Essenz – Tag 7 – Freitag – 2. Teil

essenz foto Tag 7 Teil 2

Er wählte den leichteren Aufstieg um sich selbst zu bremsen, spürte aber bereits förmlich die Ideen in sich aufsteigen. Noch nichts Greifbares, aber je näher er dem Einstieg kam, desto intensiver wurde der Drang zu Stift und Papier zu greifen. Marek genoss dieses Gefühl wie ein Rennfahrer, der kurz vor dem Start noch einmal die Reifen durchdrehen lässt. Ein letzter Blick in den strahlendblauen Himmel und in die wärmende Sonne und schon war er gut gelaunt im Glockenturm der „dunklen Kirche“ verschwunden. Als er den Turm hinab ging, wurde er wieder ruhiger. Sein Atem ging langsamer und er begann die Stimmung in sich aufzunehmen. Das schattenlose Licht, die sanfte Wärme und der fehlende Staub. Nichts hatte sich verändert. Marek erreichte den Vorraum. Er war jetzt ganz entspannt und wollte nichts erzwingen. Keine neue Schreibblockade sollte ihn hindern fortzusetzen, was er gestern begonnen – nein – erlebt hatte.

Andächtig betrat er den Saal, setzte sich in die vorderste Reihe, holte Stift und Papier hervor und wartete. Nichts geschah. Er holte sein voll geschriebenes Notizbuch hervor um sich von den letzten Zeilen inspirieren zu lassen. Die erwarte Flut von Wörtern blieb aus. Marek wurde unruhig. „Inspiration – der Schriftsteller braucht Inspiration“, dachte er laut. Er begann herumzulaufen und erinnerte sich, dass er die Orgel noch nicht von Nahem betrachtet hätte. Außerdem hätte er von da oben einen ganz anderen Blick auf den Saal. Marek ging den Mittelgang zurück zu den großen Türen und wollte schon nach links zum hölzernen Treppenaufgang abbiegen, als ihm an einem der Türflügel etwas auffiel. Da war ein Teil des Holzes, das aus dem linken Flügel unnatürlich herauszuragen schien. Beim näheren Betrachten stellte er fest, dass die diagonal in Augenhöhe verlaufende Planke im Gegensatz zu den anderen auf zwei Zapfen gesteckt und damit nicht fest mit dem Flügelrahmen verbunden war. Marek zog daran. Das alte Holz widerstrebte, doch mit einem kräftigen Ruck wurde es aus seiner Vertiefung entfernt. Ein Schriftzug kam zum Vorschein. Schwarze Lettern, handgeschrieben. Marek las: „Caedite eos!“. ‚Das könnte Latein sein’, überlegte er. Sein Latein war aber noch nie besonders gut, um nicht zu sagen miserabel. Marek untersuchte den zweiten Türflügel. Auch dort fand er ein ähnliches Panel auf gleicher Höhe, entfernte es und entdeckte einen zweiten, längeren Text: „Novit enim Dominus qui sunt eius.“
‚Ist diese Tür geschlossen, fügen sich diese Zeilen bestimmt zusammen.’, überlegte Marek weiter. ‚Aber warum hat man sie versteckt? Das kriege ich wohl nur raus, wenn ich es mal übersetzen lasse.’ Er zückte einen Kugelschreiber und übertrug den Text. ‚Vielleicht kann ich ja doch noch etwas Schullatein zusammenkratzen’, überlegte er weiter, setzte sich in die nächst beste Reihe und überlegte. Ihm viel der Begriff ‚Domina – die Herrin’ ein. Er grinste und amüsierte sich darüber, dass eine seiner unreifen Assoziationen ihm hier auch ohne Latinum weiterhalf. ‚Dominus’ war also ‚der Herr’ oder in diesem Zusammenhang sicher ‚Gott’, das stand fest – aber der Rest? Grübelnd kritzelte er die Buchstaben nach. ‚Es steht auf der Innenseite der Tür. Vielleicht so eine Art Schutzgebet wenn die Messe gehalten wird? Wie ein geistiger Riegel, der das Unheil draußen hält. Was ist denn-?!’, Marek starrte auf sein Blatt Papier. Er hatte sich beim Nachdenken im Saal umgeschaut und nicht weiter darauf geachtet. Nun standen da plötzlich zehn weitere Sätze. Nicht in Latein, sondern in seiner Sprache und scheinbar von ihm verfasst. Zumindest war es die gleiche feine Handschrift wie am Tage zuvor. Marek sammelte sich. Gestern wäre es ihm wohl noch kalt den Rücken runter gelaufen, aber heute war er faszinierter denn je. „Es geht los.