Essenz – Tag 5 – Mittwoch – 1. Teil

Wieder eine Nacht vorbei. Wieder traumlos und wieder eine Stunde früher wach. Marek war gestern zur Sicherheit erst um eins ins Bett gegangen um seinen Großstadtrhythmus nicht zu verlieren. Aber nun, sechs Stunden später, war er hellwach und wartete auf den Sonnenaufgang. Eigentlich wartete er mehr darauf, dass es hell wurde, denn auch heute hatten die Wolken ihre himmlische Machtstellung nicht aufgegeben. Mit Heike war man gestern so verblieben, dass man Günther am Abend zur Rede stellen wollte, sofern dieser nicht noch länger in der Stadt blieb.
Der Tag begann sich zu entfalten. Die Wolken blieben, aber die Luft roch nicht mehr nach Gewitter und auch die Vögel in den Bäumen machten akustisch nicht den Eindruck, als würden schwere Zeiten bevorstehen. ‚Ein Tag für die Melancholie’, dachte sich Marek. Er mochte solche Tage und verbrachte sie liebend gern in freier Natur. Ein Schwatz mit ein paar Dorfbewohnern beim Bäcker – heute war er früh genug dran, um noch eine gute Auswahl genießen zu können – und auf ging es zum Hügel hinter der Kirche.
Am Hang erkannte er den Stamm wieder, der seinen Fall am Vortrag gebremst und ihn somit gehindert hatte aufs freie Feld zu rennen. Er bedankte sich innerlich und stapfte weiter bergauf. Kurz vor dem Gipfel machte er eine Pause, aß ein paar Happen und erreichte schließlich wieder das Plato. In etwa hundert Meter Entfernung konnte er die riesige entwurzelte Eiche sehen. Der breite Fächer langer, hölzerner Finger hatte einen großen Teil des Erdreiches aus der angrenzenden Erhebung herausgehebelt und tatsächlich sah Marek dort hinten wieder etwas Rotes aufblitzen. Es war also keine Einbildung gewesen. Schnell war die Ebene durchschritten und der Baum erreicht. In dem Loch, das hinter dem Wurzelbalg in dem kleinen Extraberg klaffte, sah er es schließlich. Es war eine Struktur, eine Art Ton oder Keramik. Sie steckte auf Mareks Augenhöhe mitten in der Erde – etwa zwei Meter über Grund und einen Meter über der Kuppel. Marek griff danach und zog daran, aber es saß fest. Stattdessen rutschte er von dem feuchten Material ab und prallte unangenehm mit dem Rücken an das Wurzelgeflecht. Da schien noch etwas Größeres dranzuhängen. Vielleicht konnte er es ausgraben. Schnell wurde eine starke Wurzel abgebrochen und Marek begann in dem Hügel zu stochern. Plonk. Ein seltsames Geräusch ertönte an der Stelle, an der er weitere Erde vermutet hatte und wieder legte Marek etwas von diesen roten Tonresten frei. Das waren jetzt schon zwei Platten, die sich an den Rändern überlappten, und links und rechts von ihnen schienen sich weitere Platten zu befinden. Jede Platte eine gute handbreit und ein ganzes Stück länger als eine solche. Das sah nicht aus wie ein natürliches Vorkommen. Marek legte noch ein halbes Duzend auf jeder Seite frei, als sich ein größerer Brocken Erde über ihm löste und zu Boden rutschte. Erst wich Marek zurück, da er Angst hatte, der Rest der Kuppel würde nachrutschen, aber dann sah er viele weitere freigelegte Platten gleicher Bauweise, die sich an der Oberkante und an den Seiten überlappten. Und plötzlich wusste Marek, woran ihn diese Farbe und jetzt auch diese ganze Struktur erinnerte – nur zwei Tage zuvor hatte er selbst damit schmerzhafte Bekanntschaft gemacht. Das waren Dachziegel. Das war ein Dach! Er stand vor einem verschütteten, von Menschenhand erschaffenen Schieferdach. ‚Nein’, dachte er ‚nicht verschüttet. Ich stehe hier auf dem Gipfel – dieses Dach wurde eingegraben und auch das, was sich darunter befindet.’
