Essenz – Tag 10 – Montag – 9. Teil

Ich und meine Männer verlassen die klösterlichen Mauern. Der Schmied wird das Aufräumen für uns übernehmen. Mein Geist braucht Zeit um einen neuen Plan zu schmieden und so entlasse ich mein kleines Gefolge für heute und setze mich in einen kleinen Zypressenhain am Rande der Stadt. Der Flüchtling kann noch nicht weit gekommen sein. Dass er aus Montségur stammt, steht jetzt außer Frage und auch, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Die Spur lässt sich zurückverfolgen und die zeitlichen Abläufe passen genau. Es schien keine Lüge zu sein, dass dem Heiler der Name nicht genannt wurde. Ich kann also davon ausgehen, dass er ein Geheimnis mit sich trägt. Eine Reliquie oder auch nur eine Botschaft in seinem Kopf. Die Richtung ist der Osten. Ich skizziere die Position der zwei Leichenfunde und die von Saint-Flour vor mir in die Erde. Als ich mich vorbeuge, trifft ein Sonnenstrahl meinen Nacken. Die Wärme tut unsagbar wohl und beruhigt mein Gemüt. Fast ist es, als ob der Herr zu mir spricht: ‚Du brauchst dich nicht zu eilen – es wird dir schon gelingen’. Ich überlege weiter. Meines Wissens verbleibt nur noch eine Hochburg der Albigenser und die liegt in meinem geliebten Italien. Das wäre der einzige Ort, an dem dieser Flüchtende noch Schutz finden könnte, denn Furcht regiert den Klerus auf dem Lande und das Wissen um meine Suche wird seinen Beitrag leisten. Ja, das muss es sein. Der Herr hat mir einmal mehr den richtigen Weg eingegeben. Ich werde mich direkt zu den Toren von Sirmione begeben und dort Tag und Nacht über das Umland wachen. Er wird weiterhin zu Fuß wandeln müssen und, meinen Schätzungen nach, drei weitere Monate für die Reise benötigen. Und wenn es soweit ist, werde ich da sein. Sollte ich mich verrechnet haben, so wird der Klerus ihn mir früher oder später in die Hände spielen.
2. Dezember 1244 im Jahre des Herrn. Die Reise nach Sirmione war ohne besondere Vorkommnisse. Vor gut sechs Monaten kamen ich und meine Männer hier an. Meine Getreuen wollten sofort jeden Ort durchsuchen und Befragungen durchführen, aber ich riet davon ab, da unsere Anwesenheit die Pläne des Flüchtlings in unvorhergesehene Bahnen lenken könnte. Vor zwei Monaten erreichte mich eine Bulle von Innozenz IV direkt hier in diesem kleinen Dorf, indem wir als Zimmerleute untergetaucht sind. Ich war etwas überrascht, da ich meine Anwesenheit hier niemandem weiter angetragen hatte und stellte somit fest, dass ich das Informationsnetzwerk des Heiligen Stuhls wohl unterschätzt hatte. Ich wurde aufgefordert mein Vorhaben abzubrechen, da der Flüchtende schon längst hätte eintreffen müssen. Man nahm an, dass er mir entweder entwischt und in Sirmione eingetroffen, oder unterwegs verhungert oder getötet worden sei. Ersteres empörte mich zutiefst, aber auch ich stelle die Weisheit des heiligen Vaters nicht in Frage. Ich antwortete umgehend und bat um Aufschub. Mit verborgenen Waffen und in Bauernkleidung gehüllt, verstärkten wir die Patrouillen im Umkreis. Ein Mann wurde jeweils abgestellt um, bei Tag und bei Nacht, den Lago di Garda zu beobachten um ein Eintreffen über Wasser abzufangen.
Einen Monat später traf ein weiterer Ruf ein, indem ich aufgefordert wurde, nach Rom zurückzukehren. Man brauchte mich für andere Zwecke. Diesmal ließ ich mir eine Woche Zeit zu antworten und erbat einen Aufschub bis zum Jahresende. Das Wetter war bereits sehr kühl geworden und auch ich war inzwischen geneigt zu glauben, dass der Flüchtling, wenn er nicht schon von Wölfen zerrissen war, der fortschreitenden Kälte zum Opfer fallen würde.
