Essenz – Tag 2 – Sonntag

Die Nacht verlief traumlos und das Erwachen verschob Mareks Körper auf den späten Vormittag. Halb elf zeigte der monoton tickende Wecker bereits, als er seine Augen öffnete. Eigentlich war er schon seit einer Weile wach, aber er hatte sich die Zeit genommen einfach mal liegen zu bleiben und der Stille zu lauschen. Nun ist Stille auch in diesem Fall ein relativer Begriff, aber für Marek war es die Erholung pur. Keine dröhnenden Autos, kein Rauschen der Stadt, keine keifenden Mütter auf den Straßen und vor allem kein haarsträubendes New Wave-Revival, wie es sein Nachbar unter ihm in letzter Zeit so gern zelebrierte.
Stattdessen nahm sein entspannter Geist andere Töne war. Da war zum Einen natürlich der bereits erwähnte Wecker. Dazu kam ein dumpfes, unregelmäßiges Pochen. Es war über ihm und schien vom Dach zu kommen. Ein paar Singvögel, die sich sicher bald auf den Winter vorbereiten müssten waren auch vernehmbar und dazwischen mischte sich ab und an ein „Morgen“ und ein „Na, wie isses?“. Scheinbar war das Dorf doch nicht so ausgestorben, wie es am Abend zuvor den Anschein gehabt hatte. Marek versuchte die Töne innerlich zu einem Rhythmus oder einer Melodie zu vermischen. Doch als ihm das nicht gelang, schlug er die Augen auf und rollte sich vom Sofa.
Durch das kleine Fenster fiel sanftes, spätsommerliches Sonnenlicht auf den Boden vor ihm. Er hielt einen Fuß in die hellen Strahlen, als ob er ihn darin waschen wollte. Schön fühlte sich das an. Seine bleiche Haut betrachtend bedauerte er einmal mehr den Sommer in seiner Schreibstube verbracht zu haben, anstatt das Leben draußen zu genießen. Marek blickte sich um. Gestern Abend war es zu dunkel gewesen und die bleierne Müdigkeit hatte ihm eine Suchaktion nach dem Lichtschalter untersagt. Das war also das „Arbeitszimmer“. Was für ein Arbeitszimmer brauchten eigentlich ein Schreiner und eine gelernte Hausfrau? Einmal mehr geißelte sich Marek für seine Überheblichkeit und erblickte das Regal, das den erwähnten vorbeiströmenden Besuchern als Schaubühne für die Erfolge des Sohnes diente. Da waren sie also, seine gesammelten Werke vereint – alle Beide. Das war schon ein trauriger Anblick, die letzten zehn Jahre Schaffenskraft in dieser „Fülle“ zu sehen. Ein Roman und ein Band mit Kurzgeschichten. „Massenkompatibilität garantiert“ titelten damals die Kritiken. Nicht gerade schmeichelhaft für jemanden, der sich zwischen den großen Literaten der Gegenwart einzureihen versuchte. Und hier sollte er nun seinen großen Durchbruch schaffen? Oh je. Aber Marek war noch nie der Typ für große Selbstmitleidsarien. Waschen, Anziehen, Küsschen für die Mutti, ein Brötchen für den Bauch und raus auf die Straße. Wollen wir doch mal sehen, was diese Ansammlung von Behausungen im Niemandsland bei schönem Wetter so zu bieten hat?
Und was für ein Wetter das war! Ein Anflug schillernden Herbstes spielte bereits in jeder der alten Pappeln und Linden, so wie sie das Dorf umreihten. Insgesamt gab es eine Haupt- und vier Nebenstraßen. Marek entdeckte auch eine gut gepflegte Schenke, die er sicherlich am Abend einmal aufsuchen würde. Am Kirchplatz kam er mit ein paar Einwohnern ins Gespräch. Nette Leute aus der „Purzin 33-50“, die wohl schon immer hier lebten. Der Eine war ein dicker Mann in Arbeitsklamotten, angegrauten Bartstoppeln und einem Lachen im Gesicht, das bei voller Entfaltung wohl zu jeder Tageszeit die Sonne aufgehen ließ.
