Essenz – Tag 10 – Montag – 5. Teil

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Ich habe einen Plünderungsstopp erlassen. Auch wenn die Heerführer der Basken nicht gerade glücklich darüber sind und glauben, dass Rom als Erster alle Schätze an sich reißen will, liegt mir nichts ferner. Den Goldschatz, der in diesen Mauern verborgen sein soll, halte ich für einen Mythos und selbst wenn, sollen die Männer sich doch eine kleine Belohnung gönnen. Meine Gedanken gelten den letzten Worten des Bischofs und der stummen Akzeptanz seiner Gefolgschaft im Angesicht des sicheren Todes.

‚Die Rettung der Seelen ist unsere Aufgabe und jeder wird sein Opfer bringen um dies zu ermöglichen.’
Ich bin mir sicher, dass hinter diesen Worten mehr stand, als ein bloßes Glaubensbekenntnis. War es vielleicht ein Ansporn an seine Jünger, diese bemerkenswerte Akzeptanz aufrechtzuerhalten? Die Ruhe dieser Menschen war zu unnatürlich. Verbargen sie etwas? ‚Die Rettung der Seelen ist unsere Aufgabe’ Ihre Seelen waren nach ihrem Verständnis bereits gerettet, also gab es keine Aufgabe. Das Konzil hatte mir einst einen langen Text über die Albigenser vorgelegt, nach dem einer ihrer ketzerischen Grundpfeiler die Bekehrung Anderer sei. Könnte es vielleicht sein…? Nein, das ist undenkbar. Diente dieses ganze Gebaren bis zum Ende etwa der Rettung ihres Glaubens? Aber wie sollten sie…? Es musste jemand entkommen sein. Ein Mann oder eine Frau. Jemand, der in der Lage war ihre Lehren weiter zu verbreiten. Wenn das der Fall war, so wäre meine Mission hier gescheitert. Aber wie hätte dies gelingen sollen? Alle Ausgänge wurden überwacht und waren Tag und Nacht unpassierbar. Es musste in den Wirren der Schlacht geschehen sein. Es ist mir ein Rätsel wie diesem Gemetzel jemand entgehen konnte, aber ich muss Gewissheit haben. Wenn sich diese 225 Menschen ohne Klagen haben verbrennen lassen um einen Flüchtling zu schützen, so muss es sich um mehr handeln als um einen einfachen Prediger. Oder einen „Perfectus“, wie sie es nennen. Es gibt noch genug von ihnen in Italien und der Schweiz.
Ich verlasse mein Zelt und gehe zwischen den grölenden Männern hindurch zur Burg. Sie sind inzwischen trunken vom Wein und sollen ausgelassen feiern, so dass niemand mich mit Fragen behelligt. Ich durchschreite das Haupttor. Die Flügel sind aus den Angeln gerissen worden und unter ihnen quillt ein gutes Duzend stinkender Leiber hervor. Kleine Bäche roten Blutes vermischt mit Kot und Urin rinnen noch immer die Steigung zum Innenhof hinab. Ich verhülle meine Atemwege mit einem Tuch, als ich an dem schwelenden Berg verkohlter Körper vorbeigehe. Der Anblick erstarrter Frauen, die mit offenen Mündern ihre unkenntlich verbrannten Kinder noch im Tode umklammern bestärkt meine Theorie. Ich verweile nicht sondern steige die Stufen zum Zimmer des Bischofs hinauf. Natürlich finde ich viele Bücher und einige Reliquien. Das Evangelium zwischen all diesen irregeleiteten Schriften zu finden macht mich rasend und ich beginne wahllos aus dem Fenster zu werfen was ich finde. Die Sonne bringt das Rot des Abends und erleuchtet den Les Coussats in friedlicher Ferne. Kein Hinweis offenbart sich mir und kein Zeichen wird mir zuteil, dass ich ergründe das Geheimnis dieser Verschwörung. Denn dass diese besteht ist nun mein fester Glaube. Niemand, der in die Augen dieser Todgesagten geblickt hat, wird leugnen können, dass sie sich für ein höheres Ziel geopfert haben. Ich werde eine Nachricht an den Heiligen Vater senden lassen. Er soll mir das Kommando über eine von mir ausgewählte Schar von Männern geben und uns seinen Segen erteilen das Land in alle Winde zu durchstreifen. Auch werde ich um ein Dekret zur Weisungsbefugnis gegenüber den jeweiligen lokalen Inquisitoren erbitten. Die Dringlichkeit wird Innozenz IV überzeugen.

