Essenz – Tag 1 – Samstag – 1. Teil

Essenz Tag 1 - Teil 1

Gleise, Gleise, Gleise – Weiche – Gleise – ein Haus – noch ein Haus. ‚Ja spannend ist das nicht’, dachte Marek, der nun schon seit einer Stunde wie mit abgeschaltetem Geiste auf den Bereich der vorüber fahrenden Landschaft starrte, der dem trägen menschlichen Auge nur noch unscharfe Strukturen zu präsentieren vermag. Ab und zu wurde sein Körper vom Schaukeln der alten Wagons hin und her gewiegt. Weiche, Gleis – Gleis, Weiche.

Das Gleisbett war nicht im besten Zustand und die immer häufiger werdenden Stellwerke taten ihr Übriges. Ohnehin gehörte er nicht zu den Menschen, die großes Vertrauen in technische Gerätschaften setzten, die älter waren als sie selbst. Menschen zeigen nach dem Überschreiten der dritten Dekade langsam aber sicher Ausfallerscheinungen und er war sich sicher, dass jede technische Errungenschaft, ganz gleich von welcher Qualität sie einmal war, dem gleichen zeitlichen Zerfallsprozess unterläge. Das letzte Mal, dass er einem Mechanismus vertraute, der schon vor seiner Geburt Dienst und Werk verrichtete, war heute Morgen als er das Schloss seiner Wohnungstür in Düsseldorf öffnete um bepackt mit frischen Brötchen und Proviant für die Fahrt, zurück in seine kleine Schreibstube zu gelangen. Allerdings lag das Vertrauen darin, dass das Schloss überhaupt noch dem Schlüssel dienen und nicht einfach auseinander fallen und ihn somit aussperren würde. Ernste Einbruchsversuche müssten sowieso die beiden Sicherheitsriegel abhalten, aber dafür hätte es auch erst einen Anreiz geben müssen, ohne Mietvertrag in die kleine Dachgeschosswohnung eindringen zu wollen. Was sollte man rauben? Seine Manuskripte? Dann würden sie wahrscheinlich endlich einer Verwendung zugetragen werden – als Einlage für das Klo der Katze des Ganoven. Oder vielleicht wäre es auch eine Räuberin – so eine sensible junge Mutter, die in ihrer Not des Geldes wegen Nachts arme Bürger beraubt um ihre zwei schmächtigen Kinder über die Runden zu bringen. Und dann würde sie zwischen Nudelsuppe und Wein aus dem Karton seine Manuskripte finden und sie lesen und ihm verfallen und er würde nach Hause kommen und sie erwischen und dann endet alles wie in einem dieser großartigen Romanblätter, die es im Fünferpack unten am Eckkiosk zu kaufen gibt. Und auf dem Cover wäre dann ein Pferd mit einer vollbusigen Frau Mitte Vierzig darauf, obwohl die Räuberin nur kleine Brüste hätte und auch gar nicht reiten könnte.
Oh Mann – Marek erwischte sich mal wieder, wie er abglitt und eigentlich war das auch sein Job, und genau weil er diesen nicht mehr gut machte, war er jetzt auch unterwegs. Düsseldorf war schön. Düsseldorf war toll. Doch irgendwas lief die letzten Monate einfach nicht ganz gerade. An manchen Tagen wachte er auf, den Kopf voll mit Ideen und vermeintlich grandiosen Einfällen. Und je weiter es sich dann dem Bett entfernte und dem kleinen alten Laptop nährte, desto stärker verblasste alles wieder. Er konnte sich quasi selbst dabei zusehen, wie die Gedanken aus seinem Kopf herauspurzelten und zwischen den Spalten in den Dielen versickerten. Da kroch seine neue Hauptfigur in des Nachbarn Wohnung, da sein spektakulärer Showdown in die knarzende Spalte unter dem Schreibtisch. Von wegen „Schreibtisch“. Er hatte sich schon ein Notizbuch neben sein Bett gelegt, um alles notieren zu können, so lange es noch kuschelig warm bei ihm unter der Decke lag. Doch er gehörte schon zu der Sorte von Schreiberlingen, die verlernt hatten schnell und sicher per Hand Notizen anzulegen. Und bis so ein tastenbespicktes Ungetüm seine Dienstbereitschaft bekundet hatte, waren die meisten seiner Einfälle auch schon wieder fern der Greibarkeit.
