Essenz – Tag 8 – Samstag – 2. Teil

foto Tag 8 Teil 2

Bède wusste warum er ursprünglich die kommende Zeit in Luzern verbringen wollte. Es war der achte Monat nach unserer Flucht aus dem Schoß der Gemeinde und die Berge waren unerbittlich. Die ausgebauten Pässe wurden zu gut überwacht, als dass wir sie hätten nutzen können. So kletterten wir getrieben von Hunger und Kälte durch enge Schluchten und über gefährliche Grate. Morgens schliefen wir, die Herrlichkeiten der Schöpfung wahrnehmend, ein und abends erwachten wir zwischen den Unaussprechlichkeiten einer gefrorenen Hölle.

Wir waren nun schon vier Wochen Richtung Süden unterwegs. Bède mühte sich nach allen Kräften aber oft schafften wir nur wenige Meilen am Tag oder mussten durch Stürme gefesselt gänzlich verweilen. Es war nicht mehr möglich zu sagen, wie weit wir noch entfernt waren oder ob wir das Schlimmste schon hinter uns hatten? Ich hatte Furcht vor den dunklen, stürmischen Nächten, doch noch mehr fürchtete ich mich vor den sternenklaren. Denn diese waren so kalt als würde der Odem der Berge uns mit seinen Klingen zerschneiden wollen. Bède gab mir Brot, das er am Leib vor dem Eise schützte und ich wusste, dass er selbst seit Tagen nichts gegessen hatte. Aber es war seine vom Herrn gegebene Aufgabe mich zu schützen und ich schämte mich nicht dafür.
Eines Abends brachen wir erneut auf und mühten uns durch den hohen Schnee voran. Wir hatten den großen Pass hinter uns gelassen und hatten wieder Hoffnung gefasst. Der Mond war gleißend hell und gab uns gutes Geleit. Auf einmal zogen, wie so oft, schwere Wolken herauf und kündigten einen Sturm an. Bède entschied, dass wir uns besser in Sicherheit bringen und diese Nacht wohl wieder ohne Reise ausharren sollten.
Der Felsvorsprung, den wir fanden, bot nur wenig Schutz. Er reichte kaum über unsere Köpfe, doch es war bereits zu spät in der weiten Einöde nach einem besseren Unterschlupf zu suchen. Der Sturm begann sein grausames Werk und ich kauerte mich in Bèdes Armen zusammen.
„Erzähl’ mir von Sirmione.“, bat ich.
„Sirmione ist ein wunderschöner Ort. Eine herausragende Festung auf einer Halbinsel im Lago di Garda. Dort wird mein Werk vollendet sein und das Deine beginnen.“
„Was ist denn nun mein Werk?“
„Ihr wisst doch, dass ich darüber nicht sprechen darf und um ehrlich zu sein weiß ich darum auch nicht sehr viel. Ich kenne den Mann, den ihr treffen sollt, aber auch jetzt werde ich euch seinen Namen nicht nennen, denn sollten wir in Gefangenschaft geraten, müsste ich euch vorher töten um dieses Wissen zu schützen.“
„Du würdest mich töten?“, fragte ich entsetzt.
„Es wäre nicht mein Wille, aber es gäbe keine andere Wahl. Meine Seele ist durch diese Reise ohnehin verloren, so dass die Pflicht Euch zu opfern ohne Bedeutung für mein Heil ist. Sie würden das Kästchen nicht öffnen können, aber sie könnten euch schlimmes Unheil antun nur um an euer Wissen zu gelangen.“