Ein Kribbeln durchzog Mareks Körper und für einen Moment machte sich Skepsis breit. Hatte da wirklich jemand einen Schuppen oder ein kleines Haus eingegraben? Mitten auf einem Hügel? Es gab nur einen Weg das herauszufinden. Marek stocherte nach Leibeskräften mit seinem improvisierten Werkzeug im Dreck herum. Das Dach stieg in einem Winkel von etwa zwanzig Grad an und spitzte sich nach oben hin zu. Die Kantenlänge an der Basis konnte Marek auf der einen Seite auf zweieinhalb Meter abschätzen. Eine Stunde kratzte er mit seiner abgebrochenen Wurzel herum, bis er einsah, dass er für sein Vorhaben ordentliches Werkzeug benötigen würde. Außerdem plagte ihn schon wieder der Hunger und der Proviant war bereits verbraucht.
Somit stieg er wieder hinab, aß mit seiner Mutter zu Mittag, griff sich eine Schaufel und für alle Fälle auch eine Hacke aus der Gartenbaustelle, und war kurze Zeit später wieder bei seiner Entdeckung. Der Mutter hatte er nichts erzählt, da er sich dies für den großen Auftritt offen hielt, falls seine Entdeckung etwas wirklich Spektakuläres werden sollte. Zudem hatte er überprüft, ob vom Dorf aus etwas zu sehen war, doch der Bewuchs verhinderte neugierige Blicke.
Und so begann er zu graben. Das Dach war schnell freigelegt. Es war fast quadratisch in der Grundfläche und bildete eine flache Pyramide knapp zwei Meter über Grundfläche des Haupthügels. Das Erdreich über dem Dach war abgetragen und Marek fiel ein kleines Loch in der Spitze der Pyramide auf. Es war in Messing gefasst und sah aus, als hätte einmal etwas darin gesteckt. Aber vorerst wollte er wissen, was sich unter dem Dach befand. Zerstören war nicht in seinem Sinne. Sein ehemaliger Archäologen-Mitbewohner hätte ihn für soviel Grobheit getötet.
Es war bereits drei Uhr durch und immer noch jagten dichte Wolken ihre unheilvolle Last über den Himmel. Marek schaufelte mehr und mehr Erde beiseite, wurde aber dabei auch immer langsamer. Er war körperliche Arbeit nicht gewohnt und seine feinen Schreiberhände würden sicher Blasen davontragen. Aber das sollten die Sorgen von morgen sein. Langsam und stetig schälte sich der Unterbau heraus. Die Wände schienen gemauert und hell verputzt. Für einen Schuppen ein wenig zu aufwendig und für ein Haus eigentlich zu klein. Vielleicht aber doch ein besonders robuster Unterstand für Wanderer oder Schäfer, für den Fall eines Unwetters. Aber mitten auf dem Berg? Die Erde wich weiter und Wände gewannen Stück für Stück ihre Freiheit wieder. Irgendwann waren die Wände nicht mehr durchgehend, sondern bildeten an jeder der vier Seiten halbrunde Öffnungen. Marek begann im Kreis zu graben. Er hätte auch jede Wand einzeln freilegen können, aber er wollte sich selbst nicht des Gesamteindrucks berauben. Gerade heute hätte er mal etwas von dem sonst reichhaltig ausgeschenkten Regen vertragen können. Trotz der kühlen Septemberbrise klebte das Hemd bereits schweißnass am Körper. Kleine Rinnsale liefen von der Stirn und sammelten auf ihrem Weg nach unten Staub und Dreck um diese in den dunklen Brauen über den grauen Augen zu versammeln. Sein Aussehen war Marek aber ziemlich egal, denn er hatte gerade bemerkt, dass er schon so weit fortgeschritten war, dass er bereits begann in den Berg selbst zu graben. Er hatte tatsächlich den gesamten kleinen Erdwall auf diesem Plateau abgetragen und ein kleines, quadratisches Häuschen mit rotem Schieferdach und vier vernagelten Öffnungen freigelegt. Das waren bestimmt vom Boden bis zur Dachspitze vier Meter oder mehr. Hell schimmerte es und Marek war sich sicher, dass man es früher, als die handvoll Eichen auf dem Hügel vielleicht noch nicht so riesig waren, sicher weithin hatte sehen können. Die Wände schienen noch weiter in den Boden zu gehen, aber wozu sich weiter abmühen, wenn man doch nur die Fenster aufzubrechen brauchte. Eines war nur seltsam – er hatte noch immer keine Tür entdeckt.
