Essenz – Tag 10 – Montag – 11. Teil

Essenz_Blog29_Tag10_Teil11.jpg

„Also erstmal finde ich es schade, dass du hier bei uns so schlecht schläfst. Also ich meine bevor-“, versuchte Heike etwas verlegen die Kurve zu kriegen. „Bevor das mit Heinz passiert ist und da du mich schon wieder so verwundert anschaust, erklär’ ich dir gleich mal den Zusammenhang. Also: Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, dann achte mal drauf. Du wirst das Brummen nur hören, wenn du zu wenig Schlaf bekommen hast. Wenn du so richtig schön matschig im Kopf bist und eigentlich im Stehen einschlafen könntest. Glaub’ mir, wenn du erstmal Mutter bist, kannst du erst recht ein Lied davon singen.“

Marek versuchte ihr Grinsen zu erwidern, aber das war mehr ein Reflex als eine geplante Reaktion. Seine Aufmerksamkeit hatte dafür gerade keinen Spielraum, denn seine Gedanken hatten begonnen die Ereignisse der letzten Tage neu zu sortieren. Ja tatsächlich. In der Nacht zum Sonntag hatte er hervorragend geschlafen und beim Gang zur Messe war kein Brummen zu vernehmen. Das war wirklich der einzige Unterschied, den er ausmachen konnte. Er machte sich keinen Vorwurf, dass er diesen Zusammenhang nicht selbst erkannt hatte. Wichtiger war es nun Heike weiter zuzuhören:
„Also, ich habe es in den ersten Monaten nach Frederiks Geburt bis in mein Schlafzimmer gehört. Wie weit hörst du es denn?“
„Nur ein paar Meter im Umkreis. Aber in der Kirche selbst ist Ruhe.“
„Ja, das stimmt.“, pflichtete Heike ihm bei. „Das geht aber fast jedem hier so. Gibt nur ganz wenige Leute, die auch bei Schlafmangel das Brummen nicht hören. Die einfachste Möglichkeit ist immer noch ein gesunder Schlaf und der macht als Nebeneffekt auch noch gute Laune.“
„Ja aber woher kommt das denn? Das ist doch nicht normal.“
„Das ist schon richtig und es ist auch kein Geheimnis. Ab und zu erinnert sich mal jemand von Außerhalb daran und dann kommen sie wieder her und machen ihre Messungen. In den Siebzigern hatten wir mal viel Presse hier. Und die letzten Messungen sind gar nicht so lange her. Mitte 2006 war das, aber das lag auch daran, dass man in München zu der Zeit glaubte ein ähnliches Phänomen zu haben. Wir haben echt alles durch – Magnetfeldmessungen, Infraschallmessungen und was weiß ich nicht alles. Wünschelrutengänger sind um die Kirche gelaufen und haben nach Wasseradern gesucht, was nicht besonders schwer ist, weil jedes Gehöft hier sowieso einen eigenen Brunnen hat. Na und das Schärfste gab’s 1984, als so ein Sektenführer aus der Schweiz unsere Kirche als Signalgeber für seine außerirdischen Freunde erkannte. Da war aber ordentlich was los. Unser Pfaffe konnte da richtig energisch werden.“
„Und es gab nie irgendwelche Erkenntnisse?“, fragte Marek ungläubig. Heike fröstelte und setzte sich beim Sprechen wieder in Bewegung um den Rundgang endlich Richtung Dorfkrug zu führen. „Das Einzige was man festgestellt hat ist ein Zusammenhang zwischen der Übermüdung eines Menschen und dessen Empfindsamkeit gegenüber dem Brummen. Die letzte Theorie, die ich gehört habe, war die, dass das Gebäude aufgrund seiner Konstruktion irgendwie als Resonanzkörper dient und dann wohl eine unbekannte Infraschallquelle verstärkt. Man konnte sogar 2006 ein leichtes Vibrieren feststellen aber das war so fein, dass es auch von irgendwelchen Erntemaschinen oder von der Bahntrasse oder woher auch immer kommen konnte.“
Für Marek war das immer noch alles andere als befriedigend: „Aber jetzt ist es Nacht. Da fahren keine Erntemaschinen.“
„Du kannst dir das auch gerne selbst zusammenrecherchieren. Geh’ ins Internet. Da gibt’s seitenweise Material über diesen Brummton. Das ist sogar der offizielle Name und es gibt, ob du es glaubst oder nicht, verschiedene Gesellschaften, die sich mit der „Erforschung des Brummtons“ befassen. Das einzige Besondere hier ist, dass man es auf die Kirche fixieren konnte auch wenn niemand sagen kann, ob es das Gebäude selbst ist oder nur eine Verstärkung stattfindet.“
„Ich würde ja gern ins Internet gehen, aber ich hab’ gerade nicht die Zeit dafür in die Stadt zu fahren.“
„Na so ein Blödsinn“, antwortete Heike „Du denkst wohl auch wir leben hier hinter ’m Mond. Nur weil Korsaks hinterher hängen, muss das ja nicht für alle gelten. Kannst gerne mal bei mir vorbei kommen und dich vom Gegenteil überzeugen.“
Die Dunkelheit der Nacht konnte nur bedingt darüber hinwegtäuschen, dass Marek puterrot anlief. Aber nach Selbstbestrafung stand ihm jetzt nicht der Sinn. Er war noch nicht befriedigt, was die ganze Sache anging.
