. Aus der Richtung des Geräusches kam etwas auf mich zu. Etwas kleines, blinkendes. Es rollte direkt vor meine Füße, kippte und blieb liegen. Ich bückte mich um es genauer zu betrachten. Eine Münze schimmerte golden auf den sauberen Steinen. Artephius’ mächtige Hand kam hinzu, ließ mich erneut zurückschrecken, nahm die Münze auf und reichte sie mir.
„Die kannst du behalten. Sie wird dir nichts nützen aber sie sei dein, weil sie so schön glänzt.“
„Habt Ihr hier einen Goldschatz?“
„Nein Jean“, antwortete Artephius und lachte laut. „Wir sind der Goldschatz.“ Damit hatte er das Eis gebrochen. Mein Herz öffnete sich und ich lachte mit. Erneut wurde mir die Hand gereicht und ich nahm sie an, blickte noch einmal zum Bischof zurück, der zufrieden schien und ließ mich tiefer in den Raum führen. Überall sah ich nun kleine und große Säcke herumliegen. Dazwischen dampfte und brodelte es. Dünne Rohre aus Glas und Blei wanden sich zu dickeren zusammen und leiteten Dämpfe durch die Wände aus dem Raum. Da waren grüne und blaue Flammen und immer wieder sah ich Perfecti, die, wenn sie keine Arbeiten verrichteten, in tiefes Gebet versunken zu sein schienen. Jedoch beteten sie nicht im Angesicht des Kreuzes oder des Evangeliums sondern scheinbar zufällig verteilt zwischen Apparaturen, deren Funktion ich nicht verstand. Immer wieder hörte ich aus verschiedenen Ecken des Raumes das Klirren einzelner Münzen. Ich biss auf mein Goldstück, so wie ich es schon einmal in Montségur bei einem Händler gesehen hatte.
„Ist das echt?“, fragte ich. Wieder lachte Artephius. „Ja, dieser Abfall ist echt.“
„Was macht ihr mit dem ganzen Gold?“
Artephius wurde wieder ernst. „Am Leben bleiben, liebe Jean.“
„Warum nennst du mich nicht Perfectae oder Schwester Jean?“
„Weil das für mich nicht von Bedeutung ist. Ich bin zwar einer von Euch, aber Ihr seid auch wie ich.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Du bist noch jung und ich versuche es dir auf einfachem Weg zu erklären. Du und ich, wir glauben an das gleiche Ziel – an die Reinigung der Seele und den Zustand der Gnade. Nur ist deine Vorstellung von diesem Ziel noch sehr mystisch gefasst und deshalb auch dein eingeschlagener Weg von Einfachheit geprägt. Wir hier und auch einst in Montségur sind nicht nur Prediger sondern auch Forscher. Wir sind auf dem Weg unsere Seele als Teil Gottes zu erkennen. Nicht als etwas von Gott Gegebenes sondern als etwas, das ihm in Allem gleicht. Verstehst du was das bedeutet? Wahrscheinlich noch nicht. Lass es mich dir an anderer Stelle erklären. Gedulde dich bitte. Erst gib mir dein Kästchen.“
Verwirrt reichte ich ihm das, was nun seit einem Jahr unangetastet um meinen Hals hing. Artephius nahm es in beide Hände und sah es an.
„Hast du immer gut darauf aufgepasst?“
Ich nickte.
„Hast du versucht es zu öffnen?“
Er verstand mein Nichtstun als die Scham die es war. „Natürlich hast du versucht es zu öffnen, aber niemand hätte dies gekonnt. Auch ich kann es noch nicht. Warte hier.“
Er verschwand kurz und kam mit einer klaren Flüssigkeit wieder, die in einer dicken Glasflasche träge hin und her glitt. Mit einer Zange aus Eisen tauchte er mein Kästchen hinein. Leichte Dampfwölkchen stiegen hervor.
„Warum tauchst du es ins Wasser?“, fragte ich.
