Essenz – Tag 1 – Samstag – 2. Teil

Ein Windstoß ließ die zwei großen Pappeln an der Kirche erzittern. Immer schwerer erschienen die Wolken, die dem Himmel zu tragen auferlegt waren. Marek kam gedanklich wieder zu sich, schüttelte den Kopf und beschloss der Sache später nachzugehen. Er hatte ja vor, sich hier eine Weile aufzuhalten, und würde dem Kleinen zwangsweise sicher noch einmal begegnen. Dann würde er alles aufklären und dem schreckhaften Kind ein Eis kaufen – oder ein Glas Steckrübensaft oder was auch immer hier den Traditionen entsprach. Er nahm seine Koffer auf und bewegte sich wieder auf das elterliche Haus zu. Da war ein wenig Blut auf der Straße. Scheinbar war der Strauchler des Jungen doch heftiger gewesen und er hatte sich verletzt. Eine treu sorgende Mutter würde das sicher richten und wie gesagt – der Rübensaft wird das Kriegsbeil schon begraben.
Nach ein paar Metern erreichte Marek die Seitenstraße „Purzin 13-17“, und dann auch schnell die gesuchte Hausnummer. Soso, dafür hatte der alte Herr also die Ersparnisse zusammengekratzt. Die Frontseite reihte sich nahtlos in die umgebenden Gebäude ein. Dach schief, Tür schief, alles schief. Die Farbe an den Fenstern leuchtete zwar schon in frischem Weiß, aber dafür schien der Schornstein kurz vor dem Einsturz. Im kleinen Vorgarten reckten sich ein paar spätsommerliche Blumen nach den letzten Fetzen brauchbaren Lichts. Das war seine Mutter – Blumen mussten sein solange es ging. Da konnte es regnen oder gar schon schneien. „Wie soll das Herz erblühen, wenn’s dem Auge grau ergramt.”, hatte sie immer gesagt und Vater Korsak bekräftigte dies stets mit einem gezielten „So isses!”
Marek entschloss, sich noch etwas Zeit mit der Benutzung der Klingel zu lassen und warf einen Blick in den Hinterhof. So hatte er sich das vorgestellt. Bretter, unbearbeitet oder fein geschliffen, stapelten sich in einem Unterstand. Werkzeug lag herum (ein Grund, warum Papa immer das neueste Werkzeug hatte – er verlor regelmäßig das Alte) und Zementsäcke warteten auf ihre Bestimmung. Alles in allem eine schöne kleine Baustelle inmitten eines verwilderten Gartens, dessen knorrige Obstbäume bereits begannen sich herbstlich einzufärben und in dessen unkrautüberwucherten Beeten noch kleinen Holzstangen steckten, an denen wohl einst Tomaten oder Gurken angebunden waren. Der Fortschritt seit seinem letzten Besuch vor ein Jahr war zumindest fühlbar.
Doch Marek wollte nicht weiter sein Überraschungsmoment riskieren, baute sich lässig vor der Eingangstür auf und klingelte. Gleich würde seine Mutter öffnen und ihm völlig überrascht und vielleicht auch mit einem kleinen Freudentränchen im Auge um den Hals fallen. Und genau so kam es dann auch. Küsschen hier und Küsschen da, ein fester Händedruck des alten Herrn und schon tröpfelten die ersten Tassen frischen Kaffees durch den Filter.
„Junge – die Überraschung ist dir aber gelungen!“, sagte Helene Korsak freudig. „Wie kommen wir denn zu der Ehre? Ich dachte du hättest so viel zu tun und kaum Zeit mal was zu essen? Also zumindest das mit dem Essen scheint ja zu stimmen, so verhungert wie du ausschaust.“
„Mama“, maulte Marek etwas genervt von der Frage, die seit den Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausnahmslos jedes Wiedersehen einleitete. „Ich wiege nicht mehr und nicht weniger als ich das letzte Mal gewogen habe – und das Mal davor und davor und eigentlich seit den letzten zwölf Jahren. Ich werde weder dicker noch dünner, da kannst du machen, was du willst.“
„Ist ja schon gut. Ich meine nur, dass du wirklich etwas mehr auf den Rippen vertragen könntest. Hast du denn auch genug Geld? Ich meine, ich weiß ja nie so richtig, was du eigentlich gerade machst.“
„Mama, das habe ich dir nun schon tausendmal erklärt und –“, „Jaja, ist ja gut“, mischte sich der Vater vergnügt brummelnd ein. „Also ich freu mich, dass du da bist, aber ich glaube nicht, dass du zum Urlaub machen hergekommen bist, oder? Was ist denn los? Ist was mit Isabel?“
Das war in zweierlei Hinsicht kein gutes Thema. Zum Einen war Isabel bereits seit drei Monaten nicht mehr die Frau, der er morgens das Frühstück ans Bett brachte oder bringen wollte und zum Anderen mochte Marek nicht so gern mit seinen Eltern über Beziehungskram reden. Ihre Vorstellungen von Lebensplanung gingen da einfach zu weit auseinander. In seinem Alter sollte man schon Kinder haben und somit den eigenen Eltern die Chance geben, zu den beliebtestes Großeltern aller Zeiten zu avancieren. Als Stammhalter war er mit Vierunddreißig in ihren Augen schon seit einem Jahrzehnt überfällig und langsam schienen sie sich Sorgen über den Fortbestand der Familie zu machen. Aber so etwas passte momentan überhaupt nicht in die Gedankenwelt eines modernen Großstädters, dem mit einer statistischen Lebenserwartung von noch verbleibenden fünfzig-sechzig Jahren, von denen sicherlich mindestens Zwanzig volle Zeugungsfähigkeit beinhalteten, noch alle Türen offen standen.
