Essenz – Tag 10 – Montag – 10. Teil

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Wir sind bereits fünf Tage unterwegs. Eis und Schnee haben die noch grünen Wiesen Norditaliens abgelöst und schneiden mit scharfen Winden in Mensch und Tier. Meine Männer versuchen kein Anzeichen von Schwäche zu zeigen, aber selbst mir gelingt es nicht immer die Festigkeit der Stimme zu wahren. Ich weiß, dass ich auf dem richtigen Pfad bin. Der Herr führet mich und wird mich nicht zagend machen.

Viele Stürme haben wir nun in den zerklüfteten Landschaften dieser Berge erlebt und auch heute müssen wir absteigen und unsere Pferde zu Fuß zu einem nahe gelegenen Unterstand führen. Auch wenn es mir Unwohlsein bereitet so gebe ich zu, dass ich befürchte, mein Verstand entsagt mir von Zeit zu Zeit in dieser weißen Hölle. Vor allem in Momenten wie diesem, wenn der Wind den fallenden Schnee in eine einzige weiße Wand ohne Fixpunkt für Auge und Geist verwandelt glaubte ich schon oft Konturen oder Formen zu erkennen, die es nicht gab. Meistens stürzte ich in den Sturm hinein und sah mich plötzlich vor einer aus dem Boden ragenden Felswand stehen. Auch meine Männer sehen mitunter schemenhafte Geister durch die Stürme huschen und verfallen ein ums andere Mal in Schutzgebete. Der Herr hat diesen Ort nicht für den Menschen geschaffen und wir erheben auch keinen Anspruch darauf, aber der Ketzer ist hier irgendwo und ich werde ihn aufbringen. Ich stehe am Ausgang einer kleinen Höhle und sehe den Wind aus dem Nichts Dinge in den Raum zeichnen, die da nicht sind und ebenso schnell verwehen sie auch wieder. In meinen Ohren ist nur Heulen und eisige Kälte, die versucht unseren Mut zu fressen und unsere Herzen zu erfrieren.
Schließlich wird der Sturm schwächer. Noch sind die Winde nicht vollends zur Ruhe gekommen, aber ich und meine Männer sind bereit und treiben die Pferde voran. Eine weitere Stunde sind wir unterwegs. Für eine Weile glaube ich, dass ich wieder einem Spuk auferlegt bin, aber schließlich stelle ich fest, dass sich die Umrisse vor mir in der wehenden Wand aus Schnee nicht zu verändern scheinen. Wir reiten auf eine Steilwand zu. Ein kleiner Vorsprung hebt sich in zwei Meter Höhe daraus hervor und darunter scheint ein kleiner Berg dem Wehen zu trotzen. Mein Blick bleibt an diesem Hügel haften. Er ist nicht so kantig wie andere aus dem Stein gebrochenen Blöcke hier überall. Etwas scheint an ihm zu hängen und im Wind zu flattern. Eine Ahnung beschleicht mich. Ohne Hast reite ich heran und steige ab. Vor mir im Schnee erhebt sich die Gestalt eines in sich zusammengekauerten Mannes. In Fetzen hängen ungeeignete Kleidungsstücke von ihm herab. Der gefrorene Körper entspricht der Beschreibung des Heilers aus Saint-Flour. Ich knie nieder und berühre sein Gesicht. „Hier bist du also, mein lange Verschollener. Dem Scheiterhaufen bist du entkommen, aber ein anderes Feuer hat dich verzehrt.“
In Gedanken zolle ich dem letzten Kämpfer von Montségur den Respekt, den ein Jäger seiner Beute zollen sollte. Sein Geheimnis scheint er mit ins Grab genommen zu haben und was es auch war, von dort aus wird es keinen Schaden mehr anrichten können.
