Essenz – Tag 7 – Freitag – 1. Teil

Es war noch dunkel, als ein Poltern durch das elterliche Wohnhaus ging. Der gegenwärtige Hausherr stöberte in der Küche nach Essbarem um sich die Zeit bis zum Sonnenaufgang zu vertreiben. Halb sieben war es und mindestens eine halbe Stunde sollte es noch dauern. Marek hätte sterben können vor Müdigkeit, aber nach einer halben Stunde gedankenschweren Herumwälzens hatte er aufgegeben, die Klamotten vom Vortag abgelegt, geduscht und wollte sich nun das Spektakel am noch sternenklaren Himmel anschauen. Die Wolken vom Vortag mussten in der Nacht irgendwann das Weite gesucht haben und die Temperaturen waren merklich gesunken. Reif lag auf dem Dach, als Marek dick eingepackt und mit einem verschließbaren Becher dampfenden schwarzen Kaffeeblutes auf dem Giebel Platz nahm um übers weite Feld gen Osten zu schauen. Der Dampf des Getränks mischte sich mit dem seines Atems. Eine leichte, weiße Schicht lag über der Welt und hüllte sie in ein friedliches Schweigen. An den Berg und dessen Geheimnis hinter ihm wollte er jetzt nicht denken. Er würde hier sitzen und das Schauspiel genießen. Dann würde er Heike abpassen und sie bitten ihn auf dem Weg zur Schule am Krankenhaus abzusetzen. Vielleicht konnte sie ihn ja auch wieder mit zurücknehmen. Ein kleiner, roter Funken war über dem Horizont zu sehen und die Erde drehte sich in einen neuen Tag.
„Na klar kann ich dich nachher wieder mitnehmen. Ich komm’ dann selbst noch mit nach oben und sag’ Hallo.“, sagte Heike und Marek schloss die Tür. Ihr roter Wagen tuckerte wieder vom Krankenhausvorplatz und bog eine Wolke weißen Dampfes ausstoßend um die Ecke. ‚Was für ein kühler Morgen’, dachte sich Marek. ‚Mutter wird Augen machen, wenn ich jetzt schon auftauche um sie abzulösen.’ Aber das bisschen diebische Freude, die ihm diese Vorstellung verschaffte verflog schnell, als er seine Mutter vor dem Zimmer des Vaters sitzen sah. Sie sah noch erbarmungswürdiger als noch vor zwei Tagen aus und er ahnte Schlimmes.
„Hallo Mama’, sagte er, setzte sich und umarmte sie. Da war kaum Kraft in der Erwiderung.
„Warum sitzt du hier draußen?“, fragte er in Sorge um die Antwort. „Sie waschen deinen Vater gerade“, sprach sie kraftlos. Erleichterung stieg in Marek hoch. „Na der soll sich bloß nicht zu sehr daran gewöhnen, sonst kann ich mir schon gut vorstellen, wie die Aufgabenfelder demnächst bei euch verteilt werden.“
„Blödmann“, sagte die Mutter und ein Lächeln huschte über das zerfurchte Gesicht. Sie trug die Haare heute geschlossen. Das tat sie immer, wenn sie ihr zu fettig und zu unrein wurden.
„Was sagen denn die Ärzte? Gibt’s was Neues?“ Kopfschütteln. „Aber es muss doch irgendwelche Veränderungen gegeben haben?“
„Er kann immer noch in diesem Moment oder in einer Woche aufwachen. Oder vielleicht-“, ihr Sohn nahm sie in die Arme. Helene Korsak hatte aber schon lange keine Tränen mehr. Obwohl er selbst wieder begann um Fassung ringen zu ringen flüsterte er: „Na, na, na – so einen Unsinn wollen wir gar nicht hören, OK? Du fährst jetzt mal nach Hause und legst dich ein bisschen hin und isst vor allem mal was. Die Heike kommt gleich vorbei und wird dich fahren.“
„Ich kann selber fahren.“
„So siehst du aus“, sagte Marek führsorglich. „Ich nehme dann dein Auto um zurück zu fahren. Ich bleibe noch eine Weile hier bei Papa. Gibst du mir bitte die Schlüssel?“
Helene tat brav wie ihr geheißen.