„Thomak“, stellte er sich vor. „Günther Thomak. Kannst Günther sagen. Wir ham’s hier auf’m Dorf nicht unbedingt so mit der Form und du bist ja auch ein Korsak und gehörst quasi dazu.“
Mareks Eltern schienen schon einen guten Stand im Dorf zu haben.
„Ralesch“, stellte sich der zweite Herr vor. Ihm gehörte die kleine Backstube im Ort, die aber zu dieser Tageszeit schon geschlossen war. Jetzt machte er sich auf den Weg um in den umliegenden Dörfern seine restlichen Backwaren zu verkaufen. ‚Es lohne sich einfach nicht, für die paar Hanseln den ganzen Tag geöffnet zu haben. Und schon gar nicht zum Sonntag.’, erklärte er etwas mürrisch.
„Den kannste Fred nennen.“, mischte sich Günther in den Vortrag über die ökonomischen Nachteile des ländlichen Bäckerhandwerks ein. Jedoch so wie Fred schaute, beschloss Marek es bei „Herr Ralesch“ zu belassen.
„Benehmen sich denn meine Eltern auch ordentlich?“, versuchte Marek das erfrierende Gespräch wieder anzuheizen, und wendete sich an die Dritte im Bunde. Ein Frau Anfang Vierzig, hübsch anzusehen, auch wenn Hände und Gesicht mit der Stimme der Arbeit sprachen.
„Oh ja, natürlich. Seit sie hier vor vier Jahren hergezogen sind, verschönert sich die Straße 13-17 zusehends. Ich bin übrigens die Nachbarin. Heike Schubert-Blink. Und das hier ist Frederik.“, mädchenhaft reichte sie Marek die linke Hand, um den Jungen an ihrer Rechten nicht loslassen zu müssen. „Ihre Eltern veranstalten sogar jedes Jahr im Sommer ein kleines Fest auf der Straße. Das hat sich zu einer richtigen Tradition entwickelt und jeder freut sich schon ein halbes Jahr vorher darauf.“
Marek blinzelte ein wenig, da die schnell vorüber ziehenden Wolken erneut der Sonne Platz machten. Er erinnerte sich wieder an die merkwürdige Begegnung vom Vortag. Der Junge hier hatte jedoch keinerlei Ähnlichkeit. Er war wesentlich jünger – bestimmt zwei Jahre. Außerdem war er angemessen gekleidet.
„Ist Herr Schubert-Blink auf Arbeit? Ich meine – was ist denn hier so die Haupteinkommensquelle?“, frage Marek.
„Ich weiß nicht, wo Herr Blink gerade ist. Um ehrlich zu sein weiß ich das schon seit fünf Jahren nicht mehr. Seit Frederik hier auf dem Weg war und bevor Sie fragen, ich hatte meine Gründe, warum ich meinen Mädchennamen nicht zurückgenommen habe.“ Wenn auch diese Aussage gekonnt schnippisch war, so täuschte doch ihr sanftes Lächeln darüber hinweg.
„Übrigens“, meinte sie weiter, „nette Bibliothek, an der Sie da arbeiten. Ich habe mir mal ein Exemplar ausgeliehen und fand die Zeichnung des Richard äußerst gelungen. Leider konnte die Antagonistin das nicht so wirklich widerspiegeln.“
Sollte dies ein Tiefschlag sein? Marek wusste die Anspielung nicht ganz zu werten. Dass diese zwei Bücher von ihm keine Bibliothek darstellten, war auch ihm klar, aber es war doch schon mal ein Kompliment, dass sie eines seiner Bücher gelesen und sich Gedanken darüber gemacht hatte. Oder nicht? Moment – so tief wollte er jetzt nicht sinken. Gedanken macht man sich darüber, ob die Frühlingsdiät auf Seite drei auch wirklich die versprochenen Pfunde purzeln lässt. Ein literarisches Werk nimmt man in sich auf und reflektiert dessen Wirkung auf einen selbst. Aber Marek war an diesem Ort und zu dieser Zeit nicht wortgewandt genug um entsprechend zu kontern. Stattdessen reihte er sich in die geistlosen Gesichtsausdrücke der beiden anderen Dorfbewohner ein und brachte nur ein „Alles klar.“ heraus, als sie im Gehen noch rief: „Kannst mich Heike nennen. Bis bald!“
„Landwirtschaft und Chemiefaser“
„Wie bitte?“, entfuhr es Marek.