Um diesem Spuk ein Ende zu bereiten – und auch um in diesen trüben Septembertagen Heizkosten zu sparen – rasierte sich Marek heute morgen fein säuberlich und organisierte kurz entschlossen etwas gebackene Nahrung für den Bauch und etwas Gedrucktes für den Kopf. Scheinbar war beides nicht von bester Güte gewesen, denn sowohl Magen als auch Schädel machten ihm schon seit einer Stunde auf unangenehme Weise zu schaffen und spornten den Wunsch nach einem baldigen Ende der Zugfahrt weiter an. Purzin – allein der Name versprach Langeweile pur. Dachte er gerade Langeweile? Nein natürlich nicht – dieses Dreihundertseelen-Dorf sollte seine Zuflucht sein. Sein kreativer Hort frei von den Ablenkungen und Illusionen einer großen Stadt. Seine Eltern hatten sich vor vier Jahren dort einen kleinen Traum erfüllt und waren – wie sie immer zu sagen pflegten – „Dem Moloch der seelenzerfressenden Betonanonymität entkommen“. Sein Vater hätte der eigentliche Schriftsteller werden sollen – zumindest was besagte Sparpack-Romane anging. Meine Güte! Was der alte Herr manchmal an Pathos an den Tag legte, war nicht mehr feierlich. Wahrscheinlich knabberte er von Zeit zu Zeit an der Vorstellung, in seinen eigenen Augen „nur“ ein kleiner Schreiner zu sein. Aber ganz sicher war sich Marek da nicht, denn das Handwerk war nicht nur schon immer des Vaters Einkommen, sondern auch dessen Identität gewesen. Im Endeffekt war die Auftragslage in Düsseldorf mehr schlecht als recht und Heinz und Helene Korsak wollten ohnehin schon immer ins Eigenheim. So ein altes Bauernhaus, wo man Zeit seines Lebens immer was zu basteln hat und dann beim Einschlagen des letzten Nagels mit einem seligen Lächeln in die Kiste hüpft. Nun gut – das war nicht Mareks Welt, aber sollte zumindest für die nächsten Tage seine Zuflucht werden. Aber mussten die Erzeuger denn gleich in die tiefste Provinz ziehen? Das Ruhrgebiet hatte auch schöne Plätze zu vergeben und man müsste jetzt nicht schon über sechs Stunden in den klapprigsten Zügen Deutschlands unterwegs sein.
Noch eine Weiche – diese schüttelte Marek aber besonders heftig durch und riss ihn endgültig aus seinen Gedanken. Er kannte diese Stelle der Reise und wusste, dass sich jetzt genug Strecken in Richtung Zivilisation vom seinem Gleis weggerettet hatten, um nun den Zug ins einsamste Hinterland zu entlassen. Noch ein Stunde würden sie fahren. Naja…“sie“ erweckt vielleicht etwas zu große Erwartungen, wenn es sich nur auf einen mittdreißiger Schriftsteller, eine älteren Dame mit ihrem Hund, auf dem sie bei der Größe auch hätte nach Hause reiten können, und eine weiteren Herrn in seinem Alter beschränkt. Man hätte ins Gespräch kommen können. Vielleicht sogar sollen. Hätte man…

Der Zug rollte ein. Endstation. Keine großartige Überraschung, nein wirklich nicht, denn alles schien hier zu enden. Straßen, Stromleitungen, die Wolken am Himmel und dem Gefühl nach sogar die Zeit selbst. Marek stopfte sein Bahnticket ins Portmonai. ‚Wieder ein kleiner Happen für meine Papierschublade.’, dachte er. Dieser ganze Steuer- und Buchhaltungskram hatte ihn noch nie wirklich interessiert. Zwar hatte er immer versucht seine Finanzen selbst zu regeln, um sich die Ausgaben für einen Steuerberater zu sparen, doch irgendwann kapitulierte er vor seiner Abneigung gegenüber Zahlen und berücksichtigte nur noch die Anweisung alles aufzuheben, wofür er Geld ausgab. Und diese Fahrt hier war ja nun eindeutig eine Dienstreise.