“, flüsterte er erregt und sollte Recht behalten. Dem ersten Blatt folgten weitere. Gebückt saß er auf der harten Bank und schrieb Satz um Satz. Sicher hätte eine kurze Pause oder auch nur ein bequemerer Ort in der Kirche ihm gut getan, aber Marek war wie von Sinnen. Seine Hand begann wieder zu krampfen, aber er hatte vorgesorgt. Hochdosiertes Magnesium rann gelöst in kühlem Wasser seine Kehle hinab, ohne dass er von seinen Aufzeichnungen abließ. Von dem mitgebrachten Essen ließ er ab. Nichts sollte ihn ablenken, nicht die Quelle – nein, den Fluss der Inspiration, der sein rauschendes Wasser über ihn ergoss, stören. Schließlich griff seine eigene Notbremse und die letzte Seite verfügbaren Papiers war gefüllt. Fast hätte er auf dem Holz der Sitzbank weiter geschrieben, aber der Kugelschreiber versagte diesem Untergrund den Dienst. Er stieß einen lauten Fluch aus und kam schlagartig wieder zur Besinnung. Nein, das mochte er nicht – geflucht wurde nicht in Kirchen, egal ob sie freistehend oder eingegraben waren. Marek versuchte sich aufzurichten. Sein Rücken schien einzementiert zu sein und er hatte das Gefühl, er würde ihm beim Dehnen auseinander brechen. Das Aufstehen gelang und gierig wurde das restliche Wasser zugeführt. Er ging in die Knie und suchte seine Aufzeichnungen zusammen. Sobald ein Blatt voll war, hatte er es von sich gestoßen um das nächste anzufangen. Nun war er dankbar, dass er sie bereits vorher durchnummeriert hatte. Beim Aufstieg konnte er sich wieder an keinen einzigen Satz erinnern und hätte er nicht den Beweis schwarz auf weiß in der Tasche bei sich, hätte er womöglich an seinem Verstand gezweifelt. So aber durchzog ihn eine befriedigende Erschöpfung, als er sich, auf dem Gipfel angekommen, von der Abendsonne begrüßen ließ. Es musste so gegen sechs sein und der klare Himmel versprach eine weitere kühle Nacht. Er ließ sein Telefon sich einen Sendemast suchen und war beruhigt, keine Anrufe verpasst zu haben. Eine halbe Stunde später saß er in der elterlichen Küche und aß seinen Proviant. Für eine vollwertige Mahlzeit reichte sein Appetit nicht. Dann ging er hinters Haus und begann die Baustrahler aufzustellen.
Zweimal vierhundert Watt tauchten die Fassade in grellweißes Licht. Marek wollte schnell zurück an den Laptop um seine Aufzeichnungen zu übertragen. Deshalb wollte er nun mit dem Verputzen der Fassade beginnen, da er dies als Zeit sparendste Arbeit mit maximal sichtbarem Erfolg einschätzte. Er rührte den Putz in einem großen Bottich an. Hatte erst zu viel Mörtel, dann wieder zu viel Wasser und schließlich von Allem viel zu viel. Irgendwann war er mit der Konsistenz zufrieden und klatschte gerade die erste Kelle auf die alten Ziegel, als jemand nach ihm rief.
„Hey Heimwerkerkönig. Das würde ich lieber lassen.“
Es war Heike, die ihren Kopf schon eine ganze Weile über dem Zaun reckte und sich über den Laien aufs köstlichste amüsierte. Sie blieb hinter den Scheinwerfern und somit für Marek vorerst unsichtbar.
„Heike? Bist du das?“
„Wer denn sonst“, sagte sie, schwang sich über den niedrigen Zaun und trat näher.