Ein sicher gesetzter Punkt beendete den letzten Satz. ‚Scheinbar sollte ich wirklich nur bis zu dieser Stelle der Geschichte schreiben.’, dachte Marek und bemerkte sogleich, dass seine Gedanken eine führende Kraft vollends zu akzeptieren schienen. Andererseits war es auch inzwischen widersinnig zu leugnen, dass er aus freien Stücken schrieb. Noch betrachtete Marek diese geheimnisvolle Quelle als unterbewusst in ihm schlummernde Inspiration, doch insgeheim zweifelte er bereits daran. Die Ursache dafür, sich dem Gedanken einer federführenden Macht weiterhin zu verwehren, lag darin begründet, dass dies mit dem Eingestehen des Nichterklärbaren einhergehen würde – und dazu war er noch lange nicht bereit. Es könnte genauso gut eine Art allergische Reaktion auf den Weihrauch sein, der ihn ohne Erinnerung schreiben ließ. Ja genau. Oder vielleicht hatte er auch einen Tumor im Kopf. Viele Schriftsteller hatten die verrücktesten Ideen, nur weil eine todbringende Geschwulst irgendwas im Gehirn zusammendrückte. Da war sie wieder seine Blase der Erklärbarkeiten.
Als Marek der Irrsinn seiner Überlegungen bewusst wurde, schüttelte er sich und atmete tief durch. Eigentlich hatte er gar keine Zeit weiter darüber nachzudenken. In der Küche hörte er die Mutter hantieren und er wollte ihr Gesellschaft leisten um dann mit zur versprochenen Andacht zu gehen. Dokument speichern. Programm schließen. Rechner herunterfahren.
Als eine halbe Stunde später zwei in Trauer vereinte Menschen die Kirche von Purzin betraten, waren Trost und Furcht ungleich verteilt. Nachdem Beide in einer der vorderen Reihen Platz genommen hatten, senkte Helene Korsak ihr Haupt und verfiel in jene Art Schweigen, dessen Durchbrechen durch kein Ereignis auf der Welt zu rechtfertigen wäre. Marek jedoch plagte das Bangen, er könne wieder anfangen etwas aufzuschreiben und seine Mutter würde dabei vielleicht glauben, ihr Sohn wäre wahnsinnig geworden. So setzte er sich auf seine Hände und versuchte wahllos sich auf jede erdenkliche Banalität zu konzentrieren, nur um Herr seines Denkens zu bleiben. Eine halbe Stunde verbrachten sie so und nichts schien zu geschehen. Helene Korsak stieß einen kleinen Seufzer aus und der Sohn legte den Arm um sie.
„Mama,“, brach er flüsternd das Schweigen. „was wirst du jetzt tun?“
Helene sammelte sich einen Moment und tupfte eine Träne aus dem Auge. „Was meinst du?“
„Ich meine mit Allem hier. Weißt du – das klingt vielleicht komisch für einen Sohn, aber ich würde mich freuen dich mehr in meiner Nähe zu haben.“
„Ich zieh’ hier nicht weg.“, kam die Antwort.
„Ich mein’ ja nur. Du hast doch noch Freunde in Düsseldorf und irgendwann muss ich auch zurück und hier…“
Ein kleiner Teil von Marek ekelte sich in diesem Moment vor sich selbst. Ihm wurde das alles hier zu unheimlich und eigentlich wollte er jetzt nur noch den Roman vollenden, den er zu schreiben schien und dann weg hier. Und die Mutter sollte mitkommen und nicht in diesem Dorf voll versteckter Kirchen und seltsamen Pfarrersbrüdern vereinsamen. Aber Marek kannte die nun folgende Antwort bereits und genau deshalb verachtete er seinen Egoismus.
