Essenz – Tag 10 – Montag – 1. Teil

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Der Morgen kam langsam und träge durch die Fenster im Arbeitszimmer gekrochen. Fast so, als hätte der Tag zuvor eine Schuld hinterlassen, die dieser zu begleichen scheute. Der Wolkenteppich der Nacht hatte sich nicht zerstreut und ließ die Welt in einem trüben und makelbehafteten Zustand erwachen.

Marek erlebte die Nacht wachen Auges aber leer an Gedanken. Er wollte sich an einen Zustand gewöhnen, nicht an einen Haufen Worte. Unten in der Küche klapperte etwas. Helene Korsak war aufgestanden und begann Kaffee zuzubereiten. Marek kam die schmale Treppe herunter und umarmte seine Mutter. Das war alles, was nötig war um die Situation eines Jeden zu beschreiben. Danach folgte ein wenig belangloser Smalltalk über das Frühstück. Schließlich sagte Helene: „Ich muss heute mit dem Pfarrer sprechen wegen der Beisetzung. Ich hoffe, wir können deinen Vater hier auf dem Dorffriedhof begraben. Er hätte es sich gewünscht. Ich weiß nur nicht, wie lange das Krankenhaus noch braucht?“
„Ich mach’ dir einen Vorschlag, Mama“, sprach Marek „ich rede nachher mit Pfarrer Bernd und wenn du magst frage ich ihn, ob wir in der Kirche Andacht halten können? Nur wir beide.“
Helene nickte und versuchte zu lächeln. Sie war unendlich froh, dass ihr Sohn hier war und zutiefst betrübt, dass er das alles so hatte miterleben müssen. Dann wies sie Marek noch darauf hin, dass ja heute Monatag sei und der Pfarrer da immer gegen Mittag ins Nachbardorf fuhr um die Messe vom Sonntag zu wiederholen. Und so stand Marek gegen neun am Pfarrhaus und klingelte. Pfarrer Bernd öffnete und kondolierte sogleich. Marek ließ es dankend über sich ergehen und bat um die Möglichkeit der Andacht. Eine gewisse Verrücktheit bescheinigte er sich dabei schon, da er nun versuchte in ein Gebäude zu gelangen, das ihm gestern noch den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben hatte.
„Das ist etwas schwierig“, antwortete der Pfarrer. „Ich bin heute nicht da und ich kann die Kirche auch nicht offen lassen. Wissen Sie, dass Schloss ist schon sehr alt und der Wind könnte es aufdrücken, wenn sie nur eingeklinkt ist.“ Er sah Mareks Enttäuschung und ihm wurde unwohl dabei. „Aber das hier sind andere Umstände.“, fuhr er fort. „Hören Sie, ich gebe ihnen einen Zweitschlüssel. Dann können Sie jederzeit ihres Vaters gedenken. Ich weiß zwar, dass er kein gläubiger Christ war, aber der Herr wird schon eine Auge zudrücken.“, und zwinkernd griff er zum Schlüsselbrett neben der Tür und überreichte Marek den Kirchenschlüssel. ‚Na wenigstens muss ich diesmal nicht durch den Kirchturm’, dachte dieser und ohrfeigte sich augenblicklich für die Pietätlosigkeit.
„Vielen Dank, Herr Pfarrer. Das wird auch meine Mutter sehr freuen. Sie möchte sich übrigens in Kürze mit Ihnen über die Beisetzung verständigen.“ Der Pfarrer schien auf einmal etwas blasser um die Nase zu werden und sah sich um, so als ob er etwas auf dem Herd vergessen hätte. „Oh ich wusste nicht, dass Ihr Herr Vater in unserem Ort beigesetzt werden wollte?“
„Wir haben uns nie darüber unterhalten, aber ich denke es wäre in seinem Interesse gewesen. Das Haus war doch immer sein Traum und er hatte sich hier doch auch gut eingelebt. Also warum das Andenken an ihn entwurzeln?“ Marek spürte, dass sich gerade irgendetwas Merkwürdiges zu entwickeln begann. Wollte der Pfaffe nicht, dass sein Vater hier beerdigt wurde?
„Ja, selbstverständlich“, antwortete der Pfarrer hastig. „So bleibt sein Andenken auch der Gemeinde erhalten. Ich muss nur leider erst in meine Bücher schauen, ob denn noch eine Grabstelle frei ist.“
„Aber der Friedhof ist recht klein und die freie Fläche darum noch überschaubar.“
„Ja, aber die Behörden lassen heutzutage nur eine begrenzte Anzahl an Grabstätten zu, da der Boden durch die Verwesungsprozesse bestimmten Belastungen unterliegt.“
Wurde es gerade ein wenig albern?
„Unser Vater hätte sich eine Feuerbestattung gewünscht.“ Das schien dem erzkonservativen Pfarrer nicht so recht zu schmecken, aber auch er unterwarf sich natürlich dem geltenden Kirchrecht, welches bereits seit über vierzig Jahren kein Problem mehr in einer Feuerbestattung sah.
„Natürlich“, piepste die Stimme verständnisvoll. „Aber lassen Sie mich bitte trotzdem vorher meine Bücher kontrollieren. Ich bin zwar ein Mann der Kirche, aber leider auch dem weltlichen Recht unterworfen.“ Jetzt hatte er bereits begonnen an der Knopfleiste seines Talars zu nesteln und Marek wollte den komischen Kauz erlösen.
„Also, vielen Dank noch mal für den Schlüssel. Wie gesagt – meine Mutter wird sich sehr freuen. Ich bringe ihn dann bald zurück.“
„Gern. Lassen Sie sich Zeit.“, kam als Antwort.
„Und grüßen Sie bitte Ihren Bruder von mir.“, schickte Marek noch als Spitze im Gehen hinterher, aber die Tür des Pfarrhauses hatte sich bereits geschlossen. Das merkwürdige Verhalten von Pfarrer Bernd hatte ihn irgendwie aufgeputscht und er verspürte fast eine Art von Streitlust. Als er vom Pfarrhaus weg und an der Kirche vorbei ging hielt er den Schlüssel fester als nötig in der Tasche umklammert. Dann hielt er inne, blieb stehen und betrachtete das Gotteshaus. Von außen waren die langhalsigen Kreaturen in den Fenstern wirklich nur schlecht auszumachen. Wahrscheinlich wäre das abends anders, wenn das Licht von innen nach außen drang. Einmal tief luftholen. Dafür war immer Zeit. Die Müdigkeit der schlaflosen Nacht presste sich aus den Verstecken seines Geistes hindurch und begann die Glieder zu schwächen. Marek vernahm schon wieder das Summen in den Ohren. Nur leicht, aber darauf hatte er jetzt keine Lust, spannte seinen Körper und lief straffen Ganges nach Hause.
Helene Korsak freute sich über das Entgegenkommen des Pfarrers. Den Anfall bürokratischer Genauigkeit sparte Marek kurzerhand aus. Falls Pfarrer Bernd in seinen Büchern doch einen Grund gegen die Beisetzung des Vaters im Ort finden würde, würde es die Mutter noch früh genug belasten. Sie beschlossen beide am Nachmittag einen Abstecher in das Gotteshaus zu unternehmen. Mit diesem Beschluss wurde es wieder etwas gedämpfter im Hause Korsak und Sohn und Ehefrau tat es gut für eine Weile einfach nur am Küchentisch zu sitzen und sich bei den Händen zu halten.
„Ich werde mal einen kleinen Spaziergang machen.“, sprach Marek schließlich. „Mal mit Isabel telefonieren und auch so einfach ein wenig Herumlaufen. Möchtest du mitkommen?“
„Nein, geh du nur. Ich werde heute mal gar nichts machen.“
Marek wusste, dass seine Mutter, sobald er weg war, anfangen würde durch das Haus zu gehen um in Erinnerungen die schönen Momente mit dem alten Herrn nach zu erleben. Er selbst wollte das für sich nicht. Das war nicht seine Art zu trauern. Er konnte schreien und heulen, gar nichts tun oder sich in Arbeit stürzen. Aber nicht das. Vielleicht, weil es die Art von Abschiednehmen war, die für ihn am endgültigsten und damit auch am hoffnungslosesten, am realsten war.
Er nahm wie gewohnt seinen Rucksack, ging in den Garten und wählte Isabels Nummer. Es war erst zehn Uhr, aber sie ging ran.
„Na du?“
„Na?“
„Wie’s dir geht brauch ich wohl nicht fragen.“
„Machs trotzdem.“
„Mir würde es nicht anders gehen.“
„…“
„Soll ich kommen?“
„Was?“
„Ob ich zu dir kommen soll? Ich mochte deinen Vater und irgendwo (wie) mag ich auch immer noch dich.“
„…“
„Du solltest jetzt nicht alleine sein. Also ich meine du solltest eine neutrale Person haben, die jetzt bei dir ist. Also nicht wirklich neutral – ach Scheiße. Es tut mir leid Perry.“
„Kann mich nicht erinnern, wann du mich das letzte Mal so genannt hast!“
„…“
„Hallo?“
„Ich auch nicht. Soll ich kommen? Ich mach’s.“
„Nein. Danke – ist schon OK – vielleicht in ein paar Tagen. Es tut jetzt ganz gut etwas allein zu sein und meine Mutter braucht mich jetzt auch.“
„Na gut. Pass auf dich auf, ja?“
„Mach’ ich. Mach’s gut.“
„Tschau.“
„Ach warte.“
„Ja?“
„Kannst du bitte was für mich herausfinden?“
„Na klar.“
„Schau bitte mal was „Caedite eos! Novit enim Dominus qui sunt eius.“ bedeutet?“
„Ist das Latein? Woher hast du das?“
„Hab’ ich hier irgendwo gelesen. Ist mir so im Kopf hängen geblieben und mit Internet haben die es hier noch nicht so.“
„Mach ich. Also bis dann.“
„Danke.“
Das Telefonat war beendet. Marek lehnte sich an einen Apfelbaum, zwischen dessen rotgelben Blättern noch ein paar verkümmerte Früchte hingen. ‚Was für ein seltsames Telefonat’, dachte er und in der Tat war das in vielerlei Hinsicht nicht das, was er erwartet hatte. Eigentlich hatte er gar nichts erwartet. Umso angenehmer hatte er den respektvollen Umgangston und sogar ihr ehrliches Angebot hierher zu kommen empfunden. Warum er sich gerade jetzt an den verborgenen Spruch an den Türen der „dunklen Kirche“ erinnerte wusste er nicht zu sagen, aber scheinbar war doch etwas daran, dass man in der Not die wahren Freunde erkennt. ‚Oh Mann’, dachte er weiter ‚jetzt noch auf dieser Gefühlsebene Chaos zu stiften kann ich mir eigentlich gerade nicht leisten.’ Er beschloss aus der Hintertür des Gartens zu gehen und eine kleine Runde zu drehen.

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