Essenz – Tag 10 – Montag – 7. Teil

23. Mai 1244 im Jahre des Herrn. Seit nunmehr zwei Monden reisen mein Trupp und ich durch die Lande. Da die südlichen Grenzen Okzitaniens durch den spanischen König überwacht werden, habe ich einen Weg eingeschlagen, der mich nordöstlich treibt. Der Flüchtling wird meines Erachtens nach nicht mit dem Pferd unterwegs sein, da ihn dies zu sehr auf geeignetes Gelände beschränkt und er den Schutz der Wälder so nicht nutzen könne. Ihn in den Wäldern zu suchen wäre verlorene Zeit, aber er wird die Ortschaften nicht vollends meiden können, da auch sein Leib nach Nahrung verlangt. Unsere Strategie ist simpel, aber effizient. Einen Tag reiten wir, dann bei einsetzender Dämmerung verstreue ich meine Männer in alle Himmelsrichtungen, auf das sie sich bei der nächsten Dämmerung wieder bei mir einfinden um zu berichten. So bilden wir einen riesigen Stern, der durch das Land zieht um nach dem Ungläubigen zu leuchten. In den letzten Tagen begannen Zweifel an mir zu nagen. Nicht ob der Richtigkeit meiner Vermutungen über die Existenz des Flüchtlings sondern der Richtung, die wir einschlugen.
Frankreich ist groß und reich an Verstecken. Natürlich könnte ich auch eine großinquisitorische Suche anregen, aber ich will mir den süßen Geschmack der Rache nicht nehmen lassen. Ja, ich empfinde Rachegelüste, denn Zeit meines Daseins als Ritter des Glaubens schlug ich meine Schlachten, ohne dass auch nur ein Ketzer meiner Klinge entkam um neue Köpfe mit seinen Lehren zu vergiften. Diese Flucht, die mich bis zum heutigen Abend nur als stiller Verdacht umgarnte, ist eine Verhöhnung, nicht nur meiner Werte sondern auch meiner Person selbst. Aber ich soll Gewissheit erlangen. Zwei meiner Reiter kehren zurück und berichten unabhängig voneinander ähnliche Geschehnisse. In dem einen Fall habe eine alte Amme einen Dominikanermönch tot in einem Graben nahe den klösterlichen Feldern gefunden. Seine Kehle war zusammengedrückt wie ein morscher Stamm. Der andere Reiter erzählt mir von einem auf gleiche Weise ums Leben gebrachten Händler, den er am Eingang zur Ortschaft Aurillac fand. Beide Reiter waren sehr weit nördlich unseres derzeitigen Standorts unterwegs gewesen. Ich zeichne die Fundorte auf meiner Karte ein aber um Schlussfolgerungen zu ziehen ist es noch zu früh. Einer Ahnung folgend lasse ich aufbrechen. Ein Bote reitet voraus und soll meine Ankunft vorbereiten.
Wir reiten die Nacht durch und als wir am Mittag des nächsten Tages eintreffen und vor das Ratshaus treten, empfangen mich bereits Würdenträger der Stadt und des Klerus. Sechs Verdächtige werden mir vorgeführt. Die stinkenden und zerlumpten Männer scheinen mir alles andere als in der Lage zu sein weite Strecken zurückzulegen. Zwei von ihnen haben die Fäulnis. Einer kann sich kaum auf den Beinen halten und die anderen drei sind kaum der heimischen Sprache mächtig. Schwachsinnige Bettler sind sie allesamt. Ich lasse sie verhören aber die Ergebnisse befriedigen mich nicht. Fünf von ihnen haben die Befragung überlebt und schwören auf den Herrn Jesu Christi, dass sie gesehen haben wer den Händler ermordet hat. Keine der fünf Beschreibungen gleicht der anderen. Ich habe Folter noch nie für ein effizientes Mittel zur Informationsgewinnung gehalten und gerate über die mir dargebotene Torheit in Raserei. Ich sehe in das versehrte Gesicht eines der Befragten und beginne zu würgen. Einen Moment bin ich versucht die in mir tobende Wut auf ihn zu speien, aber ich besinne mich und spreche ihn an.