Ich war damals noch zu jung um nicht schockiert zu sein, doch blieb ich ruhig, wusste ich doch, dass mein Vertrauen in ihn mich bisher am Leben erhalten hatte. Tatsächlich hatte ich schon einige Male versucht, dass Kästchen um meinen Hals zu öffnen, aber ein klarer Überzug, der in der Sonne bleiern schimmerte, umhüllte und versiegelte es auf unzerbrechliche Weise.
„Erzähl’ mir noch mehr von Sirmione.“, bat ich um das Thema zu wechseln.
„So denn – die Wiesen sind fast das ganze Jahr grün. Haben wir die Berge erst einmal hinter uns gelassen, werden wir auch in dieser rauen Jahreszeit die Wärme der Sonne spüren können. Der Herr wird es uns an nichts fehlen lassen und unsere Gemeinde wird uns mit Gesängen empfangen. Wir werden noch ofenwarmes Brot brechen und klares Wasser trinken, gereicht von liebevollen Händen…“
Über Bèdes Erzählungen übermannte mich der Schlaf und zog mich in unruhige Träume. Als ich wieder erwachte, waren meine Glieder so steif, dass ich mich kaum bewegen konnte. Der Sturm hatte sich gelegt und der Morgen dämmerte bereits. Ich wollte mich erwärmen und versuchte mich zu dehnen, aber Bède hatte seine Arme fest um mich gelegt und schien ebenfalls eingeschlafen zu sein. Frisch und rein funkelte der Schnee um uns herum und die Berge begannen in der aufgehenden Sonne zu glühen. Ich rief Bède aufzuwachen und wollte mich aus seinem Griff befreien, aber es gelang mir nicht. Bède war tot. Mit der letzten Wärme seines leidenden Körpers hatte er mich über die Nacht gerettet und seine Arme hielten mich nun gleich einem Käfig aus Eis gefangen. Die Augen in dem weißen Gesicht, die mir so lange Trost gespendet hatten, waren geschlossen und kein Licht sollte ihnen je wieder entsteigen.
Ich beschloss bei ihm zu verweilen und begann für seine Seele zu beten. Still weinte ich und meine Tränen wurden zu Eis ebenso wie mein Herz. Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich kannte weder Weg noch Richtung und Bède hielt mich weiter fest. Mein schwacher, kindlicher Körper war nicht in der Lage sich zu befreien und so begann ich meine Seele auf die Rücktransformation vorzubereiten.
So saß ich da, still und mit geschlossenen Augen ausharrend. Ich wollte dieser Welt, die mir so viel genommen hatte, nichts mehr geben. Bède und der Bischof hatten sich geirrt. Ich war nicht die Commutata. Wir hatten die Prüfung nicht bestanden. Wieder zogen neue, schwere Wolken heran und kündigten meinen Tod an. Entkräftet und dem Delirium nahe saß ich in meinem Gefängnis und starrte in das weiße Nichts vor mir, als sich plötzlich zwei Schatten daraus lösten. Ich bekam Panik. Unsere Häscher hatten uns gefunden und es würde eintreten, wovon Bède erzählte. Die Schatten kamen näher auf uns zu. Es waren Reiter und zwischen den dicken Kragen ihrer Mäntel waren keine Gesichter zu erkennen. Sie erreichten Bède und mich. Keine Fragen wurden gestellt, kein Wort der Begrüßung ausgesprochen. Während der Eine die gefrorenen Arme von Bède krachend auseinander bog, packte mich der Zweite und zog mich zu sich. Meine Seele war bereit. Mein Körper vernahm weder Kälte noch Schmerz. Sollten sie nur kommen…“