Dennoch scheint keine Befriedigung in mein Herz vorzudringen. Etwas an dem Allem hier erweckt mein Unbehagen. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte den sitzenden Körper. Auch meine Männer kommen hinzu. Einer der beiden deutet auf die Arme. „Herr, dieser Mann sieht aus, als hätte er etwas umklammert als er starb.“ Und tatsächlich bilden seine Arme einen Hohlraum der schon langsam beginnt sich mit Schnee zu füllen. Es war unmöglich, dass er etwas von dieser Größe durch das…“

Ende der Aufzeichnungen. Die Uhr zeigte halb Elf und Marek brauchte erneut eine Pause. Es war nicht der Umfang, der ihn so erschöpfte, er hatte in seinen guten Zeiten schon weit längere Passagen am Stück verfasst. Vielmehr war es der Inhalt selbst, der ihm den Mund austrocknen und den Schweiß auf die Stirn treten ließ. Jeder beschriebene Gegenstand schwebte klaren Bildes vor seinem geistigen Auge und jedes Adjektiv fuhr spürbar in ihn hinein. Manchmal war es sogar so, als würde er Dialoge nicht von der Handschrift in den Computer übertragen sondern direkt aus seinem Gehör. Eigentlich schrieb er ja nur ab und sein eigener Verstand hätte dabei pausieren können, aber alles in allem war es eine höchst körperliche Erfahrung. Marek wollte in den Garten gehen und kramte sein Telefon unter den Papierstapeln hervor. Das Display verriet drei verpasste Anrufe. Alle von Isabel. Scheinbar war er so vertieft gewesen, dass er das Klingeln einfach überhört hatte. Ohne weiter nachzudenken wurde der Rückruf gestartet. Die Begrüßung war schlicht und von beiden Seiten vorsichtig entgegenkommend.
„Du, ich wollte hören wie es dir geht und dann habe ich was über deine zwei lateinischen Sätze herausgefunden.“
„Es geht schon“, antwortete Marek. „Ich muss jetzt ein wenig auf meine Mutter aufpassen.“
Kurze Pause. „Und wer passt auf dich auf?“
Fast hätte Marek Heike erwähnt, aber befand es dann doch für unangemessen: „Ich bin schon groß und lenk’ mich schon irgendwie ab. Erzähl mal. Was bedeutet der Kram denn?“
„Ein Freund von mit ist Lehrer für Latein und Geschichte hier am Leibnitz-Gymnasium. Also sinnbildlich übersetzt bedeutet es: „Bringt sie um. Gott weiß wer die Seinen sind.“ Wo stand das denn? In einem KZ?“
Marek entfloh für einen Moment dem Gespräch. Dieser Satz kam ihm irgendwie bekannt vor.
„Isi, ich ruf’ dich gleich zurück, okay?“
Sie bestätigte leicht verwirrt und die Verbindung wurde gekappt. Marek war sich sicher diesen Satz schon einmal gesehen zu haben – wahrscheinlich sogar in diesen merkwürdigen Texten. Wundern täte es ihn nicht. Glücklicherweise verfügen moderne Textverarbeitungen über Suchfunktionen. Da er die zwei Sätze in der dunklen Kirche gefunden hatte, suchte er zuerst in diesem Text. Keine Treffer. Dann öffnete er den Text der weißen Kirche. Wieder keine Treffer. Nein, wahrscheinlich stimmte die Schreibweise nicht. Isi sagte ja, dass ihre Übersetzung nur sinngemäß sei. Marek versuchte die Suche an den altertümlichen Sprechstil des Textes anzupassen, ersetzte „Gott“ durch „Herr“ und reduzierte die Anzahl möglicher falscher Worte. Plötzlich sprang der Cursor auf den Anfang eines in Anführungszeichen stehenden Satzes: „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen!“. Marek überflog den zugehörigen Zusammenhang. Die Schlacht von Montségur. Aiolfo trieb mit diesem Ruf seine Truppen in die Schlacht. ‚Seltsam’, dachte Marek ‚wenn dieser Spruch in der weißen Kirche gestanden hätte, könnte ich mir vielleicht noch einen Sinn zusammenreimen, aber dennoch stellt sich die Frage, warum jemand einen so brutalen Spruch an die Türen einer Kirche schreibt? Und dann noch im Verborgenen?’