Meine Geduld soll aber mit dem heutigen Tage belohnt werden, denn ein Bote aus Luzern wurde mir angekündigt. Als der junge Mann absteigt, wird er sogleich von meinen Männern in meine Kammer geführt. Nach außen hin lebe ich ein sehr kärgliches Leben, aber in der windschiefen Hütte, die mir Schutz vor den Launen der Natur bieten soll, finden sich alle Annehmlichkeiten, die einem Träger des päpstlichen Siegels würdig sind. Der weit Gereiste setzt sich, nimmt dankend von dem dargebotenen Wasser und spricht:
„Herr, ich habe eine Botschaft aus Luzern für Euch.“
„Ich würde vorher gern wissen, wie ihr mich gefunden habt? Mein Standort ist geheim und nur der Heilige Vater selbst kennt den Grund meines Hierseins.“
„Da haben Sie Recht, mein Herr.“, antwortet der Bote und verblüfft mich durch das einsetzende Schweigen. Nach einer Weile frage ich: „Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie von Innozenz IV persönlich beauftragt wurden?“
Der Bote nickt. „Sprecht – wie ist Euer Name?“
„Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin hier um Euch-“. Kein Laufbursche kommt in mein Haus und leistet sich solche Unverschämtheiten. Das Nichtstun der letzten Wochen hat in mir eine wilde Unruhe entfacht. Blitzschnell springe ich auf, ziehe mein Schwert und halte die Spitze der noch zitternden Klinge an seine Kehle. „Ich bin Ritter Aiolfo XII, sechster Sonderbeauftragter von Gregor IX, Wächter des Stuhl Petri zur Sedisvakanz und dritter Sonderbeauftragter von Innozenz IV! Waget nicht in diesem Ton mit mir zu sprechen, wenn ihr nicht von ebensolchem Range seid!“
Der Bedrohte bleibt zu meinem Erstaunen völlig ruhig und setzt zu einer Antwort an, die ich im ersten Moment nicht verstehe: „Ihr sagt es – DRITTER Sonderbeauftragter.“ Als die Betonung des Satzes eine Weile in mir nachhallt, dämmert mir, wer da vor mir sitzt. Das ist kein einfacher Bote. Ich lasse mein Schwert sinken und mein Gegenüber scheint belustigt über die langsam einsetzende Ahnung meinerseits. Er zieht einen Siegelring und eine päpstliche Bulle hervor, die ihn als zweiten Sonderbeauftragten Ritter Sborgia ausweist. Schnell erklärt er mir, dass er ebenso wie ich unter dem Mantel der Tarnung reist, da neuste Ereignisse den Vatikan in äußerste Unruhe versetzen.
„So höre, mein Bruder“, setzt er an. „Deine Jagd auf den Flüchtling aus Montségur hat allerorts für große Aufregung gesorgt.“
„Das war mein Ziel, denn so treibe ich ihn mir in die Hände.“
„Es gibt einen Grund, warum die Albigenserhochburg Sirmione nicht schon beim letzten Kreuzzug eingenommen wurde und auch warum Montségur erst dieses Frühjahr fiel.“
„Ich kenne diesen Grund“, entgegne ich. „Die Truppen waren zu stark dezimiert und der spanische König war noch nicht bereit seine Mannen zu senden. Ich denke, hier in Italien wird es ähnlich sein.“ Ritter Sborgia lächelt abfällig, was meinen inneren Groll gegen diese Arroganz abermals schürt. Jedoch ich halte mich zurück: „Ich sehe mein Bruder, Ihr habt eine andere Meinung darüber. Ich gehöre wie Ihr zum inneren Kreis, also lasset mich an Eurem Wissen teilhaben.“
„Euch in die Untersuchungen und Erkenntnisse der letzten Monate und Jahre einzuweihen täte uns heute Zeit kosten, die wir nicht haben. Ich habe wie gesagt Nachricht aus Luzern für Euch-“ Ich muss dieses Geschwafel unterbrechen bevor mir die Galle überkocht.
