Essenz – Tag 10 – Montag – 3. Teil

Wieder begann die frische Luft schnell und wirksam seinen Verstand zu reinigen. Er musste sich aufwärmen und das trübe Herbstwetter war dazu nicht geeignet. Dennoch entwich die unnatürliche Kälte und lies einen abermals verwirrten Schriftsteller zurück, der sich an eine der Pappeln lehnte und wartete, bis seine Gedanken wieder die gewohnt geordneten Bahnen einnahmen.
Marek blickte zurück zum Eingang, der immer noch offen stand. Dann musste er daran denken, dass seine Mutter ja heute noch mit ihm in dieses Gebäude wollte. Für den Moment war er mit dieser Situation recht unglücklich aber er konnte sich auch nicht wirklich darüber Gedanken machen, denn vom Dorfeingang her kam jemand forschen Schrittes auf ihn zu. Nein, es war ausnahmsweise nicht, wie zu dieser Tageszeit zu erwarten, der Mann aus Stahl sondern Justus, der Bruder des Pfarrers. Er musste gesehen haben, wie Marek die Kirche verlassen hatte und schien darüber alles andere als erfreut.
„Hey! Sie da! Bleiben Sie stehen!“, rief er schon aus der Ferne. Marek machte keine Anstalten zu gehen oder gar zu Flüchten. Justus überquerte den Kirchplatz und kam keuchend vor dem verblüfften Schriftsteller zum Stehen.
„Ach, Sie sind’s.“, schnaufte Justus hervor. „Ich hab’ nur jemanden aus der Kirche rennen sehen und dachte sie wären jemand anders. Ach so – tut mir Leid das mit ihrem Vater.“, und eine Spur Verlegenheit mischte sich in das verschwitzte Gesicht. ‚Er konnte doch unmöglich von dem kurzen Stück so außer Atem sein’, dachte Marek und überspielte die leichte Empörung darüber, dass ihm die Beileidsbekundung in einem Nebensatz vor die Füße geknallt worden war.
„Danke.“, kommentierte er kurz. „Entschuldigen Sie, dass ich sie beunruhigt habe. Ihr Bruder hatte mir freundlicherweise den Schlüssel gegeben damit meine Mutter und ich noch etwas Andacht halten können.“ Justus’ Verlegenheit wuchs. Er nahm die Schiebermütze vom Kopf und kratze sich. Dennoch war die nächste Frage alles andere als frei von Argwohn: „Wo ist denn Ihre Mutter?“ Marek bemerkte den investigativen Unterton und zog leicht die Augenbrauen hoch. Justus ergänzte schnell: „Heinz war in Ordnung. Ich hatte noch keine Gelegenheit Ihrer Mutter mein Beileid auszudrücken.“
„Sie ist zu Hause“, antwortete Marek mit der gleichen Scheinheiligkeit zurück. „Aber ich möchte Sie bitten noch eine Weile zu warten. Morgen ist sicher ein besserer Tag. Ich wollte einen Moment für mich allein sein, deshalb war ich schon hier.“
„Warum sind Sie denn so hastig heraus gerannt?“
„Die Tür hat geklemmt. Ich hab mich dagegen geworfen und bin gefallen.“
„Und mein Bruder hat Ihnen den Schlüssel einfach so gegeben?“
„Ja, es war eine sehr nette Geste. Ich bin nicht von hier, aber ich glaube Ihr Bruder hat ein großes Herz und liebt seine Gemeinde. Aber sagen Sie, ich hörte Sie sind Lehrer. Sind schon wieder Ferien? Ohne eigene Kinder verliert man völlig den Überblick.“
Nun war es klar, dass hier der Versuch eines Verhörs stattfand. Die Frage war nur, wer hier der Befragende und wer der Befragte war?
„Bin krank geschrieben“, kam die knappe Antwort. „Hab’ heute Morgen alles von mir gegeben. Hab’ wohl was Schlechtes gegessen. Hatten Sie ja scheinbar gestern vor der Messe auch.“
„Stimmt. Aber jetzt scheint’s ja schon wieder besser zu gehen, oder?“
„Kann man so sagen. Hat mein Bruder sonst noch was gesagt?“
„Was soll er denn gesagt haben?“
„Ich mein’ ja nur. Wegen ihres – wegen Heinz. Wo möchte Ihr Vater denn beigesetzt werden? In Düsseldorf?“
Marek war die Frage viel zu direkt um mit seinen Vorstellungen von Pietät oder wenigstens Unauffälligkeit einherzugehen. Er spürte, dass sich eine gewisse Spannung aufzubauen begann. Marek wollte sehen, wie der Bruder des Pfarrers auf den nächsten Satz reagierte?