Marek überlegte nicht lange, hob die Spitzhacke und zertrümmerte eines der Fenster. Das modrige Holz leistete kaum Widerstand und schon war eine Öffnung freigelegt. Marek war vorsichtig. Vielleicht verweste dort drinnen auch noch irgendwas und entwickelte giftige Dämpfe? Nichts davon war der Fall. Stattdessen mischte sich zu dem Duft frischer Erde etwas anderes. Nur ganz leicht, weder abstoßend noch anziehend, aber auf jeden Fall präsent. Marek kannte diesen Geruch, konnte ihn aber nicht zuordnen. Auch war im Inneren weiterhin nichts erkennen und so beschloss er auch noch die anderen drei Fenster einzuschlagen um Licht zu gewinnen. Vorsichtig steckte Marek nun den Kopf durch eines der Fenster, und konnte etwa einen Meter unter sich Holz erkennen. Bretter – vielleicht einfach nur der Boden um Eingelagertes vor Feuchtigkeit zu schützen. Aber ansonsten schien das Häuschen leer zu sein. Enttäuschung kroch in ihm hoch. Er wusste zwar nicht, was er erwartet hatte, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein können. Nun wollte er seine Ausgrabung wenigstens einmal betreten und vielleicht kam er auch dahinter, was hier einmal aufbewahrt worden war, denn der merkwürdig bekannte Duft verstärkte sich im Inneren.
Die Fenster waren nur etwas mehr als ein halber Meter in Höhe und Breite. Marek streckte reichlich ungeschickt seine Beine durch Eines hindurch und setzte sich auf den Rand. Dann stieß er sich ab. Die Fallhöhe ins Innere war eigentlich nicht der Rede wert und Marek landete sicher auf beiden Füßen. Dennoch durchfuhr ihn ein kalter Schauer als er das Geräusch vernahm, das er auf dem Holzboden erzeugte. Ein dumpfes Dröhnen hallte durch die kleine Kammer, dessen Echo nur langsam verhallte. Unter diesen Brettern konnte sich keine Erde befinden. Der Resonanzkörper musste unheimlich tief sein und diese Bretter waren mindestens so alt wie die vermoderten Verschläge, die er gerade von den Fenstern gerissen hatte. Ein Knacken durchfuhr den Untergrund. Mareks Nackenhaare stellten sich auf und wieder spürte er das Adrenalin durch sein Herz rasen. ‚Du musst hier sofort raus!’ Das Fenster war in Greifweite, er streckte die Arme nach dem Sims, hob den Kopf und – gefror zu Eis. Unfähig auch nur einen weiteren Muskel seines Körpers zu bewegen, lies er seine Augen über die riesige bronzene Glocke tasten, die direkt über ihm schwebte. Er hatte sie nicht bemerkt, da er sich die ganze Zeit nur auf den Bereich unterhalb der Fenster konzentriert hatte. Der gewaltige Schlegel ruhte unbeweglich in der Mitte des gusseisernen Monsters. Der Rest eines verrotteten Seiles hing an den dicken Holzbalken herab, die das Gewicht immer noch sicher zu tragen schienen. Da war eine Inschrift auf der Innenseite des unteren Glockenrandes, aber es fiel zu wenig Licht darauf, als dass – ein zweites Knacken riss Marek aus seinen Beobachtungen. Der Boden – er stand immer noch auf diesem Boden. Noch ein Knacken. Lauter. Viel lauter. Marek blickte nach oben, griff nach dem Sims, zog sich hoch und rutschte auf nasser Erde ab.
Schwer lagen die Wolken über dem Berg, als das morsche Holz dem Gewicht des Mannes nachgab und sein Schrei einen Schwarm dunkler Vögel aufsteigen lies, direkt aus der bereits vergehenden Krone der gefallenen Eiche.
