Essenz – Tag 10 – Montag – 8. Teil

Wenige Minuten später treiben ich und meine Männer unsere Pferde an und verlassen die Stadt gen Westen. Nur wenige Stunden dauert der Ritt denn da wir jetzt wissen wo unser Ziel liegt, können wir die gut ausgebauten Straßen nutzen und erreichen noch vor dem Sonnenzenit Saint-Flour und sehr schnell das Haus des Heilers. Ich lasse das gierende Nachbarspärchen in Haft nehmen für den Fall, dass die Information untauglich ist breche die Tür der mir aufgezeigten Hütte auf. Der Heiler ist zu Tode erschrocken, versucht aber nicht zu fliehen und leistet kaum Widerstand. Der Rest des Hauses ist leer. Meine Männer schlitzen jede Matratze auf und zerbrechen jeden Verschlag, können aber niemanden finden.
Wir nehmen den Heiler mit in den Keller des ansässigen Klosters. Ich will die Befragung selbst durchführen. Es ist ein dunkler Raum ohne jegliche Mittel, wie sie normalerweise zu einer solchen Befragung unterstützend hinzugezogen werden. Also lasse ich den Schmied herbeirufen um ein Feuer im Raum zu schüren. Anfangs leugnet der Heiler den Fremden zu kennen, aber nach ein paar Schlägen und dem Vorführen des beschuldigenden Pärchens gibt er klein bei. Dabei erfahre ich, dass seine Nachbarn ohnehin einen Groll auf den Mann hegen, da sie schon lange versuchen sein Grundstück dem ihrigen einzuverleiben. Doch diese Niederungen menschlichen Verrats sind mir gleich. Der Herr wird sie richten.
„Wie heißt dieser Mann?“
„Das weiß ich nicht.“ Ein Schlag ins Gesicht.
„Du willst mir sagen, du hättest einen Fremden in dein Haus gelassen ohne seinen Namen zu wissen?“
„Ja mein Herr, er war krank und meine Pflicht ist es zu heilen.“
„Du wagst es mich im Angesicht des Herrn täuschen zu wollen?“ Zwei Schläge ins Gesicht. Ächzend sackt sein Kopf nach vorn. Der Mann ist nur zwei Meter rücklings zum Feuer an einen Stuhl gefesselt und vergeht in seinem eigenen Schweiße. Ein Eimer Flusswasser ergießt sich eisig über seinen nackten Oberkörper und lässt ihn schreiend zur Besinnung kommen.
„Fahren wir fort. Wenn du mir nicht sagen willst wie der Mann heißt, so nenne mir doch deinen Namen?“
„Mein Name ist Louis Troyat.“
„Sieh mich an, Louis.“, müde erhebt sich der Kopf. Ein Augenlied ist bereits verschwollen. Das Andere flattert.
„Woher kommst du?“
„Ich bin hier geboren. Das Haus hat meinem Vater gehört. Meine Mutter starb früh.“
„Ich verstehe.“, setzte ich milde fort. „Nun Louis, ich werde dir jetzt ein paar Dinge zeigen und du wirst mir dann sagen, ob dir vielleicht doch wieder der Name dieses Mannes einfällt!“ Ich werfe einen Blick zum Schmied, der einem meiner Männer drei rot glühende Eisen reicht. Zuerst zeigte ich dem Heiler das Rundeisen. Sein noch offenes Auge weitete sich, aber er schwieg. Dann zeige ich ihm das Pflockeisen und schließlich präsentiere ich die heiß glühende Spitze einer langen Nadel.
„Du und ich, wir sind beide Kinder Gottes.“, fahre ich milde fort und gebe die Eisen zurück. „Wir sollten einander kein Leid antun, doch tust du mir gerade unheimlich großes Leid an. Warum, fragst du dich? Nun – du deckst einen Feind der Kirche. Deiner Kirche. Unserer aller Kirche. Wenn der Heilige Vater leiden muss, müssen auch seine Kinder leiden, verstehst du?“ Der Mann auf dem Stuhl nicke stumm. Das Wasser auf seinem Körper ist bereits wieder dicken Schweißperlen gewichen und die Haut auf dem Rücken beginnt sich rot zu färben.