Keuchend ließ sich Marek zurück fallen. Er überflog noch einmal das eben Geschriebene. Da waren Begriffe, die er nicht kannte, Ausdrucksformen, die nicht seine waren und überhaupt hatte er nie in dieser Erzählform geschrieben. Die erste Person Singular war ihm immer zu subjektiv und ließ zu wenig Spielraum für die Handlungsentwicklung. Jetzt hatte er ein Problem. Als aufgeklärter Westeuropäer war Übersinnliches für ihn etwas aus dem Vorabendprogramm und er gehörte auch sicher nicht zu den Spinnern, die hunderte von Euro für so genannte „Hellseherei“ ausgaben. Doch was war das dann da vor ihm? Vielleicht hatte er zumindest die fremden Vokabeln irgendwo gelesen und unterbewusst eingearbeitet? Aber wenn dem so war, so wäre der Kontext doch sehr gezielt gefasst. Von Okzitanien hatte er schon gehört – das ist heute ein Teil von Südfrankreich und scheinbar war eine „Perfecta“ irgendeine höhere Stufe innerhalb einer Hierarchie. Wahrscheinlich abgeleitet von „perfekt“ also vollkommen, was sich ja scheinbar in seiner Geschichte bestätigte. ‚Meine Geschichte?’, dachte Marek bei sich und schaute aus dem Fenster, an der Kirche vorbei, auf den Berg. ‚Kann das denn überhaupt meine Geschichte sein?’
Er, der Schriftsteller stand auf, ging im Zimmer hin und her und versuchte eine Erklärung zu finden. Es war halb zehn und draußen begann sich das wochenendliche Dorfleben zu entfalten. Er brauchte einen Internetanschluss, aber schnell! Die allwissende Macht der Onlinenachschlagewerke würde das schon klären. Aber wollte er das überhaupt? Was, wenn er die Herkunft dieser Gedanken enträtseln und damit entzaubern würde? Vielleicht war es eben diese kühle Berechenbarkeit, die ihn bisher so erfolglos hatte bleiben lassen? Marek wollte, nein musste jetzt eine Entscheidung treffen. Sein schlafumnebeltes Gehirn sollte mit Logik und Verstand eine Entscheidung treffen. Nein, das machte keinen Sinn – mit Logik über verzauberte Gedanken forschen?
„Reiß dich zusammen!“, brüllte es plötzlich durch das Haus. Marek wurde wütend, genau so wie ein paar Stunden zuvor. Diese Unerklärbarkeit machte ihn krank. Er schlief nicht, er hatte kaum Hunger und er schrieb Dinge, die nicht seinem ihm bekannten Geist entspringen konnten in einer eingegrabenen, leuchtenden Kirche. Es gab nur eine Lösung, wie er die ganze Sache für sich nutzen konnte – er musste wissen, wie die Geschichte ausging! Die erste Erzählform war in der Gegenwart, die zweite wurde ebenfalls in der Gegenwart erzählt, aber verfolgte die Vergangenheit. Es musste also ein Ziel, ein Ende geben. Das war ein guter Plan. Wenn die Geschichte ein Ende findet, hätte er sicher einen neuen Roman und würde wissen, woher diese Gedanken stammten. Vielleicht hatte er ja doch mal irgendein Buch gelesen und erinnerte sich jetzt in dieser Kirche daran. Egal. Und wenn das alles ein Ende findet, dann wollte er auch herausfinden, was das überhaupt für ein Gebäude war, aber nicht jetzt. Papier. Viel Papier. Und Stifte jeder Art – Hauptsache es schreibt. Dazu Wasser. Aus der Leitung reicht. Und einen Leib Brot. Magnesium – viel Magnesium. Wo ist der Rucksack? Noch im Flur neben dem Bad. Sollte man noch schnell duschen? Unsinn! Raus aus dem Haus. Seitenstraße, Kirchplatz, Friedhof, steiler Abhang. Zwischendurch Menschen auf den Straßen. „Ah hallo! Machen Sie einen Ausflug? Wie geht’s dem Herrn Papa?“ „Noch nichts Neues. Ja, ich geh’ spazieren.“ „Geht es Ihnen gut? Sie sehen etwas mitgenommen aus!“ „Sie wissen ja wie das ist – man macht manchmal kein Auge zu.“ Tatsächlich sah er aus als hätte er tagelang im Wald gelebt. Er hatte die Arbeitskleidung von gestern angezogen, weil sie ihm am nächsten lag. Die zotteligen Haare und der sprießende Dreitagebart umrahmten ein mit Falten durchzogenes Gesicht und die funkelnden Augen stießen blutunterlaufen aus ihren Höhlen hervor.
Mareks Kräfte nahmen mit jedem Schritt in Richtung des Berges zu. Er bemerkte nur am Rande das Rauschen, das erneut in seinen Ohren zu dröhnen begann. Aber das waren nur Zeichen der Erschöpfung. Er war Geist – er war kein Fleisch – Fleisch ist schwach – Geist ist allmächtig. Als er begann den Abhang hinaufzuklettern, fühlte er sich gezogen. Als er den Einstieg erreichte, war er frei und als er wieder den Turm hinab schritt und das kräftige Sonnenlicht dem gedämpften Schimmer der Mauern wich, glitt er wieder zurück in die innere Ruhe einer erwartungsvollen Gespanntheit.

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