„Na und nun?“, fragte er weiter. „Ich meine, seid ihr nicht neugierig? Die Kirche müsste doch auch ein riesiger Touristenmagnet sein, wenn das alles so bekannt ist?“
„Ach, das war sie ja in den Achtzigern auch, nachdem dieser Sektenheini hier so einen Radau gemacht hat. Aber schau mal Marek. Die Leute, die hier wohnen, wollen ihre Ruhe. Arbeiten kann man in der Stadt zur Genüge, aber die reine Natur und den Frieden unter Leuten, mit denen man per Du ist, findest du hier. Manche Sachen akzeptiert man entweder oder man verbringt sein halbes Leben damit sie zu erforschen. Schau mal, die Grotte von Lourdes hat man auch einfach akzeptiert und man akzeptiert auch das Bermudadreieck. Irgendwann wird mal ein Wissenschaftler kommen und das alles erklären, aber bis dahin schlafen wir uns hier einfach gut aus und haben unsere Ruhe.“
„Also Lourdes und das Bermudadreieck sind ja nun nicht gerade gute Beispiele.“, monierte Marek. „Das eine basiert auf Hysterie und wahrscheinlich auf dem Kohlenmonoxid der vielen Kerzen in der Grotte und das andere auf Science Fiction und irgendwelchen betrunkenen Frachterkapitänen.“
Heike zog die Oberlippe hoch und schnaufte: „Kleiner Skeptiker, was? Na wenn du so gut Bescheid weißt, konntest du in der Woche, in der du hier bist, bestimmt eine Erklärung für das Brummen finden, zu dem wir, die hier schon immer leben, nicht in der Lage waren.
Ja, er war mal wieder zu großkotzig gewesen. Eigentlich war das nicht seine Absicht, aber er konnte es nun mal nicht ertragen, wenn sich etwas seinen Erklärungsversuchen entzog und dann auch noch sein Diskussionspartner dies als gottgegeben abwinkte. Er brummte verlegen. Diese Frau wusste es wirklich ihn an die Wand zu stellen.
„Na also“, fuhr Heike fort, diesmal aber nicht triumphierend wie sonst sondern unangenehm ernst. „Bitte erheb’ dich also nicht über uns. Wir haben gelernt es zu akzeptieren, weil niemand uns sagen konnte, was die Ursache ist und was interessiert denn auch die Welt so ein kleines Kaff?“
Sie gingen weiter und führten eine unangenehme Kühle mit sich. Keiner von beiden hatte plötzlich noch Lust in den immer näher rückenden Dorfkrug einzukehren. ‚Müdigkeit also. Vielleicht ist es auch Müdigkeit, die mich in den Kirchen diese andere Sache tun lässt. Nur blöd, dass man automatisch nicht gut schläft, wenn einem so etwas im Kopf rum geht, sonst könnte ich es testen.’ Als er dies dachte, fiel Marek etwas auf und einmal mehr erkannte er die gute Seele, die in Heike innewohnte und er schämte sich so undankbar neben ihr her zu laufen.