„Ich sehe, dir ist heiß? Ich werde dir Erfrischung verschaffen und dann reden wir weiter.“ Ein weiterer Schwall Flusswasser ergießt sich über den schreienden Mann. Ich sehe Krämpfe in seine Gliedmaßen fahren und den Kopf hin und her schlagen.
„Wie heißt der Mann?“
„Ich weiß es nicht.“, stöhnt der Gefesselte.
„Ich werde dir die Frage nun aufschreiben.“, antworte ich kühl. Lasse mir das Pflockeisen reichen und beginne die vier Worte meiner Frage in das Fleisch seiner Brust zu brennen. Gellende Schreie prallen von den immerschwarzen Wänden ab und verlieren sich in den Gewölben des Klosters. Der Geruch verbrannten Fleisches steigt mir in die Nase. Ich kenne ihn gut aber er ist mir stets ein Gräuel gewesen. Auch jetzt verspüre ich weder Vergnügen noch Befriedigung. Der Heiler spannt seinen gefesselten Leib bis zum Bersten und beginnt den Herrn anzuflehen. Ich habe meine Tat vollendet und blicke auf verkohlt glänzende Haut. Ein dünner Faden roten Blutes entspringt an einer Stelle und versickert hinter der Fesselung. Erneut erreicht ihn das Wasser um seine Besinnung zu wahren. Diesmal beginnt der Heiler: „Mein Herr, bei allem Heiligen, ich kenne den Namen nicht. Er kam herein und war krank. Ich musste ihm beistehen, so ist es meine heilige Pflicht.“
„War er allein?“
„Ja.“
„Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“
„Was?“, der Heiler blinzelt verwirrt.
„Ich habe meine Worte klar gewählt. Wem hat er aus dem Evangelium vorgelesen?“
„Mir. Ich mag die Geschichten des neuen Testaments.“
Ich verziehe mein Gesicht und tue so als würde ich nachdenken. Meine Männer stehen starr in jeder Ecke des Raumes und warten auf Anweisung. Ein fünfter steht neben dem Schmied und achtet auf dessen Arbeit.
„Ich will nicht sterben.“, beginnt der Heiler zu jammern.
„Aber Louis“, erwidere ich väterlich. „Das will ich doch auch nicht. Aber wisse um die Sünde der Lüge und denen, die sündenbehaftet vor den Schöpfer treten, versagt er seine Liebe.“ Während ich das sage nehme ich ein dickes Stück Seil und beginne langsam einen Knoten hineinzuarbeiten.
„Willst Du nicht, dass deine Seele vorbereitet ist?“
„Meine Seele ist rein.“, antwortete er trotzig.
Das kommt unerwartet. Eigentlich glaubte ich den Mann schon fast gebrochen zu haben, aber es ist weniger das Wie, sondern das Was, dass mich aufhorchen lässt. Er hat „rein“ gesagt. Ein Ausdruck den vor allem die Albigenser verwenden. Habe ich sogar einen von ihnen vor mir sitzen? Ich begebe mich zu ihm auf Augenhöhe, hebe mit den Fingerspitzen sein Kinn an und fixiere ihn mit meinem Blick.
„Bist du einer von ihnen?“ Sein Blick scheint mich fragend.
„Bist du ein Albigenser? Ein Ketzer?“
Ein Moment gespannter Ruhe füllt den Raum. Nur das Knistern des Feuers durchbricht die Atemlosigkeit. Plötzlich wird der Kopf in meiner Hand leichter, hebt sich selbstständig ein Stück empor und spricht: „Wir bevorzugen die Bezeichnung Katharer.“
Ich fahre zurück. Blinde Wut beginnt sich meiner zu bemächtigen. Für einen Moment bin ich kein Mensch mehr sondern dem rachsüchtigen Schwerte Gottes gleich eine leuchtende Klinge brennender Vergeltung. Ich schwinge das Seil in meiner Hand und schleudere den Knoten zwischen seine Beine. Erst atemloses Keuchen, dann ein einzelner markerschütternder Schrei, dann Stille. Blut sickert unter der Hose des Heilers hervor.