„Nein, wir möchten ihn hier beisetzen.“
„Das geht nicht – ich meine Heinz war doch gar kein Katholik, soweit ich weiß.“
„Er ist getauft und doch bestimmt nicht der einzige nicht praktizierende Christ hier im Dorf.“
Die Stichelei hatte gewirkt und Justus brauste auf: „Wir sind hier alle brave Anhänger unseres Glaubens und es steht Ihnen nicht zu darüber zu urteilen.“
„Bitte beruhigen Sie sich. Das lag auch nicht in meiner Absicht.“ Das Echo war stärker als erwartet. Für einen Pädagogen schien er sich nicht sehr gut unter Kontrolle zu haben.
„Ihr Bruder meinte, er müsse noch die Bücher prüfen, ob die Verwaltung der Beisetzung zustimmen würde. Aber im Endeffekt war er doch ein gutes Mitglied der Dorfgemeinschaft, oder?“
„Der Dorfgemeinschaft“, wiederholte Justus und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Zitterte sie? „Ja sicher. Mein Bruder wird schon wissen, was er tut. Entschuldigen Sie.“
Eine kurze Pause entstand, doch Marek spürte, dass sich die Spannung zwischen den Beiden eher verstärkte als abschwächte.
„Konnten Sie denn in unserer Kirche etwas zur Ruhe kommen?“, fragte Justus mit gesenktem Blick. Es war nicht die Frage, die Marek sauer aufstieß, sondern der Tonfall. Überhaupt schien Justus sich sehr genau überlegt zu haben, wie er diese Frage hatte formulieren sollen und wie das dann so kommen kann, war die Ausdrucksweise hölzern und nur gespielt nebensächlich. Marek war sich nun sicher, dass sein Gegenüber etwas wusste und versuchte herauszufinden, ob es auch ihm bekannt war? Er begann zu taktieren.
„Ja, es ist eine schöne Kirche. Nur etwas kalt war mir nach einer Weile.“ Justus schaute weiter auf den Boden und tat so, als würde er sich Dreck von den Stiefeln kratzen.
„Ja, auch wir beheizen unsere Gotteshäuser nicht.“, versuchte er zu scherzen. „Wie lange waren Sie denn drin?“
„Etwa zwei Stunden. Die Ruhe hat mir Kraft gegeben.“, Marek stellte fest, dass er ebenso mies schauspielerte. Mit etwas Abstand betrachtet hätten sie beide wohl eher wie ein schlechter Sketch gewirkt, als wie Verhörprofis.
„Zwei Stunden? Da müssen Sie wirklich etwas durchgefroren sein. Aber gut, wenn Sie Ruhe finden konnten. Der Wind pfeift ja manchmal ziemlich durch’s Gebälk. Ist ja auch nicht mehr die Jüngste.“
„Ist mir nicht aufgefallen – also das mit dem Wind. Sagen Sie, kann ich Sie zu dem Gebäude was fragen?“
„Sie können es versuchen, aber die Fachkraft ist natürlich mein Bruder.“
„Was bedeutet der Spruch an der Eingangstür?“
„Die Tür zum Saal?“
„Ja, er ist über beide Flügel geschrieben. Ich denke es ist Latein.“
Marek nahm an, dass ein Deutschlehrer der toten Sprache mächtig sein sollte. Eine Ausrede hätte ihn vielleicht verraten aber Justus dachte nicht daran auszuweichen.
„Ei crede! Deus amat unum quisquae. – Das bedeutet sinngemäß ‚Vertrauet ihm. Gott liebt jeden Einzelnen’. Soll uns wohl nach der Messe mit einem guten Gefühl zurück ins Weltliche entlassen.“
Kurz spielte Marek mit dem Gedanken sein Blatt weiter zu reizen und sich nach dem Spruch in der Schwesternkirche zu erkundigen. Doch er würde die Übersetzung auch von Isi bekommen und eine Ahnung riet ihm vorsichtig zu sein.
„Aha. Nett.“, kommentierte er. „Und wissen Sie vielleicht auch was diese gruseligen Kreaturen an den Fenstern bedeuten?“
„Die Viecher mit den langen Hälsen?“ Scheinbar prüfte er jede Frage, um nicht versehentlich auf etwas Ungewolltes zu antworten.
„Ja – sind das biblische Figuren? Ich habe so etwas noch nie vorher in einer Kirche gesehen.“
„Also, da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Ich weiß auch nicht, ob mein Bruder darüber was in seinen Büchern hat? Die Kirche ist auch ziemlich alt, wissen Sie?“ Justus hatte es tatsächlich geschafft Marek einmal kurz in die Augen zu schauen.
„Aha. Darf ich mal schätzen? Vielleicht 500 Jahre?“ Marek hatte so viel Ahnung von Architektur wie vom Tiefseetauchen.
„Ausgehendes 13. Jahrhundert.“, antwortete Justus.