„Oh, entschuldige – dich stört bestimmt das Licht.“, sagte Marek verlegen. „Bestimmt kann Frederik nicht schlafen – ich dreh’ sie gleich weg.“
„Nun entspann’ dich mal.“, wurde er beruhigt „Frederiks Zimmer geht nach vorne raus und der schläft schon seit zwei Stunden. Wie geht’s Heinz? Gibt’s schon was Neues?“
„Noch nichts Neues“, sagte Marek und wollte eine neue Ladung Mörtel vorbereiten.
„Wenn du ihm wirklich eine Freude machen willst, dann hör jetzt besser auf oder mach was Anderes. Die restlichen Dachrinnen zum Beispiel.“
Marek fühlte sich unterschätzt. „Ich krieg’ das schon hin. Keine Sorge. Bis heute Nacht hab’ ich die ganze Wand verputzt. Wirst schon sehen.“, und lässig schleuderte er die neue Ladung von der Kelle.
„Das glaube ich dir sogar. Und morgen Abend machst du dann den ganzen Quark noch mal und den Abend darauf und den Abend darauf, bis du endlich merkst, dass der Frost dir über Nacht den feuchten Mörtel von der Wand sprengt.“
Marek lies die dritte Ladung wieder in den Bottich tropfen. Er sah zu den heißen Scheinwerfern, die bereits in der kalten Nachtluft dampften und kam sich ziemlich bescheuert vor. Das Klischee eines Großstädters selbst.
„Und der ganze Haufen hier?“, fragte er kleinlaut und deutete auf seinen angerührten Mörtel.
„Daraus kannste dir noch was Schönes basteln aber ansonsten war der Spaß umsonst – also zumindest für dich. Ich hab’ mich bei der Vorstellung prächtig amüsiert.“, grinste sie ihn an.
„Wie lange schaust du mir denn schon zu?“, fragte er und fühlte seine Ohren rot werden. Er hasste es, wenn das geschah.
„Lang genug um mich für dich in Schale zu werfen.“, sagte sie keck und hängte die Daumen hinter die Träger ihrer farbverschmierten Latzhose. Erst jetzt fiel Marek auf, dass sie wirklich so aussah, als käme sie direkt vom Bau – oder als wäre sie auf dem Weg dorthin. Die blonden Haare hatte sie unter einer dicken Wollmütze verstreckt und die Füße steckten in klobigen, schwarzen Stiefeln.
„Du bist echt ein Blitzmerker, oder?“, bemerkte sie und ging an ihm vorbei zu dem Stapel eingeschweißter Dachrinnen. „Ich würde mal sagen, wir kümmern uns jetzt erstmal um die hier und die Wand machen wir morgen Mittag, wenn die Sonne lacht. Dann hat Frederik auch gleich etwas Beschäftigung und Heinz ein fachmännisch verputztes Haus.“
Mit „fachmännisch“ meinte sie natürlich „fachfrauisch“, aber Marek wollte einen Teufel tun, ihr jetzt mit Spitzfindigkeiten zu kommen. Immerhin rettete sie ihm gerade den Arsch.
Gemeinsam begannen sie also die Rinnen auszupacken und an die Wand zu nageln. Die querführenden hatte er ja schon gestern installiert, also waren nun die senkrechtführenden dran. Schrauben, hämmern und sehr männliches Fluchen aus zwei verschiedenen Kehlen war weithin zu hören. Heike verbreitete eine Stimmung wie bei einem Oktoberfest und ihr Geschick war bemerkenswert. Schnell hatten sie den ersten Satz montiert und Marek gönnte sich eine Pause, während Heike mal schnell über den Zaun zu sich rüberhüpfte um nach ihrem Jungen zu sehen. Marek setzte sich auf den umgekippten Mörtelbottich (sie wollten morgen sehen, wie die erhärtete Skulptur darunter wohl geworden sei) und lächelte. Die gemeinsame Arbeit hatte ihm gut getan. Wenn er eine große Schwester gehabt hätte, so dachte er, wäre das wohl einer dieser schönen Erinnerungen gewesen. Seine Gedanken schweiften ab zu dem Stapel Papier, der da oben im Arbeitszimmer auf ihn wartete und er wurde kribbelig – nein, er wurde sogar regelrecht unruhig. Er hatte auf einmal keine Lust mehr jetzt noch die dritte und vierte Leitung anzubringen. Das könnte warten. Er stand auf und begann sich den Dreck von den Schuhen zu klopfen, als Heike zurückkehrte. Den Vorwand nach ihrem Jungen zu sehen hatte sie verwendet um eine Flasche Wein zu entkorken und sich einen Schluck zum Mutmachen zu genehmigen.