„Sag mir, mein Freund. Bist du ein guter Christ?“
„Ja mein Herr.“ Die Stimme ist kaum deutlicher als die eines Rindes. Die geschwollen Wangen und der gequetschte Hals hemmen ihm die Worte.
„Ich glaube dir und bin mir sicher, dass du keine Sünden mehr in dir trägst, hab’ ich Recht?“
„Ja mein Herr, ich habe Zeugnis abgelegt.“ Speichel rinnt ihm beim Sprechen zwischen den kraterhaften Zähnen hervor, aber ich lasse ihn meinen Ekel nicht spüren.
„Du sagst also, du hast den Mann gesehen, der euren Händler ums Leben gebracht hat?“
„Ja, mein Herr. Er war groß und hatte einen dunklen Mantel an.“
„Trug er einen Hut?“
„Ja mein Herr, einen Hut.“
„Deine Freunde sprachen aber nichts von einem Hut. Einer bezeugte sogar einen haarlosen Schädel.“ Ich konnte den Blick des Mannes zwischen den Schwellungen nicht fassen, sah aber wie seine gefalteten Hände zu zittern begannen.
„Er hatte einen Hut und den hat er beim Kampf verloren. Ich sah ebenfalls das fahle Mondlicht auf barem Haupte glänzen.“
Noch hält meine Beherrschung an, aber schon beginnen meine Fäuste sich zu ballen. Ich weiß, dass dieser Mann mich nicht verspotten will sondern von Angst getrieben wird. Dennoch verschwendet er meine kostbare Zeit und wird damit zum Mittäter.
„Versuchst du mich zu verwirren?“, frage ich weiter und bekomme heftiges Kopfschütteln und unmenschliches Grunzen zur Antwort. Diese Geschöpfe der Straße sind mehr als widerlich. Ich beuge mich zu ihm herab und zeige ihm meinen Ring.
„Erkennst du dieses Siegel?“ Er nickt und versucht ihn mit seinen Lippen zu berühren. Ich will das päpstliche Siegel nicht mit seinem Blute besudeln lassen und ziehe die Hand zurück.
„Weißt du, was die Inquisition ist?“
„Ja mein Herr“, höre ich seine Stimme tonlos werden. Allein dieser Klang reicht mir als Urteil über die Wirkung der bloßen Erwähnung des Konzils. Ich erhebe meine Stimme über den Raum und erlasse eine Anordnung.
„Man soll diesen Mann waschen und seine Wunden versorgen. Anschließend gebe man ihm saubere Kleidung und eine warme Mahlzeit. Dann übergebt ihm diesen Silberling. Die anderen Vier sollen auf dem Scheiterhaufen Läuterung erfahren.“ Ich übergebe einem der anwesenden Wachen das Geldstück. Es ist mir gleich, dass dieser Mann um seines Lebens Willen lügt. Die Kunde von Großmut und Erbarmungslosigkeit wird mir von nun an voranschreiten und mir helfen die Lügner von den Ehrlichen zu trennen. Ich lasse Boten in die benachbarten Orte senden und verbreite einen einfachen Befehl. Sechs Männer oder Frauen sollen in jedem Ort, den ich besuche, bereit stehen und mir Wahrheit kundtun. Erkenne ich Widersprüche so wird Gott alle Sechs richten. Erkenne ich die Spur des Flüchtlings, so soll die Belohnung für den Einen oder die Eine nicht minder der hier Gegebenen sein.
Ich beschließe noch eine Zeit in dem Ort zu verweilen. Die lange Suche hat meine Männer und mich erschöpft und ich bin noch immer nicht sicher, in welcher Richtung ich weitersuchen soll. Wenn es wenigstens ein genaues Bild des Flüchtenden geben würde? Es wird die Zeit kommen, an der der Heilige Stuhl meine Ahnung in Wissen gewandelt sehen will. Wir kehren in eine kleine Wirtschaft ein und lassen uns auftischen. Das Mahl ist primitiv, aber für diesen Landstrich von guter Qualität. Als ich versuche mich in meiner Kammer für die Nacht zu betten, stelle ich fest, dass mein Körper nach Monaten der Schlacht und des Reisens nicht mehr in weichen Betten zu ruhen vermag und schlafe statt dessen auf dem ebenen Boden.