„Dieses Haus in diesem Ort war auch mein Traum. Dein Vater hat es ordentlich in Schuss gebracht und es gibt hier noch eine gute Nachbarschaft. Ich bin hier angekommen und werde es auch bleiben. Außerdem könnte ich Heinz gar nicht mehr besuchen, wenn ich wieder hunderte Kilometer weit weg wohnen würde.“ Das alles sprach sie in dem gleichen ruhigen Ton, den sie seit der schrecklichen Nachricht anschlug, aber Marek spürte ihre Empörung. Statt zu antworten, nahm er ihre Hand und streichelte sie.
Noch eine Weile saßen sie so da. Schließlich verließen sie wieder das Gebäude, ohne dass etwas Ungewöhnliches geschehen war.
Zu Hause angekommen hatte jeder von beiden das unausgesprochene Bedürfnis für einen Moment allein zu sein. Helene Korsak legte sich vor dem Abendessen noch einmal hin. Marek hingegen goss sich ein Glas Leitungswasser ein – welche Köstlichkeit dies doch im Vergleich zum Großstadtwasser war – und dachte darüber nach, was seine nächsten Schritte für den Tag seien? Vor der „weißen Kirche“ hatte er momentan zu viel Angst. Zwar geschah dort mit ihm im Grunde das Gleiche wie in der Dunklen, aber die Zustände waren anders – es war zu real. Er erinnerte sich an die Schriften, die er seit Samstag mit sich herumtrug. Die könnte er doch jetzt übertragen? Nein, das war eine Arbeit für die Nacht. Er hatte noch für etwa drei Stunden Tageslicht und so schrieb er einen Zettel mit der Botschaft, er sei sich die Beine vertreten und mache sich auf in Richtung Berg. Papier und Stift waren in limitierter Form vorhanden und um Zeit zu sparen steuerte er den steilen Hang hinter der weißen Kirche an. Als er sich der Kirche nährte, war da schon wieder das Sausen in den Ohren, aber diesmal blieb Marek stehen. Das konnte inzwischen kein Zufall mehr sein. Was war es, das ihm ständig diesen Ton in die Ohren trieb? Er rieb sich die, vom vielen Wachen und Schreiben, trägen Augen und sah sich um. Er stand mitten auf dem Kirchplatz, etwa zehn Meter vom seitlichen Eingang des Gotteshauses entfernt. Kein Mensch war zu sehen, denn der allgemeine Feierabend sollte erst in einer Stunde die Bewohner zurück in ihre Häuser führen. Erinnerungen begannen sich zu sammeln.
