Essenz – Tag 10 – Montag – 4. Teil

Als der Sohn die Küche betrat, nahm die Mutter gerade einen kleinen Stapel Teller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch: „Du kommst genau richtig. Das Essen ist fertig.“ Marek nahm schweigend einen der Teller und stellte ihn zurück in den Schrank bevor die Mutter ihren Irrtum bemerkte. Die anderen Beiden wies er gewohnten Plätzen zu und ließ sich dann auftun. Es gab Königsberger Klopse aus der Dose.
Still aßen sie und besprachen den Nachmittag. Helene Korsak wollte sich vor dem Besuch in der Kirche noch einmal hinlegen. Marek war das ganz Recht, denn so konnte er schon damit beginnen seine Aufzeichnungen zu übertragen. Und so saß er kurze Zeit später wieder vor dem erwartungsvoll blinkenden Cursor seines Laptops. Er fragte sich, welchem Text er sich zuerst annehmen sollte? Er entschied sich für die der „weißen Kirche“. Ein Kaffee gegen die Mittagsträgheit stand bereit. Schwer zogen die Wolken am Fenster vorbei und der Wind frischte wieder auf. Er kramte das erste Blatt hervor, übersprang seine eigenen Zeilen, die ihm wie pubertäres Geschmiere vorkamen und begann zu tippen.
16. März 1244 im Jahre des Herrn. Viel habe ich schon gesehen und vollbracht seit das Kreuz auf meinen Gewändern prangt. Die Farbe ist vortrefflich gewählt, denn blutend rot sind die Pfade, die ich ausgetreten habe. Der letzte Ausfallversuch hat ihre Verzweiflung zu Tage getragen, denn auch sie wissen, dass der Schutz der Burg sie nicht ewig gegen meine Tausendschaften wehren kann. Narren sind es. Eitle Ketzer, dem Glauben abtrünnig und dem Heiligen Stuhl ein Dorn im Auge, doch dieser Morgen wird sie lehren. Wir wissen, dass sie einen neuen Versuch starten werden und wir wissen auch, dass es ihr Letzter sein wird. Empfangen werden wir sie mit blinkenden Schneiden und stählernen Spitzen, werden den Ruf in ihre verzagenden Herzen bohren. Wenn ich mich hier auf meinem Rosse sitzend umschaue, empfinde ich Stolz. Stolz auf die, die mein Werk weiter tragen. Diese Basken verrichten ein grausames Werk. Bewundere ich sie doch in ihren Tugenden und ihrer Inbrunst den Glauben zu verteidigen, so erschaudere selbst ich, Zeit meines Lebens Jäger der Albigenser, vor ihrer Erbarmungslosigkeit. Der heilige Vater verlässt sich jedoch auf seinen Gesandten und ich werde seinem Befehl bis zum Letzten Folge leisten, so wahr mir Gott helfe.
Schon sehe ich erstes Glühen auf den Kämmen der Berge. Der Herr schickt uns seine Strahlen um das Schlachtfeld zu erhellen. Es wird nicht lange dauern. Die Basken haben bereits die Barbakane eingenommen und alle Fluchttunnel verschüttet. Die hohen Zinnen werden wir nicht ohne große Verluste erklimmen können, also warten wir, bis sie uns heute das Tor öffnen. Ich sehe meinen Adjutanten nahen.
„Herr, der Gefangene gibt uns keine weiteren Informationen mehr.“
„Hat er etwas über die Anzahl der Vorstoßwellen berichtet? Wir sollten wissen, auf wie viele Schübe wir uns einstellen müssen. Wenn es zu wenig sind, könnte es nur eine Ablenkung sein. Ich habe bereits erlebt wie diese Ketzer große Löcher von innen ins Bollwerk rissen um ihre Frauen und Kinder entkommen zu lassen, während die Männer den Gegner durch gezielte Angriffe ablenkten. Dieser Bischof ist ein gerissener Teufel und wir sollten Achtung vor seinem Kalkül walten lassen.“
„Mein Herr, der Gefangene ist nur ein Knabe. Ich glaube nicht, dass er in die Details des Ausfalls eingeweiht wurde.“
Ich denke kurz nach aber wahrscheinlich hat mein Adjutant Recht. Diese Leute sind durch die letzten Jahre in militärischem Denken an uns gewachsen. Sie würden einen aus der Vorburg nicht in solche Züge einweihen.
„Köpft ihn und werft den Schädel beim ersten Sonnenlicht über die Mauer. Wenn die Schreie ertönen wisst ihr, dass sich Ketzer im Freien befinden und lasst Pfeile regnen.“
„Ja, mein Herr.“
Er ist ein Getreuer. Schon mehr als einmal hielt er die tödliche Klinge von mir fern und es ist mir eine Freude ihn auch heute an meiner Seite zu haben.