„Ritter Sborgia, wenn es Erkenntnisse gibt, die meinen Auftrag betreffen, so teilt sie mir umgehend mit. Ihr seid mir als Ordensbruder verpflichtet.“
„Darüber ist jeder Zweifel erhaben“, züngelt er weiter. „Aber heute steht eine Order über unserem Bündnis. Höret mich bitte an.“
Dieser Mann ist weder mein Bruder noch scheint er sich dem Orden verpflichtet zu fühlen. Ein ehrloses Gesindel, das wohl Zeit seines Lebens am päpstlichen Gängelband ohne Rückgrat und Vernunft hängen wird. Was interessiert mich Luzern? Luzern ist weit weg und auf der anderen Seite der Alpen.
„Ihr Albigenser sollte dort vor zwei Tagen eintreffen. Dies ist nicht geschehen.“ Mein Mund öffnet sich aber keinen Ton bringe ich hervor. Ohne Fassung höre ich weiter zu. „Der deutsche Großinquisitor hat auf seinem Rückweg nach Rom in Luzern getagt und einen vermeintlichen Kaufmann als den Albigenserdiakon Jakob von Gent enttarnt. Neue Informationen wurden gewonnen. Scheinbar hat ihr Flüchtling einen weiten Umweg in Kauf genommen um Ihnen zu entgehen. Er wollte von Losanna nach Luzern reisen um dort zu überwintern.“
Hinter meiner Stirn beginnen die Gedanken wie angestautes Wasser in meinen Geist zu stürzen. War Sirmione dann überhaupt sein Ziel? Hatte ich so geirrt?
„Was ist sein nächstes Ziel? Ich werde sofort aufbrechen und ihn aufbringen.“
„Das wissen wir nicht. Der Diakon ist während der Befragung bedauerlicherweise verschieden, aber scheinbar hatte er es auch nicht wissen. Trotz aller Bemühungen existiert immer noch ein intaktes Kommunikationsnetz der Albigenser. Der Flüchtling wurde auf seiner Reise auf einer festgelegten Route unterstützt. Dabei scheint jede Zielstadt nur ihren Vorgänger zu kennen, um im Notfall schnell eingreifen zu können, aber bei Ausfall nicht die gesamte Kette zu unterbrechen.“ Ich spüre wie erneut die Wut sich meiner bemächtigt. Dieser kleine, dreckige Ketzer hatte sich erfolgreich meinem Griff entzogen und nur der Zufall hatte mir eine absolute Blamage erspart. Ich muss sofort aufbrechen. Den Mann am See werde ich hier lassen müssen. Zwei weitere Männer sind auf Patrouille, also bleiben nur die beiden hier am Haus. Ritter Sborgia unterbricht meine Planungen: „Wir gehen davon aus, dass der Flüchtling entweder nach Losanna zurückkehrt um dort unterzutauchen oder nach Norden ausweicht. Da wir sein genaues Ziel nicht kennen, ist beides möglich. In jedem Falle können wir gewiss sein, dass er bereits über Luzern informiert wurde.“
„Nein, er wird hierher kommen. Ich weiß es.“
„Woher nehmen Sie dieses Wissen?“ Seine Arroganz stinkt so sehr, dass ich geneigt bin sie ihm mit der Klinge aus der Brust zu schneiden.