„Heike“, sagte er und blieb stehen. Heike drehte sich leicht gereizt zu ihm um. „Danke, dass du das Brummen hörst.“
Im ersten Moment war Heike nicht klar, warum Marek das jetzt gesagt hatte. Dann sah sie den feuchten Schimmer in seinen Augen und war froh, dass er doch nicht der grobe Klotz war, für den er sich eben noch ausgegeben hatte. Der Grund dafür, dass Heike gerade jetzt das Brummen wahrnahm, konnte nur darin liegen, dass sie die letzte Nacht nur schlecht oder gar nicht geschlafen hatte. Marek erkannte darin, wie sehr ihr der Tod seines Vaters zu Herzen ging, und dass sie ihm dies eigentlich zu keinem Zeitpunkt hatte spüren lassen. Sie hatte ihre eigene Trauer für sich behalten. Es entstand ein Moment sanfter Verbundenheit. Ein kühler Windstoß hätte das Band zwischen ihnen in diesem Augenblick trennen können. Aber nichts dergleichen geschah. Das Licht des Dorfkruges brach sich an Heikes Konturen und verlieh ihr einen hellen Saum, der sie unantastbar zu machen schien. Das unsichtbare Band zwischen ihnen zog die Beiden zueinander hin aber sie widerstanden und genossen das wiederkehrende Gefühl der Vertrautheit. Für Marek gab es in diesem Augenblick nur zwei Möglichkeiten. Sich freundschaftlich zu umarmen oder das zu Ende zu bringen, was er vor ein paar Tagen auf dem Dach verbockt hatte. Die Kraft des Bandes begann nachzulassen und sie wussten, dass der Moment fast vorüber war. Heike riss das Ruder an sich und entschied sich für eine dritte Lösung. Schnell überbrückten ihre Lippen die Distanz und nahmen einen flüchtigen Kontakt mit den Seinen auf. Dann ein mädchenhaftes Lächeln um die eigene Nervosität zu überspielen, ein Griff nach der Hand des Anderen und ab in das alles Neutralisierende einer verrauchten Dorfkneipe.
Die Wirtin war eigentlich schon dabei die Stühle hochzustellen. Allem Anschein nach war der eigentliche Wirt heute selbst sein bester Kunde gewesen und hatte Mühe seiner Frau mit kontrollierten Bewegungen zur Hand zu gehen. Schließlich griff die wohlbeleibte Frau in die Tasche ihrer Kittelschürze, holte eine kleine Flasche Weinbrand hervor, drücke sie ihrem alles andere als beleibten Mann in die Hand und diesen selbst in eine der zwei Sitzecken. Da sollte er bleiben und Ruhe geben, bis sie den Laden dichtgemacht hatte. Dazu kam es aber nicht, da Marek und Heike das Lokal betraten. Normalerweise hätte die Frau Wirtin, eine kleine Frau in den Vierzigern mit leicht ergrautem Haar, das zu einem dicken Dutt gebunden war, sie in barschem Ton zurück ins Freie befördert. Als sie aber Marek sah, hatte ihr rüdes aber gutes Herz ein Einsehen.
Ein Kleines frisch vom Fass rann schnell jeweils in eine Kehle und schon hatten Heike und Marek beschlossen, es nicht dabei zu belassen. Zwei große Pils rückten nach.
„Du betrinkst dich doch jetzt nicht, oder?“, fragte Heike.
Marek lächelte. Eine Steilvorlage für alles Mögliche war das schon gewesen, aber er schuldete es dem alten Herrn jetzt einfach mal die Klappe zu halten. So saßen sie für einen Moment schweigend da und waren einfach nur froh nicht alleine zu sein. Das zweite Bier war zur Hälfte verschwunden, als Marek wieder redseliger wurde: „Erzähl mir was über das Dorf. Ich möchte wissen, was meinen Vater hier gehalten hat?“
„Puh – wo soll ich da anfangen. Also, eine Historikerin bin ich nicht, da musste schon den Pfarrer fragen, aber wir sind hier halt alle mehr oder weniger eine Gemeinschaft und bis vor ein paar Jahren hatten wir tagsüber nicht mal die Häuser abgeschlossen. Ich denke diese Vertrautheit, die man in so einem Dorf mit der Zeit untereinander entwickelt, hat Heinz so gefallen.“
„Aber ist es nicht ungewöhnlich, dass jeder mit jedem klar kommt?“
„Das hab’ ich doch gar nicht gesagt. Klar haste immer mal irgendwo Knatsch oder Krach. Aber dann distanziert man sich einfach wieder für eine Weile voneinander und dann geht das schon wieder. Manche Menschen können halt einfach nicht miteinander. Da kann man machen, was man will.“
„Und wie war das so mit meinem Vater? Der Sturkopf kam doch bestimmt nicht mit allen klar, oder?“
„Ach so, wie ich das mitbekommen habe schon. Deine Mutter ist da ja auch immer noch ein guter Puffer. Die hat bestimmt schon Einiges nachträglich ins rechte Licht gerückt, was Heinz verbockt hat.“
Beide lächelten wissend und wieder floss der Gerstensaft. Marek sah sich um. Abgesehen vom Wirt, der sich wacker an seiner kleinen Schnapsflasche festhielt, waren sie allein im Lokal. Sein Blick fiel auf die Skatecke, an der er Günther und die Bernd-Brüder getroffen hatte.