Das Glühen der Strahlen erreicht die Spitzen der Türme. Ich gebe den Formationsbefehl an den Kommandanten der Basken weiter. Sollen seine Männer ruhig glauben, dass sie für ihren König kämpfen. Innozenz IV weiß, warum ich hier bin. Wieder spüre ich die berauschende Macht des Krieges in mir hochsteigen. Die Männer beginnen zu schreien und schlagen mit ihren Waffen an die das Kreuz tragenden Schilde. Ich lenke mein Ross auf eine Anhöhe. Erhaben ist der Anblick von zehntausend kampferprobten Männern. Heute soll es werden. Ich spreche zu den Tapferen: „Wir sind gesegnet. Wir sind auserkoren. Brennen werden sie in ihren Mauern, in die sie sich verkrochen haben und ihre lästerlichen Rituale abhalten. Sie werden schreiend zur Hölle fahren. Wartet nur noch einen Moment, dass der Herr uns die Sonne leuchtend auf das Schlachtfeld sendet. Der Heilige Vater ist bei Euch. Der König von Spanien und der König von Frankreich sind bei Euch und der Herr ist mitten unter uns. Möge das Blut an euren Klingen nicht trocknen ehe nicht der letzte Heretiker schwarze Galle speit.“
Die Massen jubeln und schreien. Reiter versuchen ihre aufgepeitschten Pferde zurückzuhalten. Wie ein riesiger, lebender Sumpf wogen die Todbringenden vor mir. Nein, kein Sumpf. Sie sind ein schwarz-rotes Feuer, das dieses Land heute reinigen soll. Geifer tritt zwischen zerzausten Bärten hervor. Augen funkeln hinter den Schlitzen zerschlissener Helme. Die Sonne nähert sich bereits den Mauern. „Bogenschützen bereit!“, höre ich den Ruf. Sie werden beim Aufglühen der unteren Zinnen den Ausfall wagen. So lange müssen die Männer zurückhalten. Die Sonne passiert die oberen Fenster der Haupttürme. Sie erreicht die Zinnen. Noch nicht – wartet noch ihr wilden Horden. Da! Das Tor beginnt sich zu öffnen. „Feuer!“ schreie ich in den wahnsinnigen Pulk. „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen!“
Sie reißen und sie schlagen. Sie zertrümmern Schädel, lassen Hirn ihre Bärte verkleistern und Gesichter sich in breiige Massen verwandeln. Schwarzer Regen aus Holz und Eisen prasselt über die Mauern. Ich schreie und treibe sie weiter an, aber meine Stimme geht in dem mordenden Feuer unter, das diese Welt erfasst hat. Die Herren von Montségur halten sich wacker und versuchen sich wieder zurückzuziehen aber schon ist das Tor von abgeschlagenen Gliedmaßen und zuckenden Leibern blockiert. Meine Männer stoßen ins Innere vor. Weitere Einhundert stürmen aus den Palisaden hervor. Aus den Türmen ergießt sich kochendes Pech und Ströme gleißenden Feuers. Sie brennen. Alle brennen sie, aber die Reinigung muss fortschreiten. Ich treibe mein Pferd in die Burg hinein. Einer der Heerführer liegt mit zerrissenem Leib vor mir. Die hellen Gedärme quellen hervor und seine Augen treten verdreht aus den Höhlen. Geifer fließt vermischt mit roten Rinnsalen aus dem geöffneten Mund. Auch sein Röcheln wird bald in Stille übergehen, aber Stille ist hier jetzt nicht zu finden. Weiter, weiter. Den Hauptweg hinauf, hin zur großen Halle und hinunter in die Gewölbe. Dort unten werden sie ihre Brut verwahrt haben. Sie geben nicht auf. Sie kämpfen wie die Wahnsinnigen, wie wandelnde Leichen, gezeichnet von den Entbehrungen der Belagerung und getrieben vom Wissen um ihre Ausrottung. Mein Pferd findet auf den Leibern keinen Halt mehr und strauchelt. Ich kann die inneren Hunde der Hölle nicht mehr halten, springe aus dem Sattel und fahre gezogenen Schwertes schlachtend in die tobende Menge…
Marek wurde schlecht. Die nächsten Zeilen vermochte er beim besten Willen nicht zu entziffern. Krakelig und bösartig jagten sich wilde Zeichen über das Papier. Er konnte nicht einmal sagen, ob die Schrift vor oder rückwärts zu lesen wäre. Er brauchte eine Pause.