Die kleine alte Frau mit ihrem Monsterköter schob sich an ihm vorbei in Richtung Ausgang. Wie lange konnte er wohl noch in diesem Überbleibsel der Zivilisation bleiben, bevor man ihn hinaus ins vorletzte Jahrhundert warf? Bei dem Gedanken schalt er sich ein wenig selbst und stellte sich die Ohrfeige seiner Mutter bei einem solchen Ausbruch von Arroganz vor. Aber was sah er denn da? Gleich hinter dem verwitterten Bahnhofshäuschen, dessen wahrscheinlich ohnehin von Staub erblindetes Kassenfenster wohl nie wieder von den blaugrünen Holzrollläden befreit werden würde? Eine dieser preiswerten Baumarktsattelitenschüsseln prangte schneeweiß und ihn fast schon verhöhnend am Giebel eines klassischen Fachwerkhauses aus dem 19. Jahrhundert. ‚Wenn schon Stilbruch, dann richtig.’ Musste er sich denn immer beschweren? Wahrscheinlich war es seine ständige Nölerei, die ihm schon so manche Tür vor Nase hatte zuschlagen lassen.
Auch der mitgereiste Herr schob sich nun an Mareks Platz vorbei und schon erhob sich der Schaffner am Ende des Wagens um sich davon zu überzeugen, dass auch ja niemand versuchen würde tiefer ins Nichts oder, Herr bewahre, wieder von hier weg zu zufahren. Irgendetwas in Marek sträubte sich noch immer den Zug zu verlassen. Natürlich war es seine Entscheidung gewesen, Düsseldorf fluchtartig zu verlassen und er würde sich auch freuen seine Eltern wieder zu sehen. Vielleicht würde er sogar verstehen lernen, warum sie in dieses Kaff gezogen waren? Aber irgendwie klammerte er sich dennoch an den Hauch von Großstattleben, den dieser Zug mit sich führte.
Noch ein bewusster Atemzug der mitgebrachten Luft, die zwei Koffer (ja, man blieb für länger) und raus auf den Bahnsteig. Das „Pferd“ der alten Dame erleichterte sich vor dem Ausstieg, so dass Marek einen kleinen Hüpfer machen musste. ‚Es gibt doch wirklich keinen peinlicheren Anblick auf der Welt, als kackende Hunde’, bemerkte er zu sich selbst, zog die Haltegriffe aus und schickte sich an seine Rollkoffer Richtung Dorfkern zu ziehen. Weit kam er mit der Idee allerdings nicht, denn direkt hinter dem Bahngelände wich der asphaltierte Grund holperigstem Kopfsteinpflaster. Die Koffer hüpften und tanzten lautstark auf ihren kleinen Rollen, so dass Marek nach ein paar Metern entnervt die Griffe zurückschob und sich der traditionellen Bedienweise seines Gepäcks besann. ‚Katzenköppe’, dachte er. Wahrscheinlich war diese Straße, sofern sie diese Bezeichnung verdiente, einst wirklich mit den Schädeln kleiner Haustiere bestückt und war der Namensgeber aller kommenden Straßen in ähnlich schlechtem Zustand. Er bewegte sich quasi auf historischem Boden. Miau. Bei der Vorstellung kleine Kätzchen würden von unten herauf zu ihm hoch schauen musst er schmunzeln. Wäre er einer dieser wirren Fantasyautoren gewesen, hätte er daraus wahrscheinlich was bauen können. Aber so stapfte er weiter zur Adresse seiner Eltern. Die frische Luft tat gut. Der Kopf wurde freier, der Magen beruhigte sich.
Marek hatte sich nicht angekündigt, da er diese kleinen theatralischen Auftritte liebte und suchte nun nach der Nummer 14. Ja tatsächlich – dieser Ort hatte keine Straßennamen, sondern jede Straße hieß nur „Purzin 2-5“, „Purzin 13-17“ und so weiter. Eine Ausnahme schienen der Kirchplatz und das Pfarrhaus zu sein – die brauchten keine Hausnummern. Eine nette Kirche schien es zu sein. Wahrscheinlich katholisch, wie die meisten Gotteshäuser in dieser Gegend. Fester, schnörkelloser Bau. Hohe, fast schon gotische Buntglasfenster, die wahrscheinlich irgendwelche biblischen Gestalten darstellten. Bei dem fahlen Herbstlicht war das von außen nicht zu erkennen und selbst wenn, wäre seine Allgemeinbildung in diesem Bereich hoffnungslos überfordert gewesen. Das einzig wirklich beeindruckende war die wuchtige Erscheinung der Mauern, die wahrscheinlich heute noch als Schutz bei schweren Unwettern dienten. Zumindest sahen die umstehenden Häuser so aus, als hätten deren Bewohner es nötig. Was waren das aber auch für Hütten! Von Modernisierung keine Spur. Der Putz, sofern vorhanden, grau und unansehnlich. An den Fenstern sprang weiße Farbe in großen Fetzen herab und selbst die Stufen zu den Haustüren waren schief und krumm. Überhaupt war hier nichts gerade oder gar im rechten Winkel. Man konnte den Bewohnern zwar nicht vorwerfen, dass die Wege nicht sauber und die Beete vor den Häusern nicht gepflegt waren. Andererseits schien hier auch niemand daran zu sein die Wohnstätte seiner Urgroßeltern auch nur ansatzweise auf einen Stand nach der Einführung von Fließend Wasser zu bringen.