‚Wann habe ich dieses Geräusch denn zum ersten Mal gehört?’, dachte er. ‚Richtig – auf dem Berg nach dem Blitzeinschlag. Aber da war es ja auch begründet. Dann wieder als ich am Samstag den Berg hinaufgeklettert bin. Und heute Morgen war es auch wieder da, aber nicht gestern zur Messe und auch nicht vorhin.’ Marek beschlich eine Vermutung, die er auch gleich begann zu überprüfen. Für einen Hörschaden schien das Sausen zu sehr an einen bestimmten Ort gebunden zu sein. Es musste die Kirche im Berg sein. Vielleicht sendete sie irgendeine Art Feld aus, dass ihm die Trommelfelle zum Klingen brachte. So was hatte man schon gehört. Vielleicht extrem langwelliger Infraschall oder irgendein anderer wissenschaftlicher Kram? Er ging auf direktem Weg auf den Berg zu. Er hatte die Dorfkirche passiert und das Sausen in den Ohren schwoll an und wurde zum Dröhnen. Das war der Beweis – den Berg mit den Augen fixierend ging Marek darauf zu und konzentrierte sich auf das Geräusch in seinen Ohren. Er die Rückseite der Dorfkirche erreicht und stand bereits auf dem Friedhof als das Geräusch begann abzunehmen. Verwirrt ging er langsam weiter, bis plötzlich wieder die natürlichen Hintergrundgeräusche eintraten. Das Brummen war weg. Ein Déjà-vu durchfuhr ihn und langsam dämmerte es Marek. Lieber wäre ihm allerdings gewesen, er hätte dieses Geräusch mit in die Schublade des Unerklärlichen packen können, welche ohnehin schon in dieser Bergkirche auf ihn wartete. Marek tat einen Schritt zurück und erfuhr Gewissheit. Nicht die dunkle Kirche produzierte dieses Geräusch, sondern die Weiße. Nicht etwas im Berg Verborgenes, sondern ein für alle sichtbares Gebäude war die Quelle. Ein kalter Schauer durchfuhr ihn dort wo er stand und die Zusammenhänge traten deutlich hervor. Stets kam das Geräusch, wenn er sich der weißen Kirche auf bis zehn Meter genährt hatte. Da er dies nur tat, wenn er den direkt dahinter liegenden, steilen Aufstieg zum Berg nahm, und nicht wenn er einen großen Bogen zur flacheren Seite wählte, ergab das alles einen Sinn. Neben der wahnwitzigen Frage des ‚Warum’ war nun aber noch das ‚Wann’ zu klären. Doch so sehr Marek auch darüber grübelte, er konnte weder Tageszeit noch Wetterlage in einen Zusammenhang mit dem Geräusch in seinem Kopf bringen. Er umschritt einmal das gesamte Gebäude, wohl darauf bedacht dabei wie ein andächtiger Spaziergänger zu wirken. Das Feld schien einen konstant abnehmenden Ring zu bilden und Marek war sich sicher, dass dieser sich nicht nur auf eins achtzig seiner Körperhöhe beschränkte. Nachdem er wusste worauf er sich konzentrieren musste, konnte sein Gehör die Ausdehnung sogar bis auf vierzehn Schrittlängen nachvollziehen. Ging er jedoch so nahe an eine Wand heran, dass er diese fast berührte, ließ der Ton sehr schnell nach und verstummte.
„Wie der Kern einer Feldspule“, murmelte Marek und betastete die Außenwand als hätte er Angst einen elektrischen Schlag zu bekommen. Ein paar Feldlinienbilder aus alten Physikschulbüchern huschten ihm durch den Kopf. Wenn dieses Feld tatsächlich von den Wänden der Kirche ausging, so dürfte es im Inneren nicht existieren, oder? Vielleicht war das auch Unsinn, aber andere Optionen außer Ausprobieren hatte er nicht und so zog er den Schlüssel aus der Tasche, betrat das Gebäude und tatsächlich – das Geräusch verstummte.
‚In Ordnung’, dachte er. ‚Da umgibt also etwas das das Gebäude. Kein Problem. Ich werde wohl kaum der Einzige sein, dem das aufgefallen ist. Ich habe ein physisch wahrnehmbares Phänomen, also ist es auch messbar und damit sicher begründbar.’
Marek stemmte die Hände in die Hüften und war tatsächlich zufrieden mit sich und seiner wissenschaftlichen Analyse. Die fadenscheinige Selbsterklärung gab seinem Ego ungerechtfertigter Weise sogar einen regelrechten Schub, denn er als Schriftsteller war ja eigentlich weit entfernt von den Methoden naturwissenschaftlicher Erforschung. Vielleicht war es genau diese Mischung aus Arroganz und Naivität, die ihn dazu brachte sich wieder in die Reihen zu setzen und seinen Nutzen aus der Sache zu ziehen, bevor sie gänzlich entzaubert sein würde, denn Angst müsste er nur vor dem Unerklärbaren haben – und vor wildlebenden Wölfen. Wie kam er denn jetzt auf Wölfe? Aber diesen Gedanken verschob er auf später.

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