Nach einer kurzen Runde im Garten ging Marek zurück an den Schreibtisch. Er konnte es drehen und wenden wie er wollte, aber es war unleugbar. Die von ihm angefertigten Aufzeichnungen, in der dunklen und der weißen Kirche, beschrieben dasselbe Ereignis – nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Hatte er es beim ersten Mal wohl mit einem Kind zu tun, schien er hier die Sicht eines Soldaten in den Händen zu halten. Mehr noch. Es schien sich um einen Befehlshaber, eine Art General zu handeln, der ein ihm fremdes Heer unterstützte. Da war auch ein Datum. Verdammt, warum hatte er hier auch keinen Internetanschluss? Hätte sein Laptop doch wenigstens ein eingebautes Modem, aber die alte Kiste hatte schon einen guten Tag, wenn sie länger als drei Stunden ohne Absturz durchhielt. Wenigstens speicherte sein Schreibprogramm ständig automatisch ab, so dass er nur selten Daten verlor.
Marek entschied, dass er sich eine Liste von Dingen, die er entweder bei nächster Gelegenheit selbst recherchieren oder bei irgendjemandem in Auftrag geben würde. Nachdem dies getan war, überflog er die krakelige Schrift bis er wieder etwas entziffern konnte.
Wir haben die Große Halle genommen und ab da keinen Widerstand mehr erfahren. Die Truppenführer berichten mir, dass die Verteidiger der unteren Gewölbe plötzlich wie auf Zuruf die Waffen streckten und die Frauen und Kinder ohne Widerstand preisgaben. Bischof Marty möchte mit mir über eine Kapitulation verhandeln, aber ich bin den weiten Weg aus Rom nicht für Verhandlungen gegangen. Mein Adjutant hat eine tiefe Fleischwunde im rechten Oberarm, aber er lebt und trägt meine Anweisung an die Heerführer weiter.
„Treibt alle Überlebenden auf dem großen Innenhof zusammen. Schickt derweil die Männer des sechsten und siebten Heeres in den Wald um Holz zu holen. Mein Regiment soll damit beginnen die Truppen zurückzuhalten bis der Herr ihnen das Animalische genommen hat.“
Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die aufgepeitschten Männer nach einem solchen Sieg oft beginnen sich an den Frauen zu vergehen um ihren wilden Trieben den Rausch der Schlacht zu nehmen. Vor dieser Unheiligkeit müssen sie bewahrt werden und ich weiß, dass ich meine eigenen Leute mit dieser Aufgabe betrauen kann. Sie mögen vielleicht Ketzer sein, aber nur der Geist des Herrn soll sie strafen und kein tierischer Instinkt sich darüber erheben.
Mein Getreuer weiß, dass die Frage nach den Frauen und Kindern nicht gestellt werden muss. Die Order ist eindeutig und sieht keine Ausnahmen vor.
Die Männer kehren zurück und nach etwa zwei Stunden ist der Haufen groß genug und wir beginnen sie hinauf zu treiben. Etwas jedoch erscheint sonderbar. Es gibt kein einziges Wehklagen. Kein Bitten und Jammern obgleich jeder weiß, was ihm bevorsteht. Die würdevolle Haltung, die selbst die Jüngsten zu wahren scheinen, flößt mir auf schauerliche Weise Respekt ein. Schließlich stehen dort 225 Männer, Frauen und Kinder starr gerichteten Blickes. Ich besteige den Hügel und spreche zu Bischof Marty: „Sage mir, Marty. Deine Leute stehen hier im Angesicht des sicheren Todes und scheinen keinerlei Furcht zu verspüren. Wie hast du es fertig gebracht, dass sie so an dich glauben, wo doch ihre Seelen längst verloren sind?“
„Sie glauben nicht an mich.“, antwortete der Bischof. „Sie Glauben an den Herrn und an die Reinheit.“
„Wie kann es dann sein, dass ihr Glaube sie in wenigen Augenblicken auf direktem Wege ins Fegefeuer führt?“ Dabei schaue ich in die Reihen, aber nicht einmal bei den Kleinsten sehe ich ein Zeichen des Bangens.
„Die Rettung der Seelen ist unsere Aufgabe und jeder wird sein Opfer bringen um dies zu ermöglichen.“
Dieser Mann ist ohne Frage ein Sünder und Feind des Glaubens, aber dennoch verspüre ich Achtung vor seiner Standhaftigkeit. Nur für die Augen des Bischofs neige ich ein wenig mein Haupt und zolle ihm Respekt, den er erwidert. Ich drehe mich um und beginne hinab zu steigen.
„Ritter Aiolfo!“, erhebt er das Wort an mich. „Erlaubet mir ein letztes Gebet mit den Meinen.“
„Abgelehnt.“, antworte ich ohne stehen zu bleiben. Meine Männer kennen das Prozedere. Ich verlasse den Innenhof und erstes Knacken flammenden Holzes dringt an mein Ohr. Noch sind sie stumm, aber bald werden sie schreien. Sie schreien alle.