„Vater unser, der du bist im Himmel, Dein Name werde geheiligt, flüstert Louis plötzlich. Ich komme wieder zu mir. Scheinbar tritt er in die Phase ein, in denen Befragte beginnen mit ihrem Leben abzuschließen. Wenn dies geschieht, beginnen sie zu leiden und zu erdulden und sind nicht mehr als Informationsquelle zu gebrauchen. Bringt man sie nicht schnellstmöglich aus diesem Zustand zurück in die Gegenwart, kann man sie auch ebenso gut totschlagen oder laufen lassen. Allerdings ist die Lage zu ernst, als dass ich letzteres gewähren könnte. Dort sitzt einer von ihnen. Für einen Moment sehe ich den kleinen, geschundenen Körper an, wie er versucht das Vaterunser zu stammeln.
„…Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie auf Erden“
Ich fühle einen Anflug von Schwäche aufkommen. Nein, es ist Hilflosigkeit. Dieser Mann trägt kein Schwert und kein Schild. Seine Waffe ist das Wissen in seinem Kopf. Ich brauche ihn noch.
„so im Himmel. …Unser täglich Brot gib uns heute. Und unsere Schuld vergebe uns“ „Welche Schuld soll er Dir vergeben?“ besinne ich mich und schreie ihn an.
„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern….“ Nun geschieht etwas Unglaubliches. Mit dem letzten Wort hebt der Heiler den Kopf und richtet sein noch offenes Auge auf mich. Er verhöhnt mich. Der Katharer verhöhnt mich. Und noch etwas wird mir klar. Dieser Mann bittet nicht für sich, sondern für mich.
„Louis.“, will ich ihn unterbrechen.
„…und führe uns nicht in Versuchung,…“
„Louis, hör mir zu!“, ich werde lauter, aber er will mich nicht hören. Sein Auge ist weiterhin starr auf mich gerichtet.
„…sondern erlöse uns…“
Ich greife nach der glühenden Nadel. Die Verachtung in seinem Auge macht mich rasend.
„…von dem Bösen.“
Das verkohlte Fleisch brennt in meiner Nase, die Hitze des Feuers macht mir den Kopf dröhnend und ich brülle das Auge an, aber es will sein Gebet vollenden.
„Amen.“
Ich stoße zu. Mit dem Geräusch einer zerplatzenden Frucht fährt die glühende Nadel in das starr geöffnete Auge.
Marek würgte, griff nach dem nächst besten Gefäß und übergab sich. Er hatte diesen Ritter gespürt. Als wäre er selbst es, der an dessen Stelle in diesem Keller stand und gerade einem Menschen eine glühende Nadel in den Schädel jagte. Er hatte einen Geschmack im Mund, der an Rauch erinnerte und seine Augen tränten, als hätte er lange in ein helles Licht gestarrt. ‚Oder in ein Feuer’, dachte er bei sich. Marek fühlte sich widerlich. Angeekelt von dem, was er da gerade in Wort und Geistesbild erfahren hatte. Doch in der hintersten Ecke seines Verstandes schien sich auch eine Spur Faszination zu verbergen. Zu flüchtig um sie zu fassen, aber doch zu präsent um sie zu ignorieren. Einmal mehr wünschte er sich Raucher zu sein, um jetzt zur Entspannung am offenen Fenster Eine zu paffen. Marek ging aufs Klo, erledigte, was zu erledigen war, trank einen halben Liter Wasser und kehrte zurück an den Schreibtisch. Vorher jedoch schloss er die Tür und zog die Vorhänge zu. Heike war wohl schon gegangen, denn im Haus herrschte Ruhe. Marek beschloss für sein eigenes Seelenheil den Rest des Absatzes auszulassen. Ein paar eng beschriebene Seiten hatte er noch zu übertragen. Dem Schriftbild nach zu urteilen war der Inhalt weit weniger erregend. Das würde er jetzt auch noch schaffen.
