Essenz – Tag 4 – Dienstag – 3. Teil

Essenz Tag 4 Teil 3

Heike musste sich kurz sammeln. Die Erinnerung an das Ereignis hatte sie beinahe so stark mitgenommen, wie die beiden Zuhörer.

„Sie sagte, sie wisse, dass sie eine alte Frau sei und wohl nicht mehr viele Tage auf dieser Welt habe. Aber ihr Sohn solle ihr hier und jetzt schwören, dass er sie nicht in der Erde der Purziner Kirche beisetze. Günther verstand nicht ganz, was sie ihm sagen wollte. Er war immer noch zu aufgewühlt.

Die Alte bemerkte nun die vielen Leute im Raum, schien sich aber nicht zu wundern, richtete sich wieder an ihren Sohn und sprach die Worte, die ich wohl nie vergessen werde: ‚Bei allem was dir heilig ist, mein Sohn. Dein Vater und dein Großvater sind nicht selig geworden und du wirst es auch nicht, wenn du ihnen folgst – ich flehe dich an – schwöre mir, hier vor all diesen Menschen, die dich von Kindesbeinen an kennen – schwöre mir, deiner Mutter, dass du mich am Tage meiner Heimkehr zu Gott nicht hier begräbst.’ Günther hätte in diesem Moment wohl alles geschworen – das hätte jeder der Anwesenden im Raum. Eigentlich wäre so ein Ereignis noch Tage lang Thema Nummer Eins im Dorf gewesen, aber niemand wusste mehr darüber zu sagen, als dass, was er gesehen hatte. Keine wilden Spekulationen wurden angestellt und keine Theorien diskutiert. Danach hat man den Pfarrer jeden Tag zum Haus der Thomaks gehen sehen. Eine Woche später starb die alte Frau dann auch friedlich im Schlaf. Woran weiß ich gar nicht mehr so genau, sie hatte ja auch kaum mehr Besuch empfangen. Wahrscheinlich das Herz. Natürlich kam das ganze Dorf zur Beisetzung, aber niemand stellte die Frage, warum diese in der fünfzehn Kilometer entfernten Nachbargemeinde stattfand. Das war vor sechs Jahren.“
Schweigen breitete sich aus und das Ticken der Wanduhr gab den Takt dazu. Es dauerte eine Weile, bis jemand wieder Worte fand. Es war Marek: „Heftige Geschichte. War denn etwas über neuronale Störungen bekannt?“
„Du meinst ob sie bekloppt war?“, fragte Heike. „Mein Lieber, wenn ich in dem Alter noch so fit im Kopf bin mach ich drei Kreuze.“
„Die arme Frau.“, meinte Helene. Gedanken versunken schüttelte sie den Kopf. „Aber wer ist dann Klara Thomak und warum erzählt Günther einem Fremden von Jemandem, den hier eigentlich jeder kennen müsste, außer ihm wohl aber noch Keiner gesehen hat?“
„Und viel wichtiger ist die Frage“, setzte Marek die Gedanken seiner Mutter fort „wie ein fremder Grabstein auf den Friedhof kommt, ohne das es jemand bemerkt. Hat denn Günther wenigstens sein Bein bei einem Unfall mit der Erntemaschine verloren oder ist das auch nicht wahr?“
„Doch das stimmt.“, erwiderte Heike.
„Aber Günther erzählte mir, dass seine Frau ihm damals durch einen Verband an Ort und Stelle das Leben gerettet hatte.“
„Günther hat sich selbst verbunden und wäre fast nicht mehr unter uns, wenn nicht sein Lehrling aufgetaucht und die Rettungskräfte alarmiert hätte. Der gute Günnie hatte sehr viel Blut verloren und war schon nicht mehr bei Bewusstsein, als der Hubschrauber endlich kam. Es stand ein paar Tage lang sehr schlecht um ihn. Aber den haut so schnell Nichts um – hast ihn ja Lachen sehen.“ Heike überlegte kurz. „Aber davon, dass eine – oder vielmehr „seine“ Frau ihm geholfen haben soll, hat er nie was erzählt. Vielleicht hat ihn der hohe Blutverlust Dinge sehen lassen, die so nicht passiert sind.“
„Und der Grabstein?“, fragte Marek. „Was ist damit – ich habe ihn doch selbst gesehen – gleich hier hinter der Kirche?“
„Ja, das ist schon merkwürdig. Weil hier jeder weiß, wer auf dem Friedhof liegt und niemand nach dem Stein seiner Lieben suchen muss, würde ein Stein mehr oder weniger sicher auffallen. Standen da vielleicht noch andere Namen auf dem Stein?“
„Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen.“, gab Marek zu. Der Stein war ziemlich zugewuchert und ich war von der ganzen Lauferei auch schon recht müde.“
„Ich will das mal sehen.“, sagte Heike. „Komm Helene, wir schauen uns das gleich mal an. Den Kaffee nehmen wir mit.“
Und so spazierten die drei, jeder mit seiner Tasse in der Hand, zur Hauptstraße, über den Kirchplatz und hin zum Friedhof. Sie gaben sicher von Weitem eine lustige Gesellschaft ab, wenn das Wetter nicht so schwermütig und die Gesichter nicht so ernst gewesen wären. Aber Heike bestand darauf, das ansonsten gemütliche Kränzchen nicht zu unterbrechen.
Am Friedhof angekommen fanden sie recht schnell den besagten Grabstein und zu Heikes großer Verwunderung, hatte Marek die Wahrheit gesagt. Nicht dass sie ihn der Lüge bezichtigt hätte, nur hätte sie innerlich lieber eine Verwechslung vorgezogen, als dass diese alten Ereignisse dadurch wieder in den Vordergrund rückten. Dies war ein ruhiges Dorf und genau das machte das Leben hier auch so angenehm.
„Tatsächlich…“, sagte Heike und nahm noch einen Schluck aus ihrer Tasse. „Klara Thomak – 03.07.54 bis 21.04.03. Das war vor fünf Jahren. Das ist kompletter Unsinn – das hätte doch jeder hier im Dorf bemerkt. Und du sagst, dass Günther hier Blumen niedergelegt hat?“
„Da liegen sie doch sogar noch.“, sagte Marek und zeigte auf den fast verwelkten Straus Feldblumen. Der Stein selbst war ein grauer und fein behauener Naturstein. Die Oberflächen waren ordentlich poliert und frei von Schmutz. Nur ein wenig klein schien er im Vergleich zu den anderen Steinen ringsumher.
„Also, ich finde das ja auch etwas merkwürdig, aber ich glaube, wir sollten wieder rein gehen.“, meinte Helene. „Es fängt bestimmt gleich wieder an zu regnen.“
„Wartet mal.“, sagte Heike plötzlich mehr zu sich selbst als zu den beiden Begleitern. Mit den Fingern fuhr sie an der eingemeißelten Schrift entlang. Sie war grobschlächtig und nur oberflächlich poliert. Auch waren die einzelnen Zeichen nicht gleichmäßig und in ihrem Abstand unregelmäßig. Scheinbar hatte jemand große Schwierigkeiten gehabt, den Stein zu beschriften. „Kommt euch dieser Schriftzug nicht auch merkwürdig vor? Helene, dein Mann ist doch Handwerker, ist davon bei dir was hängen geblieben?“
Helene schaute etwas pikiert, fuhr dann aber ebenfalls mit Händen den Schriftzug ab, dabei jedoch immer darauf bedacht, keinen Fuß auf das Grab zu setzen.
„Also, ich bin da keine Expertin und mein Heinz arbeitet ja eigentlich auch mit Holz und nicht mit Stein, aber ich würde sagen, dass das hier kein Fachmann war. Vielmehr sieht die Schrift eher wie das Werk eines Dilettanten aus.“
„Nehmt doch mal die Ranken da weg, vielleicht steht noch was darunter?“, schlug Marek vor, doch dazu hätten die relativ kleinen Frauen das Grab betreten müssen und das war ihnen gar nicht Recht. Rätsel hin oder her, aber die Totenruhe war ihnen heilig.
Also Schritt Marek selbst zur Tat, stellte die Tasse ab, setzte einen Fuß auf die Grabstelle und versuchte erst vorsichtig, dann mit Gewalt den Efeu zu entfernen. Die Ranken waren so dicht gewachsen, dass sie wohl sogar ohne Blätter einen hervorragenden Sichtschutz geboten hätten.
Darunter aber war nur nackter Stein zu finden.
„Am besten wir fragen den Günther einfach mal. Heute ist er zur Reha wegen seines Beines. Das weiß ich. Und vielleicht bleibt er auch wieder über Nacht bei seinem Kumpel drüben in der Stadt. Wenn das hier seit fünf Jahren keiner bemerkt hat, wird es morgen auch noch da sein.“ Damit war für Heike das Rätsel zwar noch nicht gelöst, aber zumindest für heute zu den Akten gelegt. Die beiden Frauen schickten sich bereits an zu gehen und auch Marek wollte nur noch die Tasse aufheben, beugte sich dafür vor, so dass sein Kopf seitlich zum Grabstein war und stutzte.