„Er kann nicht zurück nach Losanna, denn er weiß, dass dies auch für uns der logischste Schritt ist. Im Norden wird es ähnlich sein. Nein, er wird erwarten, dass wir nicht damit rechnen und eine direkte Südrute über die Berge einschlagen.“
„Das wäre eine Narretei.“, antwortet Sborgia belustigt. „Die Alpen sind bei gutem Wetter schon eine Probe für Körper und Seele. Jetzt haben wir Winter und er wird keine zwei Tage überleben.“
„Er hat bereits drei Viertel eines Jahres überlebt und weiß, dass er keine andere Wahl hat.“
„Wollen Sie etwa in die Berge reisen und ihn suchen? Der Papst wird keine Truppen für eine solche Absurditäten opfern.“
„Das braucht er auch nicht. Ich breche sofort auf. Ihr könnt verweilen und-“ Ich halte inne. Entweder hat mein Verstand in diesem Moment wieder einen vom schäumenden Meer meiner Wut freigegeben Gedanken fassen können oder es sind meine Instinkte, die mich auf einmal stärker denn je vor diesem Ordensbruder, hier in meinem Hause, warnen. Da waren Lücken in seiner Rede, die ich nicht verstand.
„Ich muss Euch noch etwas fragen, mein Bruder.“, setze ich an „Ihr mögt mir jetzt vielleicht nicht erzählen wollen, warum wir so lange gewartet haben und es immer noch tun, um die letzten Albigenserfestungen auszuräuchern. Ich bin aber nicht gewillt zu glauben, dass der Besuch des Großinquisitors in Luzern und die Aufbringung des Diakons einem günstigen Zufall behaftet waren. Warum hat der Heilige Stuhl ein solches Interesse an diesem kleinen Ketzer?“
„Der Heilige Stuhl hat Interesse an jedem Ketzer, denn sie sind Feinde unseres Glaubens.“, entrinnt es den dünnen Lippen des Ritters.
„Ihr braucht mir nicht meinen Dienst zu rechtfertigen und höret auf euch dümmer zu stellen als ihr seid.“
„Ihr überschreitet Eure Kompetenz in diesem Falle“, kommt es leise und eindringlich zurück. In jeder anderen Situation täte ich handeln, aber um endlich mein Pferd zu erreichen halte ich inne, verneige mich und heuchle Demut. Augenblicklich sind meine Männer bei mir und wir reiten los. Die Satteltaschen sind immer gefüllt mit frischem Wasser und getrocknetem Fleisch, so dass wir gut gerüstet sind. Als wir die Längen des Lago di Garda gen Norden entlang reiten und die letzte Bastion des verhassten Feindes hinter uns verschwindet, beginnt mein Verstand wieder klarer zu arbeiten. Irgendetwas ist hier nicht wie es sein sollte. Wie kann ich als einer des inneren Kreises des Vatikans nichts von den Hintergründen im Umgang mit den Albigensern wissen? Ich handelte stets in dem Glauben, dass die Order klar vor mir lag. Wir reiten weiter. Der See beginnt nach links abzufallen. Die Sonne senkt sich zu unserer Rechten gen Horizont und ich beginne zu rechnen. Wenn der Flüchtling vor zwei Tagen Luzern hätte erreichen müssen, so sollte er beim Eintreffen der Kunde etwa Bern passiert haben. Ein direkter Weg gen Süden ließe dann nicht viele Möglichkeiten. Ich komme, du mein Phantom, mein Irrlicht. Ich werde Dich zur Strecke bringen. Dich und Dein Geheimnis. Da versiegt plötzlich mein Groll und weicht einer Ahnung, die mich für einen Moment völlig einnimmt und mich das Schlagen der Hufe und die treibenden Rufe der Männer um mich herum vergessen lässt. Was, wenn ich nicht der Einzige bin, der ein Geheimnis bei diesem Manne vermutet? Meine Überlegungen habe ich bisher für mich behalten, da Beweise nicht genügend vorhanden waren um dem Heiligen Vater in dieser Angelegenheit vorzusprechen. Scheint es jetzt nicht aber als ob dies gar nicht mehr notwenig sei? Hatte Innozenz IV eine göttliche Eingebung erfahren? Aber warum wird mir diese Information nicht zuteil und ich stattdessen als unwissender Handlanger missbraucht?
Ich schelte mich für das Infragestellen der päpstlichen Entscheidungen. Nur Innozenz IV und der Herr selbst sind dazu im Recht. Lange würden wir noch unterwegs sein. Hier draußen kann mich jedoch kein Ruf vorzeitiger Rückkehr ereilen.
