Essenz – Tag 10 – Montag – 2. Teil

Die Luft roch wie so oft nach Regen und die stoppeligen Felder verströmten den Duft von Erde. Drei Rehe standen in der Ferne äsend im Feld und eine Schar Vögel schien sich für den Flug ins Winterquartier zu rüsten. Im Hintergrund stand einsam der nun kahle Baum, in den der Blitz vor einigen Tagen gefahren war. Marek entsann sich eines alten Gedichtbands von Georg Trakl, der bei seiner Mutter im Regal stand. Er hätte die düsteren Zeilen in diesem Augenblick ohne Probleme ergänzen können. Marek rieb sich die Augen und musste gähnen. Der Blick blieb an dem getöteten Baum hängen. Schwarz zeichneten sich die verkohlten Äste vom grauen Hintergrund ab. Er erinnerte sich an die Euphorie, die er empfand als er den Einschlag vom Gipfel des Kirchenberges aus beobachtet hatte und schämte sich fast ein wenig. Er wollte noch einmal die Fenster der „weißen Kirche“ betrachten. Der Zufall hatte ihm die Möglichkeit gegeben sich frei in dem Gebäude zu bewegen und das wollte er nun nutzen um vielleicht selbst etwas über diese langhalsigen Geister herauszufinden. Hatte er Geister gesagt? Bisher waren es doch immer irgendwelche Tiere aus der Fabelwelt gewesen? Egal.
Marek umstrich den Dorfrand, nickte unterwegs dankend einigen Beileidsbekundungen vorbeikommender Einwohner zu und gelangte zum Pfarrhaus. Er klingelte um festzustellen ob der Pfaffe schon unterwegs war. Die bereitgelegte Ausrede, für den Fall, dass der Hausherr doch noch zugegen war, brauchte er nicht und so betrat er wenig später das Gotteshaus und schloss wieder hinter sich ab.
Innerlich hoffte Marek, dass dies alles nur ein skurriler Traum war und er jetzt eine völlig andere Kirche vorfinden würde, die keinerlei Ähnlichkeit mit der Schwester im Berg hatte. Aber natürlich war das nicht der Fall und Marek schritt andächtig über den braunen Teppich vor zum Altar. Er holte ein Feuerzeug hervor und widerstrebend entzündete sich eine der großen Altarkerzen. Es folgte eine Minute des Schweigens. Dann löschte Marek die Flamme wieder und begann sich umzuschauen.
Der Großteil des Gebäudes und der Ausstattung war spiegelverkehrt. Keine Frage. Aber es gab auch Unterschiede. So konnte Marek in den vier goldenen Schalen über dem Altar keine Aschereste finden. Dem Buch, welches der schwebende, bärtige Mann dem zweiköpfigen Monster entgegenreckte, fehlte die Ziffer IV und auch das Monster selbst schien veränderte Gesichtszüge zu tragen. Das zweite große Bild wies ebenfalls Differenzen auf. Schienen die vier Elemente auf dem Bild der „dunklen Kirche“ dem zentralen Kreuz zuzufließen, so strömten sie hier eindeutig daraus hervor. Marek stand lange regungslos vor den beiden Bildern. Ihm fröstelte und so fiel ihm ein weiterer Unterschied auf. Hatte er in der „dunklen Kirche“ nie frieren müssen, durchzog ihn hier eine klamme Kälte. Zwar war diese Kirche auch nicht beheizt, aber diese Kälte fühlte sich nicht so an, als würde sie nur von der kühlen Herbstluft herrühren. Marek wollte seine Beobachtung vom Vortag untersuchen und legte seine Hand auf eine Sitzbank. Nach einer Weile wechselte er die Hand, doch die Wärme, die ihm vom Holz zurückgegeben wurde, hätte wesentlich intensiver sein müssen. Auch bei den steinernen Wänden war das nicht anders. Hatte die dunkle Schwester Wärme ausgestrahlt, schien diese hier sie zu absorbieren. Was war mit dem Licht? Ja, diese Kirche hatte Schatten. Unter den Bänken, hinter dem Altar. Aber es war auch heller Tag, der durch die Fenster fiel und Marek konnte nicht einschätzen ob das Leuchten vielleicht nur überstrahlt werden würde? ‚Unsinn’, dachte er sich. ‚Hier gibt es kein Leuchten, denn sonst hätte man nachts von außen etwas gesehen.’ Eine gute Begründung, wenn auch in einer Situation nicht erklärbarer Phänomene nicht ganz lückenlos. Dann ging er zu den Fenstern der linken Seite. Ja, das entsprach seiner Zeichnung. Durch die Clusterung der Fenster etwas gröber gehalten, aber auf jeden Fall das gleiche Thema. Da waren römische Ziffern. Wahrscheinlich Jahreszahlen. In jedem Fenster eine. MCCIX , MCCXLIV, MCCLV und MCCLXXVI.