Da nützte auch die vierte Konstruktion für den Empfang von Sattelitenfernsehen nichts, die Marek bei seinem von stetigem Kopfschütteln begleiteten Gang durch das Dorf erspäht hatte. Moment – hatte er nicht vorhin schon „Purzin 13-17“ gelesen? Jetzt stand er vor der Nummer 34 und war somit schon weit hinter der elterlichen Adresse.
Marek drehte sich um und fühlte schlagartig einen heißen Strom Adrenalin durch sein Herz rasen. Ohne Vorwarnung durch Geräusch oder andere wahrnehmbare Anzeichen, sah er sich plötzlich einem kleinen Jungen gegenüber, der seelenruhig mit seinem Spielzeugauto mitten auf der Straße saß. Ein Feuerwehrwagen aus der alten Zeit. Nicht einer dieser großartigen Leiterwagen, sondern noch mit runden Scheinwerfern und einem gebogenen Kühlergrill. Marek musste den Jungen übersehen haben – keine Frage. Wahrscheinlich war er so in Gedanken über die kleinen, gedrungenen Häuser mit den windschiefen Dächern gewesen, dass er einfach an ihm vorbeigelaufen war. Marek schloss kurz die Augen und begann sich zu beruhigen. Die Arme entspannten sich und das Herz schlug wieder in geordneten Bahnen. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Tief einatmen, lächeln und wieder ausatmen. Der Junge war weiter in sein Spiel vertieft.
„Du hast mich aber ganz schön erschreckt.“, rief Marek dem Jungen lachend zu. Der Junge fuhr hoch und blickte Marek mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Der Moment erstarrter Stille schien sich zu wiederholen – nur diesmal mit vertauschen Rollen. Konnte es sein, dass auch der kleine Junge keine Notiz von Marek genommen hatte? Er muss doch direkt an ihm vorbeigekommen sein, denn immerhin war die Straße höchstens zwei Meter breit. Dass er vielleicht etwas unaufmerksam durch die Eindrücke der neuen Umgebung war ist ja in seinem Falle nachvollziehbar, aber dieser Knabe von höchstens acht Jahren hätte ihn doch schon von weitem mit seinen Koffern poltern hören müssen?
Der Junge packte sein Feuerwehrauto, das noch eines dieser Blechspielzeuge zu sein schien und stand zögernd auf. Marek fiel auf, dass dieses Kind kurze Hosen und ein dünnes Leinenhemd trug, während er selbst versuchte dem trüben September bereits mit einer modischen Schal-Mützen-Kombination zu trotzen.
„Sag mal ist dir nicht kalt? Wie heißt du?“
Der Junge stand noch immer wie angewurzelt und presste sein Spielzeug an sich, als hinge sein Leben davon ab. Das kurze braune Haar war wahrscheinlich noch nie einer professionell geführten Schere begegnet und die dünnen Strümpfe schienen handgemacht.
Etwas verwundert über diese Reaktion setzte Marek sein freundlichtes Lieber-Onkel-Lächeln auf: „Sag mal kennst du das Ehepaar Korsak? Die müssen hier wohnen. Ich bin der Sohn, Marek.“.
Der Schritt, den Marek dann voll Vertrauen auf sein Erfolgslächeln in die Richtung des Kleinen tat war jedoch zu viel. Obgleich es nicht mehr möglich erschien, weiteten sich die Augen des Jungen noch ein Stück mehr, er machte einen Schritt zurück, stolperte, fiel, schrammte sich das Knie. Marek war bestürzt.
„Hast du dir weh getan? Du musst doch keine Angst vor mir haben.“
Sein Gegenüber raffte sich auf, streckte die kleinen Hände nach dem Spielzeug , dass ihm entglitten war, drückte es erneut an sich und rannte davon, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Keinen Laut gab er dabei von sich. Nicht als er fiel, nicht als er rannte. Nur das Klappern der dünnsohligen Schuhe auf den Katzenköpfen blieb dem leicht verstörten Marek noch eine Weile erhalten.

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