„Sag mal, weißt du, ob mein Vater Stress mit dem Bernd hatte?“
„Nö – ich glaube, der Pfarrer hat mit niemandem Stress. Kann der doch gar nicht. Von Berufswegen her schon.“, griente Heike zurück. Das Bier begann seine Wirkung zu entfalten und der leichte Rausch einer schlaflosen Nacht tat sein Übriges dazu.
„Ich meine doch den Bruder. Diesen Justus Bernd.“, und Marek erzählte von dessen seltsamem Verhalten, als er sich für die Rettung seines Vaters bedanken wollte.
„Und er hat wirklich „in diese Welt“ gesagt?“, fragte Heike verhalten.
„Ja und als sein Bruder sich gleich danach entschuldigen wollte, spielte er es herunter.“
„Also ich muss sagen, ich finde das jetzt auch nicht so spektakulär, wie du es schilderst.“
„Du hast den Tonfall nicht gehört.“, fuhr Marek mit steigender Erregung fort. „Genau wie heute Mittag. Ich habe Justus an der Kirche getroffen und er war überhaupt nicht erfreut darüber, dass wir meinen Vater hier und nicht woanders beisetzen wollen.“
„Ach so? Aber da hat doch ohnehin der Pfarrer das letzte Wort, oder?“
Verdammt. Hatte er da eine Doppeldeutigkeit vernommen? Unsinn. Marek riss sich zusammen um nicht irgendwelchen paranoiden Vorstellungen zu unterliegen.
„Pfarrer Bernd meinte, er müsse da noch die behördliche Seite prüfen, aber hat mir heute Nachmittag dann das OK gegeben. Wäre ja noch schöner, wenn die Ämter uns jetzt vorschreiben würden, wo wir unsere Toten begraben!“
Heike antwortete nicht sondern ließ den Blick in ihrem Glas versinken. Für den Moment schien sie unendlich weit weg zu sein.
„Alles klar?“, holte Marek sie zurück.
„Ja, alles klar. Na wenn der Pfarrer sein OK gibt, kann Justus so viel lamentieren wie er will. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass er generell was gegen deinen Vater hatte. Die beiden kamen ganz gut klar.“
„Dann macht sein Verhalten doch noch viel weniger Sinn.“
„Sag mal, du gehörst aber auch zu denen, die jede Verschwörungstheorie in sich aufsaugen.“, und da war es wieder – ihr berühmtes, keckes Lächeln, dass selbst dem unglücklichsten Menschen die Sonne ins Herz trieb.
„Ich halte nicht viel von diesem ganzen Verschwörungskram. Alle stecken unter einer Decke und nur wenige kontrollieren im Verborgenen alles und jeden. Das ist meiner Meinung nach Stoff fürs Kino. Findest du nicht?“
„Ich finde, wir sollten jetzt aufbrechen. Ich muss morgen früh zur Arbeit und die gute Heidi wollte schon lange dicht machen.“, als die Wirtin das hörte, winkte sie verlegen ab. Dennoch lehrten beide ihre Gläser, Marek bezahlte und beide schleppten ihren leichten Schwips ins Freie. Da der direkte Weg nach Hause einen Bogen um die Kirche machte, gab es auch kein Brummen und bald waren sie wieder vor ihren Häusern. Eine kurze Umarmung, ohne die Chance auf mehr, und beide gingen ihrer Wege. Es war nicht die Zeit für Mutmaßungen und weitere Nachforschungen. Der Tag war viel zu lang um in vierundzwanzig Stunden hinein zu passen und so endete er für Marek schnell und klanglos auf dem Wohnzimmersofa.

Bisher keine Kommentare.

Kommentar hinterlassen

Kommentar