Am nächsten Morgen erfahre ich beim Mahl, dass es meinen Männern ähnlich erging. Sie lachen und amüsieren sich über das dralle Hausmädchen der Taverne. Die ruhige Nacht scheint ihnen gut getan zu haben und ich bin geneigt mich zu ihnen zu gesellen um ihren Scherz zu teilen, als ein junger Bursche hereinstürmt und nach mir verlangt.
„Ritter Aiolfo“, keucht er noch ganz außer Atem. „Bitte hört mich an. Ich habe eine Nachricht für Euch.“
Ich erhebe mich: „So saget mir erst wer Ihr seid? Ich nehme keine Nachrichten von dahergelaufenen Straßenjungen entgegen.“
Der Bursche nimmt Haltung an. Sein Brustkorb weitet sich immer noch hektisch nach Luft ringend.
„Mein Name ist Alois Dupont. Ich bin einer der Boten, die gestern ausgesandt wurden um Eure Kunde ins Umland zu tragen. Mein Ziel war die Ortschaft Saint-Flour etwa fünfzig Meilen westlich von hier.“
Ich gebe zu etwas beeindruckt zu sein, dass meine Order in so weitem Umkreis säte.
„Hast Du etwas über den Flüchtling gehört, mein Sohn?“
„Ja, mein Herr. Nachdem ich auf dem Marktplatz Eure Order verkündet hatte, kamen ein Mann und eine Frau auf mich zu. Sie sagten ihr Nachbar sei Arzt und verstecke den Gesuchten. Ich fragte Sie, woher sie sich so sicher seien und ob sie meiner Order auch entnommen hätten, was die Folgen bei einem falschen Verdacht wären?“
„Weise mein Sohn.“, antwortete ich ungeduldig. „Eile Dich in Deinen Worten.“
„Ja, Herr. Sie hielten mich an ihnen zu folgen, so dass ich einen heimlichen Blick durch ein Fenster ins Haus des Heilers werfen konnte. Was ich sah war ein großer, kräftiger Mann, etwa vierzig oder fünfundvierzig Jahre alt. Er saß da und las jemandem vor. Ich konnte aber nicht erkennen, wem dies galt aber sein Akzent war eindeutig okzitanisch. Er war von würdevoller Gestalt aber seine Kleidung war zerlumpt und der Bart stakste kraus aus dem Gesicht. Der Mann und die Frau meinten, dass dieser Mann vor zwei Tagen hier aufgetaucht sei und seit dem nie das Haus verlassen hatte. Auch hätte der Heiler niemanden mehr in sein Haus gelassen.“
„Sag mir mein Sohn, konntest Du erkennen, was für ein Buch es war aus dem er las?“
„Die Heilige Schrift, mein Herr.“
„Kannst Du Dich an die Passage erinnern?“
„Nicht genau.“, der Kleine wird unruhig aber dann hellt sich seine Mine plötzlich auf. „Aber es war aus dem Johannesevangelium.“
Ich trete an den Jungen heran, lege ihm die Hand auf die Schulter und sehe ihn eindringlich an: „Bist Du Dir sicher?“
„Ja, mein Herr“, bricht er nervös hervor. „Ich bin geschult in den Lehren Christie und habe das Alte wie Neue Testament lieben gelernt.“
Das war die Antwort, nach der ich gesucht habe. Ich muss schnell reagieren, darf aber nun, da der Sieg in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint nicht durch Übermut fahrig werden. Ich gebe Befehl zum sofortigen Aufbruch. Teller klappern. Stühle rücken. Die Männer springen hinauf in ihre Nachtgemächer und bringen die Ausrüstung. Ich hole einen Silberling hervor und gebe ihn dem Jungen: „Der hier ist für Euch, vom Heiligen Vater aus Rom. Seit Euch seiner Liebe und der Liebe des Herrn für Eure Aufmerksamkeit und Euren Eifer gewiss.“ Der Junge strahlt und platzt fast vor Stolz.
„Soll ich zurück nach Saint-Flour reiten und Euer Kommen ankündigen?“
„Nein, mein Junge. Wir reiten sofort los.”