Marek führte seine Untersuchungen sachlich und mit innerer Ruhe durch. Wenn er begreifen wollte, was er hier sah, musste er Schritt für Schritt vorgehen. Er beschloss Pfarrer Bernd bei nächster Gelegenheit über diese Kirche und ihre Geschichte auszufragen. Sicher würden sich dann auch neue Schlüsse über das Schwesterngebäude ergeben, ohne dass er allzu früh seinen Fund preisgeben musste. Er holte sich ein Sitzkissen, ein fortschrittliches Detail, das sich in die eher unwesentlicheren Unterschiede eingliederte, und nahm in der vorderen Reihe Platz. Er schaute auf den steinernen Schriftzug rechts vor sich auf dem Boden, dessen Bedeutung sich ihm verschloss. Er hatte Durst und öffnete den Rucksack um die Wasserflasche zu suchen. Sein Blick fiel auf die Bögen Papier, die er zwei Tage zuvor in der „dunklen Kirche“ beschrieben hatte. Er war bisher nicht dazu gekommen, sie zu übertragen und damit zu erfahren, was er aufgezeichnet hatte. Wieder begann die Leere in ihn zu fließen, die ihm vor Augen hielt, dass diese Aufzeichnungen ihn die Stunden gekostet hatten, die er noch bei seinem Vater hätte verbringen können. Marek hielt inne und war für den Bruchteil einer Sekunde geneigt, das Papier in seinen Händen zu zerreißen. Doch sein Verstand formte den eben erteilten Vorwurf um und wollte die Texte nun erhalten, damit die verlorene Zeit einen Sinn behielt. Er verspürte das Bedürfnis sich auszudrücken und zu vermitteln. In dem Rücksack war noch unbeschriebenes Papier übrig. Ein schreibfähiger Stift war auch noch dabei und so begann er ein paar Zeilen zu schreiben. Er öffnete den kleinen Teil seines Herzens, der dazu bereit war und lies die Trauer und den Schmerz in die Feder gleiten. Kalt strömte ihm das unterliegende Holz entgegen und kalt floss es ihm zu.
Nach einer Weile tat ihm der Hintern weh und die Kälte kroch durch das dünne Sitzkissen. Marek beschloss sich noch einmal an dem Kissenstapel zu bedienen. Er stand auf und wollte um die Bank herum zum Mittelgang gehen, als sein Blick noch einmal im Augenwinkel seinen Platz streifte. Da lag der eben begonnene Text und daneben die Schriften aus der „dunklen Kirche“. Aber was waren das für Blätter die darüber lagen? Marek ging zurück und schnappte nach Luft. Fein säuberlich gestapelt lagen dort vier frisch beschriebene Blätter. Er blickte zurück auf die Seite, die er eben noch beschrieben hatte. Das war nicht seine Schrift und auch nicht die Schrift aus der „dunklen Kirche“. Er las rückwärts zum Anfang der Seite. Da war auch inhaltlich nicht eines, an dass er sich erinnerte. Marek blätterte den plötzlich aufgetauchten Stapel durch. Auf der letzten Seite erkannte er in den ersten Zeilen seine Worte wieder. Dann veränderte sich das Schriftbild, wurde grob und unrein. Wild war der Schriftzug, mit vielen schmierigen Korrekturen und krakelig eingeschobenen Bemerkungen. Marek holte sein Telefon mit der Uhr im Display heraus. Zwei Stunden? Volle zwei Stunden sollte er bereits hier verbracht haben? Neben der Bank lag die Wasserflasche. Sie war leer. Marek fuhr herum. Plötzlich beschlich ihn das Gefühl beobachtet zu werden, aber im Saal war nichts zu sehen. Er hatte wieder geschrieben und, wie zuvor in der Kirche im Berg, nichts