„Das ist kein Wasser. Wir nennen es Alcahest und es wird die Schutzhülle von Montségur auflösen.“
Nach einer Weile zog Artephius das Kästchen wieder heraus. Der graue Schleier war verschwunden aber auch die Eisenzange hatte bereits begonnen an Substanz zu verlieren. Nun war der Moment also gekommen, da ich erfahren sollte welch’ Kostbarkeit so viele Leben gekostet haben sollte? Ich nahm das Kästchen entgegen und hob vorsichtig den Deckel an. Es war leer. Rein gar nichts verbarg sich im Inneren. Ungläubig strich ich mit meinen Fingern über das blanke Holz, doch bevor ich etwas sagen konnte fing Artephius an zu sprechen: „Ich weiß was du jetzt denkst. Behalte das Goldstück, das ich dir gegeben habe aber hier hast du noch ein weiteres. Lege es hinein und heute Abend wirst du ein Gebet sprechen, das all deine Gedanken und all deine Hoffnungen auf ein Wunder lenke, das diesem Golde geschehen soll. Lasse dich nicht verleiten das Kästchen zu öffnen sondern lege es neben dich, wenn du dich bettest, auf das es das Letzte sein soll, was du heute siehst und das Erste, wenn du morgen erwachest.“
Zaudernd nahm ich die Worte an, die einen Ausbruch verzweifelter Tränen zu verhindern gewusst hatten. Für einen Moment hatte mir die Zuversicht versagt und ich wähnte mich auf meiner Reise einen Fehler gemacht zu haben, der den Inhalt des Kästchens zerstört hatte. Aber nun klärten sich meine Gedanken wieder auf und ich ließ mich zurück zur Tür führen. Zurückschauend bin ich jedoch verwundert, welches Vertrauen Artephius bereits damals im Stande war in mir zu wecken.
„Was ist das denn hier alles?“, fragte ich doch noch.
„Das sollst du alles erfahren, aber für heute hast du eine Aufgabe, die du erfüllen sollst. Der Bischof wird dich wieder nach oben führen.“, und damit schloss Artephius das Tor zu seinem Reich und ich stand wieder im Schreibsaal dem Bischof gegenüber. Dieser hatte mich nicht gleich bemerkt und unterhielt sich gerade mit einem jungen Schreiber von höchstens dreizehn Jahren. Er hatte braunes, lockiges Haar und eine lange, spitz zulaufende Nase. Die Wangenknochen wiesen bereits einen Anflug der Manneswerdung auf und die tiefbraunen Augen umspielte ein Lächeln als sie meiner gewahrten. Scham stieg in mir auf und ich blickte zu dem Kästchen in meiner Hand. Der Bischof wurde meiner gewahr und führte mich wieder nach oben. Wir redeten nicht viel und scheinbar wusste er von Artephius Anweisungen, denn er wiederholte sie noch einmal. Dann wurde ich in mein Zimmer entlassen.
Einige Zeit später holte man mich zum Mittagsgebet und zur gemeinsamen Speisung. Der Saal war gewaltig und fasste an die eintausend Menschen. Große Gemälde mit Geschichten aus der Schrift hingen an den Wänden. Anders als in Montségur saßen hier aber alle Ränge ungeordnet an einem Tisch. Da saß ein Diakon neben einem Initiierten und neben dem Bischof nahm eine Credentes Platz. Dazwischen sah ich viele Menschen, deren Stand ich nicht zuordnen konnte. Einige waren vom Aussehen her Artephius gleich. Andere hoch gewachsen mit heller Haut und hellen Haaren. Manche Männer trugen dichte Bärte und selbst Frauen gesegneten Leibes durften hier an einem Tisch mit uns speisen. Als der Bischof meine Verwirrung wahrnahm, nahm er mich zu seiner Rechten und wir begannen das Mahl. Auf meine Fragen, warum es hier so anders sei als in Montségur, bekam ich nur ein Lächeln zur Antwort. Schließlich fragte mich der Bischof: „Was hat dir denn Artephius schon über unseren Weg erzählt?“
Ich wurde rot und musste gestehen, dass sein Versuch an meinem Unverständnis gescheitert war.