Die Wahlwiederholung des Telefons wurde aktiviert.
„Ich bin’s. Sag’ mal, könntest du vielleicht noch was für mich raus finden?“
„Ich kann’s versuchen.“
Marek bat Isabel seine Fassung des Textes durch eine Suchmaschine zu jagen. Außerdem sollte sie für ihn das Datum 16. März 1244 und den Begriff Albigenser und Katharer recherchieren.
„Ja, das kann ich machen. Aber ich wollte dir auch noch mal sagen, dass mein Angebot zu kommen immer noch steht.“
Marek war durch die neuen Entdeckungen zu erregt, als dass er den sorgenvollen Unterton in ihrer Stimme hätte bemerken können.
„Ja danke, aber es ist schon in Ordnung. Bitte beeil dich mit den Recherchen, ja?“
„Ich tu’ was ich kann, aber bitte unterschätze deine Trauer nicht. Wir beide wissen, dass wir Meister im Verdrängen sind, aber das geht nicht lange gut. Ich kann mich ja um deine Mutter kümmern, dann hast du etwas Zeit für dich. Sie muss ja nicht wissen, dass wir nicht mehr-“
„Ähm – ja – danke, aber wie gesagt, das geht schon.“, antwortete Marek hektisch. Isabel wusste nicht genau, wie sie reagieren sollte – in einer anderen Situation sicher erst gekränkt und daraus folgend spitzfindig und arrogant. Allerdings erschuf der Tod von Mareks Vater eine Situation, die ihr das verbat.
„Also, ich beeil mich, aber ich komme erst morgen im Laden wieder ins Internet. Das dauert hier bei mir noch eine Weile mit dem Anschluss.“
„Ja, kein Problem. Meld dich einfach, wenn du was hast. Bis später, ja?“
„Ja, mach’s gut.“ Das Gespräch war beendet. Während der Eine durchs Zimmer zu tigern begann und versuchte einen Reim auf das alles zu machen, war die Andere, einige hundert Kilometer weit weg, äußerst bestürzt zurückgeblieben. Vor dem Gespräch hatte sie die entfernte Hoffnung gehabt, dass der Schicksalsschlag des Exfreundes sie beide wieder etwas näher hätte zusammenrücken lassen können. Seine Trauer schien sich allerdings in sehr merkwürdiger Form zu manifestieren und ihr war nicht so ganz klar, ob sie dies unterstützen oder einfach in den nächsten Zug steigen und die vermeintliche Mauer der Verdrängung vor Ort durchbrechen sollte? Isabel entschied, dass sie diesen Schritt vor ein paar Monaten noch bereit gewesen wäre zu gehen, aber sich heute auf keinen Fall aufdrängen wollte. Sie würde morgen irgendwann nach diesen Angaben forschen und ihn dann am Abend wieder anrufen. Nicht sofort, wie er es wollte, denn so musste er mehr Zeit mit sich selbst verbringen und das täte dem verdammten Querkopf sicher mal ganz gut.