„So“, fuhr ihr Sohn mahnend fort „und die bekommst du erst wieder, wenn der Teller Bratkartoffeln, den ich zu Hause für dich im Ofen habe nachher leer ist. Und wehe ich finde ihn im Müll, ja? Dafür habe ich lange am Herd gestanden.“
Helene musste bei dieser Art Rollentausch lachen und war stolz auf ihren Sohn. Die Schwestern verließen das Zimmer und Marek und seine Mutter durften wieder zurück. ‚Diese Krankenhaus ist wirklich sehr tolerant’, dachte Marek. ‚Ich weiß nicht, ob man die Besuchszeiten in Düsseldorfer Krankenhäusern so großzügig halten würde?’
Kaum etwas hatte sich verändert seit Marek vorletzte Nacht hier gewesen war. Heinz Korsak lag immer noch zwischen all den Geräten und schien friedlich zu schlafen. Marek hatte keinen Bedarf zu sprechen, also schwieg er und setzte sich neben seine Mutter ans Bett. Nach einer Weile klopfte es und Heikes Kopf schob sich zur Tür hinein. Zehn Minuten später verabschiedete Marek seine Mutter am Krankenhausausgang, nicht ohne ihr noch einmal ein paar mahnende Worte mit auf den Weg gegeben und Heike zum Ernährungsaufpasser vergattert zu haben. Die beiden Frauen stiegen in den Wagen und fuhren zurück ins Dorf. Marek ging zurück auf die Station, wollte gerade wieder ins Zimmer seines Vaters, sah aber von Weitem den Arzt, den er schon am Abend der Einlieferung getroffen hatte und nahm die Hand wieder von der Klinke. Er wollte noch einmal aus erster Hand erfahren, wie es um den Vater stand?
Als er auf den Arzt zuging, hatte er etwas Zeit ihn zu mustern. Der Mann trug in seinem Kittel bestimmt schon dreißig Jahre Berufserfahrung mit sich herum. Er war ein wenig größer als Marek und an der Art wie er sein Haar über die deutliche Glatze kämmte, konnte man einen gewissen Grad von Eitelkeit erkennen. ‚Ansonsten eine gepflegte Persönlichkeit und eine Integrität vor dem Herrn’, dachte Marek und streckte die Hand zum Gruße aus: „Hallo! Ich bin der Sohn von Herrn Korsak.“
Der Arzt wendete sich von der Schwester ab, der er gerade ein paar Unterschriften leistete. „Ah ja, ich erinnere mich. Guten Tag!“ Fester Händeruck, freundliches Großvaterlächeln. „Sie möchten sicher mit mir über ihren Vater sprechen. Ich kann ihnen allerdings leider nicht viel mehr sagen als beim letzten Mal. Ihr Vater befindet sich in einem Zustand, in dem auch wir als Ärzte keine klaren Antworten liefern können. Fest steht, dass er weiterhin stabil und außer Lebensgefahr ist. Alles andere bleibt zu hoffen.“ Das waren zwar nicht die Antworten, die er erhofft hatte aber Marek schätzte den Mann für seine Offenheit. Er schaute zum ersten Mal auf das Namensschild. „Dr. C. Lötzsch“
„Dr. Lötzsch“, setzte Marek an. „Kennen sie eigentlich das Dorf Purzin hier kurz hinter der Stadt?“
„Natürlich. Ich bin ja so was wie der Dorfdoktor. Ich kenne sogar das Haus ihrer Eltern – allerdings hatten da noch die Vorbesitzer dort gewohnt. Sie sind vor – lassen Sie mich überlegen – sieben Jahren gestorben. Ein nettes, altes Paar. Ich war aber lange nicht mehr dort. Die Leute kommen jetzt hierher zu mir.“
„Dann kennen Sie doch bestimmt auch den Herrn Thomak?“
„Günther Thomak? Ja sicher. Tragische Sache das mit seinem Bein. Ich sehe ihn ja hier ab und zu, wenn er zu seiner wöchentlichen Reha kommt. Er scheint das ganz gut wegzustecken.“
„Ja, er ist ein ziemlich lustiger Kerl. Er hatte übrigens auch den Notarzt für meinen Vater gerufen.“, fuhr Marek fort. Er wollte auf etwas Bestimmtes hinaus.