„Das mit Isabel läuft“, sagte er ausweichend. Nein, er log seine Eltern nicht an – sie telefonierten immer noch einmal die Woche. Gut – meistens wurden aus den Vorwürfen Streitgespräche, dann wieder Vorwürfe und letztendlich wüste Beschimpfungen. Aber Marek hatte jetzt auch keine Lust hier sein aktuell nicht vorhandenes Liebesleben offen zu legen. Später vielleicht.
„Aber ich habe wirklich vor, ein paar Tage hier Urlaub zu machen. Ich könnte ja etwas am Haus helfen und vielleicht verstehen, warum ihr an den Arsch der Welt gezogen seid um dieses Kleinod der Hoffnung zu rekonstruieren.“ Heinz Korsak rollte mit den Augen. Er kannte diese Meinung über ihre Investition nur zu gut und hatte keine Lust, wieder über den Sarkasmus des Sohnes seine Frau weinen zu sehen.
„Moment mal mein Lieber“, sagte er, ohne den Hauch väterlicher Güte in seinem Gesicht zu verlieren. „Immerhin bist du uns hierher an den Arsch der Welt gefolgt, und auch wenn ich jetzt keine Lust habe diese alte Diskussion fortzusetzen oder gar neu zu beginnen, wirst auch du noch irgendwann einmal verstehen, warum wir uns aus Düsseldorf verabschiedet haben. Wenn man älter wird, sucht man nach neuen Aufgaben und dieses Haus hier ist eine Aufgabe. Deine Mutter und ich sind nun mal Menschen, die etwas erschaffen wollen, auf das sie mit Stolz zurückblicken können. Du bist ja schon mal ein guter Anfang, aber irgendwann will ich halt hier in der noch reinen Natur sitzen, vor meinem Haus, auf meiner Bank und sagen: ‚Heinz, das haste jut jemacht’. Und dieses Gefühl, Marek, wird dir keine computergesteuerte Eigentumswohnung mit Ausblick je bieten können.“
„Ist ja gut“, intervenierte nun die Mutter. ‚Wenn es nur so wäre’, dachte sich Marek. Aber er wollte nun auch nicht seine jetzige Wohnsituation, die alles andere als die vom Vater angesprochene Variante war, in den Ring werfen. Den Bumerang wollte er seinem alten Herrn nicht gönnen”
„Also es ist so“, wechselte Marek das Thema. „Ich habe ein paar neue Ideen, ein paar Skripte im Kopf und brauche einfach etwas Tapetenwechsel um wirklich mal ein paar Tage durchzuarbeiten.“
„Und Isabel?“, fragte Helene „Kommt sie nach?“
Ja, sie mochte die schlanke Schneiderin, welche nun schon zweimal ihren 29. Geburtstag gefeiert hatte. Es täte ihr wohl wirklich ein wenig das Herz brechen, wenn Marek ihr über die unschöne Trennung berichten würde.
„Nein, ich denke sie wird nicht kommen – sie hat momentan zu viel zu tun.“ Gut gekontert – es darf sich selbst auf die Schulter geklopft werden.
„Schade, aber du kannst natürlich bleiben solange du willst. Du kannst im Arbeitszimmer schlafen. Wir haben dort auch all deine Bücher aufbewahrt und zeigen sie jedem, der zu Besuch kommt.“
Bei den Worten „zu Besuch kommt“ musste Marek im Zusammenhang mit dieser Einöde innerlich schmunzeln. In Gegenwart des mütterlichen Lächelns unterdrücke er jedoch das halbe Dutzend zynischer Kommentare, die sich in seinem Kopf bereits zum Sprung bereit gemacht hatten.
„Danke, Mama. Und ich werde natürlich auch immer versuchen ein paar Stunden am Tag freizuschaufeln, um euch am Haus zu helfen. Was steht denn gerade an?“
„Das Dach muss ausgebessert werden, bevor die ersten richtigen Herbststürme kommen. Und neue Regenrinnen brauchen wir auch. Ach und dann sind da noch…“ Eine ganze Weile noch zählte Vater Korsak Mängel und Baustellen am Haus auf und konnte dabei die freudige Erregung eines eifrigen Handwerkers nicht verbergen. Marek tat ihm den Gefallen und nickte freundlich zu jedem Punkt. Dann aßen sie den Kuchen, den die Mutter scheinbar immer für solche Anlässe im Haus zu haben schien und Marek verzog sich ins Arbeitszimmer. Der Tag hatte sich längst in Schwärze gehüllt und er war müde von der Fahrt. Normalerweise hätte er noch ein wenig gelesen – oder noch besser – geschrieben. Aber heute fiel er nur auf das eben noch schnell frisch bezogene Sofa und schlief auch bald ein. Einzig dieser merkwürdige Junge lief seinen Gedanken noch eine Weile hinterher und starrte ihn dabei wortlos und mit aufgerissenen Augen an.