„Landwirtschaft und die Chemiefaserfabrik drüben in der Stadt.“, sagte Günther Thomak, der als erster seine gute Laune wieder fand. „Sie wollten doch wissen, womit man sich hier so seine Brötchen verdient. Außer du natürlich Fred, du hast das net nötig.“ Und prustend vor Lachen schlug er dem griesgrämigen Bäcker auf die Schulter, dass dieser vor Schmerzen noch tiefere Falten in sein Gesicht grub.
„Ich lach mich tot.“, maulte Herr Ralesch, wünschte noch einen guten Tag und stapfte von dannen.
„Na Herr Korsak? Oder darf ich Marek sagen?“ Marek nickte, während er immer noch überlegte, wie er der vorlauten Dame von eben das nächste Mal begegnen sollte?
„Sieh Marek, ich bin Frührentner. Mir hat mal der Hof da hinten gehört. Fünfzig Rinder und zehn Hektar Land. Das war nicht viel, aber für mich hat’s gereicht. Und dann eines Tages das hier.“ Günther zog sein rechtes Hosenbein hoch und entblößte das blank schimmernde Metallgerüst einer Unterschenkelprothese. Es hatte etwas von Hightech, etwas von Science Fiction in dieser Sackgasse der Zeit.
„Tja“, fuhr er ungefragt fort. „So kann das enden, wenn man glaubt die Mähmaschine sei blockiert. Einmal zutreten und das Ding läuft wieder. Hat sie dann ja auch. Verstehen Sie – ich meine du?“ Und diesmal war es Marek, der sich im Faltenziehen übte, als die Pranke des vor Freude überschäumenden Frührentners auf ihn hernieder fuhr.
„Das ist echt übel.“, presste er zwischen den Zähnen hindurch.
„Ja, feierlich war das nicht und ich wäre auch locker hopps gegangen, wenn meine liebe Frau nicht gewesen wäre – der Herr hab sie selig – die hatte das mal im Fernsehen gesehen und einen Eins A Druckverband hingelegt. Da kam sogar der Rettungshubschrauber. Da war was los sage ich dir. Hohoo!“
„Das mit Ihrer Frau tut mir leid.“
„Ich sagte doch schon, dass du Günther zu mir sagen kannst.“ Marek nickte wieder. Die beiläufige Erwähnung über den Tod der Frau hatte ihn etwas irritiert. Mit solchen Momenten konnte er noch nie gut umgehen.
„Komm Junge – ich zeig’ dir mal die schönen Ecken hier im Dorf. Zu essen kriegen wir jetzt noch nichts – der Dorfkrug macht erst um Sechse auf, aber wir kriegen die Zeit schon rum.“ Auf Mareks Uhr war es erst kurz nach Zwei, und auch wenn die Aussicht darauf den restlichen Nachmittag und wenn er Pech hatte wohl auch noch den Rest des Tages, mit Herrn Thomak – also mit Günther – zu verbringen ihm etwas Bauchschmerzen bereitete, fügte er sich in sein Schicksal und lies sich in einer großen Runde ums Dorf führen. Und was sie nicht alles sahen, und was Günther nicht alles zu erzählen wusste. Wenn es doch nur nicht immer so ausufernd und unspektakulär wäre. Die Behändigkeit, mit der Günther seine Prothese bediente und auch der lockere Ton in welchem er über den Tod seiner Frau sprach, bewegten Marek dazu ihn im Geiste den „Mann aus Stahl“ zu taufen. Am Ende des Tages hatten Sie einmal komplett das Dorf umrundet, waren auf dem örtlichen Friedhof gewesen und hatten Blumen am Grab von Günthers Frau niedergelegt, hatten fast eine Stunde vor dem Dorfkrug gewartet, bis Günther den Wirt aus dem Haus geschrien hatte, damit dieser öffnete und letztendlich doch noch einen amüsanten Abend verbracht. Die Gesprächsthemen waren einfach gehalten und meistens musste Marek sowieso nur zuhören und der Mann aus Stahl schien dankbar endlich einmal jemanden gefunden zu haben, der seine Geschichten nicht schon vor- und rückwärts aufsagen konnte.