„Ich verstehe“, fuhr der Bischof fort. „Geh’ nach dem Essen eine Runde im Park spazieren. Du wirst irgendwann einen kleinen Hain aus Eibenhölzern finden. Dort wird man auf dich warten und dir Erklärung geben.“
Ich nickte, schwieg und setzte mein Essen fort. Als das Mahl beendet war und alle sich erhoben, tat ich wie mir geheißen und wandelte im schwachen Licht der Wintersonne. Ich ging vorbei an grünenden Eichen und schließlich erreichte ich den Hain aus pfleglich geschnittenem Buchsbaum. Ich hörte ein paar Vögeln beim Spiel zu und fühlte mich gleich den Momenten der Zufriedenheit im Garten des Grafen von Savoyen. Für einen Augenblick überstrahlten die schönen Erinnerungen die Schrecken der Reise und mein Herz gewann einen Teil seiner Unbeschwertheit zurück.
Ich ging immer an der großen Hauptmauer entlang, dem Halbring des Gartens folgend.
Schließlich sah ich den Hain vor mir und gleich dabei zwei Jungen, die sich balgten. Der eine war der Schreiberling aus den Gewölben. Seine dunkelrote Robe hing liederlich an ihm herunter und war durch den Kampf mit seinem Rivalen beschmutzt worden. Der andere war gut drei Jahre jünger. Vielmehr Kind als Heranwachsender, aber schien den Kontrahenten um fast einen halben Kopf zu überragen. Seine Robe war schwarz und hatte goldgelbe Verzierungen an den längs verlaufenden Nähten. Das Lachen der beiden verriet den Kampf als Spiel und als sie mich bemerkten, nahmen sie plötzlich Haltung an und vollführten eine leichte Verbeugung.
„Warum verneigt Ihr euch?“, fragte ich.
„Weil du eine Commutata bist.“, antwortete der Jüngere.
„Ich weiß noch gar nicht was das ist. Sagt lieber Jean zu mir. So lautet mein Name.“
Die beiden sahen sich an, zuckten mit den Schultern und stellten sich vor. Der Name des Jüngeren war Arnaldus de Villanova und er kam aus Valencia. Für einen Moment musste ich an den spanischen König und seine Truppen vor Montségur denken, aber das breite Grinsen des gelockten Kopfes vertrieb dies schnell wieder. Der andere war Ramon Llull aus Ciutat de Mallorca. Er war mit Artephius nach Sirmione gekommen, welcher ihn vor vier Jahren auf seinen Reisen fand und vor dem Hungertod rettete. Hier brachte man ihm die Lehren des Wortes bei und er wurde Artephius’ persönlicher Schreiber. Arnaldus indes arbeitete in einem anderen Bereich der Festung. Er war Helfer bei den Kranken und Verwundeten, die von Zeit zu Zeit aus kleineren Gefechten mit den Rittern der Kirche hier ankamen. Arnaldus wurde vor sieben Jahren von einer Patrouille der Festung halb verhungert aufgefunden. Damals wurden seine Eltern durch eine Schar Räuber tödlich verwundet. Er selbst konnte sich verbergen und verbrachte einen vollen Tag neben seinem Vater, der langsam vor seinen Augen verblutete. Beide Jungen hatten sich irgendwann angefreundet und verbrachten den größten Teil ihrer Zeit miteinander. Die Festung hatte ihre Erziehung übernommen und es schien ihr gelungen zu sein.
„Wir sollen mit dir über das sprechen, was wir hier tun.“, setzte Arnaldus an. „So ganz genau verstehe ich es auch noch nicht, aber Ramon weiß es.“
„Du weißt es auch“, maulte dieser. „Du bist nur zu dumm es zu erklären.“ Worauf sich eine neue Rauferei entwickelte, die ich nutzte um näher an die Gehölze heranzutreten. In einer Reihe standen dort zehn oder mehr Eiben, alle in verschiedener Größe und Reife. Die erste schaute gerade als schmaler dreiblättriger Sämling aus der Erde, während die letzte schon die Dicke meines Unterarms hatte. Ich beugte mich zu einer der kleineren Eiben hinab und wollte eines der Blätter abbrechen, als mich die Jungs bemerkten und mit einem Schrei davon abhielten.

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar