Essenz – Tag 10 – Montag – 6. Teil

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Das Papier, das eigentlich für die dunkle Kirche bestimmt war, wurde vorbereitend ausgebreitet, prophylaktisch dem Körper noch eine kräftige Dosis Magnesium zugeführt. Lange zehn Minuten später setzte es dann tatsächlich wieder ein. Diesmal war Marek wachsam und registrierte, dass er begonnen hatte zu schreiben. Allerdings verlor er schnell den Überblick über die Anzahl der gefüllten Seiten. Zu keinem Zeitpunk aber war es ihm so, als würde seine Hand wie mit einer Fernbedienung gesteuert werden. Nein, es war so wie immer – die Gedanken entstanden in seinem Kopf und er schrieb sie nieder – zwar mit einer Schrift, die zum Himmel schrie und nichts mit der aus der dunklen Kirche gemein hatte, aber es war seine Hand, die die Feder über das Blatt führte.

Ob es die einsetzende Dunkelheit oder die nicht mehr zu unterdrückenden Krämpfe in seiner Schreibhand waren konnte er nicht genau sagen, aber er stoppte die Aufzeichnungen. Die Gedanken in seinem Kopf sprachen noch eine Weile weiter, aber verflogen ungeschrieben auch sofort wieder im Nichts. Brennende Augen hin, schmerzende Glieder hier. Für Marek war es wieder ein Erfolg. Auch konnte er sich nicht mehr erklären, warum er beim ersten Mal so in Panik geraten war. Friedlich und ruhig lag der Saal im Dämmerlicht und letzte Strahlen der untergehenden Sonne versuchten durch das Geäst der Bäume ihren Weg durch die großen Buntglasfenster zu finden. Marek schloss die Augen, genoss noch einmal das Gefühl erschöpfter Befriedigung, stand auf, drehte sich zum Ausgang und schrie. Ein Schrei antwortete ihm. Der Zusammenprall war nicht heftig, aber die Herzen der beiden Männer jagten mit aller Kraft eisiges Adrenalin durch die Adern. Pfarrer Bernd presste eine Hand an die Brust und ließ sich auf eine Bank gleiten. Marek erging es ähnlich. Die unerwartete Präsenz des Pfaffen hatte ihn völlig überrascht.
„Mein Güte, Pfarrer Bernd! Haben Sie mich erschreckt.“
„Tut mir leid“, keuchte dieser nicht minder erregt zurück „Ich wollte Sie nicht in Ihrer Andacht stören, aber ich versuche nun schon seit ein paar Minuten auf mich aufmerksam zu machen und wollte gerade an Sie herantreten.“
Einen Moment gaben sich die beiden noch um wieder klar denken zu können. Marek blickte auf das beschriebene Papier in seiner Hand. Hatte der Pfarrer etwas bemerkt? Während er sprach faltete Marek die Blätter und hielt sie fest.
„Nein, mir tut es leid. Sie haben bestimmt noch zu tun, so lange es noch hell ist und ich blockiere hier ihre Kirche.“
„Nein, schon gut. Dafür sind wir ja da.“, kam die Antwort. „Verzeihen Sie die Frage, aber sie schienen so versunken und ich habe gesehen, dass Sie etwas geschrieben haben.“
Der Pfarrer wartete auf die Antwort zur nicht gestellten Frage und Marek war dies sofort klar.
„Ja, das habe ich. Sie wissen ja bestimmt womit ich mein Geld verdiene und gerade jetzt ist es für mich auch eine Art Befreiung.“ ‚Verdammt, das war die größte in Wahrheit eingepackte Lüge, die du dir heute geleistet hast.’, schob sein Verstand sofort hinterher. Natürlich musste Pfarrer Bernd annehmen, dass er in Gedanken bei seinem Vater gewesen war.
„Es ist schön, dass Sie ihren Weg der Trauer gefunden haben. Nicht jeder kann einen solchen Verlust gleich verarbeiten. Manche brauchen wesentlich länger. Auch wenn wir eine kleine Gemeinde sind, so glauben Sie mir, dass ich schon viel erlebt habe über die Jahre.“
Das trug nicht gerade zu Besserung von Mareks Gewissen bei und er wollte das Thema wechseln aber dieser letzte Satz hatte ihn an etwas erinnert. Es war der kaffeekranzartige Besuch am Grab von Klara Thomak. Wenn einer über den Friedhof Bescheid wusste, dann doch der Dorfpfarrer. Allerdings hatte dessen Bruder schon versucht ihn über irgendwas auszufragen und Marek wollte erst sicher gehen, auf welcher Seite der Pfaffe stand. Er musste nur irgendwie gekonnt in das Thema einschwenken.
„Ja, da haben Sie wohl recht“, setzte er dessen Gedanken fort. „und es ist auch unbezahlbar jemanden zu haben, der in solchen Momenten da ist, wenn man ihn braucht.“
Mildes Lächeln auf beiden Seiten. Marek konnte fortfahren: „Ich habe mich in den letzten Tagen mit unserer Nachbarin, der Heike, angefreundet. Darüber kann ich wirklich dankbar sein.“ Endlich mal ein ehrlicher Satz in diesem Gespräch. Wieder mildes Lächeln.
„Ja, die Heike ist schon eine gute Seele. Sie hatte diese Ehe nicht verdient. Das nächste Mal sollte sie besser die Kirche im Dorf lassen.“, ergänzte der Pfarrer und zwinkerte um zu unterstreichen, dass auch Geistliche witzig sein konnten.
„Hätte sie denn hier so viele Kandidaten?“, bohrte Marek weiter in die richtige Richtung.
„Ach, Junggesellen gibt es hier schon ein paar. Den Albert von ganz vorn. Oder auch den Christopher und den Gerd. Aber die sind alle Landwirte und ich denke, die Heike ist keine, die freiwillig mit den Hähnen aufsteht.“Und wieder wurde ihm zugezwinkert.
„Na dann wäre doch Günther genau der Richtige für sie, oder? Der ist Landwirt a.D.. Ein bisschen kräftig gebaut vielleicht, aber bestimmt ein netter Kerl. Zumindest lacht er viel.“
„Ach du lieber Himmel“, entgegnete der Pfarrer lachend. „Lassen Sie mal den Günther in Ruhe. Der hat’s nicht so mit anderen Frauen. Also nicht, dass sie jetzt denken er wäre irgendwie-“, eine Weile druckste der Geistliche herum, bis ihn Marek, innerlich belustigt, durch ein Nicken erlöste. „Nein, Günther Thomak ist – sagen wir mal – nicht unbedingt von der schnellen Truppe, wenn Sie verstehen was ich meine. Und als dann seine Mutter, der Herr hab sie selig, verstorben ist, hatte er sich ziemlich lange zurückgezogen. Es hat lange gedauert bis er wieder aufgetaut ist, aber er hat auch niemanden an sich heran gelassen. Nicht so wie Sie – Sie können offen reden und auch Ihren Gefühlen Freiheit verleihen. Ich finde das hilft den Menschen in den meisten Lebenslagen aber Günther konnte das nicht. Hat es wohl immer nur seiner Mutter gegenüber gekonnt und als sie dann körperlich nicht mehr erreichbar war, ist ihm die vielleicht wichtigste Bezugsperson verloren gegangen. Wir alle lieben unsere Eltern, aber bei Günther ging dies über das normale Maß hinaus.“
„Und dann?“, fragte Marek.
„Irgendwann haben mein Bruder und ich angefangen ihn in unsere Skatrunde aufzunehmen. Eigentlich haben wir extra Skat für ihn lernen müssen“, lachte der Pfarrer herzlich „aber so haben wir ihn in die Gemeinde zurückgeholt und nebenbei das jährliche Frühlingsturnier der Dorfgemeinden gegründet.“
„Ja ich habe schon gehört, dass er sehr an seiner Mutter hing.“, sagte Marek.
„Wer tut das nicht? Aber ich weiß, was sie meinen. Bei den Beiden war das schon sehr innig.“
„Aber wenigstens kann er sie ja hier jeden Tag besuchen.“, die Falle war gestellt und Marek war auf der Lauer.
„Oh nein, leider nicht. Es war der Wille seiner Mutter im Nachbarort begraben zu werden. Sie ruht auf dem Friedhof in Kammhorst. Er fährt jetzt immer nach seiner Reha dort vorbei.“
Marek runzelte die Stirn: „Aber hat die Familie von Günther nicht schon immer hier gelebt?“
„Soweit ich weiß ja. Zumindest weist das Kirchenregister auf mehrere Generationen hin, so wie bei den meisten hier.“
„Ach so – dann nehme ich an, dass Günthers Vater auch in Kammhorst liegt und die Mutter ihm folgen wollte. Verstehe.“, heuchelte Marek.
„Nein, keinesfalls“, entgegnete erwartungsgemäß der Pfarrer. „Der Gerhardt Thomak liegt hier bei uns. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum die gute Hilde nicht hier bei ihrem Gatten ihren Frieden finden wollte, aber alte Menschen werden mitunter wunderlich. Doch wenn wir den letzten Willen nicht mehr respektieren, was dann?“
Marek konnte nur zustimmen. Noch hatte er aber nicht alle Antworten: „Richtig. Und wenn die gute – Hilde hieß sie doch, oder? – wenn Hilde Thomak ihre letzte Ruhestätte so in ihrem Testament festgelegt hat, sollte man dies nicht hinterfragen.“
„Genau so ist es.“
„Das stell’ ich mir aber schon schwer für den Günther vor, dass seine Mutter nicht bei den anderen Thomaks liegt.“
„Also um genau zu sein gibt es hier nur einen Thomak. Hilde war zugezogen – nur die väterliche Seite hat schon immer im Dorf gelebt.“
„Aber Sie beschreiben das so, als hätte sich dieser Teil der Familie überhaupt nicht um Günther gekümmert?“
„Sie sind schon lange von uns gegangen. Hilde Thomak – also geborene Hilde Schurek – war ein Einzelkind. Günther hat keine Verwandten mehr.“
Marek nickte, drehte den Kopf und tat, als blicke er zu dem Kreuz über dem Altar. In Wirklichkeit jedoch begann er Schlüsse zu ziehen. Zum einen war klar, dass ihm der Pfarrer nicht die volle Wahrheit über Hildes letzten Willen sagte – schlimmer noch, der Mann in Amt und Würden belog ihn, denn Marek hatte keinen Grund an Heikes Version von der schreienden, flehenden und vor allem testamentlosen Alten zu zweifeln. Als Nächstes war jetzt klar, dass Pfarrer Bernd entweder nichts von diesem ominösen Grabstein der Klara Thomak wusste, oder ihn auch in diesem Falle belog. Allerdings war Letzteres eher auszuschließen, denn er musste damit rechnen, dass Marek auch mal einen Spaziergang auf dem Friedhof machen würde. Unterm Strich konnte er dem Pfaffen wohl ebenso wenig trauen, wie dessen Bruder. Eigentlich war Marek keiner der überall Verschwörungen witterte, aber hier war zweifellos etwas faul.
„Ich müsste Sie jetzt leider bitten“, setzte der Pfarrer vorsichtig an, da er Marek wohl wieder in Andacht wähnte.
„Ja, natürlich“, riss dieser sich von seinen Gedankenfäden los. „Dürfte ich vielleicht den Schlüssel noch ein oder zwei Tage behalten. Ich laufe ihnen bestimmt nicht weg und es würde meiner Mutter und mir viel bedeuten.“
Der Pfaffe zauderte, aber dann strich das gewohnt zaghafte Lächeln über sein Gesicht: „Selbstverständlich. Werfen Sie ihn mir einfach in den Briefkasten, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen.“
Marek wollte schon gehen und der Pfarrer schickte sich an die Kerzen von der Sonntagsmesse auszuwechseln, als doch noch eine Frage aufkam: „Ach Herr Pfarrer, konnten Sie denn schon etwas wegen der Beisetzung meines Vaters hier im Ort herausfinden?“
„Ach gut, dass Sie mich erinnern. Ja da gibt es keine Probleme. Ich habe mit den Behörden gesprochen und einen Platz darf ich noch vergeben. Wir können uns gerne in den nächsten Tagen zusammensetzen und die Formalitäten besprechen.“
Marek bedankte sich und verließ die Kirche. In seiner Hand hielt er immer noch die angefertigten Schriften, die er nun schnell in seinem Rucksack verschwinden ließ. Durch die bunten Scheiben schimmerte ein kleiner Lichtpunkt. Scheinbar hatte der Pfarrer noch eine Kerze entzündet. ‚Hoffentlich diesmal für seine eigene Seele’, dachte Marek.
Zu Hause angekommen wartete seine Mutter bereits mit ein paar belegten Broten auf ihn. Heike saß bei ihr am Küchentisch und versuchte Smalltalk zu machen, was ihr Mareks ganze Dankbarkeit einbrachte. Gern hätte er mit Heike über seine Begegnung mit dem Pfarrer und auch mit dessen Bruder gesprochen, aber der Besuch schien seiner Mutter gut zu tun und so setzte er sich eine Weile hinzu, plauderte über dies und das und ging dann schließlich, unter dem Vorwand der Müdigkeit, hinauf ins Arbeitszimmer. Es gab viel zu tun. Er hatte immer noch die beschriebenen Seiten der dunklen Kirche – bestimmt zehn an der Zahl – und den kleinen Stapel, den er eben noch vor dem Pfarrer hatte verbergen müssen. Ein Münzwurf entschied die Reihenfolge und so begann Marek erneut die freudlose Schrift der weißen Kirche zu entziffern.

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