Es war nach Zehn und der Abend sowie der Mann aus Stahl wurden langsam müde. Marek musste plötzlich wieder an seine Begegnung mit dem Jungen gestern auf der Hauptstraße denken. Nach all diesen banalen und dennoch irgendwo charmanten Erlebnissen des Tages, kam ihm diese Begegnung schon fast irreal und wie ein Trugbild seiner Erinnerungen vor. Er erzählte dem Mann aus Stahl von der Begegnung und dieser lachte nur.
„Junge du bist aber auch ‘n wenig schreckhaft, oder? Also“, setzte er an, nicht ohne vorher noch einmal einen kräftigen Schluck vom frisch Gezapften zu nehmen. „also – hier im Dorf gibt’s drei Kinder. Das Eine haste heute gesehen. Den Jungen von der Heike. Du erinnerst dich doch noch, oder?“ Blöde Frage. „Dann gibt’s noch die kleine Tochter der Ingareks und den Sohnemann der Christophers. Das Mädchen wird jetzt so sieben sein und beim Buben weiß ich’s nicht so recht. Vielleicht zwölf oder so. Aber eigentlich sollten die alle tagsüber brav in der Schule sitzen. Ach nee – gestern war ja Samstag.“ Das Bier zeigte langsam Wirkung und auch Marek konnte seine Gedanken nicht mehr in so klare Bahnen lenken, wie er es jetzt gern getan hätte. ‚Irgendwas stimmt doch da nicht’, dachte er im Stillen. ‚Der Junge, den ich gehen habe, war auf keinen Fall älter als acht – aber der von Heike konnte es nicht gewesen sein. Wer weiß – vielleicht habe ich mich auch verschätzt. Allzu wach war ich ja nun auch nicht mehr.’ Dennoch durchfuhr ihn in der engen, stilecht eingerichteten Gaststube plötzlich ein leichter Schauer. Er konnte sich nicht ganz erklären woher das kam. Für Gespenstermärchen war er schon lange zu alt, sofern er überhaupt jemals in einem solchen Alter gewesen war. Marek schaute erst in sein Glas – fast leer – dann zum Mann aus Stahl – scheinbar fast voll – und dann in die Runde. Kleine Hirschkuhgeweihe zierten die Wände neben Vereinswimpeln und einem eingerahmten Skatblatt. Na die Zeiten hatte er aber auch hinter sich. Literweise Bier kippen und lautstark die Karten auf den Tisch hauen – nee das Wort war anders – kloppen – genau. Skatkarten wurden „gekloppt“. Alles in allem eine ziemliche Dorfkaschemme. Nichts Besonderes. Die Fenster waren zu, also konnte es kein Luftzug gewesen sein, der ihn hatte schaudern lassen. Wer weiß – vielleicht war die ganze Baracke einfach nur undicht.
Marek schickte sich an zu gehen, wurde aber vom Mann aus Stahl noch zum Leeren eines weiteren Glases verdonnert. Dann musste er noch eine zünftige Männerumarmung über sich ergehen lassen und nahm erwidernd das Urteil entgegen, dass er „in Ordnung“ sei.
Der Heimweg war sichtlich kurz. Die Eltern waren noch wach und hatten auf ihn gewartet. Der Vater brauchte am nächsten Tag seine Hilfe um das Dach endlich winterfest zu machen. „Es tropft bereits auf die Zwischendecke“, meinte er. „Wenn ich nicht in zwei Wochen wieder die ganze Dämmung rausreißen will, muss da endlich was passieren.“ Aha – das war also das unrhythmische Klopfen heute Morgen. Marek brummelte noch etwas, von dem er wohl selbst nicht mehr so richtig verstand, was es sein sollte und schlurfte die Treppe hoch ins Arbeitszimmer. Das Sofabett war wieder liebevoll hergerichtet worden und lud ein zu einer weiteren Nacht in klarer Luft und sanften Klängen unberührter Natur. Der Computer blieb an diesem Tage aus. Keine einzige Notiz hatte sein Kopf zu Papier gebracht.