davon bei vollem Bewusstsein. Das unangenehme Gefühl wuchs und auch die Kälte schien immer eindringlicher zu werden. Marek hatte aber diesmal nicht vor, seinen Ängsten zu weichen. Er wurde wütend. Wenn er hier schon in irgendwelchen Gotteshäusern saß und Dinge schrieb, an die er sich nicht erinnerte, dann wollte er es jetzt zumindest auch zu Ende bringen! Er setzte sich zurück auf die Bank, nahm Papier und Stift zur Hand und wartete. Nichts geschah. Stattdessen verstärkte sich das unheimliche Gefühl nicht mehr allein zu sein. Da war kein Geräusch, das neu für ihn war. Ab und zu knackte das Holz, die Vögel vor der Kirche sangen und der Wind rauschte in den großen Pappeln. Marek stand auf, packte alles in den Rucksack und setzte sich mit dem Rücken zur Wand unter das Bild mit dem goldenen Kreuz. Er wollte nicht mehr das Gefühl haben, dass ihm jemand über die Schulter schaue. Nein, das stimmte nicht. Er wollte den Rücken frei haben. Das war eine Flucht. Ein trotziger Widerstand gegen seine eigenen Instinkte, die ihm rieten hier zu verschwinden. Kein Wort fand seinen Weg auf das Papier. Hatte er vielleicht schon alles aufgezeichnet? War er hier fertig? Er blickte hinauf zu dem Fenster, das ihm am nächsten war. Aus dieser Perspektive sah es so aus, als ob die geistlosen Augen des langhalsigen Ungetüms direkt durch ihn hindurch sahen und das aufgerissene Maul ihn im Sturzflug blind verschlingen wollte. Marek schloss die Augen und wollte sich entspannen aber dies war ein Fehler. Plötzlich spürte er wie vom Boden und der Wand, an der er lehnte, die Kälte in ihn hinein zu fließen begann. Das war nicht das einfache Auskühlen des Fleisches. Etwas strömte auf sein Herz zu. Es vereiste jeden Funken und jeden Gedanken auf dem Weg dorthin. Es war wie an dem Tag, als er aus der Kirchturmtür der „dunklen Kirche“ stolperte und an der gegenüberliegenden Wand Halt fand – nur im Gegenteil behaftet und da war es wieder, das Meer, dessen rauschende Flut in seinen Ohren anstieg. Marek fühlte sich schwächer werden. Sein Puls flachte ab. Seine Glieder erschlafften und die Kälte kroch ihrem Ziel immer näher und näher. Da ein Funke. Ein Instinkt. Er riss die Augen auf und die Kälte wich vor der Kraft des Sinneseindrucks zurück. Er rappelte sich auf, aber seine Beine versagten. Nerven kribbelten und Muskeln versuchten zu kontrahieren. Schließlich gelang es ihm doch auf die Füße zu kommen. Ein Blick auf das Blatt in seiner Hand. Nichts. Keine neuen Zeilen. Jetzt aber raus hier. Marek ging so schnell seine erwachenden Beine es zuließen die Seitenwand entlang auf den Ausgang zu. Er erreichte das innere Portal. Ebenfalls im Erscheinungsbild dem Gegenüber identisch, blickte er im Vorbeigehen auf den Schriftzug an den Türflügeln. Identisch. Nein – nicht ganz. Zum einen die Art wie der Text aufgetragen war – sichtbar für alle, ohne Möglichkeit eine Abdeckung anzubringen, und dann stimmte der Wortlaut nicht exakt überein. „Ei crede! Deus amat unum quisquae.“ Da waren einige Worte ausgetauscht. Merken und dann raus hier. Die Ausgangstür blockierte. Richtig, der Schlüssel. Nein, nicht umsehen, auch wenn da nichts ist. Der Riegel fuhr herum, die Tür gab nach und Marek strauchelte ins Tageslicht.