Der Querkopf hingegen lief weiter in dem kleinen Arbeitszimmer auf und ab. ‚Warum sollte ich einen solchen Spruch verbergen? Und warum sollte ich überhaupt in einer Kirche dazu aufrufen Menschen zu töten? Geht es überhaupt um Menschen? Um was denn sonst? Blödmann! Ich will etwas verbergen, damit man es nicht sieht – oder ich will, dass es nur bestimmte Leute sehen und zwar die, die sich in der Kirche befinden. In eine Kirche kann aber jeder – es sei denn, es gab so etwas wie „geschlossene Veranstaltungen“, zu denen die Abdeckungen dann entfernt wurden. Ich kann ja nicht mal behaupten, ich hätte den Text unterbewusst einfließen lassen – es sei denn mein Unterbewusstsein hat ohne mich Latein gelernt, was ich zwar begrüßen würde, aber doch für unwahrscheinlich halte.’ Sich noch eine Weile gedanklich im eigenen Sarkasmus verstrickend sah Marek hinaus in die Nacht. Schließlich gab er auf, öffnete das Fenster und atmete durch. Der Berg hinter der Dorfkirche war in Schwärze gehüllt. Plötzlich vernahm er Stimmen und leise Musik. Scheinbar war im Dorfkrug gerade die Tür aufgegangen und die Sperrstunde war noch nicht erreicht. Das war eine gute Idee. Jetzt ein frisches, kühles Bier. Oder Zwei. Das würde ihn ablenken und vielleicht einen neuen Blick auf diesen Ort und seine Absonderheiten werfen lassen.
Fünf Minuten später stand Marek vor Heikes erleuchtetem Küchenfenster und klopfte vorsichtig. Nach einer Weile öffnete sie sichtlich überrascht aber nicht unerfreut:
„Guten Abend, der Herr. Was kann ich für Sie tun?“
„Kommst du noch mit auf ein Bier – ich meine, wenn Frederik das zulässt? Ich könnte jedenfalls noch was vertragen.“
„Wenn Frederik schläft, dann schläft er. Außerdem kann ich ja mein Telefon mitnehmen.“
Heike löschte das Küchenlicht und schwang sich galant aus dem Fenster. Als sie die Hauptstraße erreichten und sie eigentlich nach rechts zum Dorfkrug hätten abbiegen müssen, kam Marek eine Idee. Er musste irgendwie an Informationen über diesen Ort herankommen und vielleicht war das die Gelegenheit um zu überprüfen, was Heike wusste.
„Lass uns noch eine Runde um die Kirche drehen“, sagte Marek. „Ich hab’ Lust noch ein wenig spazieren zu gehen.“
Heike ließ sich nicht lange bitten, hakte sich ein und schon überquerten sie den Kirchplatz. Das Brummen begann wieder in Mareks Ohren zu pulsieren. Erst leise und dann immer stärker je weiter sie sich der Kirche nährten. Der Himmel war schon den ganzen Abend über Wolken verhangen und half der Erde sich nicht dem Frost zu ergeben. Marek konnte beinahe kleine Wasserdampfwolken sehen, als er innerlich noch einmal tief durchatmete und versuchte die Frage so beiläufig wie möglich zu formulieren: „Sag mal hörst du das auch?“
„Was? Das Brummen? Na klar.“, ebenso beiläufig über Heikes Lippen gehuscht schlug die Antwort in Mareks Kopf ein wie eine Bombe. Alles hatte er nach den Bedenken, die er sich erarbeitet hatte, erwartet, aber nicht das. Er blieb stehen.
„Du hörst es? Und hast du auch das Gefühl, dass es stärker wird je näher man der Kirche kommt?“
„Ja, sicher. Du nicht?“, Heike sah ihn belustigt an. In ihrer Vorstellung malte sie sich aus, wie Marek tagelang über dieses Brummen nachgrübelte, fest in dem Glauben der Einzige zu sein, dem es aufgefallen sei.
„Junge, ich wohne hier schon mein ganzes Leben. Da werde ich doch wohl mitkriegen, wenn meine Kirche brummt.“
„Mach’ dich nicht über mich lustig.“, reagierte Marek, dessen Irritation sich in Frustration zu wandeln begann. Das hätte er also alles auch einfacher haben können. Jetzt würde es sicher gleich eine total logische Erklärung dafür geben.
„Sag’ mir lieber warum das so ist? Ist immer hin meine erste Kirche, die sich mit mir unterhalten will.“, fuhr er fort in der Hoffnung, dass das Wortspiel ihr noch mehr Informationen entlocken könnte.

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