„Ich weiß, ich habe es im Unfallprotokoll gelesen. Hat er Sie schon durch’s Dorf geführt? Das macht er mit allen Gästen. Er gibt sich gern als Fremdenführer.“
Marek schmunzelte. „Oh ja – das Vergnügen hatte ich bereits. Wir haben eine große Runde gedreht, haben noch das Grab seiner Frau besucht und sind dann was trinken gegangen.“, Marek lauerte. Wenn der Arzt etwas über dieses merkwürdige Grab wusste, so würde er es jetzt herausfinden.
„Sie meinen bestimmt das Grab seines Vaters“, korrigierte ihn Dr. Lötzsch zu seiner Enttäuschung. „Thomak war nie verheiratet und seine Mutter wollte damals in Kammhorst beigesetzt werden – warum auch immer?“
„Ach so-“, antwortete Marek scheinheilig. „Dann habe ich mich vielleicht verhört. Aber von dem merkwürdigen Wunsch der Frau Mama habe ich schon gehört. Ist doch komisch, oder? Da verbringt jemand sein ganzes Leben am gleichen Ort, aber für die letzte Ruhe wird sich noch mal umentschieden – finden Sie nicht auch? (was findet er nicht auch?“
„Ach wissen Sie“, setzte Dr. Lötzsch an und lies ein wenig seine Erfahrung spielen „Sie glauben gar nicht was für absonderliche Dinge alte Menschen so kurz vor ihrem Tod noch fordern oder tun. Da überrascht sie irgendwann gar nichts mehr.“
„Sie war doch nicht verrückt, oder?“
„Selbst wenn sie es war, dürfte ich es Ihnen nicht sagen. Sie wissen doch – Schweigepflicht. Ich muss leider weiter. Machen Sie es gut.“, der Arzt schickte sich an zu gehen, aber Marek hakte noch einmal nach.
„Ja, vielen Dank. Wenigstens ist die Thomak friedlich eingeschlafen – das Glück hat ja nun auch nicht jeder.“
„Ja, das ist sie, aber nicht so wie sie denken.“
Marek stutzte: „Was meinen Sie?“
„Ich kann es Ihnen ja sagen, da es sowieso jeder im Dorf weiß. Ich selbst habe ja auch nur noch den Tod feststellen können, da man mich viel zu spät gerufen hatte, aber die alte Frau wollte wohl nichts mehr essen. Sie ist verhungert.“
Damit ging der Arzt zurück an seine Arbeit und ließ einen verwirrten Marek auf dem Flur zurück. Mitten in Deutschland verhungert eine alte Frau zwischen den Menschen, mit denen sie ihr ganzes Leben verbracht hatte? Schwer vorstellbar. Marek ging wieder zu seinem Vater und erzählte dem Schlafenden von den Arbeiten an der Dachrinne. Er sprach davon, wie der alte Herr ihn erst für seine schlampige Arbeit tadeln und ihm dann auf die Schultern klopfen würde, nachdem er es beim dritten Mal richtig gemacht hätte. Aber die Worte waren ungleich seiner Gedanken.
Er fuhr zurück, übergab das Auto seiner Mutter und ließ sich erneut das Versprechen abnehmen, die Arbeiten am Haus weiterzuführen. Im Gegenzug kontrollierte er den Teller mit Bratkartoffeln – er war leer – und verabschiedete sie alsbald wieder in Richtung Krankenhaus. Er war wieder allein. Eigentlich hätte er jetzt etwas Gesellschaft gebrauchen können. Heike war nicht da und kurz vor elf war in dem Dorf an einem Freitag wohl keiner anzutreffen.