„Wo willst du denn hin?“, fragte sie vorwurfsvoll.
„Ich bin müde, Heike und ich hab’ noch zu tun. Ich mach’ das morgen fertig. Ich danke dir aber.“, sagte Marek hastig und ging auf Heike zu, um sei zum Dank zu umarmen. Diese wehrte aber ab. „Du spinnst wohl! Wir machen das jetzt hier fertig, aber dalli. Ich hab’ doch nicht umsonst ein Arbeitsgetränk organisiert.“, sagte sie und hob die Flasche wie eine Trophäe.
„Das ist lieb von dir, Heike, aber ich bin wirklich fertig.“
„Fertig ist hier noch gar nichts und vorher gehst du auch nicht ins Bett und „lieb“ ist der da oben. Los jetzt! Nimm einen Schluck gegen die Kälte und dann ran!“
Sein Vater hatte Recht – die Frau hatte wirklich Pfeffer im Arsch. Marek kapitulierte, setzte die Flasche und wenige Minuten später die nächste Rinne an, während Heike die Löcher vorbohrte.
Die andauernde Zuführung von „Arbeitsgetränk“ sorgte dafür, dass sie für die restlichen zwei Leitungen dreimal so lange brauchten, wie für die erste. Dafür hatte Marek schon lange nicht mehr so viel gelacht und das war unheimlich befreiend. Sie tollten nicht im Bausand und sie jagten sich auch nicht wie die Kinder um den Schuppen, aber sie beschimpften sich wie alte Matrosen auf großer Fahrt und hätte Frederik seine Mutter gehört, wäre das nächste Nachsitzen garantiert gewesen. Da das als leistungsfördernd eingestufte Getränkt zur Neige ging, bevor die letzten Anschlüsse verödet waren, holte Heike Nachschub, den sie vorsorglich bereits hinter dem Zaun deponiert hatte. Dadurch stand man nach getaner Arbeit natürlich vor dem Problem, die verbliebene halbe Flasche noch fachgerecht entsorgen zu müssen.
„Weißt du was ich heute Morgen gemacht habe?“, fragte Marek die Frau neben sich, mit der er Arm in Arm das getane Werk bewunderte. „Ich habe mir den Sonnenaufgang angeschaut.“
„Wie originell.“, kommentierte Heike mit schwerer Zunge.
„Da oben.“, und Marek zeigte aufs Dach.
„Zeigen!“, befahl Heike, überwand ein albernes Kichern und nahm wenig später leicht schwankend neben Marek auf dem Giebel platz. Ein eisiger, wenn auch nicht sehr starker Wind wehte über das Dach und ohne die Wärme der Baustrahler wurde Beiden schnell kalt.
„Wärmen!“, befahl Heike wieder und musste erneut kichern. Marek hatte am Morgen die Decke auf dem Dach vergessen, mit der er sich gegen den Frost gewehrt hatte und schlug sie nun erst sich, dann Heike über die Schulter.
„Die is’ ja eiskalt.“, monierte diese.
„Heul’ nicht. Was anderes gibt’s nicht. Kannst ja näher ranrutschen, du Memme.“
Heike tat wie ihr geheißen. Die Nacht war sternenklar und beide schauten auf den rötlichen Schimmer der Stadt am Horizont.
„Das versaut einem die ganze romantische Stimmung.“, maulte Heike und zeigte mit der Flasche auf das Licht. Marek nahm sie ihr ab und trank um nicht antworten zu müssen. Heike war zwar schon ziemlich angeheitert, aber bemerkte natürlich die ausgebliebene Antwort und versteckte sich noch ein wenig hinter ihrem Schwips: „Findeste nicht?“

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