„Kommt mal wieder zurück.“, rief er. Helene und Heike drehten sich um und sahen Marek hinter dem Grabstein knien. Er grub – nein – er legte nur einen kleinen Bereich am Fuße des Steines frei. Sie gingen die wenigen Schritte wieder zurück zum Grab der Klara Thomak. Marek hatte nun aufgehört zu graben und kniete vor dem, was er da freigelegt hatte. „Gerhard Thomak – 14.08.23 – 23.11.94“ – „Wer ist das?“, fragte Marek ohne den Blick vom Stein zu wenden. Heike antwortete: „Das ist der Vater von Günther. Du meine Güte!“ Heike wurde bleich um die Nase. Helene Korsak stand daneben und klammerte sich an ihre Tasse.
„Scheinbar hat jemand den Grabstein umgedreht, neu beschriftet und so tief in den Boden gerammt, dass der ursprüngliche Name nicht mehr lesbar war.“, fasste Marek zusammen. Es kam natürlich nur Günther – der Mann aus Stahl – in Frage, aber warum sollte er so etwas tun? Keiner der Anwesenden wusste sich einen Reim darauf zu machen – weder auf die Beweggründe Günthers, noch auf die Frage, wer da jetzt in dem Grab lag?
Der Wind frischte auf und sie beschlossen wieder ins Haus zu gehen. Nun hätte das Trio auch von weitem nicht mehr amüsant ausgesehen. Den Kaffee hatten sie ausgekippt, da er schon längst Außentemperatur angenommen hatte. Zügig und mit leicht weichen Knien kamen sie in der Küche der Korsaks an. Dort wartete Heinz Korsak, der von einem Kunden in einer Nachbargemeinde zurückgekommen war. Die beiden Frauen nahmen ihn sofort ungefragt in Beschlag und lange Spekulationen setzten ein. Allerdings war Heinz kein sehr guter Diskussionspartner, denn der Kunde hatte wohl zu der anstrengenden Sorte gehört, und der alte Schreiner wollte eigentlich nur in Ruhe die Füße hochlegen.
Marek entzog sich dem Allen und verschwand ins Arbeitszimmer. Er konnte sich nicht schon wieder Schlafen legen – dafür war es zum Einen zu früh und zum Anderen war heute zu viel passiert. Er ließ den Tag in rückwärtiger Reihenfolge Revue passieren. Soeben hatte er ein Grab geschändet – oder zumindest dessen Adressierung in Frage gestellt. Dann hatte er noch die adrette Heike verwirrt, mit Isi gestritten und nach dem Duschen neue künstlerische Fähigkeiten an sich entdeckt. Und zu guter Letzt war er heute Morgen fast vom Blitz erschlagen worden. Aber da war doch noch etwas? Er hatte kurz nach dem Einschlag etwas Rotes hinter dem Baum schimmern sehen. Oder hatte er sich das nur eingebildet? Es kam ihm so merkwürdig bekannt vor.
‚Am besten wäre es sich morgen dort oben noch einmal umzusehen, und wenn es nur darum geht, einen vom Blitz gefällten Baum zu begaffen.’, dachte sich Marek. Doch nun packte er zum ersten Mal, seit er zum „Abschalten“ in dieses verschlafene Dorf gekommen war, seinen Schreibcomputer aus und startete die Textverarbeitung. Er würde sich jetzt beim Verfassen der ersten drei Seiten seines neuen Buches entspannen und die Geschehnisse um sich herum vergessen. Das sah seine Inspiration leider etwas anders und lies ihn im Stich. Kein Wort, keine Zeile blieb länger als zwei Minuten auf dem Bildschirm, bevor die Entfernen-Taste zuschlug. Soviel zum Überwinden der Schreibblockade. Aber Marek wusste, dass er sich nicht selbst unter Druck setzen durfte. Er war Schriftsteller – das stand fest – aber vielleicht nicht heute. Morgen. Morgen ganz bestimmt. Aber jetzt gab es bestimmt schon Abendessen.
Der Tag endete mit dem alten Herrn vorm Fernseher. Ja, auch Korsaks hatten sich eine Satellitenschüssel gekauft.

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