„700 Jahre? Nicht schlecht. Dann ist das Dorf ja richtig alt.“
„Davon können sie aber mal ausgehen.“, kam nicht ohne Stolz zurück. „Wir sind älter als Berlin.“
Marek erinnerte sich an die Worte seines Vaters auf dem Dach.
„Aber ist es nicht merkwürdig,“ fragte er „dass die Kirche nicht im Zentrum des Dorfes steht? Ich dachte immer das war damals so üblich?“
„Wer sagt das?“
„Das habe ich mal irgendwo gelesen und wenn man so durch die umliegenden Dörfer fährt, dann sieht man es eigentlich nur so.“
„Durch welche Dörfer sind Sie denn hier schon so gefahren?“
Mist. Marek hatte sich verrannt. Er kannte hier doch nur dieses eine Kaff, in dem er gerade stand und die Stadt weiter westlich. Er versuchte zu improvisieren.
„Na durch Kammhorst zum Beispiel.“
„Kammhorst hat keine Kirche. Nie gehabt.“ Justus sah ihn jetzt endlich wieder direkt an, aber sein Blick gefiel Marek nicht. Er hatte einen Fehler gemacht, denn eigentlich hätte er sich erinnern müssen, dass genau deshalb der Pfarrer heute oder morgen nach Kammhorst fuhr.
„Dann war es ein anderer Ort. Ich bin durch so viele gefahren und bin vielleicht etwas durcheinander gekommen.“
„Ich dachte, Sie sind mit dem Zug gekommen.“
„Ja, das stimmt, aber ich bin ein wenig mit dem Auto meiner Mutter rum gefahren. Letzte Woche, als das Wetter so schön war.“ Die Ignoranz über den Wohnort der Eltern und dessen Umfeld drohte im jetzt das Genick zu brechen. Marek musste die Notbremse ziehen. Ohne Justus weiter in seinem Oberwasser schwimmen zu lassen, fuhr er fort: „Entschuldigen Sie, aber bin eigentlich schon zu spät dran. Meine Mutter wartet schon mit dem Essen und danach wollen wir noch mal für eine Andacht in die Kirche. Ich hoffe, dass es auch für Sie als Gemeindemitglied kein Problem ist. Wenn ja, so bitte ich um Entschuldigung. Ansonsten kann ich auch mit meiner Mutter in eine Kirche in der Stadt fahren.“ Das Manöver war dreckig aber es funktionierte. Justus senkte wieder den Blick und presste verlegen sein Einverständnis hervor.
Das Gespräch war beendet und die Kontrahenten verließen das Schlachtfeld, jeder in seine Richtung. Marek war etwas flau im Magen und innerlich entschuldigte er sich beim alten Herrn ihn vorgeschoben zu haben. Als er die Hauptstraße überquert hatte und gerade in die 12-17 einbiegen wollte, warf er noch mal einen Blick zurück und stieß auf ein merkwürdiges Bild. Justus war scheinbar gar nicht gegangen. Nein, er hatte sich nur ein paar Schritte von den Pappeln entfernt, stand nun am rechten Ende des Kirchplatzes und starrte auf das gegenüberliegende Pfarrhaus. Nein, das stimmte nicht. Da war etwas zwischen ihm und dem Haus. Auf der linken Seite des Platzes schien ein kleiner, dunkler Berg entstanden zu sein. Marek sah genauer hin und erkannte die alte Frau und ihren riesigen Hund, der ihn vor ein paar Tagen fast gefressen hätte. Ebenso wie Justus standen die beiden völlig regungslos und schienen das Gegenüber zu fixieren. Der Wind fuhr erneut durch die großen Bäume und wehte einen Stoß gelber Blätter von ihnen weg. Die Situation hatte etwas von einem bizarren Duell. Marek war zu weit entfernt, als das er Details erkennen konnte, aber er war sich sicher, dass er den leeren Raum zwischen den Beiden hätte schneiden können. Niemand schien ihn wahrzunehmen und Marek war das auch ganz recht. Was immer da gerade passierte oder passieren sollte, es hatte etwas Düsteres, etwas Unnatürliches. Das waren keine Freunde, die sich begegneten. Nahm der Wind an Stärke zu? Unsinn. Marek war unsicher. Neben ihm stand die Holzbank seines Vaters und kurz war er versucht Platz zu nehmen und auf das zu warten, was da käme. Er musste an seine Mutter denken. Sie war schon ziemlich lange allein zu Hause. Er hob den Blick und erwartete fast, dass sich das Schauspiel auf wundersame Weise aufgelöst hätte, aber nichts hatte sich verändert. Er wollte gehen und so drehte er dem Ganzen den Rücken zu und stapfte davon. Ohne es zu merken ging er zügiger als es nötig gewesen wäre.