Ein „Hallo Isabel“ war die Konsequenz, die er zog. „Entschuldige, dass ich dich die Tage nicht zurückgerufen habe.“ Die erwartete Hasstirade blieb aus.
„Du klingst nicht so gut“, antwortete Isabel stattdessen „Ist alles in Ordnung? Ich hab’ mir ein wenig Sorgen gemacht. Hatte so ein komisches Gefühl was dich angeht.“
Marek schwieg. Eigentlich wollte er sie nach all dem nicht mehr ins Vertrauen ziehen, aber andererseits hatte sie es auch irgendwie verdient zu wissen, was los war.
„Hallo? Bist du noch da?“, fragte die andere Seite.
„Mein Vater hatte einen Herzinfarkt.“
„Oh Gott. Wie geht’s ihm? Ist alles – ich meine -“ „Er liegt im Koma“, vereinfachte ihr Marek die Situation. „Er ist stabil, aber es kann uns keiner sagen, wann er wieder aufwacht.“
„Bist du schon auf dem Weg nach Purzin? Soll ich dich fahren?“
„Danke. Ich bin schon hier. Schon seit letztem Samstag. Ich musste mal raus aus der Stadt und wollte hier eigentlich etwas zur Ruhe kommen wegen der ganzen Schreiberei und des Geldes und uns – na du weißt schon.“
Jetzt war es Isabel, die schwieg.
„Es tut mir leid.“, flüsterte sie.
„Ich weiß. Mir auch.“ Es bedurfte keinerlei Erklärung, wem diese letzten Sätze galten. Marek war etwas ergriffen. Menschen, die sich einmal etwas bedeutet haben, können in solchen Zeiten wieder enger zu einander finden, egal wie schwer sie sich gegenseitig verletzt haben. Diese Erkenntnis trug auch Isabel durch das minutenlange Schweigen, das nun folgte. Keiner hörte den anderen, wusste aber, dass er noch da war.
„Ich muss jetzt auflegen“, brach Marek. „es gibt noch viel zu tun und mein Vater soll ein intaktes Haus vorfinden, wenn er wieder kommt.“
„Ja, natürlich. Bitte grüß’ deine Mutter von mir.“
„Hast du alles in der Wohnung gefunden?“
„Was?“
„Na du wolltest doch noch Sachen von dir abholen.“
„Ach so – ja alles OK. Meldest du dich, wenn was ist?“
„Ja, mach ich – mach’s gut.“
„Mach’s gut.“
Das Gespräch wurde beendet. Beide wussten, dass Marek das Gespräch nicht hätte mit dieser Ausrede beenden müssen, waren sich aber sicher, dass der Andere Verständnis dafür hatte.
Marek atmete noch mal tief durch und begann nachzudenken. Was sollte er jetzt als Erstes tun? Er würde es so machen wie gestern. Erst zurück in die „dunkle Kirche“ – dunkle Kirche gefiel ihm doch besser als „dunkles Haus“ oder „schwarzes Haus“ – und dann Abends am Haus arbeiten. Mama würde sicher wieder im Krankenhaus bleiben, sofern sich der Zustand des alten Herrn nicht besserte. Als sich Marek bei dem Gedanken ertappte, verpasste er sich eine geistige Ohrfeige. Er hatte eben indirekt gehofft, dass sein Vater heute nicht aufwachen würde, damit er in Ruhe seine Zeit in dem Berg verbringen konnte. Er schämte sich, war aber auch bereits dabei ausreichend Schreibmaterial einzupacken, denn eine Zwangspause wie gestern wollte er nicht riskieren. Dann dachte er nach und packte einen Teil des Papiers wieder aus. ‚Wenn ich mich selbst limitiere, kann ich nicht die Zeit vergessen und schaffe noch alles, was für heute ansteht.’, dachte er bei sich und ließ der geistigen Ohrfeige ein ebenso fantasievolles Schulterklopfen folgen.
